San’Galur – Thron der Ewigkeit

Bericht einer Vermessung im Nordland, Spätherbst bis Winter 843 WZ


„Ein Instrument, das den Versuch nicht überdauert, ist kein schlechtes Instrument. Es ist ein verbrauchtes. Wer den Unterschied nicht kennt, hat in einem Laboratorium nichts zu suchen.“ – Aus einem unbezeichneten Feldbuch, dem Hause der flüsternden Tinte zugeschrieben


Der Posten am Njukčajávri

Der Posten lag dort, wo der Nadelwald endete, ohne dass man eine Grenze hätte ziehen können. Die Kiefern wurden erst niedriger, dann krumm, dann standen sie in Gruppen wie Leute, die sich gegen den Wind zusammendrängen. Zuletzt blieben auch diese Gruppen aus, und es war Tundra. Hier hatten die Rieban-sidd am Ufer eines Sees vier Vorratshäuser auf Pfähle gestellt. Im Herbst war das Ufer schwarz von faulendem Schilf. Neben den Vorratshäusern stand eine lange Hütte aus geschältem Holz, in der man Felle stapelte, Salz lagerte und im Winter schlief. Einen Zaun gab es nicht. Hier brauchte man sich vor nichts zu schützen. Wer hierher kam, kam mit Absicht.

Aratz Iragantzaile hatte hier drei Tage gewartet und währenddessen die Bauart der Vorratshäuser aufgezeichnet: die Neigung ihrer Dächer, den Abstand der Pfähle und die Holzverbindungen, deren Zapfen ohne Nägel hielten. Vorratshäuser interessierten ihn wenig, doch beim Warten brauchte er eine Beschäftigung, die nach Arbeit aussah. Außerdem hatte er gelernt, dass man einen schreibenden Mann seltener fragte, was er hier tue.

Sie waren zu viert gekommen. Uxue Bururtzaile leitete die Versuchsreihe, die im Feldbuch wie im Gespräch nur die Reihe hieß. Aratz kannte das große Namensmaß, das ihrem Rang entsprach; in Gedanken genügte ihm ihr Alltagsname. Garazi Nahastzaile trug die Kiste mit den Fläschchen und ließ sie sich von niemandem abnehmen. Selbst beim Aufstieg über die Blockhalde am dritten Tag hatte sie die Kiste behalten. Telmo Ehiztari versorgte die Tiere. Er sprach wenig, und wenn er sprach, hörte man einen Dialekt, der in den Enklaven als unfein galt. Aratz selbst sollte alles aufzeichnen, was geschah, und dabei sauber unterscheiden, was er gesehen und was er daraus geschlossen hatte. Das hatte man ihm früh beigebracht, und er war gut darin. Die Trennung von Beobachtung und Schluss war die einzige Frömmigkeit, die er besaß.

Die Schlitten kamen am Morgen des vierten Tages, in der neunten Stunde. Über den Wald stieg eben die zweite Sonne, blaugrau und klein und ohne rechte Wärme.

Drei Gespanne näherten sich dem Posten. Eine Frau führte sie an; ihr Gewand war von so verwaschenem Rot, dass sich die Musterbänder nur noch erahnen ließen. Statt auf dem ersten Tier zu reiten, ging sie neben ihm her. Sie ging ohne Eile, als richte sie sich nach dem Wetter und nicht nach der Stunde. Auf ihrer linken Schulter saß ein Rabe, weiß wie ein Knochen, der lange im Wasser gelegen hatte, mit keinem Weiß, das an Schnee erinnerte. Als die Frau stehen blieb und die Riemen aus der Hand legte, blieb er auf ihrer Schulter sitzen.

„Ravna Máret-gáhtni“, sagte Uxue.

„Ihr habt lange gebraucht“, sagte die Frau.

„Wir sind seit vier Tagen hier.“

„Ich meinte nicht die Tage. Ich meinte die Jahre.“ Sie sah an ihnen vorbei auf die Kiste, die Garazi zwischen den Füßen hatte. „Man hat mir dreimal versprochen, dass jemand kommt. Zweimal ist niemand gekommen.“

„Wir sind die dritte Zusage.“

„Ja“, sagte Ravna. „Das seid ihr.“

Sie handelten im Vorratshaus, wo kein Wind ging. Die mitgebrachten Waren standen in vier Kisten auf dem Bretterboden. Während Ravna sie prüfte, schrieb Aratz sie auf: sechzig Tafeln Fensterglas, in Stroh gepackt, jede eine Elle im Geviert; zwei Fässer Salz; ein Kasten mit Lampenöl in Blechbehältern, wie man sie in Ezagutza für Werkstätten füllte; ferner sechs Messer, ein Beil, zwei Rollen Kupferdraht und ein Ballen ungefärbter Wolle. Für den Aufwand des Marsches war der Warenwert lächerlich gering. Aratz hatte in den Enklaven für ein einziges gutes Instrument mehr bezahlt.

Ravna prüfte das Glas am längsten. Sie hob eine Tafel gegen das Licht des offenen Tors, drehte sie, ließ sie sinken, hob sie wieder. „Es hat keine Blasen“, sagte sie.

„Nein.“

„Das Glas, das über den Duottar kommt, hat immer Blasen. Man sieht die Welt darin, als läge sie unter Eis.“

„Dieses hier ist ohne Blasen“, sagte Uxue.

Die Frau stellte die Tafel zurück ins Stroh, sorgfältig, wie man ein Kind hinlegt. Dann sagte sie: „Und den Namen.“

Uxue schwieg eine Weile. Draußen schrie eines der Rentiere, und Telmo antwortete ihm mit einem Laut, den er unterwegs von den Treibern übernommen hatte.

„Wir haben nicht besprochen, dass ein Name Teil des Preises ist“, sagte Uxue.

„Ihr habt besprochen, dass ich euch hinführe. Ich führe nicht zu etwas, das keinen Namen hat. Das ist kein Handel, das ist Herumlaufen.“

„Es kann sein, dass der Name nichts bedeutet.“

„Dann bedeutet er nichts, und ihr habt nichts hergegeben.“

Uxue zog die Handschuhe aus, Finger für Finger, und legte sie über den Kistenrand. Das Leder war dünn und grau, zu dünn gegen die Kälte; Aratz kannte diese Handschuhe aus Ezagutza. Darunter kamen die gepflegten, unbeschädigten Hände einer Frau in den besten Jahren zum Vorschein. Sie sahen aus, als hätten sie noch nie etwas gehoben, das schwerer war als ein Buch.

„San’Galur“, sagte Uxue.

Es geschah nichts. Der Rabe rührte sich nicht, das Licht im Tor blieb unverändert; es roch nach Salz und feuchtem Stroh. Ravna Máret-gáhtni schloss die Augen und hielt sie eine Zeit lang geschlossen. Als sie sie wieder öffnete, war ihr Gesicht gelöst, als habe jemand die Last bestätigt, die sie seit langem trug, ohne sie ihr abzunehmen.

„Sagt es noch einmal.“

„San’Galur.“

„Ja“, sagte sie. „So klingt es. Ich habe es zwölf Jahre lang geträumt und nie gehört.“

Sie schob die Kiste mit dem Glas mit dem Fuß beiseite, als wäre sie bereits bezahlt und abgeräumt. „Wir brechen morgen auf. Nach der Schattenruhe, nicht davor. Meine Leute taugen nichts im hellen Morgenwerk, das Licht macht sie laut.“

„Ihre Leute“, wiederholte Uxue.

