Kapitel 10 - Verwandtschaft, Partnerschaft und Abstammung
Das Problem der Benennung
Verwandtschaftsterminologie ist in Thalaven'zhur ein Minenfeld. Jeder Verwandtschaftsbegriff erzwingt die Anerkennung, dass zwei Wesen getrennt existieren – und dass ihre Verbindung biologisch, nicht kollektiv, ist. Für die Veyn bedeutet dies:
- Abstammung benennen heißt Trennung benennen. Ein „Kind" ist ein Wesen, das aus einem anderen herausgetreten ist – ein Individuationsakt. Elternschaft zu benennen heißt anzuerkennen, dass die Einheit zerbrochen wurde.
- Partnerschaft benennen heißt Auswahl benennen. Zwei Wesen wählen einander – und damit alle anderen nicht. Für Kollektivisten ist dies ein schmerzhafter Akt der Abgrenzung.
- Geschwister benennen heißt Körperlichkeit benennen. Geschwister teilen einen körperlichen Ursprung, nicht einen bewussten. Das betont
thunal(Körper) überthuveyn(Bewusstsein) – die „niedrigere" Verbindungsform.
Gleichzeitig können die Veyn Verwandtschaft nicht ignorieren. Kinder werden geboren, Paare finden sich, Familien existieren. Die Sprache muss dies ausdrücken – und tut es mit einer Bandbreite, die von ritueller Umgehung bis zur pragmatischen Direktheit reicht.
I. Grundkonzepte: Die drei Achsen der Verwandtschaft
A. Die Körper-Achse (thunal'lir): Biologische Verbindung
Biologische Verwandtschaft wird über thunal'lir (Körper-verbunden) ausgedrückt – eine Verbindung, die im Körperlichen wurzelt, nicht im Bewusstsein. Diese Achse ist kulturell die „niedrigste", weil sie an die unfreiwillige, biologische Seite der Existenz erinnert.
| Thalaven'zhur | Wörtlich | Bedeutung |
|---|---|---|
| thunal'lir | Körper-verbunden | Biologische Verwandtschaft (Oberbegriff) |
| thunal'lir'eval | Körper-verbunden-fließend | Blutsverwandtschaft als Prozess (das Fließen des Körperlichen von einem Wesen zum nächsten) |
| thunal'lir'vor | Körper-verbunden-ewig | Unwiderrufliche biologische Bindung |
| thunal'lir'leth | Körper-verbunden-zerbrochen | Entfremdete Blutsverwandtschaft |
B. Die Bewusstseins-Achse (thuveyn'lir): Gewählte Verbindung
Gewählte Beziehungen – Partnerschaft, tiefe Freundschaft, Mentor-Schüler – werden über thuveyn'lir (Bewusstsein-verbunden) ausgedrückt. Dies gilt als die „höhere" Form der Verbindung.
| Thalaven'zhur | Wörtlich | Bedeutung |
|---|---|---|
| thuveyn'lir | Bewusstsein-verbunden | Gewählte Bindung (Oberbegriff) |
| thuveyn'lir'keth | Bewusstsein-verbunden-absolut | Absolute gewählte Bindung (Lebenspartnerschaft) |
| thuveyn'lir'ran | Bewusstsein-verbunden-werdend | Sich entwickelnde Bindung |
| thuveyn'lir'ziran | Bewusstsein-verbunden-leidend | Schmerzhafte Bindung (Liebe im Zerbrechen) |
C. Die Prozess-Achse (eval'lir): Beziehung als Fließen
Die dritte Achse beschreibt Verwandtschaft nicht als Zustand, sondern als Prozess – als etwas, das fließt, sich wandelt, entsteht und vergeht.
| Thalaven'zhur | Wörtlich | Bedeutung |
|---|---|---|
| eval'lir'veyn | Fließen-verbunden-sein | Beziehung als lebendiger Prozess |
| eval'lir'ran | Fließen-verbunden-werdend | Sich entwickelnde Beziehung |
| eval'lir'avesh | Fließen-verbunden-schmerzhaft-vergangen | Beziehung, die war und nicht mehr ist |
II. Elternschaft: Der Quellfluss
A. Das Grundproblem
Die Veyn haben kein neutrales Wort für „Mutter" oder „Vater". Die Standard-Umschreibung verwendet die Metapher des Quellflusses (eval'thunal'zhur): Eltern sind die Quelle, aus der ein neues Sein in die manifeste Welt geflossen ist. Das Kind „wurde nicht geboren", sondern „wurde aus der Quelle manifest".
