Führung
„Wenn die Versammlung der Zelte zusammentritt, hat jede Stimme ihr Gewicht. Wir hören auf die Alten wegen ihrer Weisheit, auf die Jungen wegen ihrer Kraft, und auf die Noaidi wegen ihrer Verbindung zu den Bajasdolgi. Nur im Zusammenklang all dieser Stimmen finden wir den richtigen Weg.“
— Duolmma Ánde-bártni, Ältester des Guovssahas-sidd, bei der Versammlung der Zelte im Frühjahr
Eine Gesellschaft ohne Könige
Die Lithi kennen keine zentralisierte Herrschaft. Ihre Ordnung entsteht aus Ältestenräten, Versammlungen und dem Rat der Noaidi. Sie verlangt Einmütigkeit, wo andere Völker einen Befehl erwarten.
Die Ordnung passt sich den Wegen der Herden an und hält dennoch Verbindung über weite Distanzen. Südliche Besucher halten sie bisweilen für Ordnungslosigkeit, weil niemand allein für alle sprechen kann. Für die Lithi liegt ihre Festigkeit gerade darin: Verpflichtungen gehören keinem Einzelnen.
Führung innerhalb der Sidd
Die grundlegende Einheit ist der Sidd. Führungsrollen entstehen dort nicht durch Wahl oder Erbfolge, sondern wachsen aus Lebenserfahrung und bewiesener Urteilskraft.
An der Spitze stehen der Sprecher und die Sprecherin. Sie koordinieren die täglichen Arbeiten, entscheiden über Wanderrouten und Lagerplätze, vermitteln bei Konflikten und vertreten ihren Verband nach außen. Ihre Position ist weniger ein Amt als die Anerkennung dafür, dass sie Einigkeit herstellen können.
Daneben übernimmt jemand für begrenzte Zeit die Führung einer bestimmten Aufgabe: einer Jagdexpedition, der Herden während der Kalbung oder eines größeren Handwerksvorhabens. Wer die Aufgabe am besten beherrscht, führt sie an; ist sie erledigt, endet die Rolle ohne Aufhebens. Dieselbe Person kann im selben Jahr mehrfach führen oder gar nicht.
Eine dauerhafte Ausnahme bildet der Rentiermeister. Er wacht über Zucht, Schlachtung und Bewegungen der Herde, und weil Rentiere als Bindeglieder zwischen Menschen und Geistern gelten, umgibt diese Aufgabe ein stiller spiritueller Rang, der über das praktische Können hinausgeht.
Die ältesten Mitglieder bilden den Ältestenrat. Zweiundzwanzig Winter gelten als Schwelle, doch das Alter genügt nicht. Aufgenommen werden frühere Führungspersonen und besonders geachtete Mitglieder. Der Rat tritt bei schwierigen Fällen zusammen, bewahrt Erinnerung und sucht Übereinkunft statt Abstimmung. Das kann Stunden oder Tage dauern.
Wenn die Zelte zusammenkommen
Die Versammlung der Zelte bringt mehrere Sidd für gemeinsame Angelegenheiten zusammen. Nach dem Aufbruch werden Routen abgestimmt. Unter der Mitternachtssonne kommen die größten Gruppen zusammen; dann werden Ehen geschlossen, Jugendliche durch ihre Prüfung geführt und weitreichende Fragen beraten. Weitere Versammlungen bereiten auf den Winter vor oder geben den langen Gesprächen in der Dunkelheit Raum.
Der Ablauf ist festgelegt und lässt dennoch Spielraum. Nach der förmlichen Begrüßung der ankommenden Sidd berichtet jede Führungsperson über die Ereignisse seit dem letzten Treffen. Erst danach werden die anstehenden Fragen aufgerufen, und zwischen Erörterung und Entscheidung liegt stets eine Phase der Stille, oft von Trommeln begleitet. Eine Abschlusszeremonie mit Joik-Gesängen und Opfergaben besiegelt das Ergebnis.
Entschieden wird nach dem Prinzip der Einmütigkeit. Man verhandelt so lange, bis eine Lösung gefunden ist, mit der alle leben können. Das kostet Zeit, führt aber zu Beschlüssen, die nicht bei der ersten Belastung zerbrechen.
Die besondere Stellung der Noaidi
Die Noaidi stehen neben diesen Rollen. Sie sind weder Sprecher noch bloße Berater. Ihr Rat berührt Fragen, deren Folgen ein Sidd nicht allein an sichtbaren Dingen messen will.
