Das Zweite Wachstum der östlichen Urwälder

„Er hat sich an einem Dorn geritzt, mehr nicht. Ich hielt ihn fest, seine Mutter führte das Eisen. Er schrie, bis er heiser war. Heute hat er zwei ganze Hände. Frag mich nicht noch einmal, ob es hart war.“
— Eine Händlerin von einem Tauschplatz an der östlichen Waldkante, aufgezeichnet 840 WZ


Überblick

Kategorie Information
Art Naturphänomen / Zone veränderter Wundheilung
Region Östliches Binnenland von Cel Atiz, im geschlossenen Tropenwald jenseits der letzten Tauschplätze
Örtliche Bezeichnung Keine. Die Randsiedlungen sagen „das Zweite Wachstum“; die Waldgruppen, die darin leben, geben auf die Frage keinen Namen
Kulturkreis Keiner. Es ist nichts gebaut, nichts errichtet, nichts hinterlassen
Alter Unbekannt; älter als jede Erinnerung der Tauschplätze
Zugänglichkeit Frei begehbar. Darin liegt die Schwierigkeit
Gefahrenstufe Gering für Unverletzte · Hoch ab jeder offenen Wunde · Verstümmelungsgefahr bei verspäteter Behandlung
Bekanntheitsgrad An der östlichen Waldkante allgemein bekannt; in Rasnal und Vetluna ein Gerücht, das man für übertrieben hält

Erscheinungsbild

Zwei Männer kauern im grünen Zwielicht des Urwalds an einer Glut, in der ein Eisen rotglühend liegt. Der ältere hält seinen entblößten Unterarm ruhig ausgestreckt, auf dem ein frischer Riss feine grüne Fäden trägt; der jüngere leuchtet ihm mit einer Öllampe und hält sein Handgelenk fest.

Man sieht nichts. Das ist die erste und wichtigste Feststellung über diesen Ort, denn gerade deshalb hat er so viele Menschen gekostet.

Der östliche Tropenwald ist überall dicht, feucht und dunkel. Das Kronendach schließt sich so vollständig, dass selbst im hellen Morgenwerk nur grünes Zwielicht bis zum Boden dringt. Darin erkennt man die eigene ausgestreckte Hand, den Gefährten fünf Schritte weiter jedoch kaum. Unter den Füßen liegt warmes, weiches Laub; ehe eine Schicht vergeht, fällt bereits die nächste. Es riecht nach nasser Rinde, Blüten und Fäulnis, und der Lärm ringsum verstummt nie.

Im Zweiten Wachstum sieht der Wald genauso aus. Die Bäume stehen weder dichter noch höher, kein Wechsel im Bewuchs verrät eine Grenze, und die Tiere verhalten sich wie überall ringsum. Wer unverletzt hindurchgeht, bemerkt währenddessen nichts und trägt danach kein Zeichen davon.

Erst eine Wunde macht die Zone sichtbar. Ein Dornenriss, ein Schnitt vom Buschmesser, eine unter dem Riemen aufgescheuerte Stelle: Außerhalb des Gebiets verschorft dergleichen binnen zweier Tage. Innerhalb der Zone blutet und schmerzt die Wunde zunächst wie jede andere. Sie entzündet sich nicht, der Verletzte fiebert nicht. Am dritten Tag stehen jedoch feine grüne Fäden im Wundgrund. Am siebten ist die Stelle trocken, fest und geschlossen; nur schließt sie keine Haut. Was dort gewachsen ist, liegt farblich zwischen Rinde und Blatt und fühlt sich an wie die Unterseite eines Astes.


Geschichte und Ursprung

Von einem Ursprung ist nichts überliefert. Das Zweite Wachstum hat keinen benannten Anfang, keine Ruine in seiner Mitte und keine Erzählung von einer Zeit, in der es anders gewesen wäre. Die Gruppen im Wald behandeln es wie Regen: als Eigenschaft des Landes, nicht als Ereignis darin.

Nur sein Vordringen hat an der Waldkante eine Geschichte. Weil die Grenze sich erst an Verletzten zeigt, lässt sie sich nicht abgehen oder markieren, sondern bloß im Nachhinein erinnern. Die Tauschplätze bewahren dieses Gedächtnis gemeinsam: Wo vor zwei Generationen ein Kratzer unbeachtet bleiben durfte, wird heute gebrannt. Nach ihren Berichten ist die Kante in dieser Zeit um zwei bis drei Tagesmärsche nach Westen gerückt, auf die Siedlungen zu. Ob sie stetig wandert oder in Schüben, weiß niemand. Solange das Wachstum fern blieb, gab es keinen Grund, darüber Aufzeichnungen zu führen.


