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Kapitel 10 - Verwandtschaft, Partnerschaft und Abstammung

Das Problem der Benennung

Verwandtschaftsterminologie ist in Thalaven'zhur ein Minenfeld. Jeder Verwandtschaftsbegriff erzwingt die Anerkennung, dass zwei Wesen getrennt existieren – und dass ihre Verbindung biologisch, nicht kollektiv, ist. Für die Veyn bedeutet dies:

  1. Abstammung benennen heißt Trennung benennen. Ein „Kind" ist ein Wesen, das aus einem anderen herausgetreten ist – ein Individuationsakt. Elternschaft zu benennen heißt anzuerkennen, dass die Einheit zerbrochen wurde.
  2. Partnerschaft benennen heißt Auswahl benennen. Zwei Wesen wählen einander – und damit alle anderen nicht. Für Kollektivisten ist dies ein schmerzhafter Akt der Abgrenzung.
  3. Geschwister benennen heißt Körperlichkeit benennen. Geschwister teilen einen körperlichen Ursprung, nicht einen bewussten. Das betont thunal (Körper) über thuveyn (Bewusstsein) – die „niedrigere" Verbindungsform.

Gleichzeitig können die Veyn Verwandtschaft nicht ignorieren. Kinder werden geboren, Paare finden sich, Familien existieren. Die Sprache muss dies ausdrücken – und tut es mit einer Bandbreite, die von ritueller Umgehung bis zur pragmatischen Direktheit reicht.


I. Grundkonzepte: Die drei Achsen der Verwandtschaft

A. Die Körper-Achse (thunal'lir): Biologische Verbindung

Biologische Verwandtschaft wird über thunal'lir (Körper-verbunden) ausgedrückt – eine Verbindung, die im Körperlichen wurzelt, nicht im Bewusstsein. Diese Achse ist kulturell die „niedrigste", weil sie an die unfreiwillige, biologische Seite der Existenz erinnert.

Thalaven'zhur Wörtlich Bedeutung
thunal'lir Körper-verbunden Biologische Verwandtschaft (Oberbegriff)
thunal'lir'eval Körper-verbunden-fließend Blutsverwandtschaft als Prozess (das Fließen des Körperlichen von einem Wesen zum nächsten)
thunal'lir'vor Körper-verbunden-ewig Unwiderrufliche biologische Bindung
thunal'lir'leth Körper-verbunden-zerbrochen Entfremdete Blutsverwandtschaft

B. Die Bewusstseins-Achse (thuveyn'lir): Gewählte Verbindung

Gewählte Beziehungen – Partnerschaft, tiefe Freundschaft, Mentor-Schüler – werden über thuveyn'lir (Bewusstsein-verbunden) ausgedrückt. Dies gilt als die „höhere" Form der Verbindung.

Thalaven'zhur Wörtlich Bedeutung
thuveyn'lir Bewusstsein-verbunden Gewählte Bindung (Oberbegriff)
thuveyn'lir'keth Bewusstsein-verbunden-absolut Absolute gewählte Bindung (Lebenspartnerschaft)
thuveyn'lir'ran Bewusstsein-verbunden-werdend Sich entwickelnde Bindung
thuveyn'lir'ziran Bewusstsein-verbunden-leidend Schmerzhafte Bindung (Liebe im Zerbrechen)

C. Die Prozess-Achse (eval'lir): Beziehung als Fließen

Die dritte Achse beschreibt Verwandtschaft nicht als Zustand, sondern als Prozess – als etwas, das fließt, sich wandelt, entsteht und vergeht.

Thalaven'zhur Wörtlich Bedeutung
eval'lir'veyn Fließen-verbunden-sein Beziehung als lebendiger Prozess
eval'lir'ran Fließen-verbunden-werdend Sich entwickelnde Beziehung
eval'lir'avesh Fließen-verbunden-schmerzhaft-vergangen Beziehung, die war und nicht mehr ist

II. Elternschaft: Der Quellfluss

A. Das Grundproblem

Die Veyn haben kein neutrales Wort für „Mutter" oder „Vater". Die Standard-Umschreibung verwendet die Metapher des Quellflusses (eval'thunal'zhur): Eltern sind die Quelle, aus der ein neues Sein in die manifeste Welt geflossen ist. Das Kind „wurde nicht geboren", sondern „wurde aus der Quelle manifest".