B. Grundbegriffe der Elternschaft
| Thalaven'zhur | Wörtlich | Bedeutung | Konnotation |
|---|---|---|---|
| eval'thunal'zhur | Fließen-Körper-manifest | Quellfluss – Elternteil (geschlechtsneutral) | Neutral-prozessual: „das Wesen, durch dessen Körper neues Sein manifest wurde" |
| eval'thunal'zhur'thal | Fließen-Körper-manifest-tief | Der tragende Quellfluss | Das Elternteil, das das Kind körperlich ausgetragen hat |
| eval'thunal'zhur'lir | Fließen-Körper-manifest-verbunden | Der verbundene Quellfluss | Das andere Elternteil – verbunden mit dem Prozess, aber nicht tragend |
| eval'thunal'zhur'vor | Fließen-Körper-manifest-ewig | Urahne, Stammquelle | Weit zurückliegende Abstammungslinie |
Kurzformen (Alltag):
| Kurzform | Ableitung | Verwendung |
|---|---|---|
| evalzhur | Kontraktion von eval'thunal'zhur | „Elternteil" im Alltag |
| evalzhur'thal | dito + tief | „Tragendes Elternteil" (nächste Entsprechung zu „Mutter") |
| evalzhur'lir | dito + verbunden | „Verbundenes Elternteil" (nächste Entsprechung zu „Vater") |
Wichtig: Die Unterscheidung
evalzhur'thal/evalzhur'lirbasiert nicht auf Geschlecht, sondern auf der Rolle im körperlichen Prozess: Wer hat getragen? Wer war verbunden? In einer Kultur, in der Geschlecht keine feste Kategorie ist, kann ein Veyn im Laufe des Lebens verschiedene Rollen einnehmen.
C. Fraktionsspezifische Elternschaftskonzepte
Kollektivisten vermeiden direkte Elternbegriffe weitgehend:
Statt: "Mein Elternteil"
Sagt man: "Liraven'thunal'eval'avesh veyn – eval'thunal'zhur ilra'kav."
(Wir-Körper-Fließen-vergangen sein – Quellfluss wahrgenommen-manifestiert.)
"Unser körperliches Fließen war – ein Quellfluss wurde sichtbar."
Kinder werden als Aufgabe des Kollektivs betrachtet. Der Ausdruck liraven'evalzhur (wir-alle-als-Quellfluss) bezeichnet die kollektive Elternschaft – die ganze Gemeinschaft ist Quelle.
