Traumzirkel

„In unseren gemeinsamen Träumen finden wir nicht nur einander, sondern auch jene zeitlosen Wahrheiten, die im Lärm des Alltags verloren gehen. Wenn viele Geister sich in der Traumtiefe begegnen, entsteht eine Resonanz, deren Echos die Wirklichkeit selbst berühren können.“ — Velchi Harmoniesucherin, Velatari aus Rasnal

Wer als Fremder nach Cel Atiz kommt und die vielbesprochenen Traumzirkel sucht, sucht meist ein Gebäude. Es gibt Räume mit gekrümmten Wänden, in denen ein Wort anders klingt als draußen. Ein Velani kann jedoch ebenso gut ein Kreisplatz unter alten Bäumen, ein Innenhof oder ein Stück beschatteter Boden sein. Man erkennt ihn daran, wer sich dort zur Schattenruhe niederlegt.

Was zur Schattenruhe geschieht

Wenn Barkuz das Licht filtert und das silbrige Halbdunkel über die Gärten fällt, ruhen Märkte, Werkstätten und Felder wie überall auf Weraldiz. In Cel Atiz folgt darauf die gemeinsame Traumarbeit.

Sieben bis zwölf Menschen kommen einzeln an und reden wenig. Sie waschen sich die Hände mit aromatisiertem Wasser, dann legen sie sich mit den Füßen nach innen in einen Kreis. Zwischen ihnen bleibt gerade genug Raum, dass niemand den anderen berührt.

An den Wänden hängen, wo es Wände gibt, die Taruzar – die Traumkarten des Zirkels, über Jahre Schicht für Schicht gewachsen. Ein Berg hier, ein Ufer dort. Eine kristallene Brücke über einer Schlucht. Ein Garten mit Bäumen, deren Blätter in Farben leuchten, die es im Wachen nicht gibt. Ein Fremder sieht eine Landschaft, die es nicht gibt. Ein Mitglied sieht, wo es heute hingeht.

Der Velatari führt in die Reise: mit Stimme, Trommel oder Stille. Es gibt keine vorgeschriebenen Worte; jeder findet einen eigenen Einstieg. Die Atemzüge gleichen sich an, ohne dass jemand es anordnet.

Was in den sechs Stunden danach geschieht, bleibt bei denen, die dabei waren. Von außen sieht man schlafende Menschen mit flachen, gleichmäßigen Atemzügen; manchmal hebt jemand eine Hand, als griffe er nach etwas.

Danach: das Erzählen

Drei Mitglieder eines Traumzirkels vergleichen zwei gemalte Waldlandschaften auf dem Tisch; die Bilder ähneln einander, doch ihre Wege und Lichtflächen stimmen nicht vollständig überein.

Wenn das Licht zurückkehrt, wird Tee gereicht, und zunächst spricht niemand. Dann zeichnen oder schreiben die ersten: Landschaften, Wortfetzen, Einsichten ohne fertige Form. Der Archivar bewahrt diese Spuren; ohne ihn hätte ein Velani kein Gedächtnis.

Erst danach wird geredet, oft bis in das Abendwerk hinein. Übereinstimmungen werden festgehalten, Abweichungen ebenso. Eine junge Frau berichtet von einem Wald aus Glas; ein alter Mann hat ihn von einem Hügel aus gesehen.

Was dabei mit größter Sorgfalt getrennt wird, ist die Frage, was alle gesehen haben und was einer hineingelegt hat. Ein Zirkel, der diese Frage nicht mehr stellt, gilt als verwahrlost, so schön seine Karten auch sein mögen.

Die Besinnung

Die zweite Traumzeit ist die stillere. Wenn das Lager, das Haus, die Kommune zwischen den beiden Schlafphasen noch einmal erwacht, sitzt man in kleinerer Runde beieinander, meist die Familie, manchmal zwei Nachbarn. Was in der ersten Nachthälfte geträumt wurde, ist dann noch frisch, und was einer erzählt, klingt oft bei einem anderen an.