„Sechs“, sagte Ravna. „Wie besprochen. Sie sind draußen bei den Schlitten. Ihr könnt sie euch ansehen, aber fasst sie nicht an, bevor ich es sage.“


Aus dem Feldbuch, erste Eintragung

Reihe Nord, Tag 1. Njukčajávri, 533 NZ.

Übergabe vollzogen. Gegenleistung nach Verzeichnis (Anlage I), Wert nach Enklavenpreis: 41 Silbermark. Führerin verlangte zusätzlich die Nennung des Zielnamens; gewährt. Die Nennung erzeugte bei ihr eine deutliche Reaktion. Nach bisheriger Kenntnis kann ihr der Name zuvor nicht bekannt gewesen sein. Dies stützt die Annahme der Meisterin, dass die Ortsbezeichnung als Rest im Gedächtnis der Betroffenen liegt und durch äußere Nennung geweckt werden kann. Für die Vermessung ist das erheblich: Wir suchen keinen Ort, wir suchen eine Erinnerung, die einen Ort hat.

Instrumentenbestand: sechs Stück. Aufnahme siehe Anlage II.

– A. Iragantzaile, Aufzeichnender


Die Sechs

Sie saßen im Windschatten der Schlitten, jeder für sich, und keiner sah einen anderen an. Sie hockten wie Steine, die jemand nebeneinandergelegt hat. Aratz notierte es noch am selben Abend: Zusammengebracht, keine Gruppe.

Der Älteste hieß Njálla Heaika-bártni. Er war fast blind, mit einem milchigen Schleier über beiden Augen, und drehte den Kopf zu weit, als müsse er das Gehör dorthin bringen, wo das Sehen fehlte. Blasse, braune Sechsecke zogen sich über seine Handrücken und Wangen, weder Narbe noch Muttermal und so gleichmäßig, als habe man sie mit einem Stempel aufgetragen. Aratz brauchte einen Augenblick, um zu verstehen, was ihn daran störte: die Genauigkeit. Die Natur machte keine so guten Sechsecke.

Neben ihm saß Fávru Luossa-nieida, eine breite, kräftige Frau in den jungen Jahren mit rissigen Händen. Sie hielt den Kopf schief und lauschte. Als Telmo die Zugtiere umspannte, sagte sie, ohne hinzusehen: „Das dritte hat einen Stein im linken Vorderhuf.“ Telmo sah nach. Es stimmte. Später erklärte Ravna, Fávru höre die Herde, nicht die Laute der Herde, sondern die Herde selbst. Nachts könne sie nicht schlafen, wenn Tiere in der Nähe seien, weil dann sechzig Mägen zugleich verdauten.

Der dritte war Suovva Goavvi-álggi, ein hagerer Mensch mit einem sehr freundlichen Gesicht, zu dessen Füßen ein silbergrauer Fuchs lag. Das Tier war viel zu ruhig und sah die Fremden nacheinander an, bei jedem Gesicht verweilend, als wolle es sich den Namen dazu merken. Suovva sprach viel, in kurzen, höflichen Sätzen, und alles war belanglos und richtig. Er sagte: Das Wetter wird sich zur Abendruhe drehen. Er sagte: Ihr habt gutes Leder an den Stiefeln, aber die Naht ist falsch gesetzt. Er sagte: Ihr solltet die Kiste nicht neben das Feuer stellen. Nie sprach er von sich.

Die vierte hieß Pinja Ánde-nieida. Sie saß ein wenig abseits, ein Stück Rentierhaut auf den Knien, und ritzte mit einem Nagel hinein. Als Aratz näher trat, erkannte er einen Raum: ein Achteck von oben mit acht gleich langen Wänden und einer kleinen Aussparung in der Mitte, die sie nachzog, bis der Nagel durch die Haut ging. Ringsum lagen weitere Häute, viele, gerollt und mit Sehnen gebunden. Ravna sagte, Pinja zeichne diesen Raum seit sieben Jahren, jeden Tag mehrere Male. Sprach man sie dabei an, geriet die Zeichnung falsch; sobald man wieder ging, besserte sie sie aus.

Der fünfte war Issát Guolban-bártni, und mit ihm hatte Aratz die meiste Mühe.

Issát war jung, kaum in die jungen Jahre eingetreten, und sein Gesicht schien noch nicht fertig. Er saß ganz still. Dann sagte er in Uxues Stimme: „Wir sind die dritte Zusage.“ Selbst die kleine Härte an den Wortenden stimmte.

Uxue drehte sich um.

„Er wiederholt, was in der Nähe gesprochen wurde“, sagte Ravna. „Manchmal Stunden später. Manchmal Dinge, die niemand in seiner Nähe gesprochen hat.“

„Woher weiß man das?“

„Man weiß es nicht“, sagte Ravna. „Man merkt nur irgendwann, dass man nie gesagt hat, was er da gerade sagt.“

Issát sah zu Boden und sagte mit der Stimme eines alten Mannes, den keiner der Anwesenden kannte, sehr ruhig und in gutem Non’Gaudisch: „Man soll die Kinder nicht zählen, bevor der Schnee liegt.“

Garazi lachte kurz, als hätte jemand einen Scherz gemacht, und trug etwas in ihr Heft ein.

Die sechste saß auf dem hintersten Schlitten und hatte die Beine angezogen.

Sie war fast noch ein Kind, jugendlich erst, mit einem dünnen Hals und der schmalen Gestalt eines Menschen, der rasch gewachsen war. Ihr linkes Auge war grau, das rechte von einem hellen, unangenehmen Gelb; eine weiße Strähne lag in ihrem sonst schwarzen Haar. Als Aratz vor sie trat, hob sie den Kopf nicht.

„Elle Ravna-gáhtni“, sagte Ravna hinter ihm.

Aratz brauchte einen Augenblick, um die Endung zu ordnen. Dann drehte er sich um.

„Ihre Tochter.“

„Ja.“

„Sie stellen Ihre eigene Tochter.“

Ravna Máret-gáhtni sah ihn missbilligend an. Hinter ihr standen die ungepackten Schlitten. „Sie ist im Frühjahr von der Prüfung zurückgekommen. Nicht als das eine und nicht als das andere. Sie ist zurückgekommen wie ich.“

„Das habe ich nicht gefragt.“

„Doch“, sagte Ravna. „Das haben Sie.“

Uxue trat dazu, sah das Mädchen an, sah die Mutter an und sagte: „Die Blutsnähe ist ein Vorteil. Bei zwei Instrumenten aus einer Linie liegen die Ausschläge dichter beieinander. Man kann die Abweichung sauberer rechnen.“

„Ich weiß“, sagte Ravna.

Das war das Zweite, was Aratz an diesem Tag notierte. Er setzte es unter Beobachtungen: Die Führerin kannte den Begriff. Sie hat nicht gefragt, was ein Instrument ist.


Der Zug nach Norden

Sie brachen am folgenden Tag in der zwanzigsten Stunde auf, kurz nach Beginn des Abendwerks. Das Licht der kleinen Sonne fiel so flach über die Tundra, dass jeder Grasbüschel einen langen Schatten warf und das Land aussah wie ein Fell, das man gegen den Strich streicht. Nachts fror der Boden hart und taute auch tagsüber nicht mehr auf; die Schlitten liefen gut darauf, besser als über Schnee.

