Die Beseelten – Kampfschamanen zwischen den Welten

„Ich bin nicht der Krieger. Ich bin der leere Raum, durch den der Krieger spricht.“
— Goavvi Lásse-nieida, Beseelte des Bassi-sidd

Die Beseelten werden im Süden Kampfschamanen genannt. Die Bezeichnung trifft ihre Mittel und verfehlt ihren Zweck. Ein Beseelter sucht keinen Kampf, um sich darin zu beweisen. Er wird gerufen, wenn an einer dünnen Stelle etwas durchbricht, das weder ein gewöhnlicher Jäger noch ein reisender Noaidi zurückhalten kann.

Wo der Noaidi Atem und Geist aus dem Leib sendet, lädt der Beseelte ein anderes Wesen hinein. Für kurze Zeit teilt er Wahrnehmung, Bewegung und Kraft mit einem Ahnen, einem Tiergeist oder einem als Bote der Bajasdolgi verstandenen Gegenüber. Der Kampf ist die sichtbarste Folge dieser Verbindung, doch nicht ihre einzige. Beseelte suchen Vermisste, schließen gefährliche Übergänge und verhandeln mit Wesen, die auf einen körperlosen Reisenden nicht antworten würden.

Ursprung aus nackter Notwendigkeit

Die ältesten Beseelten-Erzählungen beginnen nach dem Aufstieg der Bajasdolgi. Übergänge blieben offen, vertraute Schutzrituale genügten nicht, und einzelne Noaidi ließen Geistwesen in den eigenen Leib treten, statt ihnen im Saivobak entgegenzureisen. Erst viele Generationen später wurden daraus wiedererkennbare Lehrlinien. Einen Gründungsort, einen ersten Meister oder eine für alle Sidd gültige Ordnung kennt die Überlieferung nicht.

Lange galten Beseelte als seltene Antwort auf seltene Gefahren. In den Jahrzehnten vor der zweiten Himmelsgleiche treten mehr Anwärter hervor, und ältere Beseelte werden häufiger von einem Sidd zum nächsten gerufen. Niemand weiß, ob die Tradition erstarkt oder nur die Not wächst, die sie braucht.

Der Weg zur Berufung

Die Beseelten besitzen weder Orden noch Rangfolge. Ein Anwärter wird innerhalb seines Sidd von einem erfahrenen Beseelten und mindestens einem Noaidi begleitet. Er muss kämpfen können, doch wichtiger ist, unter Schmerz, Erschöpfung und fremder Nähe den eigenen Namen zu behalten. Wiederkehrende Träume, körperliche Zeichen oder übereinstimmende Visionen mehrerer Noaidi können einen Kandidaten bezeichnen. Die letzte Zustimmung wird dem Geist zugeschrieben, der die Verbindung eingeht.

Die Lehrzeit folgt keinem festen Kalender, wohl aber einer erkennbaren Folge:

Abschnitt Was gelernt wird Woran Lehrende ein Scheitern erkennen
Leib Ausdauer, Fall, Speer, Messer und Bewegung mit der Herde Der Anwärter bekämpft Erschöpfung, statt sie rechtzeitig wahrzunehmen.
Name Joik, Abstammung und Erinnerungsanker unter Trance bewahren Fremde Bilder werden für die eigenen gehalten.
Nähe Einen Geist wahrnehmen, ohne ihn einzuladen Der Anwärter öffnet sich aus Neugier oder Stolz.
Vereinigung Einladung, geteilte Bewegung und rechtzeitige Trennung Einer der Beteiligten gibt den Leib nicht wieder frei.

Manche brechen die Lehre ab und kehren in ihren Alltag zurück. Andere bleiben nach einer misslungenen Vereinigung verändert. Darüber wird nicht als Schande gesprochen, wohl aber mit Vorsicht: Eine ungeschlossene Verbindung kann Jahre später wieder aufbrechen.

Kampf in zwei Welten

Die Lehrnamen unterscheiden sich zwischen den Sidd. Vier Wirkungen kehren in Erzählungen und Berichten jedoch regelmäßig wieder:

Technik Wirkung
Frostkampf Kälte sammelt sich um Griff und Glieder des Gegners; Bewegungen werden schwer und brüchig.
Windstoß Ein kurzer Antritt oder Richtungswechsel wird schneller, als der eigene Leib ihn allein leisten könnte.
Steinkörper Haut und Haltung nehmen für wenige Schläge die Beharrlichkeit von Fels an.
Strahlenschwung Speer- oder Messerbewegung reicht über die sichtbare Spitze hinaus in das Saivobak.

Keine dieser Wirkungen gilt als Technik, die unabhängig vom Geist abgerufen werden könnte. Der Beseelte stellt Leib, Waffe und erlernte Bewegung bereit; sein Gegenüber verändert, was dadurch möglich wird. Ein Speer bleibt deshalb die häufigste Waffe: Er schafft Abstand, taugt zur Jagd und lässt sich im Schnee als Grenzzeichen setzen.

