Die Verbannten
„Im nebeligen Zwielicht der Tradition, zwischen den Spalten unserer ordentlichen Chroniken, verbirgt sich ein tieferes Wissen über die Wesenheiten, die einst unter uns wandelten. Ihre Namen wurden ausgelöscht; doch ihr Erbe bleibt, jenseits des Schleiers, der uns von Barkuz trennt.“
— Aus den versiegelten Aufzeichnungen des Egiaren Zirkulua
Die große Verbannung
Die Verbannten waren kein Volk und keine einheitliche Macht. Der Name fasst jene nicht-menschlichen magischen Wesen zusammen, die das Ritual der ersten Himmelsgleiche von Weraldiz nach Barkuz riss. Zwischen ihnen bestanden schon zuvor Bündnisse, Feindschaften und Formen des Zusammenlebens, die keine einfache Ordnung kannten. Ihre Herkunft erklärt weder ihre Haltung zum Aufstieg noch ihre heutige Loyalität.
Auch die Verbannung blieb unvollständig. Einige Wesen entzogen sich dem Ritual an geschützten Orten, verhüllten ihre Natur oder gingen in Stasis. Andere überdauern in Weraldiz, ohne dass sie noch wissen, was sie einst waren. In Barkuz bildeten sich während der folgenden Jahrhunderte neue Fraktionen über die alten Wesensarten hinweg. Mit der nahenden zweiten Himmelsgleiche schwächt sich die Barriere; alte Trennungen werden damit wieder zu gegenwärtigen Gefahren.
Die verbannten Wesenheiten
Elementargeister
Als älteste Bewohner verkörperten sie Grundkräfte der Welt. Ihre Wirkungen waren langsam, weitreichend und nicht notwendig dem Menschen zugewandt.
| Wesenheit | Erscheinungsform | Bereich und Fähigkeiten |
|---|---|---|
| Bhumi (Erdwächter) | Steinwesen mit kristalliner Haut | Formten Gebirge und Täler; ihre Verständigung ging als Vibrieren durch das Gestein. |
| Jala (Wasserwandler) | Gestalten zwischen Dunst und Flüssigkeit | Lenken Ebbe und Flut, bewahren Erinnerungen in schimmernden Wasserspiegeln. |
| Vayu (Windflüsterer) | Fast nur an ihrem Wirken wahrnehmbar | Lenken Stürme, tragen Botschaften und teilen ein regionales Bewusstsein. |
| Agni (Flammenherzen) | Glühende Kerne in Vulkanen und tiefen Schmieden | Verändern Stein und Metall; sie brannten Zeichen in Stein und Metall. |
Weltgestalter
Diese Wesen beeinflussten Leben, Landschaft und Vorstellung unmittelbar. Ihre Hinterlassenschaften reichen von unmöglicher Architektur bis zu Orten, an denen Träume eine ungewöhnliche Dichte gewinnen.
| Wesenheit | Erscheinungsform | Bereich und Fähigkeiten |
|---|---|---|
| Vishwa (Weltenweber) | Vielgliedrige Wesen mit fremdartigen geometrischen Mustern | Veränderten örtlich die Gesetze der Wirklichkeit und formten Landschaften. |
| Prana (Lebensgeber) | Leuchtende Gestalten mit pflanzlichen und tierischen Zügen | Schufen und hüteten Flora und Fauna; in Symbiosen bewahrten sie Wissen über Heilung und Wachstum. |
| Svapna (Traumsinger) | Schimmernde Gestalten mit wechselnden Gesichtszügen | Formten kollektive Träume und Visionen; manche ihrer Traumlandschaften wurden zeitweise stofflich. |
Schattenwesen
Diese Bezeichnung versammelt Wesen, deren Nähe Leid, Verfall oder einen Verlust des Eigenen bringen konnte. Ihre Ziele waren verschieden, doch die Folgen ihres Wirkens ähnelten einander oft.
| Wesenheit | Erscheinungsform | Bereich und Fähigkeiten |
|---|---|---|
| Duhkha (Schmerzsammler) | Verzerrte Gestalten an Orten intensiven Leids | Nähren sich von Schmerz und verschärfen bestehende Konflikte. |
| Atmaka (Seelenfresser) | Schattenhafte Wesen, die Züge ihrer Opfer annehmen | Zehren von Lebensessenz und hinterlassen leere Hüllen oder Schattengänger. |
| Anartha (Chaosflüsterer) | Häufig in vertrauenerweckender Gestalt | Säen Misstrauen und verzerren Erinnerungen. |
| Dushta (Verderbniswandler) | Verdrehte Varianten natürlicher Gestalten | Befallen Gesundes mit Verfall und formen Leben ins Verzerrte um. |
Bewahrende Wesen
Einige Wesen lehrten, hüteten oder beobachteten, ohne deshalb frei von eigenen Interessen zu sein. Aus einzelnen Begegnungen blieben Praktiken und Erinnerungsreste zurück, deren Anlass nach dem Schleier verlorenging.