Aratz war noch nie so weit im Norden gewesen. Er hatte darüber gelesen, wie man in Ezagutza über alles las, und geglaubt, die Weite würde ihn zuerst befallen. Nun war es die Wiederholung. Dasselbe Land war hier sehr oft. Nach vier Stunden kam man an einen Hügel, der aussah wie der vor vier Stunden: dasselbe Rentiermoos, dieselben schwarzen Flechten auf den Steinen, derselbe halb ausgetrocknete Tümpel an derselben Stelle des Hangs. Nach zwei Tagen hörte er auf, sich Merkpunkte einzuprägen, und verließ sich auf seine Messkette und den Stand der Sonne. Nach vier Tagen begriff er, dass Ravna sich auf nichts von beidem verließ.

Ravna bestimmte die Marschordnung: Sie selbst ging voraus, dann kam Fávru, in deren Nähe die Tiere ruhiger liefen, dann die drei Schlitten und die übrigen. Uxue hielt sich meist ganz hinten und sprach den ganzen Tag kein Wort. Aratz kannte ihren Ruf als Vortragende von großer Klarheit; hier draußen schien sie jedes Wort aufzusparen.

Zweimal am Tag hielten sie, und Garazi tat ihre Arbeit.

Sie tat sie freundlich, und das fiel Aratz immer wieder auf. Garazi Nahastzaile war eine kleine, rundliche Frau, die im Gehen summte und bei jeder Rast zuerst Wasser aufsetzte. Sie verteilte den Tee, bevor sie die Kiste öffnete, drückte den Leuten die Becher in beide Hände, damit sie warm wurden, und nannte jeden beim Namen. Sie sprach die Namen richtig aus. Unter den Forschern war sie die Einzige.

Dann öffnete sie die Kiste. Darin lagen achtundvierzig Fläschchen in Filz, ihr Inhalt farblos und doch trüb, wie Wasser, in dem man Kreide verrührt hat und das sich nie klärt. Im Verzeichnis hieß der Stoff Bidegin, der Wegmacher. Untereinander nannten sie ihn die Tinte, eine Gabe einen Strich.

Garazi maß mit einem gläsernen Löffel ab. „Einen Strich für dich, Suovva“, sagte sie. Suovva antwortete höflich: „Danke, Herrin“, und trank. Der Fuchs sah zu. „Zwei für dich, Njálla, du bist schwer.“ Der Alte öffnete den Mund wie ein Vogeljunges. „Einen halben für dich, Elle.“ Das Mädchen trank, und Garazi wischte ihm mit dem Daumen den Rest vom Kinn, wie einem Kind, das schlecht trinkt.

Danach setzten sie sich hin und warteten, und Aratz schrieb.

Die Wirkung setzte in der zweiten Viertelstunde ein und hielt, je nach Gabe, drei bis fünf Stunden an. Zuerst beobachtete Aratz enttäuschend gewöhnliche Veränderungen: Die Pupillen weiteten sich, die Hände wurden kalt. Manche begannen zu frieren und zogen sich enger zusammen. Dann fingen sie an zu sprechen. Jeder für sich, halblaut, in Bruchstücken.

Njálla sprach von einer Treppe, die keine Stufen hatte, sondern Absätze, und die man nicht hinabstieg, sondern auf der man stehen blieb, während sie sich abwärts bewegte.

Fávru sagte immer wieder, es sei warm. Es war nicht warm. Am fünften Tag lag Reif auf ihrem Gewand, während sie es sagte.

Pinja zeichnete. Unter der Wirkung arbeitete sie schneller und ohne hinzusehen. Die Achtecke wurden dabei genauer.

Suovva erzählte höfliche, belanglose Dinge über Wetter und Nähte. Am sechsten Tag unterbrach er sich mitten im Satz. „Es ist noch nicht satt“, sagte er in demselben freundlichen Tonfall und redete über Nähte weiter.

Issát sprach mit vielen Stimmen. Am achten Tag sprach er zwei Stunden ohne Pause mit einer unbekannten Frauenstimme in einer unbekannten Sprache. Aratz schrieb die Laute mit, so gut er konnte, sechs volle Seiten, und wusste dabei, dass er noch nie etwas so Wertvolles aufgezeichnet hatte und es niemals würde veröffentlichen dürfen.

Er kannte diesen Zwang und liebte ihn. Vier Jahre hatte er in Ezagutza an einer Arbeit über die Zeitstellung präargitarischer Splitterfunde gesessen, die gut gewesen, angenommen und gedruckt worden war. Zwei Jahre später hatte er im Lesesaal sein eigenes Buch aus dem Regal genommen. Die Bogen waren noch ungetrennt.

Im Spätsommer hatte man ihn in einem Garten angesprochen, sehr beiläufig, auf hypothetische Forschung ohne Beschränkungen. Was ihn gewann, war die Aussicht, endlich etwas aufzuschreiben, das jemand lesen wollte. Nun würden seine Aufzeichnungen wieder fast niemanden erreichen; den Widerspruch kannte er, hielt sich aber nicht dabei auf. Das Aufschreiben selbst befriedigte ihn, und die drei oder vier Menschen, die es lesen würden, waren die Einzigen, deren Urteil ihm etwas galt.

Zur dreizehnten Stunde kam wie jeden Tag die Schattenruhe.

Im Süden war sie ihm nie besonders vorgekommen. Man ging hinein, ließ die Läden offen und legte sich hin; das Licht wurde silbrig und weich, und man schlief. Hier draußen sah man sie kommen. Über dem südlichen Himmel stand der Ring als dünner, heller Strich, während in der zwölften Stunde im Osten der Schleier heraufzog, ein Grau im Weiß. Unter ihm wich das Licht aus der Landschaft wie Blut aus einem Gesicht. Die Farben blieben, aber sie wurden gleichgültig. Die Temperatur sank binnen kurzem um mehrere Grad, so rasch, dass Aratz es am ganzen Körper spürte.

Dann legte sich alles hin. Auch die Tiere. Auch der Fuchs. Sechs Stunden ruhte die Tundra unter dem grauen Schleier. Wenn doch jemand sprach, klang es unanständig.

In dieser Zeit, am zehnten Tag, sagte Ravna Máret-gáhtni zu ihm, ohne sich aufzurichten: „Sie schreiben viel.“

„Es ist meine Aufgabe.“

„Schreiben Sie auch, was Sie denken?“

„Nein“, sagte Aratz. „Nur, was ist.“

Sie schwieg so lange, dass er glaubte, sie sei eingeschlafen. Dann sagte sie: „Das kann nicht gehen. Wenn man aufschreibt, was ist, muss man vorher wissen, welche Dinge sind. Und das denkt man sich aus.“

Aratz kannte den Gedanken aus dem zweiten Studienjahr, doch ihn von Ravna zu hören überraschte ihn: von einer Frau, die für sechzig Tafeln Fensterglas ihre Tochter verkauft hatte. Er hatte sie unterschätzt und hörte nun genauer zu.

„Warum tun Sie das?“, fragte er.

„Warum tun Sie es?“, fragte sie zurück.

