Landschaft & Klima

Die vielen Gesichter des Nordens

Nördlich des Duottar-Gebirges liegen Nadelwälder, Tundren, Fjordküsten und Gletscherfelder dicht beieinander. Tiefe Fjorde begrenzen das Land im Westen, vereiste Küsten im Norden; im Osten verliert sich die Grenze in Wildnis, die auf keiner südlichen Karte verzeichnet ist. Das Gebirge hält viele Einflüsse fern, doch Handel, Wanderungen und Wetter haben das Land nie stillstehen lassen.

Diese Region gehört zu den am dünnsten besiedelten Gebieten Weraldiz’.

Südliche Nadelwälder

Entlang der nördlichen Ausläufer des Duottar erstrecken sich dichte Kiefern- und Fichtenwälder, die Schutz vor den eisigen Nordwinden bieten. Hier jagen die südlichen Lithi-Sidd Elche, Wildschweine und Pelztiere, während sie Holz, Rinde und Harz für den Winter sammeln. In diesen Wäldern finden sich die meisten halbnomadischen Gemeinschaften, die zumindest während der kalten Monate feste Siedlungen beziehen. Die Waldgebiete dienen zudem als natürliche Pufferzone zwischen den Lithi und den nördlichen Stämmen Auwharins.

Tundra

Die Tundra ist das Herzland vieler Sidd. Im Winter liegt sie unter meterhohem Schnee, im kurzen Sommer unter Blüten, Gräsern und niedrigen Büschen. Hügel, Seen und Flüsse geben den Weiden Gestalt. Hier liegen die Sommerlager der meisten Rentier-Sidd.

Zentrales Waldgebiet

Zwei Reisende heben ein Bündel vom schlammigen Ufer in ein Birkenrindenkanu; überflutete Wurzeln und dicht stehende Bäume lassen nur einen schmalen Wasserweg frei.

Im Zentrum Erek Noans erstreckt sich ein schier endloses Waldgebiet bis in den Hohen Norden. Unzählige Seen durchziehen die Wälder, die im Sommer zu einem nahezu unpassierbaren Terrain aus tiefem Schlamm werden. Die Sommermonate verwandeln die Wälder in eine lebensfeindliche Landschaft – kein Ort für Lager oder längere Aufenthalte, wenn der Boden unter jedem Schritt nachgibt und die Insektenschwärme jeden Versuch des Verweilens zunichtemachen. Erst der Winter friert Boden und Seen zu festen Pfaden. An den südlichen Grenzen des Waldes errichten verschiedene Sidd ihre Winterlager, doch tiefer hinein wagt sich kaum jemand.

Der Tiefe Wald bleibt selbst den Lithi fremd. Viele Sidd meiden ihn; Noaidi suchen ihn bisweilen für Visionsreisen auf. Was dort aus der Zeit vor der ersten Himmelsgleiche stammen könnte, bleibt Gegenstand von Erzählungen.

Östliche Fjordküste

Steile Klippen und geschützte Buchten prägen die zerklüftete Ostküste, wo das Meer selbst im Winter seine mäßigende Wärme spendet. Reicher Fischfang und die Jagd auf Robben, Walrosse und andere Meeressäuger locken spezialisierte Lithi-Familien, die den Großteil des Jahres an diesen Küsten verbringen. Die Fjorde dienen zudem als wichtige Treffpunkte für den Austausch zwischen verschiedenen Sidd und ergänzen die primär auf Rentierzucht basierende Wirtschaft der Inlands-Gemeinschaften.

Eisige Berge und Gletscher

Im hohen Norden erheben sich eisbedeckte Berge und ausgedehnte Gletscherfelder, wo permanenter Schnee, extreme Temperaturen und heftige Stürme herrschen. Diese Region gilt als heilig – selten von Menschen besucht, außer von Noaidi, die hier Visionssuchen durchführen oder mit den mächtigsten Naturgeistern kommunizieren. In den Legenden der Lithi heißt es, dass hier einst die größten der Bajasdolgi lebten, bevor sie nach Barkuz aufstiegen.

Klimatische Extreme

Das Klima der Lithi-Territorien lebt von extremen jahreszeitlichen Schwankungen. Während der mehrmonatigen Polarnacht wird die Kälte so scharf, dass der Atem als Eisstaub zu Boden rieselt und ein Baum in der Nacht mit einem Knall zerreißt wie ein zu straff gespanntes Seil. Wer sich in solchen Nächten das Gesicht nicht bedeckt, verliert innerhalb weniger Atemzüge das Gefühl darin. Schneestürme können tagelang anhalten und Wehen auftürmen, die ein Lavvu vollständig begraben.

Der kurze Sommer bringt die Mitternachtssonne und mehrere Wochen ohne wirkliche Dunkelheit. Die Vegetation bricht in wenigen Tagen hervor, das Wasser steht warm genug zum Waschen in den flachen Seen, und mit der Wärme kommen die Mückenschwärme, die das Land in eine einzige summende Wolke hüllen. Es ist die Zeit der größten Anstrengung: Vorräte werden angelegt, die Sommerweiden erreicht, die großen Zusammenkünfte abgehalten.

Besonders herausfordernd sind die Übergangsphasen. Die Frühjahrstauperiode bringt Überschwemmungen, unsichere Eisflächen und Lawinengefahr, während die Herbststürme mit heftigen Winden, plötzlichen Temperaturstürzen und ersten Schneefällen die Sidd zur besonderen Vorsicht mahnen. Diese Zeiten erfordern generationsübergreifendes Wissen und feine Wetterbeobachtung.

Der Tag unter dem Ring

Wie überall auf Weraldiz zieht auch hier der Schleier von Barkuz einmal täglich über den Himmel und zwingt Mensch und Tier in die Schattenruhe. Doch im hohen Norden trifft dieser Rhythmus auf einen zweiten, der ihm zuwiderläuft.

Im Sommer, wenn die Sonnen nicht untergehen, ist die Schattenruhe die einzige verlässliche Dämmerung des Tages. Lager und Herden kommen zur Ruhe. In der Polarnacht zeichnet sich der Schleier anders ab: Sterne erlöschen hinter ihm, die Kälte nimmt zu, und die Ruhe zieht durch Mensch und Tier. Der Rhythmus bleibt, auch wenn kein Sonnenlicht ihn sichtbar macht.

Im Sommer richtet man sich nach dem Ring; im Winter nach dem Körper und nach den Rentieren, die die Ruhe früher zeigen als der Mensch.

Wandel des Landes

In den letzten Jahrzehnten beobachten viele Lithi zurückweichende Gletscher, verschobene Wanderrouten der Rentiere, häufigere Wetterextreme und Pflanzen oder Tiere in Gebieten, in denen sie früher nicht vorkamen.

„Die Erde unter unseren Füßen flüstert. Die Gletscher weinen Tränen, wo früher Schweigen herrschte. Die Rentiere ändern ihre Pfade, als wüssten sie etwas, das wir erst noch lernen müssen.“
— Áile Luossa-nieida, Älteste des Jávri-sidd