Der Himmel
„Wenn Dagaz und Kaldaz sich im Tanz vereinen, leuchtet der Himmel in Gold und Blau. Aber im Winter, wenn Kaldaz allein regiert, hüllt sich das Land in Dunkelheit, und nur das Nordlicht führt uns durch die Nacht.“
— Elle Guovssu-nieida, Noaidi des Gávvil-sidd
Der Himmel über Erek Noan ist für die Lithi wandernd. Er wird gelesen wie eine Fährte: nicht, um Zahlen aus ihm zu gewinnen, sondern weil ein Wechsel von Licht, Wind oder Ring den nächsten Weg verändern kann.
Das Nordlicht
Die Nordlichter gelten als deutlichste Spur der Bajasdolgi. Farbe, Richtung und Bewegung werden gedeutet, doch kein Muster besitzt in allen Sidd dieselbe Bedeutung. Noaidi vergleichen, was sie sehen, mit Träumen, Herdenverhalten und den Nachrichten anderer Lager.
Manche Nächte bringen nur ein blasses Zittern am Horizont. Andere setzen den halben Himmel in Bewegung, und dann verlässt niemand freiwillig das Lager. In solchen Nächten reisen die Schamanen leichter, und Menschen ohne jede Gabe berichten von Träumen, die ihnen nicht gehören.
Dass die Lichter häufiger und heftiger werden, bestreiten nur wenige Älteste. Was sie bedeuten, bleibt umstritten.
Die drei Monde
Hwīlô, Marōną und Draupnaz dienen nicht als Kalender. Sie geben einer Nacht ihr Gesicht. Hwīlô schenkt Licht für einen Aufbruch, Marōną gehört den langen Gesängen. Draupnaz, dessen Bahn kein verlässliches Muster zeigt, macht eine Antwort verdächtig.
Ein Noaidi, der Draupnaz hoch am Himmel sieht, verschiebt eine wichtige Entscheidung. Nicht aus Furcht, sondern weil an solchen Nächten die Antworten unzuverlässig sind.
Barkuz über dem Norden
Barkuz steht flach über dem südlichen Horizont, ein silbernes Band von einem Ende des Landes zum anderen. Auch in der Polarnacht zieht der Schleier darüber hinweg. Sterne erlöschen hinter ihm, die Kälte nimmt zu: eine Dämmerung innerhalb der Dunkelheit.
Gelegentlich zeigt der Ring Verdickungen, Verfärbungen oder ein Glimmen, das nicht vom Licht der Sonnen stammen kann. Solche Nächte werden gemerkt und weitergegeben, denn Barkuz ist für die Lithi kein Gestein am Himmel, sondern die oberste der drei Welten, dort, wo die Aufgestiegenen und die Ahnen wohnen. Wenn er sich verändert, verändert sich etwas an ihnen.
Wetter aus dem Himmel lesen
Neben dieser großen Deutung steht eine kleine, die täglich über Leben und Tod entscheidet. Aus der Form der Wolken, aus Höfen und Lichtsäulen um die Sonnen, aus der Farbe, in die der Schnee gegen Abend kippt, lesen erfahrene Wetterdeuter kommende Stürme und Temperaturstürze – oft einen halben Tag früher, als jeder Fremde es könnte. Diese Kunst gilt nicht als schamanisch. Sie wird von Kindern gelernt, indem sie neben einem Alten stehen und zusehen, wie er den Kopf hebt und die Nase in den Wind hält.
„Die goldene Dagaz spricht mit lauter Stimme, die blaue Kaldaz flüstert Geheimnisse. Die Monde schreiben ihre Botschaften in Silber, Violett und Rot und Barkuz antwortet mit seinem ewigen Lied. Der Himmel schweigt nie – wir müssen nur lernen, richtig zuzuhören.“
— Mihkkál Ruovdi-bártni, alter Noaidi des Jávri-sidd, zum Wesen der Himmelskörper
Áiggi Guovddáš
Was südliche Gelehrte die zweite Himmelsgleiche nennen, heißt bei den Lithi Áiggi Guovddáš, Zeit des Geisterrufs. Dahinter steht kein Datum, sondern die Erfahrung, dass immer mehr Zeichen in dieselbe Richtung weisen: ungewohnte Lichter, Veränderungen im Ring und Träume, die einander nicht recht entsprechen.
Die Noaidi streiten darüber, ob die Zeit des Geisterrufs bereits begonnen hat. Manche sagen, sie beginne erst, wenn alle Himmelskörper in einer Linie stehen. Andere halten dagegen, dass ein Ruf schon dann begonnen hat, wenn man ihn hört – und gehört, sagen sie, werde er längst.
Was oben geschieht, wird unten beantwortet. Wanderrouten, Jagdzüge und Versammlungen richten sich nach dem, was die Deuter am Himmel sehen; ein Sidd, dessen Noaidi ein schlechtes Zeichen liest, bricht drei Tage früher auf. Für die Lithi ist der Himmel kein Gegenstand der Betrachtung. Er ist der Teil ihrer Welt, der zuerst weiß, was kommt.