Individualisten verwenden direktere Formen und erkennen die Eltern-Kind-Bindung als bedeutsam an:
| Thalaven'zhur | Bedeutung |
|---|---|
| nal'evalzhur | Mein-eigener-Quellfluss (persönliche Elternbezeichnung) |
| nal'evalzhur'thal | Mein tragendes Elternteil (intim, anerkennend) |
| nal'evalzhur'lir'mor | Mein tief verbundenes Elternteil (besonders enge Bindung) |
Transformatoren betonen den Prozesscharakter:
| Thalaven'zhur | Bedeutung |
|---|---|
| evalran'evalzhur | Werdender-Quellfluss (Elternteil, das gerade Elternteil wird) |
| evalzhur'evalran | Quellfluss-fließend-werdend (Elternschaft als sich wandelnder Prozess) |
| evalzhur'kethran | Quellfluss-absolut-zerbrechend (Elternschaft, die sich radikal transformiert – wenn ein Kind erwachsen wird) |
Ungesehene verwenden pragmatische Kurzformen und haben teils Lehnwörter:
"Evalzhur" – einfach „Elternteil", ohne Umschweife
In Küstensiedlungen auch: "Cel'am" (Lehnwort aus Cel Hushi für „Mutter")
III. Kinder und Nachkommen: Das Manifest-Werden
A. Grundbegriffe
| Thalaven'zhur | Wörtlich | Bedeutung | Konnotation |
|---|---|---|---|
| zhur'veyn'ran | Manifest-sein-werdend | Ein Kind – ein Wesen, das ins manifeste Sein fließt | Neutral-prozessual |
| zhur'veyn'ran'thunal | Manifest-sein-werdend-Körper | Säugling, Neugeborenes – primär körperliches Manifest-Werden | Betonung der Körperlichkeit |
| zhur'veyn'ran'thuveyn | Manifest-sein-werdend-Bewusstsein | Kleinkind mit erwachendem Bewusstsein | Beginn der Individuation |
| zhur'veyn'ran'ilra | Manifest-sein-werdend-sehend | Älteres Kind, das zu sehen beginnt | Bewusstwerdung, nah am Veyn-Trauma |
| zhur'veyn'ran'kav | Manifest-sein-werdend-manifestiert | Junger Erwachsener | Voll manifestiert, aber noch im Werden |
Kurzformen:
| Kurzform | Verwendung |
|---|---|
| zhurveynran | Kind (allgemein) |
| zhuran | Kind (stark kontrahiert, Alltagssprache) |
Philosophische Tiefe: Die Bezeichnung
zhur'veyn'ran– manifest-sein-werdend – enthält das gesamte Veyn-Trauma in nuce. Ein Kind ist ein Wesen, das gegenwärtig in das manifeste, getrennte Sein eintritt. Jede Geburt wiederholt in Miniatur das Große Erwachen: Aus der Einheit (Mutterleib/Kollektiv) tritt ein einzelnes Bewusstsein hervor. Deshalb sind Geburten bei den Veyn gleichzeitig freudig und melancholisch.
B. Entwicklungsstufen
Die Veyn beschreiben Kindesentwicklung nicht über Altersstufen, sondern über Bewusstseinsstufen – in welcher Phase der Manifestation befindet sich das Wesen?
| Stufe | Thalaven'zhur | Wörtlich | Beschreibung |
|---|---|---|---|
| 1 | zhur'veyn'narav | Manifest-sein-unbewusst | Säugling – existiert, aber ohne Selbstbewusstsein (wie die Thalaven'vor) |
| 2 | zhur'veyn'ilra'shal | Manifest-sein-sehen-oberflächlich | Kleinkind – beginnt oberflächlich wahrzunehmen |
| 3 | zhur'veyn'ilra'ran | Manifest-sein-sehen-werdend | Kind – Wahrnehmung entwickelt sich aktiv |
| 4 | zhur'veyn'thuveyn'ran | Manifest-sein-Bewusstsein-werdend | Jugendlicher – Bewusstsein erwacht, Individuation beginnt |
| 5 | zhur'veyn'nal'ran | Manifest-sein-eigen-werdend | Junger Erwachsener – Eigenheit bildet sich aus |
| 6 | zhur'veyn'kav | Manifest-sein-manifestiert | Erwachsener – voll manifestiert |
Kultureller Hinweis: Die Stufe 4 (
zhur'veyn'thuveyn'ran) – das Erwachen des individuellen Bewusstseins – ist eine kulturell sensible Phase. Manche Eltern erleben sie mit Trauer, weil ihr Kind in diesem Moment das durchlebt, was die gesamte Spezies im Großen Erwachen erlitten hat. Kollektivistische Gemeinschaften markieren diesen Übergang mit Ritualen des gemeinsamen Trauerns und Feierns.
