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Ruinen und ihre Geheimnisse

Zwei Feldforscher stehen an der Schwelle einer gewaltigen unterirdischen Halle, deren fugenlose Wände und überdimensionierte Stufen erkennbar nicht für menschliche Maße gebaut wurden.

Zeugen, die man anfassen kann

Die Zeitrechnung beginnt mit der ersten Himmelsgleiche. Was davor liegt, kennt jede Kultur nur als Erzählung – als Aufstieg, als Nealkahusat, als Kapitel, das mit einem Satz beginnt und ohne Beleg auskommt. Nur an einer Stelle wird diese Zeit greifbar: Über den ganzen Kontinent verstreut stehen Bauten, die älter sind als jedes Datum, das jemand nennen kann. Man kann sie betreten, vermessen, ihre Wände abtasten.

Genau darin liegt ihre Sprengkraft. Diese Bauten sind nicht die primitiven Vorläufer heutiger Baukunst, sondern in vielem deren Überbietung: fugenlos gefügt, aus Werkstoffen, die kein Handwerk der Gegenwart herstellt, ausgerichtet auf Gestirne mit einer Genauigkeit, die die Sternwarten von Non'Gauden erst seit wenigen Menschenaltern erreichen. Wer sie erklären will, muss annehmen, dass vor der Zeitrechnung jemand mehr wusste als wir – und dass dieses Wissen vollständig verschwunden ist.

"Die wahre Gefahr dieser alten Orte liegt nicht in ihren Fallen oder verfallenen Gewölben – es ist ihr Vermögen, unser sorgfältig errichtetes Bild der Vergangenheit zu untergraben. Jedes neue Fundstück, jede entzifferte Inschrift könnte den nächsten Riss in der Mauer unserer Gewissheiten bedeuten."
— Magistra Irati Oroimen-Etxea

Die ältere Schicht

Vier Merkmale unterscheiden diese Bauten von allem Späteren, und jedes einzelne wäre für sich schon ein Rätsel.

Sie sind geformt, nicht gefügt. Wände, Treppen und Decken gehen ineinander über, ohne Fuge, ohne Mörtel, ohne eine einzige Werkzeugspur. Die geglätteten Höhlensäle im Duottar-Gebirge und die Echogewölbe von Bergheim wirken, als hätte der Fels die Form von sich aus angenommen.

Die Werkstoffe kennt niemand mehr. Mondglas nimmt Licht auf und gibt es nachts bläulich wieder ab. Seelenstahl wird unter der Hand warm und reagiert auf Berührung wie etwas Lebendiges. Traumkristall wirft Gedanken und Gefühle zurück, verstärkt und verzerrt. Ewigstein kennt weder Erosion noch Sprünge; an ihm ist in achthundert Jahren Beobachtung keine Veränderung festgestellt worden. Herstellen kann keinen dieser Stoffe jemand, weder in Zeruko Hiri noch in den Jakintza.

Die Maße passen nicht zu uns. Türen sind zu breit und zu hoch, Stufen zu weit auseinander gesetzt, Sitznischen für Körper geschnitten, die anders gebaut waren als der menschliche. In den Bassivárri-Heiligtümern sind die Säle so groß, dass sie jeden Versammlungszweck übersteigen – die Lithi sagen schlicht, dort hätten die Bajasdolgi gewohnt, und halten die Frage damit für beantwortet. In Zeruko Hiri hält man diese Auskunft für Aberglauben, ohne eine bessere zu haben.

Sie sehen zum Himmel. Das Sternenfenster im Eichental und die Spiegelkuppel auf dem Bassivárri-Gipfel richten sich auf Aufgänge und Stände der Gestirne aus, die nur alle paar Jahrhunderte eintreten. Andere Bauten antworten auf die Welt statt auf den Himmel: Die Singenden Nadeln der Sturmfelde-Ebenen erzeugen im Wind Töne, die sich mit seiner Stärke ändern, die Perlgrotten der Nordstrand-Küste atmen mit dem Wasser, und in den Rotglut-Kammern unter dem östlichen Gebirge arbeiten Hitzeleitungen bis heute, ohne dass jemand wüsste, woran.

Dazu kommen die stillen Räume, deren Zweck sich gar nicht erschließt: Kammern, die den Kopf verändern, sobald man sie betritt – die Traumspindel in den unzugänglichen Lithi-Bergen etwa, deren Reliefs beim Betrachten Schläfrigkeit auslösen und deren Innerem jeder Besucher eine andere Aufenthaltsdauer bescheinigt.