B. Grundbegriffe der Elternschaft

Thalaven'zhur Wörtlich Bedeutung Konnotation
eval'thunal'zhur Fließen-Körper-manifest Quellfluss – Elternteil (geschlechtsneutral) Neutral-prozessual: „das Wesen, durch dessen Körper neues Sein manifest wurde"
eval'thunal'zhur'thal Fließen-Körper-manifest-tief Der tragende Quellfluss Das Elternteil, das das Kind körperlich ausgetragen hat
eval'thunal'zhur'lir Fließen-Körper-manifest-verbunden Der verbundene Quellfluss Das andere Elternteil – verbunden mit dem Prozess, aber nicht tragend
eval'thunal'zhur'vor Fließen-Körper-manifest-ewig Urahne, Stammquelle Weit zurückliegende Abstammungslinie

Kurzformen (Alltag):

Kurzform Ableitung Verwendung
evalzhur Kontraktion von eval'thunal'zhur „Elternteil" im Alltag
evalzhur'thal dito + tief „Tragendes Elternteil" (nächste Entsprechung zu „Mutter")
evalzhur'lir dito + verbunden „Verbundenes Elternteil" (nächste Entsprechung zu „Vater")

Wichtig: Die Unterscheidung evalzhur'thal / evalzhur'lir basiert nicht auf Geschlecht, sondern auf der Rolle im körperlichen Prozess: Wer hat getragen? Wer war verbunden? In einer Kultur, in der Geschlecht keine feste Kategorie ist, kann ein Veyn im Laufe des Lebens verschiedene Rollen einnehmen.

C. Fraktionsspezifische Elternschaftskonzepte

Kollektivisten vermeiden direkte Elternbegriffe weitgehend:

Statt: "Mein Elternteil"
Sagt man: "Liraven'thunal'eval'avesh veyn – eval'thunal'zhur ilra'kav."
          (Wir-Körper-Fließen-vergangen sein – Quellfluss wahrgenommen-manifestiert.)
          "Unser körperliches Fließen war – ein Quellfluss wurde sichtbar."

Kinder werden als Aufgabe des Kollektivs betrachtet. Der Ausdruck liraven'evalzhur (wir-alle-als-Quellfluss) bezeichnet die kollektive Elternschaft – die ganze Gemeinschaft ist Quelle.

Individualisten verwenden direktere Formen und erkennen die Eltern-Kind-Bindung als bedeutsam an:

Thalaven'zhur Bedeutung
nal'evalzhur Mein-eigener-Quellfluss (persönliche Elternbezeichnung)
nal'evalzhur'thal Mein tragendes Elternteil (intim, anerkennend)
nal'evalzhur'lir'mor Mein tief verbundenes Elternteil (besonders enge Bindung)

Transformatoren betonen den Prozesscharakter:

Thalaven'zhur Bedeutung
evalran'evalzhur Werdender-Quellfluss (Elternteil, das gerade Elternteil wird)
evalzhur'evalran Quellfluss-fließend-werdend (Elternschaft als sich wandelnder Prozess)
evalzhur'kethran Quellfluss-absolut-zerbrechend (Elternschaft, die sich radikal transformiert – wenn ein Kind erwachsen wird)

Ungesehene verwenden pragmatische Kurzformen und haben teils Lehnwörter:

"Evalzhur" – einfach „Elternteil", ohne Umschweife
In Küstensiedlungen auch: "Cel'am" (Lehnwort aus Cel Hushi für „Mutter")

III. Kinder und Nachkommen: Das Manifest-Werden

A. Grundbegriffe

Thalaven'zhur Wörtlich Bedeutung Konnotation
zhur'veyn'ran Manifest-sein-werdend Ein Kind – ein Wesen, das ins manifeste Sein fließt Neutral-prozessual
zhur'veyn'ran'thunal Manifest-sein-werdend-Körper Säugling, Neugeborenes – primär körperliches Manifest-Werden Betonung der Körperlichkeit
zhur'veyn'ran'thuveyn Manifest-sein-werdend-Bewusstsein Kleinkind mit erwachendem Bewusstsein Beginn der Individuation
zhur'veyn'ran'ilra Manifest-sein-werdend-sehend Älteres Kind, das zu sehen beginnt Bewusstwerdung, nah am Veyn-Trauma
zhur'veyn'ran'kav Manifest-sein-werdend-manifestiert Junger Erwachsener Voll manifestiert, aber noch im Werden

Kurzformen:

Kurzform Verwendung
zhurveynran Kind (allgemein)
zhuran Kind (stark kontrahiert, Alltagssprache)

Philosophische Tiefe: Die Bezeichnung zhur'veyn'ran – manifest-sein-werdend – enthält das gesamte Veyn-Trauma in nuce. Ein Kind ist ein Wesen, das gegenwärtig in das manifeste, getrennte Sein eintritt. Jede Geburt wiederholt in Miniatur das Große Erwachen: Aus der Einheit (Mutterleib/Kollektiv) tritt ein einzelnes Bewusstsein hervor. Deshalb sind Geburten bei den Veyn gleichzeitig freudig und melancholisch.

