Magische Kreaturen
Weraldiz atmet Magie wie einen zweiten, unsichtbaren Wind, und wo dieser Atem sich in stehendem Wasser, vergessenen Ruinen oder ausgezehrtem Boden verfängt, verdichtet er sich zu etwas Eigenem. Kein Zauberer webt diese Wesen nach Absicht, kein Plan liegt ihrer Entstehung zugrunde – sie entstehen, wie ein Sturm entsteht, aus Druck und Gelegenheit. Ein Wolf, der zu lange im Schatten einer erwachten Ruine jagte. Ein Hirsch, der zu viele Monde unter demselben verzauberten Baum äste. Ein Mensch, dessen Hände zu oft ins Elementarfeuer griffen. Aus dem Vertrauten wird etwas, das die alten Namen nicht mehr fassen.
Darin unterscheiden sie sich von der Urfauna, jenen alten Linien der Wildnis, die Isolation und Zeit einfach überdauert haben: Diese Wesen sind nicht alt, sondern geworden – jünger als die Erinnerung und doch schon fremd, geboren nicht aus Blut, das sich über Zeitalter durchsetzte, sondern aus der bloßen Berührung der Magie selbst, oft innerhalb einer einzigen Lebensspanne.
Deshalb ordnet man sie hier nicht danach, was sie sind, sondern danach, woraus sie wurden. Wer weiß, welche Art Ort ein Wesen hervorbringt, weiß auch, wo er es antreffen wird.
"Die Natur selbst, durchdrungen von schlafender Magie, bringt ihre eigenen Gefahren hervor – manchmal mächtiger und unberechenbarer als alles, was bewusstes Denken erschaffen könnte."
— Aus dem Journal eines Tiefenläufers des Ordens des Schildes
Was an den alten Stätten wird
Wo Ruinen unter dem Boden liegen, verändert sich zuerst, was über ihnen lebt. Im Wolfsthalgebiet jagen die Spurlosen: Wölfe, stumm und aneinander gebunden ohne einen Laut, die keine Fährte im Schnee und keinen Abdruck im Moos hinterlassen. Kein Jäger hat je ein Lager oder einen Kadaver gefunden; man kennt sie am Atem im Nacken, ehe man sich umdreht, und daran, dass ihre Beute, wenn man sie findet, keine Bisswunden trägt.
An den Rändern der Tiefenschlünde warten die Stimmendiebe – insektenartige Kreaturen, groß wie ein ausgewachsener Aus'Harringer, die die Stimmen Verirrter nachahmen, um Reisende von den Pfaden zu locken. Wer einmal seinen eigenen Namen aus dem Dickicht rufen hörte, meidet solche Wälder für den Rest seines Lebens.
Die Steingebundenen dagegen haben so lange in den alten Gemäuern gelebt, dass die Bauten Teil ihrer Körper wurden: steinerne Haut, symmetrische Muster, eine Bindung an ihr Territorium, die eher einer Ehe gleicht als Besitz. Sie verteidigen „ihre" Gebäude mit einer Beharrlichkeit, die keine Belohnung kennt, und der Orden des Schildes hat gelernt, einige von ihnen als Wächter zu gewinnen, statt sie zu bekämpfen – eine Zusammenarbeit, die auf beiden Seiten ohne ein einziges Wort auskommt.
Was aus gestauter Kraft wird
Wo die Kräfte, die diese Welt tragen, sich an einem Ort oder in einem Augenblick stauen, nehmen sie Gestalt an – geformt von dem, was hier tatsächlich wirkt: Blitz und Frost, Sonnenglut und Mondlicht.
Sturmeszorn entsteht mitten im Gewitter, wenn der Blitz denselben Baum, denselben Turm, denselben Gipfel wieder und wieder sucht; mit dem letzten Donnerschlag verglimmt er und lässt nur den Geruch verbrannter Luft zurück. Reifgänger ziehen in den bittersten Frostnächten über die Felder, und wer ihre Spur aus Rauhreif am Morgen findet, weiß, dass in dieser Nacht kein Vieh im Freien überlebt hat. Glutschemen flimmern an den heißesten Tagen über Stein und Stoppelfeld, kaum mehr als stehende Hitze in Menschengestalt – wer zu lange hineinsieht, verliert sich in Bildern, die nicht die eigenen sind. Und Mondgeborene treten auf, wenn die drei Monde eng genug beieinanderstehen: Gestalten, die drei Schatten werfen, wo jeder andere einen wirft.