Besondere Merkmale

  • Nur Wunden öffnen den Weg: Unverletzte Haut bleibt unverletzt. Atmen, essen, trinken, baden oder schlafen überträgt nichts. Wer ohne offene Stelle hinein- und wieder hinausgelangt, bleibt unberührt. Erfahrene Reisende tragen deshalb geschlossene, schwere Kleidung in einer Hitze, die solche Kleidung kaum duldet. Ein zerrissener Ärmel genügt, um eine ganze Gruppe anzuhalten.

  • Außerhalb wächst es weiter: Wer die Zone mit einer befallenen Wunde verlässt, nimmt das Wachstum mit. Es breitet sich langsam aus, über ein Jahr vielleicht eine Fingerbreite in der Fläche und über mehrere Jahre in die Tiefe. Es schmerzt nicht, verursacht kein Fieber und schwächt den Betroffenen zunächst nicht. Gerade deshalb verstreicht die kurze Zeit, in der sich noch etwas dagegen tun lässt.

  • Schneiden vermehrt es: Jeder Schnitt schafft neue Wundfläche, und jede Wundfläche wird zu einem neuen Ansatz. Aus einer handtellergroßen Stelle ist nach dreimaligem Ausschneiden schon ein ganzer Unterarm geworden. Nur das frühe, vollständige Abtragen eines befallenen Körperteils kann helfen; es birgt alle Gefahren, die eine solche Trennung mit sich bringt.

  • Feuer hilft nur sofort: Wird eine frische Wunde innerhalb der ersten Stunde bis in den Grund ausgebrannt, bleibt eine gewöhnliche Brandnarbe zurück. Nach einem Tag ist die Wirkung unzuverlässig, nach einer Woche bleibt sie aus. Reisegruppen von der Waldkante führen deshalb stets Glut und Eisen mit sich. In ihren Lagern ordnet sich alles um dieses Gerät.


Gegenwärtiger Zustand

An den östlichen Tauschplätzen ist das Brennen ein eingeübter Handgriff. Kinder lernen ihn früh; wer aus dem Wald kommt, wird nach offenen Stellen gefragt, ehe jemand nach seinem Namen fragt. Über die Behandlung spricht man nicht länger als nötig. Fremde aus Rasnal oder Vetluna nennen das roh, und die Leute an der Waldkante lassen sie reden.

Seit gut zwei Jahrzehnten häufen sich zwei Beobachtungen. Erstens scheint die Kante schneller vorzurücken. Drei Tauschplätze, die 820 WZ noch als sicher galten, behandeln heute jeden Kratzer mit dem Eisen. Zweitens berichten mehrere Gruppen von einem früheren Einsetzen: Die grünen Fäden hätten sich bei frisch Betroffenen schon am ersten Tag gezeigt, nicht erst am dritten. Beides ist überliefert, nicht gemessen. An der Waldkante führt niemand darüber Listen, solange die Erinnerung genügt.


Magische und übernatürliche Eigenschaften

Unter den wenigen Gelehrten, die sich mit dem Zweiten Wachstum befasst haben, ist bereits umstritten, ob überhaupt etwas Übernatürliches vorliegt. Der Vorgang wirkt gleichförmig, bleibt an eine klare Bedingung gebunden und lässt sich in der ersten Stunde aufhalten. Er folgt dem Wundgrund, nicht dem Willen. Nichts darin wählt einen Menschen aus, nichts verhandelt mit ihm.

Untersucht ist wenig. Das gewachsene Gewebe ist zäh, faserig und ohne Saft, doch es lebt: Abgetragene Stücke welken über Tage, anstatt zu verwesen. Sie tragen weder Blüte noch Samen, weder Frucht noch Wurzel. Keine bekannte Pflanze des Waldes gleicht ihnen genug, um sie einzuordnen. Was das Gewebe ist, weiß niemand. Was es tut, weiß an der Waldkante jedes Kind.


Bewohner und Kreaturen

Die Zone ist ebenso bewohnt wie der übrige Tropenwald. Tiere durchstreifen sie, und mehrere Waldgruppen leben vollständig darin, soweit das Gedächtnis der Tauschplätze zurückreicht.