Sie deuten Omen, Träume und Zeichen, vermitteln als neutrale Dritte und bewahren altes Wissen, das in den schnellen Wortwechseln einer Versammlung untergehen würde. Bei größeren Zusammenkünften treffen sich die anwesenden Noaidi als eigener Schamanenrat, meist an einem heiligen Ort in der Nähe, um die geistigen Folgen der anstehenden Entscheidungen zu erörtern.
Ihre Ratschläge sind nicht bindend. Ihre Autorität erwächst allein aus dem Vertrauen der Gemeinschaft – ein Vertrauen, das immer wieder neu bestätigt werden muss.
Das Gewicht der Stimme
Jeder Lithi besitzt eine Stimme, doch ihr Gewicht ist nicht überall gleich. In Fragen der Jagd wiegen erfahrene Jäger schwerer, in geistlichen Fragen die Noaidi, in Angelegenheiten der Zucht die Rentiermeister. Dieses bewegliche System erkennt an, dass verschiedene Menschen verschiedene Bereiche überblicken, ohne daraus eine dauerhafte Rangordnung zu machen.
Das Stimmversprechen erlaubt es, die eigene Stimme zeitweise einem anderen anzuvertrauen – vor Zeugen erklärt und durch ein persönliches Amulett besiegelt. Es gilt als große Ehre und als schwere Verantwortung.
Der härteste Verlust ist die Stimmlosigkeit, der zeitweilige Entzug des Rederechts in Versammlungen. Ausschluss aus dem gemeinsamen Gespräch trifft eine Gesellschaft, die auf Zeugenschaft angewiesen ist, schwerer als jede Geldstrafe. Die meisten Fälle enden mit Versöhnungsritualen und Wiederaufnahme.
Streit und Versöhnung
Eine Gesellschaft ohne Zwangsmittel muss vor allem darin geschickt sein, Streit gar nicht erst entstehen zu lassen. Die Teilungsrituale für Jagdbeute und Sammelgut lassen keinen Zweifel daran, wem was zusteht; Partnerschaften gegenseitiger Verpflichtung binden verschiedene Sidd aneinander; und die informellen, aber genau bekannten Landnutzungsabkommen regeln, wer wann welches Gebiet beweidet.
Bricht dennoch ein Streit aus, vermittelt ein neutraler Dritter – oft ein Noaidi oder ein Ältester eines unbeteiligten Sidd. Beide Seiten stellen ihre Sicht ohne Unterbrechung dar, der Vermittler sucht nach der Ursache dahinter, und eine sichtbare Handlung der Versöhnung besiegelt die Lösung. Zwischen ganzen Sidd ist der Weg aufwendiger: Man trifft sich an einem neutralen Ort, Noaidi beider Seiten führen ein Reinigungsritual durch, die Redezeiten sind streng geregelt, und das Ergebnis wird mündlich festgehalten und durch rituelle Gesten bekräftigt – ein Abkommen, das in den Erinnerungen aller Anwesenden aufbewahrt wird.
Bei schweren Verstößen gegen die Überlieferung wird eine außerordentliche Versammlung der Zelte einberufen. Der Beschuldigte darf sich verteidigen und Zeugen aufrufen, die Versammlung erörtert den Fall, und die Folgen reichen von symbolischer Wiedergutmachung bis zur Ausgrenzung – der schwersten Strafe in einer Gesellschaft, in der Gemeinschaft Überleben bedeutet. Wo diese Wege nicht greifen, hilft die Entfernung: Die Beteiligten wandern künftig in verschiedenen Gruppen.
Was einen guten Anführer ausmacht
Drei Eigenschaften schätzen die Lithi an ihren Führungspersonen besonders. Ausgewogenheit ist die Fähigkeit, verschiedene Sichtweisen gegeneinander abzuwägen und Entscheidungen an ihren langfristigen Folgen zu messen. Stille meint das Vermögen zuzuhören statt zu sprechen und ein Urteil zurückzuhalten, bis es reif ist. Teilen zeigt sich darin, eigene Mittel und eigenes Wissen der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen, statt daraus Vorteil zu ziehen.
Für die Lithi sind diese Werte keine Tugendlehre, sondern Überlebensrechnung: Wer im Norden eine Gemeinschaft spaltet, gefährdet sie.