Keines dieser Wesen zeigt einen eigenen Willen; sie hängen an ihrem Ort und ihrem Augenblick wie das Wetter, aus dem sie kamen. Gefährlich sind sie trotzdem – nicht aus Bosheit, sondern ihrer Natur nach, so wie der Frost nichts gegen das Vieh hat und es dennoch holt.
Aus demselben Grund, nur harmlos, entsteht das Dämmerwild: Hirsche mit spiegelndem, halb durchscheinendem Fell, die in mondhellen Nächten aus dem Schatten treten und in ihn zurückgehen. Der Orden der Lampe hat Jahre gebraucht, sie überhaupt zu belegen.
Was an Orten bleibt, an denen viele dasselbe erlitten
Manche Wesen entstehen nicht aus Kraft, sondern aus dem, was Menschen an einem Ort zurückgelassen haben. Die Regungslosen sind klein – ein sitzendes Kind ist größer – und weder Mensch noch Tier. Die Glieder sind zu lang für den Rumpf, die Hände können zu viel, um Pfoten zu sein, und sie gehen mal aufrecht auf zweien, mal auf allen vieren, ohne dass jemand je ein Muster darin erkannt hätte. Alle Zeugen beschreiben die Größe gleich, die Haltung gleich, den Gang gleich. Das Gesicht kann keiner beschreiben.
Man wacht zur Besinnung auf, und eines steht neben dem Lager – die Arme am Körper, vollkommen reglos, wie etwas, das man selbst dorthin gestellt und dann vergessen hat. Es flieht nicht, wenn man es ansieht. Es wartet, bis man wieder einschläft, und ist am Morgen fort.
Was es mitgenommen hat, merkt niemand sofort. Die Betroffenen tasten nach etwas, das fehlt – ein Name, ein Gesicht, ein ganzes Tageswerk –, mit dem dumpfen Gefühl, etwas verloren zu haben, das nie ganz greifbar war.
Im Weiler Aschgrund, so berichtet eine Heilerin des Ordens des Gefäßes, erwachten binnen einer Woche neun Bewohner mit derselben Lücke: Keiner erinnerte sich mehr an den Namen eines vor Jahren verstorbenen Kindes – dessen Grab man auf dem Dorffriedhof dennoch fand, mit frischen Blumen davor, niedergelegt von niemandem, der sich noch an das Kind erinnerte.
Was aus Menschen wird
Die Grenze zwischen Krankheit und Wandlung ist dünn. Wer zu lange im Staub alter Ruinen arbeitet, holt sich den Steinhauch, der die Haut grau und hart werden lässt – und der Orden des Gefäßes kann nicht in jedem Fall vorhersagen, ob am Ende ein Toter liegen wird oder etwas, das sich noch bewegt.
Deutlicher, und in den Nordgebieten gefürchtet wie bemitleidet, sind die Tiergewandeten. Sie stammen fast ausnahmslos aus Linien, in denen einmal ein Beseelter stand – jene Kampfschamanen der Lithi, die sich im Vereinigungsritual mit einem Schutzgeist verschmelzen und dabei die Gestalt von Bär, Wolf, Adler oder Rentier anrufen. Wer aus dieser Verschmelzung nicht vollständig zurückkehrt, bleibt kein Beseelter mehr, sondern etwas dazwischen: ein Mensch, dessen angerufene Gestalt nicht wieder abklingt und den sie fortan überkommt, wenn er erschrickt, zürnt oder in einer Draupnaz-Nacht schlecht schläft.
Vererbt wird nicht die Gestalt, sondern die Offenheit dafür, und sie überspringt Geschlechter; jede Sippe im Norden weiß, in welchen Familien so etwas vorkommt, und spricht selten darüber. Manche Gemeinden halten ihre Tiergewandeten als Beschützer in Ehren, andere brechen auf, sobald sich bei einem der Ihren die Gestalt zum ersten Mal zeigt. Die Noaidi sehen darin kein Unglück, sondern eine unbeendete Sache – ein Ritual, das niemand geschlossen hat.
Was Menschen sich selbst gemacht haben
Über die Jahrhunderte schufen sich Magier immer wieder Diener. Die Eraiki, einfache Konstrukte aus Ton, Holz oder Metall, werden für begrenzte Aufgaben belebt und sind in Non'Gauden am weitesten verbreitet, wo sie eintönige Arbeit übernehmen. Morroi, künstliche Wächter aus gebundenen Materialien, stellt der Orden des Schildes vor gefährliche Ruinen; sie befolgen einfache Befehle und kennen weder Müdigkeit noch Zweifel. Die Bairasoi, eine argitarische Erfindung aus eigens behandeltem Glas, prägen sich Stimmen und Befehle ein und schimmern dabei leise – weil sie selbst nicht sprechen können, betraut man sie mit dem, was Verschwiegenheit verlangt. Ein Diener, der nichts verraten kann, verrät auch nichts unabsichtlich.
