Cel Atiz
„Wenn du Cel Atiz besuchst, wirst du dich sofort von der Schönheit und Harmonie angezogen fühlen. Doch je länger du bleibst, desto mehr wirst du spüren, dass unter dieser vollkommenen Oberfläche etwas Undefinierbares liegt – nicht bedrohlich, aber anders als alles, was du kennst. Als ich abreiste, war es, als würde ich aus einer sanften Umarmung entlassen, die ich erst bemerkte, als sie nicht mehr da war.“ — Aus den Aufzeichnungen eines auwharinischen Händlers
Das Land der geteilten Träume
Südlich von Non’Gauden, wo die Wälder in Hügel und weite Ebenen übergehen, liegt Cel Atiz. Tiur Apana schließt das Land im Norden ab, nach Westen, Süden und Osten liegt das Südmeer. Die Luft ist warm, der Boden reich; ungefähr sechshunderttausend Menschen leben hier ohne König, ohne Rat und ohne ein geschriebenes Gesetz.
(Ausführlich: Geographie.)
Fremde suchen darin gern ein Wunder oder eine Täuschung. Die Cel Hushi suchen beides nicht. Ihr Zusammenleben ruht auf einer Erfahrung, die fast alle regelmäßig teilen: Im Traumzirkel bleibt kein Bild ganz bei dem, der es zuerst sah.
Was zur Schattenruhe geschieht
Wenn Barkuz seinen Schatten über das Land zieht, ruht auf ganz Weraldiz die Arbeit. In Cel Atiz beginnt dann das, wonach sich der ganze übrige Tag richtet.
Man legt sich nieder, aber selten allein: in Kreisen, Füße nach innen, in Gärten, unter Lauben oder in Räumen mit gekrümmten Wänden. Den Zustand, in den sie gemeinsam treten, nennen sie Velathru, das Durchdringen. Nach der Ruhe wird Tee gereicht; dann vergleichen sie Bilder, ohne sie zu rasch für wahr zu nehmen. Wer sah die Brücke, wer den Turm, wer nur den Schatten am anderen Ufer?
Ein Volk, das seit Generationen gemeinsame Landschaften betritt, streitet und handelt anders. Ein Vertrag mit einem Cel Hushi trägt für Fremde ein Datum; als Versprechen gilt er vielen erst, wenn die Beteiligten die Abmachung auch im Traum wiederfinden.
(Ausführlich: Traumzirkel und Innere Wege → Traumhafte Weisheit.)
Wie das Land geordnet ist
Drei Städte prägen Cel Atiz. Rasnal liegt im Landesinneren: eine gewachsene Landschaft aus Kommunen mit ungefähr hundertfünfzigtausend Bewohnern, in deren Mitte der Eisnar Fanu steht. Vetluna an der Südwestküste ist Hafen und erster Anlaufpunkt für Fremde. Östlich davon liegt Pupluna, das Zentrum vieler Künste. Am Luruna-See leben, über zahlreiche Siedlungen verteilt, mehr Menschen als in jeder Küstenstadt.
Keine dieser Städte wird zentral regiert. Im Resonanzkreis wird kein Recht gesprochen, sondern nach einer Lösung gesucht, die beide Seiten tragen können. Wer sich einer Gemeinschaft dauerhaft entzieht, erfährt ihre Distanz. Güter zirkulieren im Kreislauf der Gaben; Ansehen wächst aus Freigebigkeit, zuverlässiger Arbeit und dem, was jemand hervorbringt. (Ausführlich: Gesellschaft.)
Über einzelne Kommunen hinaus reichen die Eisnar Cipen. Die verhüllten Gestalten im Eisnar Fanu sprechen mit einer Stimme und tragen nach außen keine einzelnen Namen. Sie geben keine Anweisungen, sondern Bilder, die andere deuten müssen. Seit einigen Jahren werden sie häufiger um Rat gebeten. (Ausführlich: Eisnar Fanu.)