B. Entwicklungsstufen

Die Veyn beschreiben Kindesentwicklung nicht über Altersstufen, sondern über Bewusstseinsstufen – in welcher Phase der Manifestation befindet sich das Wesen?

Stufe Thalaven'zhur Wörtlich Beschreibung
1 zhur'veyn'narav Manifest-sein-unbewusst Säugling – existiert, aber ohne Selbstbewusstsein (wie die Thalaven'vor)
2 zhur'veyn'ilra'shal Manifest-sein-sehen-oberflächlich Kleinkind – beginnt oberflächlich wahrzunehmen
3 zhur'veyn'ilra'ran Manifest-sein-sehen-werdend Kind – Wahrnehmung entwickelt sich aktiv
4 zhur'veyn'thuveyn'ran Manifest-sein-Bewusstsein-werdend Jugendlicher – Bewusstsein erwacht, Individuation beginnt
5 zhur'veyn'nal'ran Manifest-sein-eigen-werdend Junger Erwachsener – Eigenheit bildet sich aus
6 zhur'veyn'kav Manifest-sein-manifestiert Erwachsener – voll manifestiert

Kultureller Hinweis: Die Stufe 4 (zhur'veyn'thuveyn'ran) – das Erwachen des individuellen Bewusstseins – ist eine kulturell sensible Phase. Manche Eltern erleben sie mit Trauer, weil ihr Kind in diesem Moment das durchlebt, was die gesamte Spezies im Großen Erwachen erlitten hat. Kollektivistische Gemeinschaften markieren diesen Übergang mit Ritualen des gemeinsamen Trauerns und Feierns.


IV. Geschwister: Die Parallel-Manifestierten

A. Grundbegriffe

Geschwister sind Wesen, die aus derselben Quelle manifest geworden sind – sie teilen einen Quellfluss.

Thalaven'zhur Wörtlich Bedeutung
lir'evalzhur'veyn Verbunden-Quellfluss-sein Geschwister – die aus demselben Quellfluss Seienden
lir'evalzhur'thunal Verbunden-Quellfluss-Körper Leibliche Geschwister (Betonung der körperlichen Verbindung)
lir'evalzhur'oryel Verbunden-Quellfluss-Zeit Zwillinge – gleichzeitig aus der Quelle Geflossene

Kurzform: lirevalveyn – Geschwister (Alltag)

B. Gewählte Geschwister

Da die biologische Verbindung als „niedrigere" Form gilt, haben die Veyn zusätzlich das Konzept der gewählten Geschwisterschaft – eine bewusste, nicht-biologische Geschwister-Bindung, die kulturell oft höher gewertet wird als die biologische.

Thalaven'zhur Wörtlich Bedeutung
thuveyn'lir'evalzhur Bewusstsein-verbunden-Quellfluss Gewählte Geschwister – die sich bewusst als quellverbunden anerkennen
ilra'lir'evalzhur Sehen-verbunden-Quellfluss Seelen-Geschwister – die einander als aus derselben Quelle stammend sehen, obwohl sie es biologisch nicht sind

Kulturelle Praxis: In kollektivistischen Stadtstaaten ist die gewählte Geschwisterschaft (thuveyn'lir'evalzhur) formalisiert. Zwei oder mehr Veyn können in einem Ritual erklären, dass sie sich als aus derselben Quelle kommend betrachten. Dies schafft eine Bindung, die rechtlich und sozial der biologischen Geschwisterschaft gleichgestellt oder übergeordnet ist.


V. Partnerschaft: Die bewusste Verflechtung

A. Das Grundproblem

Partnerschaft ist in der Veyn-Kultur ein philosophischer Balanceakt. Zwei Individuen wählen eine exklusive (oder bevorzugte) Verbindung – und setzen damit implizit Grenzen gegenüber dem Kollektiv. Die Sprache spiegelt dies wider: Partnerschaftsbegriffe enthalten fast immer sowohl die Verbindung als auch die Spannung.