So beginnen viele Zirkel: Zwei Menschen bemerken in derselben Besinnung, dass sie dasselbe erinnern. Danach suchen sie einen dritten.

Nicht jeder Zirkel ist gleich

In den nördlichen Wäldern, wo der Cel Atismo noch immer den Ton angibt, treffen sich die Velani im Freien, unter alten Bäumen und an Quellen, die schon die Großeltern für heilig hielten. Die Praxis ist langsamer, stiller, näher an den Rhythmen der Umgebung. Die Traumlandschaften dieser Zirkel sind wild – Waldwege, Flüsse, Tiere, die wirklich und zugleich nicht ganz wirklich erscheinen.

In Rasnal, im Schatten des Eisnar Fanu, ist alles abstrakter. Die Räume sind mit Spiegeln und Kristallprismen ausgestattet, die das Schattenlicht auf bestimmte Weise brechen, und die Landschaften dort haben Architektur: Städte aus Licht, geometrische Gärten, kristallene Bibliotheken. Die Nähe zu den Eisnar Cipen prägt die Arbeit; viele Zirkel suchen ihren Rat, und mancher bekommt ihn.

Am Luruna-See, wo Cel Atismo und Velitasmo seit Generationen ineinanderlaufen, arbeitet man mit Wasser – mit Spiegelungen, mit Strömungen, mit der besonderen Durchlässigkeit, die dieser Velci bietet. Die Wasserspiegelmalerei der Gegend stammt direkt aus dieser Praxis: Bilder, die erst vollständig werden, wenn sie sich im Wasser spiegeln.

An der Küste, besonders in Vetluna, wird geprüft, wie weit ein Gespräch im Traum reichen kann. Hier entstand der Cel Marish; seine Zirkel berichten von Begegnungen, die manche erfahrenen Velatari für zu riskant halten.

Was ein Fremder mitmachen darf

Lange war das Träumen eine rein interne Angelegenheit. Seit einigen Jahrzehnten gibt es die Velzanthi – offene Kreise, die eigens für Besucher eingerichtet werden: kürzer, sanfter, mit mehr Erklärung. Sie gelten unter Velatari als anspruchsvolle Arbeit, weil ein Fremder nichts mitbringt außer Neugier.

Wer wiederkommen möchte, kann um einen Gaststatus bitten und zeitweise an einem regulären Velani teilnehmen. Wer nur beobachtet, stört den Kreis; erwartet werden leichte Kost am Vortag, kein Rausch und innere Ruhe. Wer sich darauf einlässt, wird warm aufgenommen.

Die Reaktionen fallen verschieden aus. Non’Gaudener Gelehrte vergleichen die Erfahrung mit ihren Studien des Höheren Selbst; Aus’Harringer Reisende erinnern sich an die Alten Pfade. Manche kehren verwandelt zurück, andere verwirrt und ohne Gewissheit, was sie erlebt haben.

Was ein Fremder nicht zu sehen bekommt

Die tieferen Sitzungen der Cel Marish finden hinter verschlossenen Türen statt, und ein Gast wird höflich davon ferngehalten. Was ein Zirkel in seinem Archiv sammelt, zeigt er niemandem, der nicht selbst darin vorkommt. Und wenn ein Velatari sagt, heute sei kein guter Tag, dann ist heute kein guter Tag, und niemand erklärt, warum.

Auffällig ist etwas anderes. In den letzten Jahren berichten Zirkel, die nichts voneinander wissen, von denselben Bildern – denselben Landschaften, denselben Gestalten. Wer danach fragt, bekommt keine Antwort, sondern eine Gegenfrage: ob man es selbst gesehen habe.


Die Hintergründe zu Velathru, Rollen der Velani und den drei Wegen beschreibt Traumhafte Weisheit. Im Zirkel selbst beginnt man mit dem Hinlegen.