„Weil ich wissen will, was dort ist.“

„Ja“, sagte Ravna. „Das ist ein guter Grund. Bei mir ist es ein anderer, und er ist schlechter, aber er ist meiner.“ Sie drehte sich auf die Seite, dem grauen Himmel zu. „Als ich in dem Alter war, in dem Elle jetzt ist, bin ich in die Prüfung gegangen und falsch zurückgekommen. Man hat mich nicht fortgejagt. Man hat mich behalten und mir Arbeit gegeben und nicht mehr in die Augen gesehen. Zwanzig Jahre lang hat mich niemand angesehen, so wie man einen Menschen ansieht. Man sieht an mir vorbei, wie man an einer Stelle vorbeisieht, wo einmal ein Zelt gestanden hat.“

„Und dort“, sagte Aratz.

„Dort ist etwas“, sagte Ravna, „das ansieht. Ich weiß nicht, was. Ich weiß nur, dass es das tut. In den Träumen ist es das Einzige, was es tut.“

Er notierte es am Abend wörtlich unter Beobachtungen. Später kam ihm die Angabe oft wieder in den Sinn. Er hätte sie prüfen sollen.


Aus dem Feldbuch, zweite Eintragung

Reihe Nord, Tag 11. Zweiter Lagerplatz östlich der Bákti-Route, 533 NZ.

Verabreichung nach Plan. Gaben bisher: Njálla 22, Fávru 14, Suovva 14, Pinja 16, Issát 19, Elle 7.

Zur Peilung: Aus den Schilderungen lässt sich keine Richtung gewinnen; sie weichen zu stark voneinander ab. Brauchbar dagegen ist die Körperhaltung. Sämtliche sechs richten unter Wirkung binnen einer Stunde Kopf und Oberkörper auf denselben Punkt aus, ohne einander zu sehen (Prüfung durch Trennung der Lagerstellen, Tag 9). Die Abweichung untereinander beträgt weniger als drei Grad. Gegenwärtige Richtung: Nord-Nordwest.

Wir messen also nicht, was sie sagen. Wir messen, wohin sie sich drehen.

Anmerkung zur Verstärkung: Die Ausrichtung wird mit der Gabe schärfer. Bei einfacher Gabe schwankt die Haltung; bei doppelter steht sie. Die Meisterin hat die Grenze bei drei Strichen gesetzt. Ich sehe keinen Grund, unterhalb dieser Grenze zu bleiben, solange die Reihe hält.

– A. Iragantzaile, Aufzeichnender


Die erste Nadel

Issát Guolban-bártni starb am siebzehnten Tag, in der vierundzwanzigsten Stunde, kurz vor der Abendruhe.

Aratz hatte mit etwas gerechnet, das dem Vorgang angemessen gewesen wäre, ohne sich darüber Rechenschaft zu geben. Nun saß der junge Mann am Feuer, drei Striche in sich, sprach mit einer Frauenstimme und hörte mitten in einem Wort auf. Er blieb mit offenen Augen sitzen. Erst als Telmo nach einer Weile hinging und ihn an der Schulter anfasste, kippte er langsam zur Seite wie ein Sack, den man gegen eine Wand gelehnt hat.

Aus seinen Ohren war wenig Blut gekommen, auf dem Kragen bereits braun und getrocknet. Garazi hob ihm die Lider, sah nach und ließ sie wieder sinken. „Das ging schnell. Bei dem hätte ich noch drei Tage angenommen.“

„Notieren Sie das Gewicht“, sagte Uxue.

Sie wogen ihn zweimal mit dem Zugriemen und der Schnellwaage für die Gerätekisten, und Aratz trug ein: sechzig Pfund und ein Viertel, ohne Kleidung. Aus dem Verhältnis von Gabe zu Gewicht ließ sich noch eine Zahl gewinnen. Uxue wollte, wie sie am Feuer sagte, in einer Reihe von sechs Stück nicht zwei auf dieselbe Weise verlieren.

Der Boden war gefroren, und sie würden noch zwei Tage an dieser Stelle bleiben. Telmo schleifte Issát hundert Schritt nach Osten hinter einen Felsrücken, wo man ihn vom Lager aus nicht sah.

In der Nacht, zur Zeit der Besinnung, sang Ravna.

Aratz hatte gewusst, was ein Joik war, und in einer Vorlesung über nördliche Musikformen sechzehn Takte gehört, gepfiffen von einem Mann, der nie im Norden gewesen war. Jetzt hörte er zum ersten Mal einen Joik. Nach drei Atemzügen begriff er, dass die Vorlesung in der Sache falsch gewesen war. Ein Joik erzählt nicht von jemandem. Er stellt ihn hin. Solange Ravna sang, schien Issát Guolban-bártni am Feuer zu sein, so deutlich, dass Telmo zweimal über die Schulter sah. Aratz hielt den Stift still, weil er nicht wusste, was er hätte schreiben sollen.

Sie sang lange. Danach atmete sie tief und fragte ganz ruhig in die Stille hinein, als frage sie ein Kind nach dem Weg:

„Wo ist es, Issát?“

Der weiße Rabe auf ihrer Schulter drehte den Kopf, langsam, um ein deutliches Stück nach Nord-Nordwest, und verharrte in dieser Haltung.

„Zwei Grad westlicher als gestern“, sagte Ravna. „Ihr könnt es aufschreiben.“

Aratz schrieb es auf. Zum ersten Mal auf dieser Reise gehorchten ihm die Finger in der eisigen Kälte nicht recht. Er brauchte länger als sonst.

Später lag er auf dem Fell, hörte die anderen atmen und dachte über die Reihenfolge nach. Ravna hatte um Issát getrauert; er sah keinen Grund, daran zu zweifeln. Dann hatte sie den Toten um eine Auskunft gebeten, mit derselben Stimme und ohne dass sich etwas in ihrem Gesicht verändert hätte.

Hier verlief die Grenze zwischen Wertschätzung und Gebrauch anders als in Ezagutza. Aratz hatte die Leute für roher gehalten. Nun fand er einen Unterschied, den er beschreiben konnte. Der Gedanke bereitete ihm Freude.

Am Morgen fehlte der Fuchs. Suovva saß am erloschenen Feuer und sagte höflich, das Tier komme wieder; manchmal gehe es in der Besinnung fort. Es kam nicht wieder. Drei Tage später fand Telmo im Schnee eine Spur, die ihnen in etwa hundert Schritt Abstand tagelang neben den Schlitten folgte. Suovva sagte nichts dazu. Auch über Nähte sprach er nicht mehr.


Die heulende Schlucht

Zu Beginn des Winters erreichten sie die nördlichen Ödländer. Dort schneite es zum ersten Mal richtig.

Das Land wurde härter und ärmer. Erst blieb das Rentiermoos aus, dann die Flechten. Zuletzt waren da Stein und Schnee und ein beständiger, schneidender Wind. Die kleine Sonne stand nur noch drei Stunden über dem Horizont, fünf Tage später nur noch zwei. Blau und kalt warf sie Schatten, die schärfer waren als das Licht selbst.

Ravna führte sie in eine Schlucht, deren Namen sie nicht nannte und die Aratz später in seinem Bericht als die heulende Schlucht bezeichnete. So hatte Fávru sie genannt, als sie zwei Stunden vor den Wänden den Kopf hob und sagte: „Hört ihr, es heult schon.“

Man hörte nichts. Erst als sie zwischen die Wände kamen, hörte man es, und dann hörte man nichts anderes mehr.

