Spiritualität
„Du fragst, wo wir beten. Überall, wo wir stehen. Du fragst, wann. Immer, wenn wir etwas nehmen. Ihr im Süden habt Häuser für eure Götter gebaut, damit ihr wisst, wo ihr sie lassen könnt, wenn ihr hinausgeht. Wir haben keine solchen Häuser.“
— Iŋgá Suovva-nieida, Älteste des Meahcci-sidd, zu einem Aus’Harringer Händler
Wer aus dem Süden in ein Lithi-Lager kommt und nach Religion fragt, findet keinen Tempel und keine Priesterschaft. Die Antwort liegt im Lager selbst: in dem, was man nimmt, was man zurücklässt und woran man sich gemeinsam erinnert.
Was man im Lager sieht
Beim Aufbruch geht jemand zu dem verwitterten Stein am Rand des Lagerplatzes und legt etwas nieder – ein Stück Fett, eine Handvoll Beeren, ein Geweihstück. Niemand macht viel Aufhebens davon; es dauert nicht länger als das Anziehen der Schuhe. Der Stein ist ein Sieidi, und was man ihm gibt, gibt man dem Ort für die Zeit, die man auf ihm gelebt hat.
Beim Zerlegen eines erlegten Tieres bleiben bestimmte Teile liegen. Wer fragt, warum, bekommt zu hören, dass sie nicht dem Jäger gehören. Beim Sammeln von Kräutern spricht die Sammlerin die Pflanze an, bevor sie sie schneidet.
Viele tragen ein Stück Rentierhorn mit eingekerbtem Namen oder eine Schnur mit Gegenständen, die für bezeugte Erinnerungen stehen. Sie sind Schmuck und Gedächtnisanker zugleich, besonders gegen das Vergessen, das man den Vajaldahti zuschreibt.
Und wenn in der Besinnung das Lager erwacht, wird es nicht laut. Man sitzt beieinander, jemand summt halblaut vor sich hin, ein Kind bekommt seine Abstammung vorgesagt, drei Geschlechter zurück. Für die Lithi ist diese Stunde zwischen den beiden Schlafphasen die Zeit, in der die Toten am nächsten sind.
Der Noaidi im Lager
Viele größere Sidd haben einen Noaidi. Bei Krankheit, Streit oder einer Entscheidung, die niemand allein tragen will, sucht man seinen Rat. Er befiehlt nichts; seine Autorität hängt daran, ob die Gemeinschaft seiner Erfahrung vertraut.
Was ihn von allen anderen unterscheidet, hört man abends. Wenn die Trommel anfängt, hört das Lager auf zu reden. Der Noaidi reist dann – zu den Ahnen, zu den Bajasdolgi im Ring am Himmel, oder in jene mittlere Welt, in der die Geister der Berge und Seen wohnen. Was er von dort mitbringt, bestimmt am nächsten Morgen mit, wohin die Herde zieht.
Wenn jemand stirbt
Der Tod gilt als Übergang, nicht als Ende, und wird gerade deshalb ernst genommen. Tagelang wird der Tote besungen. Sein Joik ist kein Lied über ihn, sondern er selbst in Klang übersetzt. Der Name bleibt eine Zeitlang unausgesprochen, damit er auf seinem Weg nicht aufgehalten wird. Später kommt die Familie noch einmal zusammen und stellt fest, dass er angekommen ist.
Was ein Fremder nicht zu sehen bekommt
Vieles bleibt verschlossen. Die eigentlichen Rituale der Noaidi finden abseits statt. Der Geistername, den ein Lithi bei seiner Prüfung empfängt, wird nur dem Schamanen und den nächsten Angehörigen mitgeteilt – wer den wahren Namen eines Menschen kennt, hat Macht über ihn. Die heiligsten Orte betreten selbst die meisten Lithi in ihrem Leben nie.
Fremde Gottheiten nehmen die Lithi nicht an. Werkzeuge, Stoffe und Handelsgüter aus dem Süden schon; Gebete nicht. Ein Aus’Harringer Priester, der im Norden Anhänger sucht, wird höflich behandelt und kehrt ohne einen einzigen zurück.
Die Ordnung hinter alledem – die drei Welten Dalvebak, Saivobak und Barkuz, das Weben des Mailmmuur, die Bajasdolgi und die Vajaldahti, die Kunst der Noaidi und der Beseelten – ist ausführlich in den Inneren Wegen beschrieben.