IV. Geschwister: Die Parallel-Manifestierten
A. Grundbegriffe
Geschwister sind Wesen, die aus derselben Quelle manifest geworden sind – sie teilen einen Quellfluss.
| Thalaven'zhur | Wörtlich | Bedeutung |
|---|---|---|
| lir'evalzhur'veyn | Verbunden-Quellfluss-sein | Geschwister – die aus demselben Quellfluss Seienden |
| lir'evalzhur'thunal | Verbunden-Quellfluss-Körper | Leibliche Geschwister (Betonung der körperlichen Verbindung) |
| lir'evalzhur'oryel | Verbunden-Quellfluss-Zeit | Zwillinge – gleichzeitig aus der Quelle Geflossene |
Kurzform: lirevalveyn – Geschwister (Alltag)
B. Gewählte Geschwister
Da die biologische Verbindung als „niedrigere" Form gilt, haben die Veyn zusätzlich das Konzept der gewählten Geschwisterschaft – eine bewusste, nicht-biologische Geschwister-Bindung, die kulturell oft höher gewertet wird als die biologische.
| Thalaven'zhur | Wörtlich | Bedeutung |
|---|---|---|
| thuveyn'lir'evalzhur | Bewusstsein-verbunden-Quellfluss | Gewählte Geschwister – die sich bewusst als quellverbunden anerkennen |
| ilra'lir'evalzhur | Sehen-verbunden-Quellfluss | Seelen-Geschwister – die einander als aus derselben Quelle stammend sehen, obwohl sie es biologisch nicht sind |
Kulturelle Praxis: In kollektivistischen Stadtstaaten ist die gewählte Geschwisterschaft (
thuveyn'lir'evalzhur) formalisiert. Zwei oder mehr Veyn können in einem Ritual erklären, dass sie sich als aus derselben Quelle kommend betrachten. Dies schafft eine Bindung, die rechtlich und sozial der biologischen Geschwisterschaft gleichgestellt oder übergeordnet ist.
V. Partnerschaft: Die bewusste Verflechtung
A. Das Grundproblem
Partnerschaft ist in der Veyn-Kultur ein philosophischer Balanceakt. Zwei Individuen wählen eine exklusive (oder bevorzugte) Verbindung – und setzen damit implizit Grenzen gegenüber dem Kollektiv. Die Sprache spiegelt dies wider: Partnerschaftsbegriffe enthalten fast immer sowohl die Verbindung als auch die Spannung.
B. Grundbegriffe der Partnerschaft
| Thalaven'zhur | Wörtlich | Bedeutung | Intensität |
|---|---|---|---|
| lir'evalran'thuveyn | Verbunden-fließend-werdend-Bewusstsein | Sich annähernde Partner – bewusste, wachsende Verbindung | 3–5 |
| thuveyn'lir'kav | Bewusstsein-verbunden-manifestiert | Feste Partnerschaft – manifestierte bewusste Bindung | 6–7 |
| thuveyn'thunal'lir'keth | Bewusstsein-Körper-verbunden-absolut | Tiefe Partnerschaft – bewusst und körperlich absolut verbunden | 8–9 |
| lirmor'kethng'veyn | Tief-verbunden-absolut-kollektiv-sein | Verschmelzungs-Partnerschaft – Rückkehr zur Einheit in der Zweisamkeit | 10 |
Kurzformen:
| Kurzform | Bedeutung |
|---|---|
| lirevalran | Partner (werdend, informell) |
| thuveynlir | Partner (fest, Standard) |
| lirmorketh | Tiefster Partner (rituell, intim) |
C. Partnerschaftsphasen als Prozess
Die Veyn begreifen Partnerschaft nicht als Zustand, sondern als Fluss mit erkennbaren Phasen:
| Phase | Thalaven'zhur | Wörtlich | Beschreibung |
|---|---|---|---|
| Erkennen | ilra'lir'ran | Sehen-verbunden-werdend | Zwei Wesen beginnen einander zu sehen – nicht im visuellen Sinne, sondern als gegenseitige Bewusstwerdung |
| Annähern | eval'lir'thuveyn'ran | Fließen-verbunden-Bewusstsein-werdend | Das Bewusstsein fließt zueinander – man beginnt, Gedanken und Wahrnehmung zu teilen |
| Verbinden | thuveyn'lir'kav | Bewusstsein-verbunden-manifestiert | Die Verbindung wird manifest – öffentlich, anerkannt, real |
| Vertiefen | thuveyn'thunal'lir'mor | Bewusstsein-Körper-verbunden-tief | Bewusste und körperliche Verbindung werden eins, die Tiefe wächst |
| Verschmelzen | lirmor'kethng | Tief-verbunden-absolut-kollektiv | Seltener Zustand – die Partner erleben Momente kollektiver Einheit, wie ein Echo der Thalaven'vor |
| Lösen | eval'lir'ziran | Fließen-verbunden-leidend | Das Fließen der Verbindung wird schmerzhaft – Trennung oder Transformation |
D. Fraktionsspezifische Partnerschaftskonzepte
Kollektivisten misstrauen exklusiven Paarbindungen:
Partnerschaft wird als temporäre Fokussierung innerhalb des Kollektivs betrachtet, nicht als dauerhafte Abgrenzung. In ultra-kollektivistischen Stadtstaaten wie Thalmorlir gibt es keine formelle Paarbindung – stattdessen Verbindungszyklen (eval'lir'oyel), in denen sich die Intensität der Verbindung zwischen verschiedenen Mitgliedern natürlich verschiebt.