B. Grundbegriffe der Partnerschaft

Thalaven'zhur Wörtlich Bedeutung Intensität
lir'evalran'thuveyn Verbunden-fließend-werdend-Bewusstsein Sich annähernde Partner – bewusste, wachsende Verbindung 3–5
thuveyn'lir'kav Bewusstsein-verbunden-manifestiert Feste Partnerschaft – manifestierte bewusste Bindung 6–7
thuveyn'thunal'lir'keth Bewusstsein-Körper-verbunden-absolut Tiefe Partnerschaft – bewusst und körperlich absolut verbunden 8–9
lirmor'kethng'veyn Tief-verbunden-absolut-kollektiv-sein Verschmelzungs-Partnerschaft – Rückkehr zur Einheit in der Zweisamkeit 10

Kurzformen:

Kurzform Bedeutung
lirevalran Partner (werdend, informell)
thuveynlir Partner (fest, Standard)
lirmorketh Tiefster Partner (rituell, intim)

C. Partnerschaftsphasen als Prozess

Die Veyn begreifen Partnerschaft nicht als Zustand, sondern als Fluss mit erkennbaren Phasen:

Phase Thalaven'zhur Wörtlich Beschreibung
Erkennen ilra'lir'ran Sehen-verbunden-werdend Zwei Wesen beginnen einander zu sehen – nicht im visuellen Sinne, sondern als gegenseitige Bewusstwerdung
Annähern eval'lir'thuveyn'ran Fließen-verbunden-Bewusstsein-werdend Das Bewusstsein fließt zueinander – man beginnt, Gedanken und Wahrnehmung zu teilen
Verbinden thuveyn'lir'kav Bewusstsein-verbunden-manifestiert Die Verbindung wird manifest – öffentlich, anerkannt, real
Vertiefen thuveyn'thunal'lir'mor Bewusstsein-Körper-verbunden-tief Bewusste und körperliche Verbindung werden eins, die Tiefe wächst
Verschmelzen lirmor'kethng Tief-verbunden-absolut-kollektiv Seltener Zustand – die Partner erleben Momente kollektiver Einheit, wie ein Echo der Thalaven'vor
Lösen eval'lir'ziran Fließen-verbunden-leidend Das Fließen der Verbindung wird schmerzhaft – Trennung oder Transformation

D. Fraktionsspezifische Partnerschaftskonzepte

Kollektivisten misstrauen exklusiven Paarbindungen:

Partnerschaft wird als temporäre Fokussierung innerhalb des Kollektivs betrachtet, nicht als dauerhafte Abgrenzung. In ultra-kollektivistischen Stadtstaaten wie Thalmorlir gibt es keine formelle Paarbindung – stattdessen Verbindungszyklen (eval'lir'oyel), in denen sich die Intensität der Verbindung zwischen verschiedenen Mitgliedern natürlich verschiebt.

"Liraven'thuveyn'lir'eval'oyel veyn'an. Unnal'keth."
(Wir-Bewusstsein-verbunden-fließend-zyklisch sein-gegenwärtig. Nicht-eigen-absolut.)
"Unser bewusstes Verbundensein fließt zyklisch. Absolut nicht-eigen."
(= Unsere Verbindungen fließen natürlich – niemand gehört jemandem.)

Individualisten werten die bewusste Wahl der Partnerschaft hoch:

Hier ist die Partnerschaft ein Akt radikaler Bewusstheit – zwei Individuen wählen, sich zu verbinden, in vollem Bewusstsein ihrer Getrenntheit. Dies wird als mutig und ehrlich betrachtet.

Thalaven'zhur Bedeutung
nal'thuveyn'lir'kav Eigen-bewusst-verbunden-manifestiert (individuell gewählte manifeste Partnerschaft)
nal'ilra'lir'keth Eigen-sehend-verbunden-absolut (absolut erkannte Verbindung zweier Individuen)

In Individualisten-Städten existieren Partnerschafts-Rituale (thuveyn'lir'zhur'kav), bei denen beide Partner öffentlich aussprechen, dass sie einander als getrennte Wesen sehen und dennoch die Verbindung wählen – ein bewusster, teils schmerzhafter Akt.

Transformatoren begreifen Partnerschaft als Katalysator:

Thalaven'zhur Bedeutung
eval'lir'kethran Fließen-verbunden-absolut-zerbrechend (Partnerschaft, die beide fundamental transformiert)
thuveyn'lir'evalran'kethveyn Bewusstsein-verbunden-fließend-werdend-absolut-sein (Partnerschaft als Weg zur absoluten Transformation)

Die Transformatoren sehen in der Partnerschaft die Möglichkeit, durch die intensive Verbindung mit einem anderen Bewusstsein die eigene Bewusstseinsform zu sprengen – eine Praxis, die Kollektivisten als riskant und Nostalgiker als häretisch betrachten.