Je tiefer die Vereinigung reicht, desto schwerer wird es, gleichzeitig in Dalvebak und Saivobak zu handeln. Manche Beseelte dienen nur wenige Jahre, andere setzen ihre Verbindung selten ein und bleiben lange tätig. Nicht die Zahl der Kämpfe entscheidet allein über den Preis, sondern wie viel Eigenes bei jeder Öffnung verloren geht.

Die Vereinigung – Verschmelzung mit dem Anderen

Die vollständige Vereinigung beginnt mit einer Einladung. Der Geist wird nicht gebunden, der Beseelte nicht besessen; beide stimmen einem zeitweiligen gemeinsamen Leib zu. Ein begleitender Noaidi hält den Joik des Beseelten und beobachtet, welche Stimme antwortet.

Während der Öffnung werden die Grenzen des eigenen Körpers durchlässig. In der eigentlichen Vereinigung lassen sich zwei Bewegungen nicht mehr trennen. Ein Arm greift mit menschlicher Absicht und fremder Erinnerung, die Augen sehen Dalvebak und Saivobak zugleich. Kraft, Schnelligkeit und Widerstand können weit über das gewöhnliche Maß hinausgehen; ebenso kann der Beseelte körperlose Wesen treffen oder Wissen seines Partners nutzen.

Die Trennung muss erfolgen, bevor der gemeinsame Zustand sich selbst für vollständig hält. Danach folgen Zittern, Fieber, fremde Träume und Erinnerungslücken. Wiederholte oder zu lange Vereinigungen hinterlassen bleibende Narben. Manche Beseelte verlieren Jahre ihrer Lebensspanne, manche eine Fertigkeit, eine Erinnerung oder die Gewissheit, welcher Impuls der eigene war.

Schutzgeister – Partner zwischen den Welten

Die Lithi unterscheiden drei häufige Gegenüber. Ob diese Ordnung deren wahre Natur trifft, behaupten selbst die Beseelten nicht.

Ahnengeister tragen erlernte Bewegungen und die Erinnerung früherer Gefahren. Die Bindung bleibt meist in einer Familie und verändert den Leib nur wenig. Gerade ihre Vertrautheit ist riskant: Ein Beseelter kann aufhören, zwischen ererbtem Rat und eigenem Willen zu unterscheiden.

Tiergeister teilen Wahrnehmung und Bewegungsweise. Bär steht für Kraft und Widerstand, Wolf für Ausdauer und abgestimmtes Handeln, Adler für weite Sicht, Rentier für Beharrlichkeit und Wegsicherheit. Augen, Zähne, Stimme oder Gang können sich während der Vereinigung verändern und erst Stunden später zurückbilden.

Bajasdolgi-Aspekte, oft Kriegsfragmente genannt, erscheinen als Eis, Wind, Stein oder Blitz und sprechen selten mit einer erkennbaren persönlichen Stimme. Ob sie tatsächlich Teile eines Bajasdolgi, seine Boten oder nur Kräfte in vertrauter Gestalt sind, bleibt offen. Die Verbindung ist selten und gilt als die gefährlichste, weil der Beseelte kaum ein Gegenüber findet, mit dem er um die Trennung verhandeln kann.

Pflege der spirituellen Bande

Nach einer Vereinigung sitzt ein erschöpfter Beseelter am Feuer; zwei Angehörige halten seine Hände und sprechen mit ihm, während er sie aufmerksam ansieht.

Die erste Bindung entsteht in mehrtägiger Trance. Danach wird sie zu den Zeichen des Jahres erneuert, die für Geist und Sidd Bedeutung tragen; ein starres Jahresdatum kennen die Lithi nicht. Nach jeder Vereinigung folgen Dank, Reinigung und eine gemeinsame Prüfung der Erinnerungen. Am Lebensende löst ein Trennungsritual den Bund, damit weder Mensch noch Geist den anderen über den Tod hinaus festhält.

Die Zeichen der Verwandlung

Manche Beseelte tragen eine ungleiche Färbung der Augen, ungewöhnliche Pigmentmuster oder feine Adern, die während starker Erregung schimmern. Solche Zeichen beweisen keine bestimmte Bindung. Empfängliche berichten außerdem von leisem Rauschen, flimmernder Luft oder einer örtlichen Kälte. Die sichtbaren Veränderungen während einer Vereinigung sind deutlicher und folgen meist dem eingeladenen Geist.

Kehrt eine Tiergestalt nicht vollständig zurück, sprechen die Lithi von einer ungeschlossenen Sache. Aus solchen Linien gehen bisweilen Tiergewandete hervor, bei denen die Offenheit für eine Gestalt über Generationen wiederkehrt. Sie gelten nicht mehr als Beseelte; ihr Zustand wird je nach Sidd als Bürde, Schutz oder beides getragen.