"Liraven'thuveyn'lir'eval'oyel veyn'an. Unnal'keth."
(Wir-Bewusstsein-verbunden-fließend-zyklisch sein-gegenwärtig. Nicht-eigen-absolut.)
"Unser bewusstes Verbundensein fließt zyklisch. Absolut nicht-eigen."
(= Unsere Verbindungen fließen natürlich – niemand gehört jemandem.)
Individualisten werten die bewusste Wahl der Partnerschaft hoch:
Hier ist die Partnerschaft ein Akt radikaler Bewusstheit – zwei Individuen wählen, sich zu verbinden, in vollem Bewusstsein ihrer Getrenntheit. Dies wird als mutig und ehrlich betrachtet.
| Thalaven'zhur | Bedeutung |
|---|---|
| nal'thuveyn'lir'kav | Eigen-bewusst-verbunden-manifestiert (individuell gewählte manifeste Partnerschaft) |
| nal'ilra'lir'keth | Eigen-sehend-verbunden-absolut (absolut erkannte Verbindung zweier Individuen) |
In Individualisten-Städten existieren Partnerschafts-Rituale (thuveyn'lir'zhur'kav), bei denen beide Partner öffentlich aussprechen, dass sie einander als getrennte Wesen sehen und dennoch die Verbindung wählen – ein bewusster, teils schmerzhafter Akt.
Transformatoren begreifen Partnerschaft als Katalysator:
| Thalaven'zhur | Bedeutung |
|---|---|
| eval'lir'kethran | Fließen-verbunden-absolut-zerbrechend (Partnerschaft, die beide fundamental transformiert) |
| thuveyn'lir'evalran'kethveyn | Bewusstsein-verbunden-fließend-werdend-absolut-sein (Partnerschaft als Weg zur absoluten Transformation) |
Die Transformatoren sehen in der Partnerschaft die Möglichkeit, durch die intensive Verbindung mit einem anderen Bewusstsein die eigene Bewusstseinsform zu sprengen – eine Praxis, die Kollektivisten als riskant und Nostalgiker als häretisch betrachten.