Die Wände formten einen tiefen, gleichmäßigen Ton aus dem Wind, wie ein Rohr einen Ton aus Luft formt. Aratz verstand das aus seinen Physikvorlesungen, und etwa eine Stunde lang beruhigte ihn die Erklärung. Danach saß der Ton unter seinem Brustbein, und er konnte nicht mehr sagen, ob er ihn hörte oder ob er aus ihm selbst hervordrang.

Sie lagerten in einer Nische, halb unter einem Überhang, und Uxue ordnete an, die Gaben zu verdoppeln.

„Das ist gegen Ihre eigene Grenze“, sagte Garazi.

„Die Grenze war für offenes Land.“

Garazi sah in die Kiste und ließ den Blick über die Fläschchen gehen. Dann sagte sie: „Ich habe noch neunzehn.“

„Dann haben wir noch neunzehn.“

Für die Vorgänge dieser Nacht brauchte Aratz sieben Seiten seines Feldbuchs. Anders als die übrigen Aufzeichnungen ließ er diese Seiten später unbearbeitet.

Zum ersten Mal griffen ihre Stimmen ineinander. Njálla begann einen Satz, Pinja beendete ihn, und Fávru wiederholte das Ende, während Suovva schon den nächsten Satz anfing. Elle, die seit Tagen fast nichts gesagt hatte, sprach alle Wörter mit, einen Herzschlag später, wie das Echo einer nahen Wand. Auf Uxues Anweisung hatte Aratz sie zehn Schritte voneinander entfernt hinter Felsvorsprüngen gelagert, sodass keiner einen anderen sehen konnte.

Jeder Satz war vollständig. Ein Zusammenhang zwischen ihnen ließ sich nicht erkennen. Aratz schrieb mit, was er verstand:

Es sitzt nicht.

Man hat es hingesetzt und dann vergessen, und es sitzt seither.

Die Wände sind acht, und die neunte ist die, durch die man sieht.

Es wartet nicht. Warten ist etwas für die, die eine Zeit haben.

Kommt herein und seid viele.

Diesen letzten Satz sagten sie fünfmal.

In derselben Nacht, in der ersten Nachtruhe, träumte Aratz Iragantzaile zum ersten Mal in seinem Leben etwas, das er beim Erwachen nicht als Traum, sondern als Erinnerung behielt.

Er stand in einem Raum mit acht klaren Wänden und wusste, dass er weit unter dem Eis war, obwohl er das Eis nicht sah. In der Mitte lag eine runde, kaum knietiefe Vertiefung mit einem sauber gearbeiteten Rand. Sie war leer.

Mit der widerstandslosen Sicherheit des Träumenden wusste er, dass dort einmal jemand gesessen hatte, gehalten von den vielen, die an ihn gedacht hatten. Aratz selbst dachte nicht an ihn, und deshalb war die Vertiefung leer.

Er erwachte ohne Schrecken und blieb liegen, bis er festgestellt hatte, dass sein Herz ruhig schlug. Dann nahm er im Dunkeln das Feldbuch. Den Traum schrieb er unter Beobachtungen; dass er ihn geträumt hatte, war eine Tatsache. Darunter setzte er, sauber abgetrennt, den Schluss: Der Stoff wirkt offenbar auch auf Unbelastete, sobald genug Belastete beieinanderliegen. Zu prüfen an mir selbst; ich bin das einzige Instrument der Reihe, das schreiben kann.

Er las den Satz noch einmal und fand ihn gut.

Njálla Heaika-bártni ging in der siebenundzwanzigsten Stunde in den Wind hinein.

Er erhob sich, als gehe er an seine Arbeit, und schritt in die Schlucht, dem Ton entgegen. Telmo lief ihm dreißig Schritt nach. Dann blieb er stehen. Später sagte er, der blinde Alte sei schneller gegangen als er.

Uxue trug den Abgang ein und wies an, weiterzugehen. Vier Instrumente genügten, sagte sie. Mit vier habe sie von Anfang an gerechnet.


Aus dem Feldbuch, dritte Eintragung

Reihe Nord, Tag 29. Ödländer, nordwestlich der Schlucht, 533 NZ.

Bestand: 4 (Fávru, Suovva, Pinja, Elle). Ausfälle: 2 (Nr. 5 Issát, Verlust durch Gabe; Nr. 1 Njálla, Verlust durch Abgang).

Seit der Schlucht hat sich die Peilung geändert. Zuvor richteten sich die Betroffenen auf einen Punkt in der Ferne. Jetzt richten sich drei auf die vierte: Nr. 6 (Elle Ravna-gáhtni, Alter 9, jugendlich, geringste Gabe der Reihe).

Das ist erklärungsbedürftig. Als Beobachtung festgehalten: Wir tragen den Zielpunkt seit sieben Tagen auf dem hintersten Schlitten mit uns. Eine Erklärung steht aus.

Es liegt nahe, die Gabe bei Nr. 6 zu erhöhen. Die Meisterin hat es untersagt. Auf Nachfrage erhielt ich die Auskunft, ein Kompass werde nicht schärfer, wenn man ihn erhitze. Ich halte die Auskunft für unvollständig.

– A. Iragantzaile, Aufzeichnender


Das Eisfeld

Am zweiunddreißigsten Tag ging die Sonne nicht mehr auf.

Aratz hatte auch darüber gelesen, darauf gewartet und sich sogar ein wenig darauf gefreut; es gehörte zu den Dingen, die man erlebt haben musste. Nun vollzog es sich fast unmerklich. Der helle Streifen im Süden erreichte den Rand des Landes nicht mehr und blieb am folgenden Tag noch tiefer. In den Wochen danach war vom Morgenwerk nur eine Färbung geblieben, ein tiefes, schmutziges Blau über dem Horizont, von dem Aratz zuweilen nicht wusste, ob er es sah oder sich nur daran erinnerte.

Der Ring blieb. Als breites, mattes Band spannte er sich von Ost nach West, das Hellste am Himmel, und sein Licht lag auf dem Schnee wie ein Wasserfilm. Man konnte darin lesen, wenn man die Schrift kannte. In der dreizehnten Stunde wurde das Band matter. Das Licht wich vom Schnee, die Temperatur sank um zehn Grad, und sechs Stunden lang verschwand das Land in der Schattenruhe. Man lag darin und schlief, ohne beim Erwachen sicher zu sein, ob man geschlafen hatte.

Am achtunddreißigsten Tag kamen sie auf das Eis.

Zuerst war es Firn, dann Schnee, unter dem es hohl klang, und schließlich blankes, blaugraues Eis, über das der Wind den Schnee wie Rauch trieb. Die Schlitten liefen gut, die Tiere schlecht. Ravna führte sie im Zickzack, ohne dass Aratz erkennen konnte, wonach sie sich richtete. Einmal hielt sie eine halbe Stunde lang eine Richtung ein, die ihm eindeutig falsch erschien. Als er sie darauf hinwies, sagte sie: „Ja. Da ist eine Spalte.“

„Ich sehe keine Spalte.“

„Ich auch nicht.“

Sie gingen vier Tage über das Eis. Am fünften blieb Elle stehen.

Sie hatte auf der ganzen Reise wenig gesprochen, im letzten Drittel fast gar nicht mehr, und über sie standen die wenigsten Zeilen in Aratz’ Verzeichnis. Jetzt stieg sie vom Schlitten, ging etwa zwanzig Schritt seitwärts und blieb stehen.