| Wesenheit | Erscheinungsform | Bereich und Fähigkeiten |
|---|---|---|
| Vana (Waldwächter) | Pflanzliche Gestalten, die dem Lebensraum folgten | Bewahrten Wissen in uralten Bäumen und standen mit Pflanzen in Verbindung. |
| Jnana (Weisheitshüter) | Alte, würdige Gestalten | Unterhielten Sternwarten und Lehrstätten; suchten Wahrheiten jenseits einer einzelnen Perspektive. |
| Pashu (Tierherren) | Wechselnde Tiergestalten | Führten Wanderungen an und hüteten das Verhältnis von Jäger und Beute. |
| Akasha (Himmelsbeobachter) | Leuchtende Gestalten | Beobachteten große Zyklen, fertigten Sternkarten und erkannten lange Muster. |
Grenzgänger
Diese Wesen folgten keiner geraden Ordnung von Ort, Zeit oder Gestalt. Ihre Gegenwart entzog sich oft schon vor dem Aufstieg eindeutiger Deutung.
| Wesenheit | Erscheinungsform | Bereich und Fähigkeiten |
|---|---|---|
| Niyati (Schicksalsweber) | Wesen verschlungener Muster | Sahen Verzweigungen möglicher Leben und griffen selten offen ein. |
| Kala (Zeitwanderer) | Gestalten mit fließenden Alterszuständen | Nahmen Zeit anders wahr und hinterließen Gegenstände, in denen verlorene Augenblicke weiterwirkten. |
| Darpan (Spiegelseelen) | Wesen reflektierender Oberflächen | Kopieren Form und Persönlichkeit anderer und reisen durch spiegelnde Flächen. |
Die Valvar – Winterherren des Nordens
Eine Gruppe für sich waren die Valvar, Verkörperungen des Winters. Ihre Gestalten wechselten zwischen Eis, Schnee und verdichtetem Atem und hielten keine feste Grenze; als aufragendes, gesplittertes Eis maßen sie drei oder fünf Meter, als Schneesturm zogen sie über das Land. Im hohen Norden hielten neun Großsippen Menschen in einer Bindung aus Schutz, Wissen, Opfer und Abhängigkeit. Die Valvar waren mit dem Land verbunden wie kaum ein anderes Wesen, darum wurde ihr Sturz zum gewaltsamsten Teil des Aufstiegs.
Die Verbannung geschah vor den Augen ihrer Vasallen. Manche Valvar entkamen, andere wurden nach Barkuz gerissen. Für die Menschen des Nordens brach damit nicht allein eine Herrschaft, sondern ihre gesamte Ordnung zusammen. Der Schleier des Vergessens sollte diesen Schaden beherrschbar machen und hinterließ bei den Lithi Bräuche, heilige Orte und eine Schwermut ohne erkennbaren Gegenstand.
Einfluss auf Weraldiz
Die Barriere ist keine undurchdringliche Mauer. An Tiefenschlünden, alten Ritualplätzen und anderen Schwachstellen des Gefüges lässt ihre Verdichtung nach. Konstellationen der Himmelskörper, die tägliche Schattenruhe, geistesformendes Wirken und starke Gemütsbewegungen können diese Durchlässigkeit zusätzlich erhöhen. Mit der zweiten Himmelsgleiche wird jede solche Berührung gefährlicher.
Träume und Visionen sind die häufigste Form des Kontakts; besonders empfängliche Geistesformer und Schamanen berichten von ihnen. Daneben treten elementare Ausbrüche, Zeitverzerrungen und Doppelgänger auf. Solche Erscheinungen erlauben selten eine sichere Zuordnung: Ein Spiegelbild kann eine Spiegelseele sein, ein Traum eine Berührung aus Barkuz, doch die Barriere selbst verzerrt auch Erinnerung und Wahrnehmung.
In Barkuz bestimmen die alten Wesensklassen keine gegenwärtige Politik. Erdwächter und Seelenfresser können einer Fraktion angehören, zwei Weisheitshüter einander bekämpfen. Für jede Begegnung zählt daher zuerst, was ein Wesen heute will, nicht was es vor achthundert Jahren war.
„Die Verbannten sind kein Heer. Sie sind Erinnerungen, Feindschaften und Hoffnungen, die achthundert Jahre lang keinen Ort auf unserer Seite hatten. Zur Himmelsgleiche werden wir nicht erfahren, was sie waren, sondern was sie geworden sind.“
— Aus dem versiegelten Testament von Maistra Saioa ez’Ezagutza-goi-bi Zuriarrain