Die dreischichtige Welt
„Barkuz ist nicht einfach ein Ort am Himmel. Es ist die Wohnung der Bajasdolgi, der Ahnen und der ungeborenen Seelen. Von dort strömt die Weisheit wie Licht von den Sternen.“
— Mihkkál Ruovdi-bártni, Noaidi des Jávri-sidd, zu seinen Schülern
Für die Lithi besteht die Welt in drei Schichten. Sie liegen weder sauber übereinander noch voneinander entfernt. Dalvebak kann sich in einem tiefen See zum Saivobak öffnen; ein Nordlicht kann Barkuz bis an ein Winterlager herantragen. Die drei Namen bezeichnen deshalb nicht bloß Orte, sondern verschiedene Weisen, in denen dieselbe Wirklichkeit erfahren wird.
| Schicht | Wörtliches Bild | Was dort Bestand hat | Gewöhnlicher Zugang |
|---|---|---|---|
| Dalvebak | Winterland | Leib, feste Formen, gerichtete Zeit | Wachen und körperliches Leben |
| Saivobak | Seenwelt | Geister, Erinnerungsabdrücke, wandelbare Landschaften | Traum, Trance und heilige Gewässer |
| Barkuz | der Ring und die Obere Welt | Ahnen, Bajasdolgi, ungeborene Seelen | tiefste Reise, Nordlicht und Tod |
Die drei Ebenen
Dalvebak, das Winterland, ist die Welt des Gewichts und der Folgen. Hier friert eine ungeschützte Hand, hier muss eine Herde fressen, hier hinterlässt jeder Schritt eine Spur. Formen bleiben verlässlich genug, dass Menschen handeln und einander unterscheiden können. Wer Dalvebak die niedrigste Welt nennt, meint damit keine Geringschätzung. Ohne seine Festigkeit gäbe es nichts, woran eine Beziehung sich bewähren könnte.
Saivobak, die Seenwelt, ist die mittlere und beweglichste Schicht. Dort wohnen Natur-, Tier- und Ortsgeister, dort hinterlassen Ereignisse Abdrücke, und dort begegnen die Noaidi den meisten ihrer Gegenüber. Gedanke und Gefühl verändern den Weg: Wer in Furcht eintritt, kann eine Landschaft finden, die aus dieser Furcht Gestalt annimmt. Ein Wald wird zum Ufer, eine Stimme zum Pfad, ein verlorener Name zu einer verschlossenen Hütte.
Die tiefen Saivo-Seen gelten als seine Tore. Wasservögel bewegen sich in den Erzählungen mühelos zwischen beiden Seiten, weil sie auf dem Land gehen, auf dem Wasser treiben und in den Himmel steigen. Die meisten schamanischen Reisen bleiben in den bekannten Regionen dieser Welt, deren Wege und Gefahren von Lehrer zu Schüler weitergegeben werden.
Barkuz ist zugleich der sichtbare silberne Ring und die Obere Welt. Ein südlicher Gelehrter mag darin zwei verschiedene Bedeutungen sehen; für die Lithi ist der Ring gerade deshalb am Himmel sichtbar, weil die Obere Welt die stoffliche berührt. Dort wohnen die Ahnen und die Bajasdolgi, dorthin ziehen Erinnerungen und von dort kommen manche Träume.
Berichte von Reisen bis Barkuz widersprechen einander. Manche Noaidi sprechen von einem Licht, in dem alle Augenblicke zugleich stehen. Andere hörten die Stimmen ihrer ungeborenen Nachkommen oder erlebten das eigene Ich nur noch als Ton in einem größeren Joik. Solche Aussagen werden nicht zu einer festen Lehre geglättet. Wer weit genug gereist ist, um sicher zu klingen, gilt eher als jemand, der besonders gründlich geprüft werden muss.
Mailmmuur — Das fortwährende Weben
Mailmmuur heißt das fortwährende Weben, in dem die drei Schichten einander hervorbringen. Es ist kein Wesen hinter der Welt und kein Stoff, aus dem sie gemacht wäre. Der Begriff bezeichnet das Geschehen selbst: Menschen und Herde verändern einander; ein Ort formt die Geschichten, die an ihm erzählt werden; die Erzählungen bestimmen, wie die nächste Generation den Ort betritt.
