Die Bajasdolgi – Die Aufgestiegenen

Eine ältere Lithi legt vor dem Aufbruch eine kleine Gabe an einem verwitterten Stein nieder, während ihre Familie Schlitten und Rentiere für die Reise richtet.

„Die Bajasdolgi waren nicht wie wir. Sie wandelten über die Erde wie wir durch den Schnee, hinterließen keine Spuren und kannten keine Kälte. Ihre Worte waren wie der Wind, unsichtbar und stark genug, Bäume zu beugen. In der Zeit der ersten Himmelsgleiche stiegen sie auf zu Barkuz, um von dort über uns zu wachen.“
— Aus der mündlichen Überlieferung der Lithi

Die Bajasdolgi, die Aufgestiegenen, stehen im Zentrum der Lithi-Überlieferung. Sie sollen einst unter den Menschen gelebt, sie Jagd, Heilkunst und das Hören der beseelten Welt gelehrt haben. Während der ersten Himmelsgleiche gingen sie nach Barkuz. Seitdem sind sie fern genug, dass niemand ihnen einfach gegenübertritt, und nah genug, dass kaum ein Sidd ohne eine Geschichte ihrer Hilfe auskommt.

Die Lithi sprechen von ihnen nicht wie von einem geordneten Götterkreis. Namen, Gestalten und Verwandtschaften verändern sich zwischen den Sidd. Was ein Geschichtenträger als einzelnen Bajasdolgi kennt, erscheint in einer anderen Überlieferung als ganze Familie oder als Stimme eines Berges. Gerade diese Beweglichkeit gilt nicht als Widerspruch: Ein Wesen, das mehrere Welten berührt, muss nicht überall dieselbe Gestalt tragen.

Wesen und Natur

Erzählungen geben den Bajasdolgi Körper aus Eis, Wind, Wasser oder Stein. Andere lassen sie als Tiere, Menschen oder bloßen Klang erscheinen. Noaidi warnen deshalb davor, eine Vision an ihrer Gestalt zu messen. Entscheidend sei, welche Beziehung sie eröffnet, welche Erinnerung sie berührt und welche Gegengabe sie verlangt.

Von gewöhnlichen Ahnen unterscheiden sich die Bajasdolgi durch ihr Alter und ihre Reichweite. Von Naturgeistern unterscheiden sie sich dadurch, dass ihnen Wille, Erinnerung und ein eigener Weg zugeschrieben werden. Ob sie eine Art von Geist, eine Gemeinschaft oder etwas sind, für das diese Begriffe nicht genügen, bleibt selbst unter den Noaidi offen.

Die Familien der Bajasdolgi

Geschichtenträger ordnen wiederkehrende Gestalten zu Familien. Diese Ordnung hilft beim Erzählen und beim Wählen einer Gabe, besitzt aber keine überall verbindliche Gestalt.

Familie Domäne Manifestation Bekannte Vertreter
Stallu Berge und überwältigende Kräfte hochgewachsene Gestalten mit hellem Haar und leuchtenden Augen Nihkkalas, Bergbeschützer; Bivttar, Küstenformerin
Jiekkeolm Winter, Eis und Schnee bleiche oder kristalline Körper Galbma, Eiserschaffer; Muohta, Schneeweberin
Bieggaolm Wind und Sturm Wirbel, Stimmen oder schwebende Schleier Ravdna, Sturmbringer; Biekkan, Brisenflüsterin
Chahceravga Wasser, Flüsse und Regen fließende, nie ganz feste Gestalten Golggot, Flusswanderer; Arvit, Regenbringerin
Dolosch Fels, Höhle und das Gedächtnis des Bodens steinerne oder mit dem Berg verwachsene Gestalten Geađgeeadni, Steinmutter; Várit, Bergvater

Stallu werden nur in großer Not angerufen; wer die Aufmerksamkeit einer Bergmacht verlangt, darf keine kleine Bitte vortragen. Jiekkeolm gehören zu den Geschichten des Tiefwinters und des tragenden oder brechenden Eises. Bieggaolm übermitteln Stimmen über große Entfernung, Chahceravga treten mit Tauzeit und Regen hervor. Dolosch antworten am langsamsten. Manche Gabe an einen Felsen wird erst von den Enkeln des Gebenden als beantwortet erkannt.

Die Grenzen bleiben fließend. Bivttar kann in einem Küsten-Sidd als Stallu gelten, andernorts als Chahceravga; ein Bergbach kann Stimme des Felsens oder des Wassers sein. Die Zuordnung sagt daher ebenso viel über den Sidd wie über den Bajasdolgi.

Der Aufstieg

„In der Urzeit lebten die Bajasdolgi unter den Menschen und lehrten sie Jagd, Heilkunst und die Geheimnisse der Natur. Als die Menschen zahlreicher wurden, entschieden die Bajasdolgi, dass die Zeit gekommen war, in ein höheres Reich aufzusteigen. Sie bauten einen Pfad aus Licht zum Himmel und stiegen nach Barkuz auf, von wo aus sie weiterhin über ihre Kinder wachen.“

Alle verbreiteten Fassungen nennen den Aufstieg freiwillig. Über seinen Grund widersprechen sie einander. Manche sagen, die Menschen seien bereit gewesen, ohne unmittelbare Lehrer zu leben. Andere erzählen, Barkuz habe die Bajasdolgi gerufen. In manchen Joiks klingt der Abschied nach Freude, in anderen nach einer Trauer, für die der Sänger keinen Anlass nennt.

