Festtage und Gedenken

„Als die Werkstätten schwiegen, fragte meine Tochter zum ersten Mal, wessen Namen wir da lasen.“
— Miren Agirre, Werkstattmeisterin aus Indarra

Bei einem gemeinsamen Essen liest eine ältere Frau aus einem gefalteten Blatt vor; die jüngere Nachbarin neben ihr hört aufmerksam zu, während Schalen und Becher auf dem Tisch stehen.

Am Oroimenaren Eguna bleiben in Indarra die großen Werkstätten geschlossen. Im Viertel der alten Versuchshallen klappert Geschirr auf den Tischen der Auzo-Zirkel; jemand rückt einen Stuhl in den Schatten, weil die Großmutter dort besser hört. Am Abend werden die Lampen wieder angezündet. Bis dahin hat das Schweigen Platz für Berichte, die in einer Vorführung keinen Platz fänden.

Non’Gaudens Festtage gehören den fünf Jahreszeiten, den drei Kalibrierungstagen und zwei jüngeren öffentlichen Bräuchen. Ein Auzo-Zirkel feiert daneben Geburten, Aufnahmen, Partnerschaften und das Gelingen einer langen Arbeit nach eigenem Ermessen. Die Nachbarn legen zusammen, was auf den Tisch kommt, und finden auch für den kleinsten Anlass jemanden, der ein Lied kennt.

Anlass Zeit Wer ihn trägt
Fünf Jahreszeitenfeste beim örtlich festgestellten Wechsel der Jahreszeit Auzo-Zirkel und Nachbarschaften
Drei Kalibrierungstage zwischen Banaketa und Batura, außerhalb der Monate Haushalte und Auzo-Zirkel
Oroimenaren Eguna – Tag des Gedenkens 32. Probak besonders Indarra; inzwischen vielerorts begangen
Artisauen Eguna – Handwerkstag 1. Bidalketa Artisau-Kolonien, Werkstätten und Auzo-Zirkel
Gorentasunaren Eguna – Tag der Meisterschaft vierter Kalibrierungstag im Schaltjahr Menschen, die eine Verpflichtung oder einen Weg neu bestimmen

Die fünf Feste der Jahreszeiten

Die Feste folgen dem Land. Wenn mehrere Zirkel den Wechsel einer Jahreszeit erkannt haben, verabreden sie die Feier; ein Küstenort und ein Auzo an den Nordfelsen müssen dafür nicht denselben Tag wählen. Die Akademien verzeichnen die Daten, doch der Entschluss fällt dort, wo Menschen säen, ernten und miteinander leben.

Fest Was auf den Straßen und in den Häusern geschieht
Udaberri Berritzea – Frühlingserneuerung Die Höfe werden geöffnet und gereinigt. Kinder tragen Setzlinge von einem Zirkel zum nächsten; beim ersten gemeinsamen Essen des neuen Jahres fragt man, welche Arbeit liegenblieb und wer Hilfe braucht, sie wieder aufzunehmen.
Uda Ospakizuna – Sommerfeier Nachbarn holen Tische ins Freie. Wer für gewöhnlich in verschiedenen Jakintza arbeitet, begegnet sich bei Spielen, Musik und einer Mahlzeit, für die jeder etwas mitbringt. In den Enklaven ziehen manche Feiern über mehrere Straßen.
Uzta Hasiera – Ernteanfang Die ersten vollen Körbe gehen an die Gemeinschaftsküchen. Zwischen den Feldern stehen Wasser und Brot für alle, die mithelfen; die Mahlzeit beginnt oft erst, wenn die letzten Wagen zurück sind.
Udazken Esker – Herbstdankbarkeit In den Auzo-Höfen werden Vorräte verteilt und Helfende beim Namen genannt. Es gibt auch Dank für eine Pflege, ein Gespräch oder eine rechtzeitig gestellte Frage, die keinen Ertrag auf einem Feld hinterlassen hat.
Negu Barrualdea – Winterinneres Man rückt in die warmen Räume zusammen. Alte und junge Menschen erzählen, was sie aus dem vergangenen Jahreslauf behalten möchten; manche Zirkel laden gerade jene ein, die sonst an keiner großen Tafel sitzen.

Die Tage zwischen den Monaten

Nach Banaketa stehen drei Kalibrierungstage außerhalb der Monatszählung. Viele Zirkel geben ihnen die Schwerpunkte Körper, Geist und Miteinander. Daraus ist keine einheitliche Liturgie geworden. Im einen Haus beginnt der erste Tag mit einer langen Mahlzeit und der Bitte, eine erschöpfte Nachbarin schlafen zu lassen; im nächsten werden Werkzeuge geprüft, Betten repariert und Vorräte zu jemandem getragen, der sie braucht.