Älter und ungleich begehrter sind die Konstrukte, die schon vor dem Aufstieg standen. Die Unlesbaren bewachen uralte Ruinen mit einer Urteilskraft, die weit über einfaches Wachen hinausgeht, den ganzen Leib bedeckt mit Zeichen, die niemand mehr deutet. Der Orden der Lampe unterhält seit drei Generationen eine Expedition allein zu dem Zweck, einen Unlesbaren zum Sprechen zu bringen – oder wenigstens zu einer Reaktion; bislang hat keiner der Forscher mehr erreicht, als beobachtet zu werden. Die Erinnerungsspinnen aus Kristall sammeln Gedanken und Erlebtes in ihrem Kern, und ältere Exemplare sollen bewahren, was vor dem Aufstieg gedacht wurde. Der Orden der Lampe würde fast alles dafür geben, eine funktionsfähige zu finden, bevor es jemand anderes tut.
Wesen ohne Herkunft
Abseits all dieser Wege häufen sich in den letzten Jahrzehnten Berichte über etwas, das sich keinem von ihnen zuordnen lässt. Kein Tier, keine Pflanze, kein Konstrukt, keine gestaute Kraft – sondern etwas, das schlicht nicht von hier zu sein scheint. Ein Spiegelbild, das sich einen Atemzug zu spät bewegt und dabei Dinge flüstert, die der Betrachter nie gedacht hat. Ein Fluss, der für eine Nacht bergauf fließt. Rentiere, die sich in Mustern versammeln, als folgten sie einem Willen, der nicht ihr eigener ist. Seiten in Bibliotheken, die am Morgen andere Worte tragen als am Abend zuvor.
Die Gelehrten des Ordens der Lampe fassen solche Begegnungen unter einem einzigen alten Wort zusammen: Andagastaz – ein Aus'Harringer Begriff, in dem Fremder, Feind und ungebetener Gast nie ganz voneinander getrennt waren. Was einen Andagastaz von jedem anderen fremden Wesen unterscheidet, lässt sich kaum sagen, doch jeder, der einem begegnet ist, berichtet vom Gleichen: dem Gefühl, einem Blick zu begegnen, der aus einer Richtung kommt, die es nicht geben dürfte.
Sie treten selten auf und bleiben noch seltener lange. Sie erscheinen dort, wo die Welt ohnehin dünn wird – an Spiegeln in stillen Häusern, an den Rändern der Tiefenschlünde, in Nächten, in denen die drei Monde zu nah beieinanderstehen. Manche wirken verloren, fast hilflos, wie Reisende, die den falschen Weg genommen haben. Andere beobachten mit einer Geduld, die keinem Raubtier eigen ist. Die Sieben Orden raten dringend davon ab, mit ihnen zu sprechen, ihnen zu folgen oder Geschenke von ihnen anzunehmen – nicht, weil man wüsste, was daraus folgt, sondern gerade, weil man es nicht weiß.
Umgang mit dem Unbekannten
Im Alltag begegnet man alldem mit Warnzeichen an bekannten Revieren, Amuletten, Kräutern und Wachgängen in den Wochen, in denen erfahrungsgemäß mehr geschieht. Das meiste davon wirkt, weil es Menschen von Orten fernhält, an denen sie nichts zu suchen haben.
Wo das nicht reicht, treten Fachleute an: die Tiefenläufer des Ordens des Schildes, die Stammesschützer der Aus'Harringer mit ihrem über Generationen weitergegebenen Ortswissen, die Analysten der Jakintza Egitura, die verzeichnen, einordnen und Gegenmittel entwickeln, ohne sich mit der Frage aufzuhalten, ob ein Wesen ein Recht auf sein Leben hat – und die Beseelten der Lithi, die in manchen dieser Wesen eher Verbündete sehen als Feinde.
"Es gibt keine Monster – nur Wesen, deren Natur wir noch nicht verstehen. Was dem Bauern ein Dämon scheint, ist für den Gelehrten ein faszinierendes Studienobjekt und für den Schamanen vielleicht sogar ein Verbündeter."
— Noaidi Aslak Jovsset-bártni des Guovssahas-sidd