Ungesehene verwenden direkte, pragmatische Formen:

"Thuveynlir" – Partner/in (knapp, funktional)
In Küstensiedlungen auch: "Cel'veyn" (Lehnwort-Hybrid: Cel Hushi + veyn = „mein Sein-Mensch")

VI. Erweiterte Verwandtschaft

A. Großeltern und Ahnen

Thalaven'zhur Wörtlich Bedeutung
evalzhur'evalzhur Quellfluss-des-Quellflusses Großelternteil – die Quelle der Quelle
evalzhur'vor Quellfluss-ewig Urahne, weit entfernte Abstammung
eval'thunal'zhur'avesh Fließen-Körper-manifest-vergangen Verstorbener Vorfahre (Quellfluss, der vergangen ist)

B. Enkel und Nachfahren

Thalaven'zhur Wörtlich Bedeutung
zhur'veyn'ran'ran Manifest-sein-werdend-werdend Enkel – das Werden des Gewordenen
zhur'veyn'ran'uhl Manifest-sein-werdend-zukünftig Zukünftige Nachfahren (noch ungeboren)

C. Tanten, Onkel, Cousins

Biologisch definierte Seitenverwandte werden über den gemeinsamen Quellfluss beschrieben:

Thalaven'zhur Wörtlich Bedeutung
lir'evalzhur'evalzhur Verbunden-Quellfluss-Quellfluss Tante/Onkel – Geschwister des Quellflusses
lir'evalzhur'evalzhur'veyn Verbunden-Quellfluss-Quellfluss-sein Cousin/Cousine – Kind eines Quellfluss-Geschwisters

Praktischer Hinweis: Diese erweiterten Verwandtschaftsbezeichnungen sind in der Alltagssprache selten. Die meisten Veyn verwenden stattdessen die allgemeinen Beziehungsbegriffe aus Kapitel 03 (Sektion I): lir'nalaveyn (Freundschaft), lir'thalvor (ewige Bindung), etc. Je kollektivistischer die Gemeinschaft, desto irrelevanter werden biologische Seitenverwandtschafts-Begriffe.


VII. Familien- und Abstammungsstrukturen

A. Die Familie als Konzept

Es gibt kein einzelnes Wort für „Familie". Stattdessen beschreiben verschiedene Begriffe verschiedene Auffassungen:

Thalaven'zhur Wörtlich Auffassung
thunal'lir'veyn Körper-verbunden-Sein Biologische Familie – Betonung der körperlichen Verbindung
evalzhur'lir'veyn Quellfluss-verbunden-Sein Abstammungslinie – Betonung des gemeinsamen Ursprungs
thuveyn'lir'veyn'nal Bewusstsein-verbunden-Sein-eigen Wahlfamilie – bewusst gewählte Verbindung individueller Wesen
liraven'thal'veyn Wir-tief-Sein Gemeinschaftsfamilie – alle Anwesenden als tiefe Einheit (kollektivistisch)

B. Abstammungslinie und Lineage

Thalaven'zhur Wörtlich Bedeutung
eval'thunal'vor Fließen-Körper-ewig Der ewige Körperfluss – die ununterbrochene biologische Linie
eval'thunal'vor'ilra Fließen-Körper-ewig-sehend Bewusste Abstammungslinie – wenn eine Familie ihre Linie aktiv pflegt und kennt
eval'thunal'vor'unzhur Fließen-Körper-ewig-ungesehen Vergessene oder verleugnete Abstammungslinie

Fraktions-Unterschied: Individualisten und Nostalgiker pflegen Abstammungslinien aktiv – sie sehen darin einen Beweis für Kontinuität und Verbindung über die Zeit. Kollektivisten betrachten Abstammungslinien als irrelevant oder sogar schädlich: Sie betonen das Individuelle und Biologische über das Kollektive. In ultra-kollektivistischen Städten werden Abstammungslinien bewusst nicht tradiert – Kinder erfahren manchmal nie, wer ihre biologischen Quellflüsse sind.


VIII. Trauer und Verlust in Verwandtschaft

Wenn ein verwandtes Wesen stirbt, wird dies in der Sprache als Versiegen des Quellflusses oder als Zerbrechen der Manifestation beschrieben.