„Hier.“

Uxue kam nach vorn. „Was ist hier?“

„Die Tür“, sagte das Mädchen. Sie sah an sich herunter und stockte. Zum ersten Mal seit dem Njukčajávri erkannte Aratz einen eigenen Ausdruck in ihrem Gesicht: sachliche Verlegenheit. „Nein. Die Tür ist nicht hier. Die Tür ist in mir. Hier ist nur die Stelle, wo ich sie aufmachen kann.“

Sie gruben acht Tage.

Es war die härteste Arbeit der Reise und die einzige, an der alle beteiligt waren. Während Telmo mit dem Beil Stufen ins Eis schlug, schmolz Garazi mit Lampenöl Rinnen hinein. Ravna hatte es wortlos aus ihrer Handelsware zurückgegeben. Aratz hielt die Tiefen fest: zwei Ellen, vier, sieben, elf. Bei elf Ellen stießen sie auf etwas anderes.

Vor ihnen lag eine glatte, fugenlose Fläche von der Farbe nassen Schiefers, weder kalt noch warm. Aratz legte entgegen aller Vorsicht die bloße Hand darauf. Danach schrieb er: Die Fläche hat die Temperatur der Hand, die sie berührt. Sie nimmt sie in weniger als einem Atemzug an. Ich vermag nicht anzugeben, was das heißt.

Am neunten Tag öffnete Elle Ravna-gáhtni die Tür.

Während Telmo noch die Kanten des Schachts abschlug, kniete Elle sich hin und legte die Stirn auf die Fläche. Niemand hatte es ihr aufgetragen. Lautlos verschwand ein Rechteck von der Höhe eines Mannes. Dahinter lag ein Gang. Die Luft, die daraus kam, roch nach nichts. Aratz suchte nach Stein, Alter, Fäulnis und fand keinen Geruch. Garazi hustete.

Pinja Ánde-nieida rollte ihre Häute auf und legte sie am Rand des Schachts nebeneinander, siebzehn Stück. „Das da“, sagte sie und deutete hinein.


San’Galur

Der Gang war zweiundneunzig Schritte lang und stieg leicht an, was Aratz zunächst für eine Täuschung hielt; sie gingen doch abwärts unter das Eis. Er maß mit dem Neigungsstab nach, zweimal. Der Gang stieg. Sein Ende lag höher als der Eingang, und dennoch schienen sie tiefer hineingekommen zu sein.

Er notierte es und ließ es stehen.

Die Kammer, in die sie kamen, hatte acht Wände.

Jede maß elf Schritt und eine Hand. An den Kanten fand Aratz mit dem Fingernagel keine Fuge. Außer ihren Lampen gab es keine erkennbare Lichtquelle, doch der Raum war gleichmäßig hell und warf keine Schatten. Nach einer Weile glaubte er zu verstehen: Die Wände leuchteten nicht selbst, sie gaben das wenige Licht der Lampen vollständig zurück, immer wieder, ohne etwas davon zu verbrauchen. In Kopfhöhe lief ein Band eingeschnittener Zeichen um die Kammer, gestochen scharf. Aratz konnte sie nicht lesen. Er prüfte, ob sie sich bewegten, und fand keine Bewegung. Dennoch schien ihm jedes Mal, sie hätten sich soeben bewegt.

Der Raum war akustisch tot. Man sprach, und das Wort blieb dort stehen, wo man es gesagt hatte, wie ein Gegenstand, den man ablegt. Telmo sagte hinter ihm etwas, und Aratz verstand es nicht, obwohl er drei Schritte entfernt stand.

In der Mitte des Bodens war eine Vertiefung.

Sie war rund, drei Schritt im Durchmesser, kaum knietief und von einem sauber gearbeiteten Rand eingefasst. Aratz stand davor und empfand nichts. Er stellte es fest wie eine Messung, und gerade das gab ihm zu denken: Achtundzwanzig Tage zuvor hatte er in einer Nische unter einem Felsüberhang von diesem Raum geträumt. Jetzt erkannte er dieselbe Vertiefung in derselben Größe wieder. Er fand keine Abweichung.

„Es ist kein Sitz“, sagte Uxue.

Sie war um die Vertiefung gegangen und niedergekniet, um mit dem Handrücken über den Rand zu streichen. Aratz hatte ihr Gesicht auf dieser Reise noch nie so angespannt gesehen.

„Sehen Sie sich die Mulde an. Innen ist nichts abgenutzt – keine Stelle, an der je ein Körper aufgelegen hätte. Abgenutzt ist der Rand, und zwar außen. Ringsum, gleichmäßig.“ Sie hielt die Lampe schräg. „Hier haben Leute gestanden. Sehr viele, sehr lange.“

„Zuschauer“, sagte Garazi.

„Nein“, sagte Uxue. „Zuschauer wechseln die Stelle. Das ist gleichmäßig bis auf zwei Finger.“ Sie richtete sich auf. „Sie haben nicht zugesehen. Sie haben gehalten.“

Sie sprach lange und sehr ruhig, und Aratz schrieb mit, weil er sie auf der Reise noch nie so zusammenhängend gehört hatte. Wenn er die Gedanken jetzt nicht festhielt, würde er sie später kaum so genau wiedergeben können.

Es gebe Dinge, sagte sie, die dadurch seien, dass man sie denke. Eine Grenze zwischen zwei Höfen liege in den Köpfen der Nachbarn und sei dennoch wirklich genug, um Prozesse darum zu führen und Menschen dafür sterben zu lassen. Ein Herr sei ein Herr, weil hinreichend viele ihn als solchen im Kopf hätten. Leerte man ihnen die Köpfe, säße dort ein Mann auf einem Stuhl.

„Und wenn man einem Land, das solch einen Herrn hatte, das Erinnern nimmt“, sagte sie, „dann sitzt er weiter. Aber er sitzt in nichts.“

„Achthundert Jahre“, sagte Aratz.

„Ja.“

„Was tut es in dieser Zeit?“

„Nichts“, sagte Uxue. „Es kann nichts tun. Es hat keinen Ort, an dem es etwas tun könnte. Es hat nur die Stelle, an der es einmal gehalten wurde.“ Sie sah in die leere Rundung. „Deshalb ruft es. Nicht aus Bosheit. Ein Ertrinkender ruft auch nicht aus Bosheit.“

Aratz empfand die Freude an einem sauberen Gedankenbau. Eine einzige, neue Annahme verband die Peilungen mit den Träumen und den dreißig Jahre alten Berichten über den Nebel im Süden. Zwei- oder dreimal hatte er in seinem Leben etwas Ähnliches gefühlt, immer im Lesesaal, immer nachts.

Ravna Máret-gáhtni stand die ganze Zeit an der Wand, wo das Band der Zeichen war, und rührte sich nicht.

Der weiße Rabe war oben am Rand des Schachts geblieben. In all den Stunden hatten sie ihn nicht gehört.


Der Thron

Zwei Tage brauchten sie, um Uxues Versuchsanordnung vorzubereiten. In ihrer Anlage war sie einfach.

Wenn Uxues Annahme zutraf, brauchten sie jemanden in der Vertiefung und genügend Geister, die ihn dort hielten. Für den Rand blieben drei, sobald einer in der Mitte saß. Drei waren wenig. Uxue entschied, wie sie bei der Reihenfolge der Gaben entschieden hatte: Sie begann dort, wo sie den geringsten Widerstand erwartete.

„Nummer sechs“, sagte sie.

