Die wahre Geschichte der Argitari
Ursprung und Ankunft
ca. 80 Jahre vor 1 WZ
Die Argitari stammten von einer hochentwickelten Welt außerhalb des bekannten Sonnensystems. Dort hatten Technik und geistige Praxis einen Stand erreicht, der auf Weraldiz ohne Vergleich blieb.
Ihre Ankunft war weder Zufall noch Flucht, sondern Teil einer langfristigen Mission. Über fortschrittliche Raumfahrt erreichten sie Barkuz als Zwischenstation. Sie sollten eine neue Heimat für einen Teil ihrer Zivilisation erkunden und wussten, dass sie vielleicht nie zurückkehren würden.
„Wir kommen nicht, um zu erobern oder zu beherrschen, sondern um zu befreien und zu erheben. Die Menschen dieser Welt leben im Schatten von Wesen, deren Licht so stark ist, dass es ihr eigenes überstrahlt. Unsere Aufgabe ist es, dieses Licht nicht zu löschen, sondern es in eine Entfernung zu rücken, in der die Menschen ihr eigenes inneres Leuchten erkennen können.“
— Aus einem fragmentarischen Text der ersten Missionare
Beobachtung und Ansiedlung
ca. 80-20 Jahre vor 1 WZ
Von Barkuz aus erforschten die Argitari Weraldiz. Bald darauf betraten die ersten von ihnen an der Mündung des Silberflusses festen Boden, und die Aus’Harringer nahmen die Fremden auf. Über mehrere Generationen fassten die Argitari Fuß, lernten Sprachen, Bräuche und Wege des Landes und knüpften Verbindungen bis in den Süden, während ihre Posten auf Barkuz weiter beobachteten. Dort fanden die Beobachter eine ungewöhnliche Verdichtung magischer Kräfte vor und erkannten die nahende Himmelsgleiche als seltenes Zeitfenster, in dem diese Kräfte weitreichend lenkbar sein würden.
Die Beziehungen zwischen Menschen und magischen Wesen waren widersprüchlich. Weisheitshüter wie die Jnana und Waldwächter wie die Vana pflegten hilfreiche Bindungen. Seelenfresser wie die Atmaka und Schmerzsammler wie die Duhkha nutzten Menschen aus. Die Schöpferwesen griffen in die Wirklichkeit selbst ein, nach Maßstäben, die Menschen meist nicht verstehen konnten.
Für viele Argitari verdichtete sich daraus eine folgenschwere Überzeugung: Solange Menschen im Schatten überlegener Wesen lebten, konnte es keine wirkliche Selbstbestimmung geben. Selbst die wohlwollendste Bindung blieb von einem Machtgefälle geprägt.
Die Entscheidung zur Intervention
ca. 20-10 Jahre vor 1 WZ
Darüber entbrannte eine lange Debatte. Einige wollten Weraldiz weiter beobachten, ohne einzugreifen. Andere verlangten Schritte zur Befreiung der Menschen. Eine kleinere, lautstarke Gruppe forderte radikale Maßnahmen gegen jedes nicht-menschliche Wesen.
Nach zahllosen Beratungen setzte sich der Plan durch, die Himmelsgleiche für eine Barriere zu nutzen und die magischen Wesen nach Barkuz zu verbannen.
Der ethische Konflikt
Die Zustimmung löste das ethische Problem nicht. Auch wohlwollende Wesen sollten verbannt werden; eine Entscheidung dieser Größe ließ sich nicht in einen einfachen Gegensatz von Schutz und Grausamkeit auflösen.
Manche hielten jede Verbindung zwischen Menschen und Wesen für unheilbar ungleich. Andere wollten zwischen hilfreichen und schädlichen Wesen unterscheiden. Wieder andere suchten nach einer Form der Koexistenz, die beiden Seiten Raum gelassen hätte.
Am Ende setzte sich die vollständige Trennung durch. Die Gewalt, mit der einige mächtige Wesen auf die bloße Anwesenheit der Argitari reagierten, ließ viele jede Hoffnung auf Differenzierung oder Kompromiss verlieren.
Der bewusste Prozess des Vergessens
Nach dem Aufstieg zogen die Argitari einen weiteren, radikalen Schluss: Gleichwertigkeit schien ihnen unmöglich, solange sie selbst ihre überlegene Herkunft kannten. Diejenigen, die sich in Auwharin niederließen, beschlossen darum, diese Herkunft zu vergessen.
Die Generation des Aufstiegs gründete Schulen, in denen ihre Kinder mit einer konstruierten Herkunftsgeschichte aufwuchsen. Mit jeder Generation verlor die Wahrheit weiter an Platz im Unterricht und im Alltag.