In Dalvebak wird Mailmmuur an Folgen sichtbar. Wärme entsteht am gemeinsamen Feuer, Trauer an der Stelle eines fehlenden Menschen, ein Sidd in den Verpflichtungen seiner Mitglieder. Im Saivobak treten diese Beziehungen als Wege, Gestalten und Klänge hervor. Über Barkuz sprechen die Noaidi nur in Bildern: Dort, heißt es, webt der Faden den Weber, und der Joik singt den Sänger.
Darum reist ein Noaidi nicht wie ein Wanderer über eine unberührte Straße. Furcht, Erinnerung und Begleiter wirken am Weg mit. Jede Begegnung verändert beide Seiten, auch wenn nur eine von ihnen mit einer Antwort zurückkehrt.
Die drei Seelen
Weil die Welt dreifach ist, unterscheiden die Lithi auch am Menschen drei Seelenaspekte. Sie sind keine getrennten Bewohner desselben Leibes, sondern nur gemeinsam eine Person.
| Seelenaspekt | Natur und Funktion |
|---|---|
| Lebenskraft | Atem, Herzschlag und Körperwärme; nicht allein persönlich, sondern mit allem Lebenden geteilt |
| Atem/Geist | Träger von Bewusstsein und Eigenart; kann in Traum und Trance den Leib verlassen |
| Erinnerung | das in Beziehungen geformte Leben; bleibt nach dem Tod zunächst bei den Lebenden |
Im Tod löst sich ihr Zusammenwirken. Die Lebenskraft sinkt zur Erde und in andere lebende Dinge. Atem und Geist ziehen durch Saivobak; Grabbeigaben und der Ruf des Noaidi weisen ihnen den Weg. Die Erinnerung bleibt bei den Lebenden, solange sie erzählt und gejoikt wird, und steigt nach der Trauerzeit zu den Ahnen in Barkuz auf.
Darum ist ein Verstorbener weder vollständig fort noch unverändert anwesend. Er kann im Traum raten, an einem See gehört oder während eines Nordlichts erkannt werden. Doch jede solche Begegnung muss gedeutet werden: Auch Sehnsucht kennt die Stimme eines Toten.
Zugänge zwischen den Welten
An bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten werden die Grenzen dünn. Saivo-Seen mit ihrem doppelten Boden öffnen sich zum Saivobak. Heilige Berge reichen nach Auffassung der Lithi mit ihren Gipfeln in die obere Schicht. Sieidi-Steine sind Wohnsitze, Gesprächsorte oder Türen; welche dieser Bedeutungen gilt, weiß oft nur der Sidd, der dort Gaben niederlegt.
Auch die Zeit besitzt dünne Stellen. Nordlicht, Dämmerung und die nächtliche Besinnung begünstigen den Übergang. Ein Mondpfad auf stillem Wasser, eine Lichtsäule oder ein Hof um eine der Sonnen kann zum Zeichen einer Öffnung werden. Die tägliche Schattenruhe trägt eine andere Art von Nähe: Der Leib verlangt Ruhe, während Barkuz’ gefiltertes Licht die Träume dichter macht.
Seit einigen Jahrzehnten verändert sich die Durchlässigkeit ungleichmäßig. Gewohnte Übergänge schweigen, an unscheinbaren Orten öffnen sich neue. Die nahende Himmelsgleiche gilt deshalb nicht nur als mögliche Öffnung aller Grenzen, sondern als Verlust der vertrauten Wege durch sie.
Symbole und Darstellungen
Auf Trommeln erscheinen die Welten oft als drei konzentrische Kreise oder als eine senkrechte Linie mit drei Abschnitten. Spiralen bezeichnen Wege, die an ihren Ausgang zurückkehren, ohne wieder derselbe Weg zu sein. Ein aufwärts gerichtetes Dreieck steht für Barkuz, ein abwärts gerichtetes für Dalvebak, ein liegendes für Saivobak. Auf einem Amulett sind solche Zeichen keine verkleinerte Landkarte. Sie erinnern den Träger daran, wo er steht und zu welcher Seite er zurückkehren muss.
Die drei Welten erklären den Lithi nicht, wie sie der sichtbaren entkommen können. Sie lehren, wie viele Seiten jede Handlung besitzt. Ein Tier wird in Dalvebak erlegt, im Saivobak um Verzeihung gebeten und in Barkuz von den Ahnen erinnert. Erst alle drei Vorgänge zusammen ergeben eine Jagd, mit der der Sidd weiterleben kann.