Was das Land hervorbringt
Öffentliche Plätze sind Markt, Bühne und Gespräch zugleich. Dichter tragen vor, Maler halten Bilder fest, Musiker greifen einen Klang auf, den jemand aus der Schattenruhe mitgebracht hat. Auf Schiffen verlassen Traumsteine aus den nördlichen Bergen, Gewürzmischungen, Klangholz, Klangseide und lichtwechselnde Pigmente das Land. Cel Atiz führt wenig aus, das unentbehrlich ist, und vieles, das andernorts begehrt wird.
(Ausführlich: Handwerk.)
Drei Wege, ein Grund
Der älteste Weg ist der Cel Atismo, die orts- und familiengebundene Verehrung Cel Atis, ohne Schrift und Priesterschaft. Nach der Freilegung des Eisnar Fanu entstand der Velitasmo: Er macht gemeinsames Träumen auch fern der heiligen Orte lernbar. Der jüngere Cel Marish fragt, ob sich im Traum nicht nur sehen, sondern auch sprechen lässt.
Keiner der drei verdrängt die anderen. In vielen Familien werden zwei davon praktiziert, in manchen alle drei. Wann sie entstanden sind und wie kurz das alles her ist, steht in der Chronik von Cel Atiz – kein anderes Volk Alweidars führt seine gegenwärtige Ordnung auf ein so junges Ereignis zurück. (Ausführlich: Innere Wege → Traumhafte Weisheit.)
Was ein Fremder nicht bekommt
Die Gastfreundschaft ist echt, ihre Grenzen ebenso. Wer in Vetluna anlandet, erhält einen Wegbegleiter. Reisen ins Landesinnere brauchen eine Einladung; im Eisnar Fanu bleibt Fremden meist der äußere Ring. Für Gäste bestehen offene Zirkel: kürzer, behutsamer und ausdrücklich nur ein erster Einblick.
Man begründet diese Vorsicht mit Verantwortung für den Kreis, nicht mit Misstrauen.
„Ein Land, das keine Gesetze zu brauchen scheint und dennoch in solcher Harmonie lebt, muss entweder ein utopisches Wunder oder eine perfekte Illusion sein.“ — Beobachtung eines Non’Gaudener Forschers
Die nahende Himmelsgleiche
In Auwharin fürchtet man sie, in Non’Gauden berechnet man sie, bei den Lithi liest man sie im Himmel. In Cel Atiz träumt man sie.
Seit Jahren berichten Zirkel, die nichts voneinander wissen, von ähnlichen Bildern. Zur Schattenruhe zeigen sich über der Kuppel des Eisnar Fanu Lichtmuster; über dem Luruna-See stehen Nordlichter. Furcht ist selten zu sehen, eher eine Erwartung, die Fremde beunruhigt. Was lange getrennt war, findet wieder zusammen, sagen viele. Eine Erklärung geben sie nicht.
Für Reisende
In Cel Atiz fällt eine Gruppe Fremder weniger durch Waffen auf als durch Unruhe. Wer hier etwas erreichen will, braucht selten Empfehlungsschreiben, oft aber jemanden, der für ihn eintritt und mit ihm träumt.
Vetluna bietet Handel und begrenzten Zugang. In Pupluna arbeiten Meister, deren Werke andernorts ein Vermögen kosten. Am Luruna-See bewahren Familien ihre Ahnenorte. In den violetten Tiefenschlünden suchen manche Zirkel stärkere Übergänge. Und im Herzen des Landes steht ein Bauwerk, dessen innere Wege nicht jedem offenstehen.
Wer weiter geht als bis zu den Wegen, die Händler und Pilger kennen, findet ein anderes Land: Tropenwald, Ebene und Gebirge, bewohnt von Völkern, die ebenfalls Cel Hushi sind und die in einer gänzlich anderen Welt leben als die Stadtbewohner. (Ausführlich: Jenseits der Wege.)
„In Auwharin erlebt man die Tradition, in Non’Gauden den Intellekt, in den Lithi-Territorien die rohe Natur – aber in Cel Atiz erlebt man die Seele selbst, in all ihrer schimmernden, rätselhaften Schönheit.“ — Reisender Liedermacher