Magische Phänomene
Kein Wunder, sondern Wetter
Magie bricht in Weraldiz nicht ein, sie liegt an – wie Frost, wie Nebel, wie die Trockenheit im Spätsommer. Es gibt Senken, in denen man nicht baut, Nächte, in denen man nicht reist, und Stunden, in denen man ein Kind nicht allein zum Bach lässt. Wer sich daran hält, verbringt sein ganzes Leben, ohne je einer Erscheinung zu begegnen. Wer es nicht tut, hat hinterher eine Geschichte zu erzählen – oder ist eine geworden.
Deshalb ist das Wissen über diese Dinge kein Gelehrtenwissen. Es steckt in Wegführungen, Hausformen und Festtagen, und es wird weitergegeben wie das Wissen um Wetterzeichen: beiläufig, früh und ohne Begründung.
"Die scheinbar regellosen Erscheinungen folgen einer tieferen Ordnung, die wir erst zu verstehen beginnen. Wie das Wandern der Monde, wie das Steigen und Fallen der Wasser – so hat auch die Magie ihre Gezeiten, und sie warten nur darauf, gelesen zu werden."
— Maistra Maialen ez'Ezagutza-barne-bi Hausnartzaile
Der Takt, nach dem sich alles richtet
Diese Gezeiten hängen nicht am Land, sondern am Himmel, und darum gelten sie überall gleich – vom Nordstrand bis nach Cel Atiz.
Am deutlichsten in der Schattenruhe. Wenn Barkuz das Licht nimmt und die Welt in silbriges Zwielicht fällt, tritt hervor, was sonst im vollen Sonnenlicht untergeht: Über feuchtem Boden zeichnen sich die Kraftlinien als schwaches Glimmen ab, Klanggestein beginnt zu tönen, und in manchen Tälern steht mehr Nebel, als das Wasser hergibt. Fast alle Berichte über Erscheinungen stammen aus diesen sechs Stunden – nicht, weil dann mehr geschieht, sondern weil dann jemand wach ist, der sonst schläft. Nachtwachen, Grenzläufer und Hebammen sehen mehr als alle Gelehrten zusammen.
Die zweite solche Zeit ist die Besinnung, jene Wachphase mitten in der Nacht, die zwei Schlafphasen voneinander trennt. Träume liegen hier auf beiden Seiten, und was ein Mensch zwischen ihnen erinnert, gilt in allen vier Kulturen als bedeutsam – in Cel Atiz genügt es, dass zwei Nachbarn in derselben Besinnung dasselbe erinnern, damit ein Traumzirkel zusammentritt.
Hwīlô und Marōną geben den längeren Takt. Ihre Stände sind vorhersagbar, also verplant man sie: Gräber öffnet man in bestimmten Nächten nicht, Steinsetzungen und Ritualbauten richten sich danach, und die Nächte, in denen beide zugleich voll stehen, sind in jedem Kalender des Kontinents vermerkt.
Und dann ist da Draupnaz. Er hat keinen Zyklus, folglich hat auch nichts, was unter ihm geschieht, einen. Was in seinen Nächten auftritt, lässt sich hinterher erklären und niemals vorher ansagen – die Jakintza Ezagutza führt seit Generationen Listen darüber und hat bis heute nichts daraus vorhersagen können, was eingetroffen wäre. Die Lithi haben aufgehört, es zu versuchen: Mánnák Nieida, die Mondtochter, geht ihren eigenen Weg, und wer klug ist, verschiebt in ihren Nächten alles, was sich verschieben lässt.
Seit einigen Jahrzehnten liegt über alldem ein Mondlicht, das heller ist, als es sein dürfte, und das die Leute das Weckende nennen. Es verstärkt jede der beschriebenen Erscheinungen und lässt Empfängliche im Schlaf aufstehen und hinausgehen. Das Haus Izar-Etxea verzeichnet es seit vierzig Jahren und findet keinen Grund dafür außer dem einen, den ohnehin jeder nennt.
| Zeit | Woran man es merkt | Wie man sich einrichtet |
|---|---|---|
| Schattenruhe (13:00–19:00) | Kraftlinien werden sichtbar, Steine tönen, Erscheinungen zeigen sich | Wer wachen muss, wacht zu zweit |
| Besinnung (31:00–1:00) | Träume greifen ineinander, Geteiltes wird geteilt geträumt | Gebet, Traumzirkel, Deutung |
| Hwīlô und Marōną voll | Alles Bekannte verstärkt sich, planbar | Feste, Rituale, Bauwerke werden danach gelegt |
| Draupnaz am Himmel | Nichts Verlässliches, jedes Mal anders | Reisen und Grabungen verschieben |
| Die Jahre vor der Himmelsgleiche | Alles zugleich, häufiger, länger | Ratlosigkeit, in vier Ausprägungen |
Orte, an denen die Ordnung aussetzt
Die Kraftlinien selbst sind das Grundgerüst: unsichtbare Bahnen, an denen sich Wirkung sammelt, wahrnehmbar für Begabte und ablesbar an dem, was auf ihnen wächst. Wo zwei sich kreuzen, ist der Boden anders – dort stehen die Steinkreise, die Heiligtümer, die Sternwarten, und dort steht auch, wovor gewarnt wird.