Mit ihrer sichtbaren Gegenwart endete auch die Gewissheit. Aus dieser Entfernung erklärt die Überlieferung die Berufung der ersten Noaidi: Menschen, die im Traum, im Trommelschlag und unter dem Nordlicht den Weg zu den Aufgestiegenen offen hielten.

Wege der Kommunikation

Ein Bajasdolgi wird durch seinen Joik, einen überlieferten Trommelschlag, eine Gabe am richtigen Ort oder einen bewusst gesuchten Traum angesprochen. Tiere können Boten sein, ebenso Wetter, Eisgeräusch und Nordlicht. Keine dieser Formen beweist für sich, dass eine Antwort erfolgte. Ein Noaidi prüft sie gegen frühere Begegnungen und gegen das, was danach geschieht.

Um Hilfe bittet man bei schwerer Krankheit, gefährlicher Wanderung, einer Entscheidung für den ganzen Sidd oder vor dem Betreten eines besonders gebundenen Ortes. Wer verlangt, was er selbst leisten könnte, zeigt damit, dass er die Beziehung für einen Handel hält.

Gaben und heilige Orte

Nahrung, Handwerk, ein persönlicher Gegenstand oder ein eigener Joik können als Gabe dienen. Bei Anliegen, die den Leib oder das Leben berühren, werden bisweilen Haar, Tränen oder wenige Tropfen Blut gegeben. Der Wert liegt nicht im Stoff allein. Eine unpassende Gabe kann zeigen, dass der Bittende weder sein Gegenüber noch die eigene Bitte verstanden hat.

Gaben liegen an Sieidi-Steinen, auf den Hängen heiliger Bassivárri, an Saivo-Seen oder in besonderen Feuerstellen. Knochen, Geweihe und verwitterte Schnitzereien machen manche dieser Orte kenntlich. Nichts davon wird weggenommen, selbst wenn der ursprüngliche Sinn einer Gabe längst vergessen ist.

In Geschichten und Legenden

In den Ursprungsmythen werfen Stallu Berge auf, geben Bajasdolgi den Tieren ihre Eigenarten und wecken die ersten Menschen durch Gesang. Andere Geschichten sind an bekannte Orte und Notzeiten gebunden. Čahcis soll während einer Hungersnot das Fischen unter dem Eis gelehrt haben. Beavva führte eine Noaidi durch einen Wintersturm. Ein namenloser Bieggaolm brachte verlorene Kinder heim, indem er den Joik ihres Sidd durch den Wind trug.

Solche Erzählungen bewahren immer auch Handlungswissen. Wer Čahcis’ Geschichte kennt, kennt die Zeichen tragfähigen Eises. Wer Beavvas Weg singt, erinnert sich an Schutzmulden im Sturmgebiet. Die Hilfe der Bajasdolgi und das Können der Menschen werden darin nicht getrennt.

Nordlichter als Botschaft

Nordlichter gelten als deutlichste Spur der Bajasdolgi in Dalvebak. Farbe, Richtung, Dauer und Bewegung werden gedeutet; kein einzelnes Muster besitzt überall dieselbe Bedeutung. Die Noaidi des Guovssahas-sidd gelten als besonders kundig, doch auch sie vergleichen ihre Lesart mit Träumen, Herdenverhalten und den Berichten anderer Sidd.

Während kräftiger Lichter finden Zeremonien und Visionssuchen statt. Seit sich die Vorzeichen der Himmelsgleiche mehren, erscheinen die Nordlichter intensiver, häufiger und in ungewohnten Farben. Manche Lithi erwarten darin die Rückkehr der Aufgestiegenen. Andere hören zu viele verschiedene Stimmen, um sich über deren Absicht zu freuen.

Im Gewebe der Spiritualität

Ahnen wohnen nach Lithi-Verständnis ebenfalls in Barkuz, bleiben aber an die Erinnerungen ihrer Nachkommen gebunden. Naturgeister gehören meist zu einem Ort, einem Tier oder einer Erscheinung. Bajasdolgi können all diese Formen berühren, ohne in einer von ihnen aufzugehen.

Am unklarsten ist ihr Verhältnis zu den Vajaldahti. Manche Erzählungen machen beide zu Gegenspielern, andere zu getrennten Folgen desselben Aufstiegs. In neuen Träumen sprechen vermeintliche Boten der Bajasdolgi einander bisweilen offen entgegen. Ob darin Streit, Prüfung oder ein Fehler der menschlichen Deutung liegt, kann kein Noaidi entscheiden.

So bleibt die wichtigste Beziehung der Lithi auf Vertrauen angewiesen, gerade weil sie sich nicht beweisen lässt. Die Bajasdolgi sind abwesend und wirksam, durch unzählige Geschichten gegenwärtig und doch keiner sicheren Prüfung zugänglich. Zwischen diesen Polen lebt die schamanische Kunst.