Diese Gruppen brennen ihre Wunden nicht. Was sie stattdessen tun, hat von außen niemand zusammenhängend beobachten können. Berichte nennen besondere Umgangsformen um Verletzte, einen Abstand, der eingehalten wird, und eine Zuwendung, die sich nicht in Behandlung erschöpft. In mehreren Gruppen leben einzelne sehr alte Menschen, die kaum noch gehen. Man bringt ihnen alles und unterbricht sie nicht, wenn sie sprechen. Wer ihnen begegnet ist, nennt meist dieselben zwei Einzelheiten: dass ihnen wenig Haut geblieben sei und dass ihre Gruppe sie nicht als krank behandle.

Die Händler der Randsiedlungen tauschen seit Generationen mit diesen Menschen. Sie haben es aufgegeben, deren Umgang mit dem Wachstum zu beurteilen. Die Händler brennen ihre eigenen Wunden und schweigen über die der anderen; auf beiden Seiten gilt das als die richtige Ordnung.


Schätze und verborgene Ressourcen

Das Zweite Wachstum birgt nichts, das jemand heben möchte. Sein Gewebe hat sich für keine bekannte Anwendung als brauchbar erwiesen: Es lässt sich weder gerben noch färben, weder zu Fasern ausziehen noch zu einem Heilmittel verarbeiten. Jeder weitere Versuch scheitert zudem an derselben einfachen Tatsache: Man bräuchte dafür einen Menschen, dem man es nimmt.

Der Wald selbst trägt Harze, Hölzer, Fasern und Heilpflanzen, für die in Pupluna und Vetluna gute Preise gezahlt werden. Von der Waldkante aus schlägt in diesem Gebiet dennoch niemand etwas für den Handel. Fast jede solche Arbeit braucht eine Klinge, und jeder Fehlgriff öffnet dem Wachstum den Weg.


Kulturelle Deutungen

Kultur Deutung
Auwharin So gut wie unbekannt. Wo ein Bericht die Kirche erreicht, gilt das Wachstum als Krankheit und als weitere Warnung vor der Wildnis des Südens. Eine eigene Lehrmeinung gibt es nicht.
Non’Gauden Vereinzeltes, ernsthaftes Interesse ohne verlässlichen Zugang. An einem Verbot scheitert keine Untersuchung, wohl aber am Mangel an Führern für das östliche Binnenland. Was über Vetluna nach Ezagutza gelangt, sind Händlerberichte aus dritter Hand. In den Registern wird der Vorgang als Hauterkrankung unbekannter Ursache geführt, ergänzt um die Randbemerkung, Hauterkrankungen bildeten keine Fasern.
Lithi So gut wie unbekannt. Wer davon erzählen hört, deutet es als Krankheitsgeist des Südens und wundert sich wenig darüber, dass warme Länder ihre eigenen Plagen tragen.
Cel Atiz In Rasnal und an der Küste gilt das Zweite Wachstum als Übertreibung der Waldkante; wer darauf besteht, gilt als jemand, der gern schaudert. An den Tauschplätzen wird nur darüber gesprochen, wenn eine Wunde es verlangt. Einzelne Fufluna aus dem Luruna-Seengebiet, die weit genug nach Osten gelangten, haben die Berichte bestätigt und schweigen seither ebenfalls. Von den Waldgruppen selbst ist keine Deutung überliefert.

Lokale Legenden und Überlieferungen

  • An den Tauschplätzen sagt man, der Wald nehme nichts, was man ihm nicht gezeigt habe. Gemeint ist das Blut der Verwundeten.
  • Es heißt, man erkenne jemanden, der zu spät gebrannt habe, daran, dass er im Regen nicht mehr fröstle. Bewiesen hat das niemand; geprüft wird es trotzdem, sooft jemand aus dem Osten zurückkehrt.
  • Unter den Händlern kursiert die Geschichte eines Mannes, der die Behandlung verweigerte und bei den Waldgruppen blieb, um zu sehen, wie es ausgehe. Die Geschichte hat kein Ende. Wer sie erzählt, sagt, das sei gerade der Punkt.

„Es tut nicht weh, es macht nicht krank, und es hört nicht auf. Von den dreien ist das Letzte das Schlimme, und bis man es begreift, ist es meist einen Finger weiter.“
— Eine Fufluna aus dem Luruna-Seengebiet, nach ihrer Rückkehr aus dem Osten