Die Valvar – Herrschaft und Sturz im Norden
„Wir hatten nicht vor, sie zu erniedrigen. Wir hatten nur nicht bedacht, dass ein Gott, der sich wehrt, aufhört, ein Gott zu sein — und dass jene zusahen, die ihn dafür gehalten hatten.“
— Aus den Traumtagebüchern der Vajal, erste Niederschrift
Was im Norden herrschte
Im hohen Norden, wo das Duottar-Gebirge den Himmel durchstößt, herrschten die Valvar: Verkörperungen des Winters, deren Leiber aus Eis, Schnee und verdichtetem Atem hervortraten. Drei oder fünf Meter konnten sie messen, doch ihre Gestalt hielt keine feste Grenze. Manche ragten als Masse aus gesplittertem Eis und Frostnebel auf und neigten sich über einen Menschen wie eine Wächte über den Grat, andere gingen als Schneesturm über eine Ebene, wieder andere ließen das Sternenlicht durch sich hindurchscheinen. Wer ihnen begegnete, sah nicht bloß ein mächtiges Wesen. Er stand in einer Kälte, die ihn kannte.
Die Valvar waren mit dem Land verbunden, nicht bloß in ihm ansässig. Sie rückten Gletscher, ließen Hallen aus gefrorenem Grund wachsen und sprachen durch das Knarren des Eises, durch Sturm und durch jene Stille, die einem Schneefall vorausgeht. Von allen Wesen, die vor dem Aufstieg auf Weraldiz lebten, ließen sie sich am wenigsten von ihrem Gebiet lösen. Gerade darum wurde der Norden zum schwierigsten Schauplatz des argitarischen Plans und ihr Sturz zum gewaltsamsten Teil des Aufstiegs.
Neun Großsippen und ein Konzil
Die Valvar gliederten sich in neun Großsippen. Jede folgte einem Ältesten, dessen Verfügung über Jagdgründe, Wege und Menschen für die Vasallen nur göttlich heißen konnte. Untereinander traten diese Ältesten im Stuoraolbmot zusammen. Dort befahl keiner dem anderen; jeder war an Schuld, Gegengabe und die Zustimmung der übrigen gebunden. Was von unten wie neun Throne erschien, war von innen ein Kreis von neun Sitzen.
Ihre Rangordnung wurde nicht vornehmlich im Krieg entschieden, sondern in rituellen Schauspielen gezeigt und bestätigt. Ein dichtes Geflecht aus Schuld und Gefallen reichte über Generationen. Die Valvar hielten es in ihrer Schrift Calbmegiella fest, in Eis und Kristall bewahrten Zeichen, die nur unter bestimmtem Licht lesbar wurden. In den Höhlen des Traumbergs stehen solche Zeichen noch an den Wänden. Niemand liest sie mehr; dennoch wird dort bisweilen über Dinge gestritten, deren alte Form noch im Gestein wartet.
Die menschlichen Vasallen
Die Menschen des Nordens dienten den Valvar als Vasallen und Verehrer. Einige Winterherren lehrten frühe Schamanen, gewährten Schutz oder einen begrenzten Zugriff auf ihre Macht. Andere forderten Opfer, machten Familien voneinander abhängig und formten die Menschen nach ihrer Laune. Beides bestand zugleich. Darin lag die Schwierigkeit jeder späteren Rechtfertigung: Der Norden litt unter seinen Herren, verehrte sie, verdankte ihnen Wissen und Ordnung und besaß kaum einen Begriff dafür, dass diese Bindung Herrschaft sein könnte.
Die Vorbereitung des Aufstiegs scheiterte hier darum beinahe an ihrem ersten Schritt. In Auwharin fanden die Argitari Verbündete unter den acht Aus’Harringer Stämmen, im Süden arbeiteten sie mit örtlichen Anführern. Im Norden fanden sie fast niemanden. Die Bindung an die Valvar war nicht milder als anderswo; sie reichte nur tiefer, bis in Jagd, Erinnerung und die Vorstellung davon, wie ein Tag überhaupt zu ordnen sei.
Der Sturz
Die Valvar erkannten die Absichten der Argitari früher als die meisten anderen Wesen. Sie riefen ihre menschlichen Anhänger gegen die Eindringlinge zusammen. Was andernorts verborgen und genau abgestimmt verlief, wurde im Norden offen ausgetragen. Die Argitari legten ihre friedliche Maske ab, und die Verbannung traf die Valvar vor den Augen der Menschen, die sie angebetet hatten.
Die Menschen sahen den Sturz am Winter selbst. In den Hallen knarrte das Eis ohne Pause, höher und schneller, als es je einer gehört hatte. Stürme fielen mitten im Lauf in sich zusammen. Reif kroch bis an die Lager der Vasallen heran, über Schwellen und Schlitten, und legte sich auf ihre Hände, als suche die Kälte Halt bei denen, die sonst bei ihr Schutz gesucht hatten. Manche Valvar entkamen, andere wurden nach Barkuz gerissen; wo zwei von ihnen ein Tal geteilt hatten, ging danach nur noch ein Sturm darüber hin. Für ihre Vasallen lag der Schrecken nicht allein im Verlust, sondern in der Entgöttlichung dessen, worauf ihr Weltbild geruht hatte: Wesen, die nicht fallen konnten, fielen. An einem einzigen Tag wurde sichtbar, dass ihre Herren verwundbar waren.
Was danach blieb
Unter den engsten Anhängern häuften sich Selbsttötungen. Viele verfielen in Apathie oder Katatonie; Sippen, die ihre Pflichten stets aus der Beziehung zu einem Valvar verstanden hatten, konnten weder Wanderung noch Versorgung verlässlich ordnen. Der Norden verlor nicht nur seine Herren. Er verlor die Sprache, in der er den Verlust hätte fassen können.
Damit standen die Argitari vor dem Schaden ihres eigenen Vorhabens. Der Schleier des Vergessens wurde im Norden deshalb dichter gewoben als irgendwo sonst. Er setzte die Bajasdolgi an die Stelle der Valvar und ließ zwölf Vajal zurück, um diese neue Geschichte zu halten. Der Eingriff rettete Leben. Er nahm ihnen zugleich die Möglichkeit, zu wissen, was geschehen war.
Von den Valvar selbst blieb in der Gegenwart kein Name, keine Gestalt und kein Bericht, den ein Lithi als ihre Geschichte erkennen könnte. Die Berge, in denen sie wohnten, gelten weiter als heilig. Bräuche werden geübt, deren Anlass fehlt. Und unter vielen Erzählungen liegt eine Schwermut, die keinen Gegenstand mehr zu haben scheint.
„Frag einen Noaidi, warum sein Volk den Winter nicht fürchtet, sondern grüßt. Er wird dir eine schöne Antwort geben, und sie wird nicht die richtige sein. Die richtige hat man ihm genommen, ehe seine Urgroßmutter geboren wurde.“
— Aus den versiegelten Aufzeichnungen des Egiaren Zirkulua