Die jüngere Schicht

Weit weniger beachtet, dabei mindestens so aufschlussreich, ist die zweite Art von Ruine: verlassene Siedlungen aus den ersten Jahrzehnten nach der ersten Himmelsgleiche. Sie sind menschlichen Maßes, aus gewöhnlichem Stein, und erzählen von einer Zeit, in der etwas ganz und gar nicht in Ordnung war.

Grenzposten stehen an Linien, die keine heutige Karte kennt. Befestigte Zufluchtsorte klemmen in Schluchten und Höhlen, hastig gebaut, voll zurückgelassener Habe – Löffel, Spielzeug, Kämme, alles an seinem Platz, als sei man aufgebrochen und nie wiedergekommen. Und in den frühesten Tempeln der Himmlischen Heerscharen fehlen Symbole, die heute unverzichtbar sind, während andere Darstellungen auftauchen, die keine geltende Auslegung erklärt; in verschlossenen Nebenkammern liegen Texte, die man später offenbar lieber nicht mehr im Umlauf sah.

Der Orden der Lampe verwaltet diese Funde mit derselben Sorgfalt wie alles andere und stellt sie deutlich seltener aus.

Was die Völker daraus machen

Die Lithi betrachten die alten Stätten als bewohnt, nicht als verlassen. Der Ringkreis von Guovssahas und die Geisterbrunnen an den Saivo-Seen werden aufgesucht, wenn ein Noaidi eine Vision braucht, und gemieden, wenn nicht; Schutzzeichen an den Zugängen richten sich weniger gegen das, was drinnen ist, als gegen die eigene Neugier.

In Auwharin liegt die Zuständigkeit bei den Orden – der Orden des Schildes bewacht, was gefährlich ist, der Orden der Lampe beansprucht jeden Fund, der Orden des Spiegels sucht in den Steinen nach Vorzeichen. Die Aus'Harringer-Stämme halten es unterschiedlich: Wo Bergheim gräbt, umgeht Finsterwalde die eigenen Hügelgräber im weiten Bogen.

Non'Gauden vermisst und veröffentlicht. Die Jakintza Ezagutza führt die einzigen brauchbaren Verzeichnisse des Kontinents und vergibt Grabungslizenzen gegen Anteil an den Funden – ein Verfahren, das in Auwharin als Leichenfledderei gilt und in Non'Gauden als Ordnung.

In Cel Atiz schließlich hat man die alten Hallen nicht erforscht, sondern in Gebrauch genommen: Wo eine Kammer Träume trägt, wird darin geträumt, und die Frage, wer sie gebaut hat, gilt als weniger dringlich als die, was sie heute vermag.

Was drinnen wartet

Die gewöhnlichen Gefahren sind einsturzgefährdete Decken, ertrunkene Gänge, Getier, das sich eingerichtet hat, und die Verwirrung, die entsteht, wenn ein Gebäude sich in jeder Richtung gleicht.

Die eigentümlichen Gefahren greifen den Kopf an, nicht den Körper: Räume, die einem die feste Überzeugung mitgeben, das Gesuchte längst gefunden zu haben; Gänge, die die eigene Furcht aufnehmen und einem als Gegenüber vor die Füße stellen; Schwellen, hinter denen ein Gefährte plötzlich fremd aussieht. Wer aus einer solchen Kammer zurückkehrt, ist selten sicher, wie lange er darin war und was er dort entschieden hat.

Geborgen wird trotzdem, denn der Ertrag ist beträchtlich. Bewusstseinssteine geben bei Berührung ab, was in ihnen liegt – bei den einen ein ganzes Handwerk, bei den anderen die Erinnerungen eines Menschen, der seit Jahrhunderten tot ist. Formwandelnde Werkzeuge passen sich dem an, der sie hält. Und die frühen Traumfänger, um die sich die Cel Marish seit ihren ersten Jahren bemühen, verbinden mehrere Schlafende zu einem gemeinsamen Traum. Alle drei Arten sind selten genug, dass ein einziger Fund eine Familie versorgt – und heikel genug, dass er sie auch ruinieren kann.

Was gegenwärtig mit diesen Stätten geschieht – die sich öffnenden Türen, die wandernden Steinkreise, die Texte, die sich ändern –, behandelt Das Flüstern der Ruinen.

"Wir sind nicht die ersten, die auf dieser Welt wandeln, und vielleicht auch nicht die letzten. In den Ruinen liegt nicht nur unsere Vergangenheit, sondern möglicherweise auch unser Schicksal. Was wir aus ihnen lernen – oder was wir übersehen – könnte darüber entscheiden, ob die kommende Himmelsgleiche ein neues Kapitel einleitet oder das letzte beschließt."
— Aus einer Rede vor dem Hohen Rat von Auwharin