Zwischen zwei Welten – Die gesellschaftliche Rolle

Ein Beseelter bleibt Mitglied seines Sidd, jagt, hütet, heiratet und spricht in der Versammlung. Dennoch liegt sein Schlafplatz oft am Rand des Lagers, wo eine nächtliche Veränderung andere weniger gefährdet. Vor Entscheidungen über dünne Orte wird er gehört; bei Fragen, die seine eigene Bindung betreffen, überlässt er die Entscheidung meist dem Sidd.

Die Distanz ist kein Ausschluss. Nach einer Vereinigung sitzen Angehörige bei ihm, erzählen gemeinsame Erinnerungen und widersprechen, wenn er eine fremde für die eigene hält. Identität wird nicht durch einsame Willenskraft bewahrt, sondern durch Menschen, die wissen, wer vor der Öffnung am Feuer saß.

Das Verhältnis zu den Schamanen

Noaidi reisen zu Geistern; Beseelte lassen Geister zu sich kommen. Daraus folgt eine enge Abhängigkeit. Der Noaidi prüft das Gegenüber, hält während der Vereinigung den Rückweg offen und hilft danach, Fremdes vom Eigenen zu lösen. Der Beseelte schützt umgekehrt den ruhenden Leib eines Noaidi und kann dort handeln, wo eine Reise allein nicht genügt.

Legenden und lebende Meister

Ánde Guolban-bártni, der Grenzbeschützer, verschwand vor etwa fünfzig Jahren auf einem Grenzgang. Sein Adlergeist soll ihm erlaubt haben, einen Felsen zu durchschreiten; ob Ánde darin starb, nach Saivobak gelangte oder noch immer einen Übergang bewacht, ist ungeklärt.

Válvi Iŋgá-gáhtni, die Seelenfinderin, wirkt im Guovssahas-sidd. Sie bindet sich nacheinander an fünf Ahnen und sucht mit deren verschiedenen Erinnerungen nach Verlorenen. Andere Beseelte halten diese Mehrfachvereinigung für einen langsamen Tod. Dennoch kommen Lernende aus mehreren Sidd zu ihr.

Issát Uvná-álggi, der Eiswandler, ist an eine Macht gebunden, die seine Lehrer als Aspekt eines Bajasdolgi deuten. Seine Gewalt über Eis und Kälte übertrifft während der Vereinigung alles, was ältere Beseelte kennen. Manche sehen darin ein Zeichen für die Himmelsgleiche; andere fürchten, dass die Bindung stärker ist als ihr Träger.

Werkzeuge zwischen den Welten

Die Ausrüstung der Beseelten hält Bindung, Rückweg und körperlichen Kampf zusammen:

Artefakt Funktion
Geistspeer Speer mit Zeichen der Bindung; trifft ein Gegenüber auch im Saivobak.
Klangtrommel Kleine Handtrommel; hält Atem und Bewegung in einem vereinbarten Rhythmus.
Bindungsschlingen Gewebte Bänder; bezeichnen für kurze Zeit eine Grenze um Geist oder Leib.
Körpersiegel Bemalung mit Namen, Joik-Zeichen und Rückwegen; schützt die eigene Gestalt.

Jedes Stück wird für einen Träger gefertigt. Ein fremder Geistspeer bleibt eine brauchbare Waffe, doch seine Zeichen kennen weder den Namen noch den Rückweg dessen, der ihn führt.

Bewahrung des Erbes

Die Lehre wird in Geistererzählungen bewahrt. Was Außenstehende als Heldentat hören, enthält für einen Anwärter Anweisungen: an welcher Stelle der Kämpfer seinen Namen spricht, wann ein Trommelschlag aussetzt, welche Bewegung zeigt, dass der Geist die Trennung verweigert. Vollständig werden diese Fassungen nur unter Beseelten und ihren Begleit-Noaidi erzählt.

Vier Verpflichtungen kehren in allen Lehrlinien wieder: Der Sidd geht der eigenen Sicherheit vor. Auch einem feindlichen Geist wird mit der richtigen Anrede begegnet. In natürliche Vorgänge wird nur so weit eingegriffen, wie Schutz es verlangt. Und keine geliehene Kraft darf mit dem eigenen Wert verwechselt werden.


Mit jedem dünneren Übergang wächst die Bedeutung der Beseelten. Ebenso wächst die Gefahr, dass sie zu oft gerufen und zu tief geöffnet werden. Ein Beseelter schützt die Grenze, indem er sie im eigenen Leib aufhebt. Darin liegt seine Kraft, und darin liegt der Grund, weshalb nach jedem Sieg zuerst geprüft wird, wer zurückgekehrt ist.