Doch das Vergessen blieb nicht abgeschlossen. Mit der nahenden Himmelsgleiche drängen Erinnerungen an die Oberfläche, die seit Jahrhunderten niemand ausgesprochen hat. Vielleicht hat das aktive Verlernen selbst eine Form angenommen, die noch immer wirkt und auf den Augenblick wartet, in dem sie das Schweigen durchbricht.
„Das Vergessen ist unser schmerzhaftestes Opfer und unsere größte Weisheit. Nur indem wir vergessen, wer wir waren, können wir wahrhaft werden, wer wir sein müssen.“
— Aus dem Kodex des Oroimen-Etxea
Vererbtes Wissen
Die Argitari unterschätzten die Hartnäckigkeit ihrer eigenen Biologie. Wissen schlummerte weiter im Erbgut, wurde von Generation zu Generation schwächer und erlosch doch nie ganz. Es zeigt sich auf subtile, meist unbewusste Weise:
In Träumen erscheinen Sterne, die nicht am Himmel von Weraldiz stehen. Künstler greifen nach Formen und Proportionen, deren Ursprung sie nicht erklären können. Die organischen Wellen und mathematischen Präzisionen argitarischer Architektur folgen einem instinktiven Wissen um kosmische Strukturen.
Auch ihre Gesellschaftsordnung trägt Muster der fernen Heimat: die Betonung von Gemeinschaft und Wissensweitergabe, die Häuserstrukturen und der Ausgleich von Autorität und Konsens. All das klingt durch die Generationen nach.
Die Dualität der argitarischen Identität
Die meisten Argitari glaubten aufrichtig, der neunte Stamm zu sein, der aus fernen Ländern über das Meer gekommen war. Ihre Kenntnisse und Fähigkeiten erklärten sie aus ihrer eigenen Geschichte und den Bedingungen einer mythischen Heimat.
Zugleich bewahrten Kultur, Architektur und manche Lieder Elemente ihrer Herkunft. Rituale ohne erkennbaren Anlass und Melodien, deren Worte niemand mehr übersetzen konnte, blieben als Formen zurück, die mehr wussten als ihre Träger.
Nur engste Kreise, besonders in Häusern wie Eguzki-Etxea und Oroimen-Etxea, bewahrten Bruchstücke der wahren Mission. Dieses Wissen bedeutete Macht und Last zugleich.
Konflikte mit den magischen Wesen
Als die Argitari in menschlicher Gestalt Kontakt suchten, blieb ihre fremde Präsenz den magischen Wesen nicht verborgen. Viele erkannten darin früh eine Bedrohung.
Die Konflikte nahmen zu. Chaosflüsterer säten Misstrauen, Verderbniswandler beschädigten argitarische Artefakte, Seelenfresser griffen Gemeinschaften an, die mit den Fremden kooperierten. Selbst einige wohlwollende Wesen wie die Waldwächter sahen in den Argitari eine Gefahr für die natürliche Ordnung.
Diese Auseinandersetzungen überzeugten viele Argitari, dass ein friedliches Nebeneinander unmöglich sei. Sie glaubten, die Wesen würden ihren Einfluss auf Menschen nicht freiwillig aufgeben und ihn notfalls mit Gewalt verteidigen.
Die nahende Himmelsgleiche und die erwachende Erinnerung
Mit der zweiten Himmelsgleiche dringen bei einzelnen Argitari lange schlummernde Erinnerungen hervor. Besonders in Begi-Etxea und Oroimen-Etxea erfahren manche in Träumen und Visionen Bruchstücke der wahren Geschichte.
Diese Erinnerungen stellen die heutigen Führenden vor eine Entscheidung: Soll die Herkunft der Argitari wieder überliefert werden? Ist Weraldiz nach 843 Jahren selbstbestimmter Entwicklung bereit für diese Wahrheit? Und wie sollen sie auf die schwächer werdende Barriere reagieren?
Aus einem scheinbar klaren Auftrag wurde eine Frage von Identität und Verantwortung. Die Argitari sind keine außerweltlichen Missionare mehr, sondern Teil der Welt, in die sie eingriffen und die sie nun vielleicht erneut verteidigen müssen.
Kampagnenelemente
Die Architektur als unbewusstes Gedächtnis
Am deutlichsten zeigt sich die Herkunft in der Architektur. Organische Wellen, präzise Proportionen und Buntglas sind mehr als ästhetische Vorlieben; sie bewahren eine gemeinsame Erinnerung, die nie ganz bewusst geworden ist.
Die mathematischen Prinzipien dieser Bauten erzeugen feine Resonanzen. Manche stärken die Barriere, manche Muster bewahren Informationen über kosmische Strukturen. Ohne ihren Zweck zu kennen, errichteten die Argitari so über Generationen architektonische Anker für die Trennung der Welten.