Ungesehene verwenden direkte, pragmatische Formen:
"Thuveynlir" – Partner/in (knapp, funktional)
In Küstensiedlungen auch: "Cel'veyn" (Lehnwort-Hybrid: Cel Hushi + veyn = „mein Sein-Mensch")
VI. Erweiterte Verwandtschaft
A. Großeltern und Ahnen
| Thalaven'zhur | Wörtlich | Bedeutung |
|---|---|---|
| evalzhur'evalzhur | Quellfluss-des-Quellflusses | Großelternteil – die Quelle der Quelle |
| evalzhur'vor | Quellfluss-ewig | Urahne, weit entfernte Abstammung |
| eval'thunal'zhur'avesh | Fließen-Körper-manifest-vergangen | Verstorbener Vorfahre (Quellfluss, der vergangen ist) |
B. Enkel und Nachfahren
| Thalaven'zhur | Wörtlich | Bedeutung |
|---|---|---|
| zhur'veyn'ran'ran | Manifest-sein-werdend-werdend | Enkel – das Werden des Gewordenen |
| zhur'veyn'ran'uhl | Manifest-sein-werdend-zukünftig | Zukünftige Nachfahren (noch ungeboren) |
C. Tanten, Onkel, Cousins
Biologisch definierte Seitenverwandte werden über den gemeinsamen Quellfluss beschrieben:
| Thalaven'zhur | Wörtlich | Bedeutung |
|---|---|---|
| lir'evalzhur'evalzhur | Verbunden-Quellfluss-Quellfluss | Tante/Onkel – Geschwister des Quellflusses |
| lir'evalzhur'evalzhur'veyn | Verbunden-Quellfluss-Quellfluss-sein | Cousin/Cousine – Kind eines Quellfluss-Geschwisters |
Praktischer Hinweis: Diese erweiterten Verwandtschaftsbezeichnungen sind in der Alltagssprache selten. Die meisten Veyn verwenden stattdessen die allgemeinen Beziehungsbegriffe aus Kapitel 03 (Sektion I):
lir'nalaveyn(Freundschaft),lir'thalvor(ewige Bindung), etc. Je kollektivistischer die Gemeinschaft, desto irrelevanter werden biologische Seitenverwandtschafts-Begriffe.
VII. Familien- und Abstammungsstrukturen
A. Die Familie als Konzept
Es gibt kein einzelnes Wort für „Familie". Stattdessen beschreiben verschiedene Begriffe verschiedene Auffassungen:
| Thalaven'zhur | Wörtlich | Auffassung |
|---|---|---|
| thunal'lir'veyn | Körper-verbunden-Sein | Biologische Familie – Betonung der körperlichen Verbindung |
| evalzhur'lir'veyn | Quellfluss-verbunden-Sein | Abstammungslinie – Betonung des gemeinsamen Ursprungs |
| thuveyn'lir'veyn'nal | Bewusstsein-verbunden-Sein-eigen | Wahlfamilie – bewusst gewählte Verbindung individueller Wesen |
| liraven'thal'veyn | Wir-tief-Sein | Gemeinschaftsfamilie – alle Anwesenden als tiefe Einheit (kollektivistisch) |
B. Abstammungslinie und Lineage
| Thalaven'zhur | Wörtlich | Bedeutung |
|---|---|---|
| eval'thunal'vor | Fließen-Körper-ewig | Der ewige Körperfluss – die ununterbrochene biologische Linie |
| eval'thunal'vor'ilra | Fließen-Körper-ewig-sehend | Bewusste Abstammungslinie – wenn eine Familie ihre Linie aktiv pflegt und kennt |
| eval'thunal'vor'unzhur | Fließen-Körper-ewig-ungesehen | Vergessene oder verleugnete Abstammungslinie |
Fraktions-Unterschied: Individualisten und Nostalgiker pflegen Abstammungslinien aktiv – sie sehen darin einen Beweis für Kontinuität und Verbindung über die Zeit. Kollektivisten betrachten Abstammungslinien als irrelevant oder sogar schädlich: Sie betonen das Individuelle und Biologische über das Kollektive. In ultra-kollektivistischen Städten werden Abstammungslinien bewusst nicht tradiert – Kinder erfahren manchmal nie, wer ihre biologischen Quellflüsse sind.
VIII. Trauer und Verlust in Verwandtschaft
Wenn ein verwandtes Wesen stirbt, wird dies in der Sprache als Versiegen des Quellflusses oder als Zerbrechen der Manifestation beschrieben.
| Thalaven'zhur | Wörtlich | Bedeutung |
|---|---|---|
| evalzhur'ziran | Quellfluss-leidend/endend | Ein Elternteil, das stirbt/gestorben ist |
| zhur'veyn'ran'ziran | Manifest-sein-werdend-endend | Ein Kind, das stirbt – das Werden endet |
| thuveynlir'ziran'eval | Partner-leidend-fließend | Ein Partner, der im Leiden fließt (Verlust, Trennung) |
| eval'lir'leth'vor | Fließen-verbunden-zerbrochen-ewig | Ewig zerbrochene Verbindung – unwiderruflicher Verlust |
Kulturelle Praxis: Der Verlust eines
zhur'veyn'ran(Kindes) gilt als einer der tiefgreifendsten Schmerzen – weil das Werden unterbrochen wurde, bevor es sich manifestieren konnte. Die rituelle Trauerform hierfür heißtunzhur'zhurveynran'ziran(Schweigen-für-das-endende-Manifest-Werden): acht Atemzyklen des Schweigens, gefolgt von kollektivem, wortlosem Summen.