„Sie ist die Peilung“, sagte Aratz. „Wenn wir sie verbrauchen, finden wir nichts mehr.“

„Wir haben nichts mehr zu finden.“

Das traf zu. Aratz konnte nichts darauf erwidern. Später störte ihn die Schwäche seines Einwands; er hätte ihn besser begründen können.

Ravna war dagegen.

Sie sagte es einmal, ohne Erregung, im Gang, mit dem Rücken zur Wand. „Nicht sie.“

„Warum nicht?“

„Weil ich sie noch brauche.“

„Wofür?“

Ravna sah zu Elle hinüber und sagte: „Wenn es sie hat, sieht es sie an. Nicht mich.“

Aratz schrieb den Satz erst drei Tage später auf, Wort für Wort. Er hatte ihn bis dahin nicht festhalten wollen und fand auch jetzt keinen Platz dafür unter seinen übrigen Angaben.

Uxue wartete, ob noch etwas käme. Als Ravna schwieg, sagte sie: „Was von Ihrem Preis noch auf den Schlitten liegt, die Wolle und das Salz, bekommen Sie oben zurück. Das Glas liegt am Posten und ist bezahlt.“

Ravna sah Uxue an, dann die freie Stelle vor der Mulde. „Ja“, sagte sie. „Darauf haben wir uns geeinigt.“ Sie trat wieder an die Wand des Gangs und wartete.

Damit war es entschieden.

Am zweiundfünfzigsten Tag, in der zweiunddreißigsten Stunde, setzten sie das Mädchen in die Vertiefung. Uxue wollte die Besinnung nutzen; nach der Lehre von Ezagutza war das Gefüge dann am durchlässigsten. Elle ließ es geschehen. Sie hatte zum ersten Mal eine Gabe von drei Strichen bekommen, und Garazi hatte ihr zuvor Tee gemacht, die Haare aus dem Gesicht gestrichen und sie angewiesen, die Hände in den Schoß zu legen und ruhig zu atmen. Elle hatte die Hände in den Schoß gelegt und ruhig geatmet.

Die drei anderen stellten sie an den Rand: Fávru nach Norden, Suovva nach Südosten, Pinja nach Südwesten. Niemand musste sie zwingen oder ihre Stellung berichtigen. Aratz notierte: Sie stehen, als habe man ihnen endlich gesagt, wo sie hingehören.

Dann geschah eine Stunde lang nichts.

Später erinnerte sich Aratz an diese Stunde besser als an alles, was danach kam. Der Raum ohne Schatten. Das gleichmäßige, dünne Zischen der Lampe. Telmo am Eingang, wie er sein Gewicht von einem Bein auf das andere verlagerte. Garazi auf dem Boden, die Kiste zwischen den Knien; sie summte leise, ohne es zu merken. Uxue mit der Uhr in der Hand. Und der Geruch des verbrannten Öls, der die geruchlose Luft kaum zu streifen schien.

In der zweiten Stunde begann Pinja zu sprechen. Fávru und Suovva fielen ein. Es war der Satz, den sie in der Schlucht fünfmal gesagt hatten: Kommt herein und seid viele. Diesmal sprachen sie in einer Sprache, die Aratz nicht kannte. Er verstand sie trotzdem und schrieb mit fester Hand die Lautfolge nieder, sechs Zeilen. Nur diese sechs Zeilen aus der Reihe Nord wurden später vervielfältigt und weitergegeben.

Dann füllte sich die Vertiefung.

Aratz sah das Mädchen in der Mulde an, und plötzlich saß dort etwas anderes. Er hatte keine Bewegung gesehen, keinen Augenblick, an dem sich der Wechsel hätte festmachen lassen. Es glich einer Zeichnung, in der zwei Gesichter stecken: Eben noch sah man das eine, nun das andere, und das erste ließ sich nicht zurückholen.

Es saß. Der Rücken war gerade, die Hände lagen im Schoß, wie Garazi es angeordnet hatte, und die Schultern waren die schmalen Schultern eines halbwüchsigen Kindes.

Es sah sie der Reihe nach an.

Aratz hatte trotz aller Vorbereitung Furcht erwartet. Stattdessen geschah etwas, für das er auch in den folgenden Jahren kein befriedigendes Wort fand. Im Bericht steht: Die Aufmerksamkeit war vollständig. Für die zwei Herzschläge, in denen es ihn ansah, verlor alles andere an ihm seine Bedeutung: Vergangenheit, Absicht, Name, das Buch in seiner Hand. Er war ganz das, was angesehen wurde. Als der Blick weiterging, saß er auf dem Boden. Er wusste nicht, wie er dorthin gekommen war.

Es sprach nicht sofort. Zuerst zählte es.

Mit der hellen Stimme des Mädchens zählte es in der Sprache der Lithi von eins bis sieben. Bei jedem verweilte sein Blick. Dann hielt es inne und begann von neuem. Wieder sieben. Viermal prüfte es die Zahl, als käme ihm das Ergebnis zu klein vor.

Dann sagte es: „Es sind zu wenige.“

Uxue kniete drei Schritt vor dem Rand nieder und begann zu fragen, klar und gegliedert wie bei ihren Vorträgen in Ezagutza. Wie war die Trennung beschaffen? Wo war sie dünn? Nahm ihre Dichte zu oder ab, und in welchem Maß? Wann würde es geschehen?

Es antwortete auf alles.

Es antwortete bereitwillig und ausführlich; soweit Aratz die Angaben später prüfen konnte, waren sie wahr. Zweimal bat Uxue um Wiederholung, und beide Male fielen wörtlich dieselben Worte, in derselben genauen Ordnung. Aratz schrieb fast zwei Stunden lang mit, bis ihm die Finger klamm wurden, während Garazi ihm die Lampe hielt.

Am Ende sagte Uxue: „Ich brauche eine Zahl.“

„Ich habe keine Zahlen“, sagte es. „Ich habe Erinnerungen. Wenn du eine Zahl willst, musst du dich erinnern.“

„Woran?“

„An mich“, sagte es. „Es sind zu wenige. Bleib und sei einer.“

Uxue Bururtzaile schwieg und sah zu Aratz’ Buch. Dann stellte sie die Uhr auf den Boden und öffnete die Riemen ihres Mantels. Sie ging um die Vertiefung an die freie Stelle im Nordwesten, zwischen Fávru und Pinja. Dort stellte sie sich hin und sah in die Mulde. Die Antwort auf ihre letzte Frage stand noch aus.

Ravna Máret-gáhtni war die Letzte.

Sie hatte im Gang gewartet, eine Schulter an der Wand. Nun trat sie mit geradem, hartem Schritt herein, bis an die Stelle, an der Uxue gekniet hatte. Zwölf Jahre hatte sie darauf gewartet. Laut sprach sie ihren vollen, zeremoniellen Namen: den eigenen, den der Mutter, den der Großmutter und den Sidd, aus dem sie gekommen war, ehe man aufgehört hatte, sie anzusehen. Sie sprach die lange Kette bis zum Ende.

Und es sah sie an.

Einen Herzschlag lang, vielleicht zwei. Aratz saß sieben Schritt entfernt auf dem Boden. Später vermerkte er den Vorgang genau. Ravnas wenige Worte aus dem Gang und das, was er jetzt sah, ließen sich für ihn auch danach nicht zu einer Angabe zusammenfügen.