Spiegelhöhlen etwa antworten. Aus dem Gestein kommen Stimmen, die den Eindringling kennen und Dinge aussprechen, die er niemandem erzählt hat; wer zu lange bleibt, geht wieder hin, und dann wieder, bis ihn jemand holt. In den Zeitverzerrungen läuft die Stunde ungleich: Nebeneinander steht Blühendes und Verdorrtes, und die Händler der Rieban-sidd nehmen lieber zwei Tage Umweg, als eine solche Senke zu durchqueren. Und es gibt Stellen, an denen die Entfernung nicht stimmt – hundert Schritte hin, dreißig zurück; die Alten Pfade sagen, dort sei das Gewebe der Welt dünn, und lassen es dabei bewenden.
Neueren Datums sind die Barriereschwächen: flimmernde Verzerrungen in der Luft, in denen Dinge verschwinden und mitunter verändert zurückkommen. Sie halten selten länger als ein paar Tage, treten aber häufiger auf als noch zu Lebzeiten der Großeltern, und der Orden des Schildes stellt eigene Trupps ab, die nichts anderes tun, als sie zu bewachen, bis sie sich schließen.
Was von Menschen zurückbleibt
An Orten, wo etwas Furchtbares oder etwas sehr Großes geschah, wiederholt sich zuweilen eine Szene: dieselben Schritte, dieselben Worte, immer wieder, ohne dass man eingreifen könnte. Wer diese Echos anspricht, bekommt keine Antwort, denn es ist niemand da – geblieben ist nicht der Mensch, sondern das Muster, in dem er zu anderen stand. Und wie alle Muster hält es sich, solange jemand es weiterträgt: Echos verblassen in Dörfern, die fortziehen, und werden schärfer, wo man Jahr für Jahr an sie erinnert.
Die Deutungen gehen weit auseinander. Der Orden des Spiegels löst sie in ruhigen Ritualen auf und hält das für einen Dienst am Verstorbenen; die Lithi fragen umgekehrt, warum dieser eine nicht zu den Bajasdolgi aufgestiegen ist, und was ihn hält; die Alten Pfade sprechen mit ihnen und richten manchen Hof so ein, dass eine Bank für den Gast am Feuer frei bleibt; die Jakintza Adimen misst und schweigt.
Deutlich schlechter versteht man die Zornessplitter – kristalline Auswüchse an Orten alten Leids, in Schlachtfeldern, in eingestürzten Gruben. Sie wachsen langsam, aber sie wachsen, und wer sie berührt, wird zornig, ohne zu wissen worauf. Der Orden des Schildes bricht sie heraus und verbringt sie in verschlossene Kammern; woher sie kommen, sagt keine der geltenden Lehren.
Leiden, die man sich holt
Manche Krankheiten lassen sich nicht von den Orten trennen, an denen man sie sich zuzieht. Der Steinhauch beginnt als graue Verfärbung der Haut und endet, wenn er nicht früh behandelt wird, in Starre; wer ihn hat, war im Staub alter Ruinen. Die Flüstersucht bringt Stimmen, die Wissen zuflüstern – anfangs brauchbares, später nur noch Namen, Zeichen, Orte, bis der Kranke nichts anderes mehr sucht; auch sie sammelt sich rings um alte Stätten. Und das Brunstgesicht lässt die Haut fiebrig leuchten und schenkt Träume von Orten, die der Träumende nie gesehen hat; die Kräutertränke des Ordens des Gefäßes helfen zuverlässig, und die Träume vermissen manche hinterher.
Wie man damit lebt
Der Umgang damit ist keine Heldensache, sondern Verwaltung und Gewohnheit. Der Orden des Schildes räumt, der Orden des Spiegels löst und deutet, der Orden der Lampe verzeichnet. Non'Gauden misst, veröffentlicht und baut seine Türme absichtlich dorthin, wo sich Wirkung sammelt. Die Lithi verhandeln, statt zu räumen: Man geht hin, bringt etwas, spricht und geht wieder. Cel Atiz nimmt, was nutzt, und träumt am Ort weiter.
Am längsten bewährt haben sich die Alten Pfade. Ihre Zirkel besänftigen aktive Orte Jahr für Jahr mit Gesang, Tanz und Kräutern, siedeln bewusst neben harmlosen Erscheinungen und geben das Wissen darüber nur weiter, indem sie es vormachen. Dass ihre Riten wirken, bestreitet in Zeruko Hiri niemand mehr. Warum sie wirken, kann dort auch niemand sagen.
"Die Magie von Weraldiz ist kein einzelnes Ding, sondern ein Gewebe unzähliger Erscheinungen, die alle aneinander hängen. Mit der nahenden Himmelsgleiche verändert sich dieses Gewebe – ob zum Guten oder zum Schlechten, vermag niemand zu sagen."
— Aus den Aufzeichnungen des Ordens der Lampe