Thalaven'zhur Wörtlich Bedeutung
evalzhur'ziran Quellfluss-leidend/endend Ein Elternteil, das stirbt/gestorben ist
zhur'veyn'ran'ziran Manifest-sein-werdend-endend Ein Kind, das stirbt – das Werden endet
thuveynlir'ziran'eval Partner-leidend-fließend Ein Partner, der im Leiden fließt (Verlust, Trennung)
eval'lir'leth'vor Fließen-verbunden-zerbrochen-ewig Ewig zerbrochene Verbindung – unwiderruflicher Verlust

Kulturelle Praxis: Der Verlust eines zhur'veyn'ran (Kindes) gilt als einer der tiefgreifendsten Schmerzen – weil das Werden unterbrochen wurde, bevor es sich manifestieren konnte. Die rituelle Trauerform hierfür heißt unzhur'zhurveynran'ziran (Schweigen-für-das-endende-Manifest-Werden): acht Atemzyklen des Schweigens, gefolgt von kollektivem, wortlosem Summen.


IX. Zusammenfassung: Schlüsselbegriffe

Neue Wurzeln

Keine. Das gesamte Verwandtschaftsvokabular entsteht aus bestehenden Morphemen. Die zentrale Neubildung ist das Kompositum eval'thunal'zhur (Quellfluss), das aus drei bestehenden Wurzeln kombiniert wird.

Schnellreferenz

Konzept Hauptbegriff Kurzform
Elternteil (neutral) eval'thunal'zhur evalzhur
Tragendes Elternteil eval'thunal'zhur'thal evalzhur'thal
Verbundenes Elternteil eval'thunal'zhur'lir evalzhur'lir
Kind zhur'veyn'ran zhuran
Geschwister lir'evalzhur'veyn lirevalveyn
Gewählte Geschwister thuveyn'lir'evalzhur
Partner/in (werdend) lir'evalran'thuveyn lirevalran
Partner/in (fest) thuveyn'lir'kav thuveynlir
Partner/in (tiefst) lirmor'kethng'veyn lirmorketh
Großelternteil evalzhur'evalzhur
Enkel zhur'veyn'ran'ran
Biologische Familie thunal'lir'veyn
Wahlfamilie thuveyn'lir'veyn'nal
Abstammungslinie eval'thunal'vor

Verhältnis zu anderen Kapiteln

Kapitel 03 (Kernvokabular, Sektion I): Enthält allgemeine Beziehungsbegriffe (lir'nalaveyn = Freundschaft, lirmor'kethng = tiefste Verschmelzung). Dieses Kapitel (10) erweitert diese um die spezifisch verwandtschaftlichen Dimensionen.

Kapitel 19 (Namensgebung): Namen enthalten oft Verwandtschaftsreferenzen – ein Veyn kann den Quellfluss-Namen in seinem eigenen tragen.

Kapitel 20 (Pronominalsystem): Die Vermeidungsstrategien für „du" aus Kapitel 20 gelten verstärkt in verwandtschaftlichen Kontexten. Gerade weil die Bindung so tief ist, ist die direkte Anrede besonders schmerzhaft/intim.


X. Verwendungsbeispiel für Spielleiter

Szene: Ein Individualisten-Veyn stellt seine Familie vor

"Nal'evalzhur'thal – Liravenmor'kethveyn.
Nal'evalzhur'lir – Ilravor'nalzhur.
Nal'thuveynlir – Evalran'thuveyn'lir. Thuveyn'lir'kav veyn liraven.
Lirevalveyn – Zhurveyn'nalir."

Übersetzung: „Mein tragendes Elternteil – Liravenmor'kethveyn [Name]. Mein verbundenes Elternteil – Ilravor'nalzhur [Name]. Mein Partner – Evalran'thuveyn'lir [Name]. Manifestiert-bewusst-verbunden sind wir. Mein Geschwister – Zhurveyn'nalir [Name]."

Szene: Ein Kollektivist spricht über sein Kind

"Liraven'thal veyn – zhur'veyn'ran'thuveyn'ran evalran liraven'mor.
Liraven evalzhur. Unnal'keth."

Übersetzung: „Unser tiefes Sein – ein Manifest-Werdendes mit erwachendem Bewusstsein fließt in unsere Tiefe. Wir [alle] sind Quellfluss. Absolut-nicht-eigen."

Bemerke: Der Kollektivist sagt nicht „mein Kind", sondern beschreibt ein werdendes Wesen, das in das Kollektiv fließt, und betont, dass alle Quellfluss sind.