Das Gesicht der Frau ging auf. Der harte Zug um den Mund, den Aratz auf der ganzen Reise für ihre Art gehalten hatte, löste sich, und ihre Schultern sanken. Unter den unverändert offenen Lidern schienen ihre Augen größer zu werden. Etwas sehr Junges lag bloß in ihrem Gesicht. Sie sah das Mädchen an.

Dann sah es weiter zu Suovva hinüber, um die Zählung zu prüfen.

Ravna stand noch einen Augenblick still. Dann wich sie zurück. Sie sah zur Mulde, wandte sich ab und ging an der Wand entlang, bis sie die nächste Ecke erreichte. Dort kehrte sie um, als suche sie einen Weg, den sie eben noch gekannt hatte. Ihre Lippen bewegten sich. Aratz verstand nur ihren Vornamen, dreimal hintereinander, so wie Kinder ihn aufsagen lernen, wenn im Nebel etwas ohne Gesicht steht. Beim dritten Mal brach er ab. Sie kauerte sich in die Ecke, zog die Knie an und legte die Hände seitlich an den Kopf. Ihre Lippen bewegten sich weiter.

Am Rand standen Fávru, Suovva und Pinja reglos. Uxue stand zwischen ihnen. Als Aratz sie ansprach, antwortete keiner von ihnen. Auch Telmos Ruf brachte sie nicht dazu, sich umzuwenden. Sie blieben dort, als die drei anderen nach der Schattenruhe die Geräte hinaustrugen.


Aus dem Feldbuch, letzte Eintragung

Reihe Nord, Tag 55. Rückmarsch, drittes Lager auf dem Eis, 533 NZ.

Bestand der Reihe: 0. Ausfälle: 6. Davon vier durch den Versuch am Ort verbraucht; Nr. 2, 3 und 4 in regloser Starre zurückgelassen. Nr. 6 verändert, als Instrument nicht mehr verfügbar. Verlust aus der Zelle: 1 (die Seherin; freiwillige Teilnahme, anschließend ohne Reaktion am Ort verblieben).

Ergebnis: Der Ort besteht und ist bezeichnet (Anlage III, Peilung und Tiefenangabe). Die Auskünfte über die Beschaffenheit der Trennung sind vollständig aufgezeichnet (Anlage IV, 61 Seiten). Umfang und Ordnung übertreffen alles, was mir aus den Enklaven bekannt ist. Ihren Wert vermag ich nicht zu bemessen. Ihre Genauigkeit lässt sich prüfen; sie ist hoch.

Zum Verfahren: Die Reihe war zu klein. Sämtliche Schwierigkeiten der letzten sieben Tage gehen darauf zurück, dass wir mit sechs Stück angetreten sind. Erst eine größere Zahl macht die Ausrichtung brauchbar; ein Ort dieser Art verlangt eine Menge, keine Handvoll. Für die zweite Reihe empfehle ich dreißig, mindestens jedoch vierundzwanzig, davon wenigstens acht aus einer Blutslinie.

Zur Beschaffung: Die Führerin hat sechs bereitgestellt, ohne dass ihr Anwerbungskosten entstanden wären. Die Betroffenen werden in ihren Verbänden nicht gehalten und nicht vermisst. Der Preis lag bei 41 Silbermark, überwiegend in Fensterglas. Ich halte diesen Satz für zu hoch. Glas ohne Blasen war der Hebel; Salz und Öl wären zu einem Fünftel des Werts hinzugekommen. Für die zweite Reihe dürften 90 Tafeln und zwei Fässer genügen, um dreißig Stück zu stellen. Voraussetzung ist eine zweite Führerin. Sie zu finden sollte nicht schwierig sein, da die Zahl der Betroffenen den Auskünften zufolge zunimmt.

Ich bitte um Weisung bis zum Frühjahr.

– Aztertzaile A. Iragantzaile, ez’Ezagutza-barne-bat, Aufzeichnender der Reihe Nord


Rückweg

Aratz, Garazi und Telmo traten den Rückweg zu dritt an.

Am zweiten Tag auf dem Eis bemerkte Telmo, dass ihnen jemand folgte.

Es folgte ihnen ohne Schlitten und ohne sichtbare Mühe, etwa dreihundert Schritt entfernt, klein und dunkel gegen den Schnee. In der Schattenruhe kam es näher. Wenn sie unter dem matter werdenden Band lagerten und die Temperatur sank, trat es bis auf dreißig Schritt heran und wartete, bis einer von ihnen wach war.

Dann fragte es. Es fragte immer dasselbe, mit der hellen Stimme des Mädchens, höflich, ohne Ungeduld:

„Wie viele seid ihr?“

Aratz schlief in diesen Nächten wenig. Jedes Mal richtete er sich auf und antwortete wahrheitsgemäß: „Drei.“ Er sah keinen Vorteil in einer Lüge, und ihn interessierte, was es mit der Zahl anfing.

Es nickte jedes Mal und schien zu rechnen, ehe es sich auf seinen Abstand zurückzog und weiter mit ihnen ging. Am elften Tag wurde der schmutzig blaue Streifen im Süden zum ersten Mal wieder heller und die Zugtiere unruhig. Die Gestalt war fort und kam nicht wieder.

Den Rückweg über die Ödländer und den langen Marsch am Waldrand bis zum Njukčajávri handelte Aratz Iragantzaile auf zwei Seiten seines Feldbuchs ab, ungewöhnlich wenig für ihn. Die Aufzeichnungen enden beim letzten Lager vor dem Posten, in der siebzehnten Stunde, als er wach in der Schattenruhe lag und die anderen schliefen.

Der Wind hatte sich gelegt. Unter dem matten Band war der Schnee von einem sehr hellen, gleichgültigen Grau. Ohne Schatten verlor das Land seine Tiefe und lag vor ihm wie eine Fläche, die man von weit oben sieht. Im Süden stand der Wald als schwarzer Strich. Aratz hörte das Blut in seinen Ohren.

Er dachte an das Papier. Auf dem Eis war die Tinte dreimal eingefroren, und einmal hatte die Nässe der Felle eine halbe Seite verlaufen lassen. Für die zweite Reihe brauchte es Graphit statt Tinte und geleimtes Papier statt des glatten; beides musste vor dem Frühjahr bestellt sein, sonst kam es nicht über den Duottar.

Er dachte an die einundsechzig Seiten der vierten Anlage, deren Wert niemand in den Enklaven würde bestreiten können, und daran, dass sein Name in keinem Verzeichnis danebenstehen würde. Er dachte daran, wie wenig das Ganze gekostet hatte.

Zuletzt fiel ihm die Führerin ein, weil sie in die Aufstellung gehörte. Er nahm sich vor, sie nicht unter die Verluste zu setzen, sondern unter die Beschaffung; sie hatte nie zur Reihe gezählt.

Er drehte sich auf die Seite, holte das Buch unter dem Fell hervor und fügte bei dem wenigen Licht eine Angabe hinzu, die in der Anlage noch fehlte: Vor dem Frühjahr musste man in Ezagutza den Preis für Fensterglas erfragen, denn im Herbst hatten zwei Glashütten stillgelegen, und der Satz konnte gestiegen sein.


„Frage nicht, was die Fremden aus dem Süden von uns wollten. Frage, was wir dafür genommen haben. Das ist die kürzere Geschichte, und es ist die, an die sich niemand erinnern will.“ – Eine Splitterseele, deren Namen niemand kennt