Am zweiten Tag nehmen sich manche Menschen eine Frage vor, die sie das Jahr über umgangen haben. Kinder dürfen die Lehrenden der Jakintza befragen; die besten Antworten sind oft die, die einen weiteren Besuch nötig machen. Der dritte Tag gehört vielerorts dem Zirkel. Ein Streit kann zur Sprache kommen, ein Gast kann aufgenommen werden, eine gemeinsame Arbeit ihren Abschluss finden. Niemand schuldet an diesem Tag eine Versöhnung. Wo ein Gespräch noch nicht möglich ist, deckt man trotzdem einen Platz.

Im Schaltjahr folgt Gorentasunaren Eguna. Lehrlinge können einen Ausbildungsgang früher beenden, Menschen alte Bindungen lösen oder eine andere Arbeit aufnehmen. Wer eine Schuld erlässt oder um Vergebung bittet, sucht das Gespräch mit den Betroffenen; der Tag nimmt niemandem die Entscheidung ab. Gerade deshalb kommen manche mit einer fertigen Erklärung und gehen mit einer neuen Frage nach Hause.

Oroimenaren Eguna: Die stillen Werkstätten

Im Jahr 623 WZ geriet ein Versuch der Jakintza Indarra außer Kontrolle und verwüstete beinahe ein Stadtviertel. Die Untersuchung dauerte zwei Jahre. Ihr Bericht gehört seither zum Unterricht; die Familien des Viertels bewahrten andere Erinnerungen: welche Türen offen standen, wer jemanden aufnahm und wer lange brauchte, bis er wieder eine Werkstatt betreten konnte.

Der Gedenktag liegt auf dem 32. Probak, am Ende des Monats der Erprobungen. Das ist ein später gewählter gemeinsamer Termin, kein überliefertes Datum des Unglücks. In Indarra werden die großen Vorführungen abgesagt. Auzo-Zirkel lesen aus den Berichten und aus den Aufzeichnungen ihrer Familien; manche lassen einen Stuhl frei für jemanden, dessen Geschichte in keiner Akte steht. Zur Schattenruhe wird es still. Wer reden möchte, findet nach dem Abendlicht offene Türen und warmes Essen.

Die Jakintza prüft an diesem Tag ihre Sicherheitsmaßnahmen und legt offen, wo es Unfälle gab. Besucher dürfen nachfragen, auch wenn manch angesehener Meister ungerne antwortet. Manche halten dies für den wichtigsten Teil des Tages. Andere gehen an den Versuchshallen vorbei und möchten nur die Namen hören. Beides hat in Indarra Platz, solange die Erinnerung nicht zur Vorführung wird.

Artisauen Eguna: Der Handwerkstag

Am 1. Bidalketa rücken die Werkbänke auf die Plätze und in die Höfe. Aus den Artisau-Kolonien kommen Glasbläserinnen und Metallschmiede mit ihren Stücken; Nachbarn bringen einen klemmenden Fensterrahmen, eine gesprungene Schale oder ein Werkzeug, dessen Griff seit Wochen locker ist. Man sieht zu, handelt einen Preis aus oder hilft mit. Lehrlinge zeigen das erste Stück, das sie ohne die Hand ihrer Meisterin fertiggestellt haben. In Uharte prüfen Schiffbauer am Kai die Nähte eines Bootes, während Kinder ein Stück Holz glätten dürfen, bis es ohne Splitter durch die Finger gleitet.

Zur Schattenruhe bleiben die Werkzeuge liegen, und die Auzo-Zirkel decken Tische zwischen den Ständen. Im Abendlicht wird weitergearbeitet, gegessen und getanzt. In Egitura schaut auch mancher Gelehrte vorbei, dessen Entwurf erst in den Händen einer Artisau-Meisterin brauchbar wurde. Sie erzählt, an welcher Stelle das Material nachgab; er hört zu, während sie den Fehler am fertigen Stück zeigt. Später wandert es mit seinem neuen Besitzer nach Hause.

Feste ohne gemeinsames Datum

Ein Kind erhält seine erste Txartela, später beginnt die Spezialisierung oder die Aufnahme in eine Jakintza. Ein Auzo-Zirkel feiert eine neue Familie, eine Partnerschaft oder das Ende einer schweren Pflegezeit. Solche Tage richten sich nach den Menschen, um die es geht. Nicht jeder Zirkel macht aus einer bestandenen Prüfung ein großes Mahl; fast jeder weiß, wem er am Abend einen Platz freihalten muss.