IX. Zusammenfassung: Schlüsselbegriffe
Neue Wurzeln
Keine. Das gesamte Verwandtschaftsvokabular entsteht aus bestehenden Morphemen. Die zentrale Neubildung ist das Kompositum eval'thunal'zhur (Quellfluss), das aus drei bestehenden Wurzeln kombiniert wird.
Schnellreferenz
| Konzept | Hauptbegriff | Kurzform |
|---|---|---|
| Elternteil (neutral) | eval'thunal'zhur |
evalzhur |
| Tragendes Elternteil | eval'thunal'zhur'thal |
evalzhur'thal |
| Verbundenes Elternteil | eval'thunal'zhur'lir |
evalzhur'lir |
| Kind | zhur'veyn'ran |
zhuran |
| Geschwister | lir'evalzhur'veyn |
lirevalveyn |
| Gewählte Geschwister | thuveyn'lir'evalzhur |
– |
| Partner/in (werdend) | lir'evalran'thuveyn |
lirevalran |
| Partner/in (fest) | thuveyn'lir'kav |
thuveynlir |
| Partner/in (tiefst) | lirmor'kethng'veyn |
lirmorketh |
| Großelternteil | evalzhur'evalzhur |
– |
| Enkel | zhur'veyn'ran'ran |
– |
| Biologische Familie | thunal'lir'veyn |
– |
| Wahlfamilie | thuveyn'lir'veyn'nal |
– |
| Abstammungslinie | eval'thunal'vor |
– |
Verhältnis zu anderen Kapiteln
Kapitel 03 (Kernvokabular, Sektion I): Enthält allgemeine Beziehungsbegriffe (lir'nalaveyn = Freundschaft, lirmor'kethng = tiefste Verschmelzung). Dieses Kapitel (10) erweitert diese um die spezifisch verwandtschaftlichen Dimensionen.
Kapitel 19 (Namensgebung): Namen enthalten oft Verwandtschaftsreferenzen – ein Veyn kann den Quellfluss-Namen in seinem eigenen tragen.
Kapitel 20 (Pronominalsystem): Die Vermeidungsstrategien für „du" aus Kapitel 20 gelten verstärkt in verwandtschaftlichen Kontexten. Gerade weil die Bindung so tief ist, ist die direkte Anrede besonders schmerzhaft/intim.
X. Verwendungsbeispiel für Spielleiter
Szene: Ein Individualisten-Veyn stellt seine Familie vor
"Nal'evalzhur'thal – Liravenmor'kethveyn.
Nal'evalzhur'lir – Ilravor'nalzhur.
Nal'thuveynlir – Evalran'thuveyn'lir. Thuveyn'lir'kav veyn liraven.
Lirevalveyn – Zhurveyn'nalir."
Übersetzung: „Mein tragendes Elternteil – Liravenmor'kethveyn [Name]. Mein verbundenes Elternteil – Ilravor'nalzhur [Name]. Mein Partner – Evalran'thuveyn'lir [Name]. Manifestiert-bewusst-verbunden sind wir. Mein Geschwister – Zhurveyn'nalir [Name]."
Szene: Ein Kollektivist spricht über sein Kind
"Liraven'thal veyn – zhur'veyn'ran'thuveyn'ran evalran liraven'mor.
Liraven evalzhur. Unnal'keth."
Übersetzung: „Unser tiefes Sein – ein Manifest-Werdendes mit erwachendem Bewusstsein fließt in unsere Tiefe. Wir [alle] sind Quellfluss. Absolut-nicht-eigen."
Bemerke: Der Kollektivist sagt nicht „mein Kind", sondern beschreibt ein werdendes Wesen, das in das Kollektiv fließt, und betont, dass alle Quellfluss sind.