Die auffällige Leere von Weraldiz

„Die wahre Geschichte eines Landes liest man nicht nur in den Chroniken seiner Städte, sondern auch in den leeren Räumen seiner Karten. Dort, wo niemand lebt, findet sich oft die tiefste Wahrheit.“
— Aus den privaten Aufzeichnungen eines unbekannten Chronisten des Ordens der Lampe

Wer Alweidar auf einer Karte betrachtet, sieht Städte, Stammeslande, Jakintza-Enklaven und die Namen großer Wege. Dazwischen aber liegen Strecken, für die es kaum verlässliche Berichte gibt: Tundra und Gebirge, Salzebenen, Wälder, Küsten und die Weiten jenseits des Kargas-Gebirges. Selbst dort, wo Menschen leben, sind ihre Spuren oft klein und beweglich. Ein Sidd zieht mit den Herden weiter; ein Hof liegt einen Tagesmarsch vom nächsten entfernt; eine Küstensiedlung ist nur über wenige Monate erreichbar.

Diese Leere ist weder bloß ein Mangel an Menschen noch der Beweis eines einzigen verborgenen Plans. Sie ist das sichtbare Ergebnis einer Geschichte, deren entscheidende Wunde aus dem Gedächtnis selbst gelöst wurde. Wer verstehen will, weshalb die bekannten Länder so weit auseinanderliegen, muss daher unterscheiden: zwischen dem Land, das schwer zu bewohnen ist; dem Land, das niemand sicher kennt; und dem Land, an das sich niemand mehr mit Gewissheit heranwagt.

Was Karten verschweigen

Eine kontinentweite Rechnung über die Bevölkerung von Weraldiz lässt sich aus den erhaltenen Quellen nicht gewinnen. Zu verschieden sind die Maßstäbe der Regionen. Bei den Lithi folgt das Leben den Herden statt dauerhaften Orten. In Auwharin stehen Stammeslande, Höfe und Städte nebeneinander. In Non’Gauden liegen die bekannten Enklaven in weiten, nur teilweise erkundeten Gebieten. Und über Thalaven’dahr gibt es selbst unter erfahrenen Reisenden mehr widersprüchliche Berichte als gesichertes Wissen.

Darum ist die Leere der Karte nicht überall dieselbe. Im Norden folgt sie der Tundra und dem Zug der Rentiere. An der Inneren See und in den Gebirgen folgt sie den wenigen sicheren Übergängen. Im Süden beginnt sie dort, wo Wege, Vorräte und Nachrichten nicht mehr verlässlich weiterreichen. Ein weißer Fleck kann unbewohnt sein. Er kann aber ebenso ein Gebiet meinen, das nur zu einer bestimmten Jahreszeit begangen wird, dessen Bewohner keine fremde Karte führen oder dessen Rückkehrer einander widersprechen.

Die Wunde nach dem Aufstieg

Der Aufstieg hat diese Verhältnisse nicht geschaffen, doch er hat sie tief verändert. Mit den nicht-menschlichen magischen Wesen verschwanden Beziehungen, Kenntnisse und Schutzformen, an die ganze Gemeinschaften gewöhnt gewesen waren. Manche hatten von Weisheitshütern gelernt, andere an bestimmte Landschaften oder Wesen ihre Versorgung gebunden. Nach der Verbannung blieben Orte, Bräuche und Anlagen zurück, deren Zusammenhang niemand mehr begriff.

Im Norden traf der Bruch am härtesten. Die Valvar waren nicht nur gefürchtete oder verehrte Herren; sie hielten ein Geflecht aus Jagd, Pflicht und Ordnung zusammen. Als sie fielen, zerbrachen Familien und Sippen in einer Weise, die der spätere Schleier nicht heilen, sondern nur überdecken konnte. Die Lithi leben nicht in einer dünn besiedelten Wildnis, weil sie eine fremde Leere hinnähmen. Ihr Land wird von Wegen, Erinnerungsorten und Verpflichtungen durchzogen, die Außenstehende kaum sehen. Doch der Verlust unter diesen Wegen wirkt fort.

Auch außerhalb Erek Noans nahm der Schleier den Dingen ihren Anlass. Er tilgte keine Landschaften und setzte keine neuen Grenzen. Aber er ließ die Frage verstummen, warum eine Ruine gemieden, ein Tal nur mit Vorsicht betreten oder eine alte Übung bewahrt wurde. Aus solcher Ungewissheit wachsen keine einfachen Verbote. Sie wächst in das Handeln von Familien, Orden und Reisenden ein, bis Vorsicht wie Überlieferung aussieht und Überlieferung wie Naturgesetz.

Nicht jede Weite ist verlassen

Die natürlichen Grenzen Alweidars erklären einen Teil dessen, was der Aufstieg offenließ. Das Duottar-Gebirge trennt die Lithi-Territorien von Auwharin, die Innere See erschwert jede Verbindung zwischen West und Ost, und die Salzebenen, Wüsten und tiefen Wälder Non’Gaudens setzen Reisen eigene Grenzen. Viel Land trägt Menschen nur dann, wenn sie sich seinem Rhythmus fügen. Die Karte belohnt feste Straßen und Mauern; sie erfasst Wanderwege, saisonale Lager und örtliches Wissen schlecht.

Hinzu kommen Orte, an denen die Wirklichkeit selbst unzuverlässig geworden ist. Tiefenschlünde, alte Ritualstätten und andere dünne Stellen der Barriere ziehen Forschende, Suchende und Machtgierige an, aber sie machen keine verlässlichen Mittelpunkte für neues Leben. Nicht jede solche Gegend ist unbewohnbar. Manche werden bewacht, manche nur gemieden, manche sind erst durch einen einzelnen Bericht zu Orten der Furcht geworden. Gerade diese Unterschiede gehen verloren, wenn man alle weißen Stellen auf einer Karte zu einer einzigen Zone des Unheils zusammenzieht.

Eine Leere, die sich verändert

Mit der nahenden zweiten Himmelsgleiche wird die Gewissheit über diese Räume schwächer. Träume werden drängender, alte Stätten unruhiger, und Berichte aus weit entfernten Gegenden passen immer seltener sauber zueinander. Das bedeutet nicht, dass der Kontinent plötzlich leerer oder voller würde. Es bedeutet, dass Wege, die lange als sicher galten, erneut zur Frage werden können.

Für jene, die nach Ursachen suchen, bleibt das unbefriedigend. Es gibt keinen einzelnen Verlust, der die Leere Alweidars erklärt, und keine Macht, die sie vollständig geplant hätte. Land, Geschichte und Vergessen halten sie gemeinsam hervor. Die Karten zeigen das Ergebnis. Was zwischen ihren Linien fehlt, ist nicht notwendig nichts. Oft ist es die Stelle, an der eine Welt noch immer nicht weiß, was ihr genommen wurde.