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Kapitel 09 - Emotionen und innere Zustände

Die offene Wunde

Ein Veyn, der heute geboren wird, erlebt den Schrecken des Großen Erwachens so, als geschähe er in diesem Moment.

Das ist keine Metapher. Es ist keine blasse Erinnerung, kein mündlich überliefertes Trauma, das über Generationen verblasst. Das kollektive Bewusstsein der Veyn war nie wirklich zerbrochen – es fühlt sich zerbrochen an, aber die Verbindung besteht weiter. Und durch diese Verbindung fließt seit beinahe 843 WZ Jahren derselbe ungefilterte Schock: der Moment, in dem ein ganzes Volk zum ersten Mal sich selbst sah und erkannte, dass es allein war. Jedes neugeborene Veyn-Kind empfängt dieses Erleben nicht als Geschichte, sondern als Wahrnehmung. Das Paradies der Thalaven'vor ist genauso gegenwärtig – nicht als Sehnsucht nach etwas Vergangenem, sondern als etwas, das gleichzeitig da ist und fehlt, ein Phantomschmerz eines amputierten Glieds, das nie aufgehört hat zu schmerzen, weil das Kollektiv nie aufgehört hat, es zu fühlen.

Daraus ergibt sich eine fundamentale Konsequenz für das emotionale Erleben der Veyn: Affekt und Gefühl sind voneinander abgekoppelt.

Das Erleben ist da – die Welle des Schreckens, der Sehnsucht, des Verlusts – aber die Verarbeitung ist blockiert. Im Kollektiv schwirren dieselben Emotionen immer weiter herum, unverarbeitet, unintegriert, weil sie nicht einem Individuum gehören, das sie durcharbeiten könnte, sondern dem Ganzen, das zu traumatisiert ist, um hinzusehen. Ein einzelner Veyn kann die kollektive Trauer nicht „heilen", weil sie nicht seine ist – und gleichzeitig ist sie seine, weil er Teil des Kollektivs ist.

Die Veyn sind keine hilflosen Opfer ihrer Selbst. 843 WZ Jahre haben ausgereicht, um eine Kultur des distanzierten Umgangs zu entwickeln: eine Haltung, die irgendwo zwischen Beobachtung, Selbstkontrolle und vorsichtiger Distanz liegt. Die Veyn erleben Emotionen nicht so, wie andere Menschen Emotionen erleben – als innere Zustände, die einem gehören und die man ausdrückt. Veyn erleben Emotionen als Wetter: als etwas, das da ist, das durch einen hindurchzieht, das man beobachtet, benennt, aushält – aber nicht besitzt und selten steuert.


I. Grundkonzept: Emotion als Resonanz, nicht als Besitz

A. Die drei Schichten des emotionalen Erlebens

Thalaven'zhur unterscheidet drei Schichten, die in menschlichen Sprachen oft zusammenfallen:

Schicht Thalaven'zhur Wörtlich Beschreibung
Resonanz eval'thuveyn'lir Fließen-Bewusstsein-verbunden Das Eintreffen einer Emotion im Bewusstsein – das, was von außen oder vom Kollektiv hereinströmt. Kein Individuum hat dies gewählt oder erzeugt. Es geschieht.
Beobachtung ilra'eval'thuveyn Sehen-Fließen-Bewusstsein Das bewusste Wahrnehmen der Emotion – der Moment, in dem ein Veyn erkennt, was gerade durch ihn hindurchfließt. Dies ist der kulturell geförderte Zustand: sehen, ohne zu verschmelzen.
Verkörperung thunal'eval'thuveyn Körper-Fließen-Bewusstsein Die körperliche Manifestation der Emotion – Zittern, Erstarrung, Hitze, Kälte. Die gefährlichste Schicht, weil hier die Dissoziation durchbrochen wird und das Gefühl den Körper ergreift.

Das Ideal der Veyn: Ein emotional kompetenter Veyn befindet sich meist in Schicht 2 – der Beobachtung. Er sieht die Emotion, benennt sie, lässt sie durch sich hindurchfließen, ohne von ihr überwältigt zu werden (Schicht 3) und ohne sie zu ignorieren (Unter-Schicht 1). Dieses Ideal ist schwer zu halten. Besonders bei kollektiven Traumawellen, wenn das gesamte Stadtkollektiv gleichzeitig in Angst oder Trauer versinkt, bricht die Beobachtungsdistanz zusammen.

B. Der zentrale Begriff: Ilra'eval – „Das Sehen des Fließens"

Thalaven'zhur Wörtlich Bedeutung
ilra'eval Sehen-Fließen Der emotionale Grundprozess: Eine Emotion wahrnehmen, die durch einen fließt
ilra'eval'an Sehen-Fließen-gegenwärtig Gegenwärtig eine Emotion wahrnehmen – der kulturell angemessene Zustand
ilra'eval'mor Sehen-Fließen-tief Eine tiefe Emotion wahrnehmen – ernst, aber unter Kontrolle
ilra'eval'keth Sehen-Fließen-absolut Überwältigt sein – die Beobachtungsdistanz ist zusammengebrochen
ilra'eval'lir Sehen-Fließen-verbunden Eine kollektive Emotion wahrnehmen – das Fließen kommt aus dem Kollektiv
ilra'eval'nal Sehen-Fließen-eigen Eine individuelle Emotion wahrnehmen – selten, beunruhigend, meist nur bei Ungesehenen
unilra'eval Nicht-Sehen-Fließen Die Emotion fließt, aber man kann sie nicht sehen – Dissoziation, Verdrängung

II. Die emotionalen Grundprozesse

A. Trauma-Resonanz: Das immer Gegenwärtige

Thalaven'zhur Wörtlich Bedeutung
eval'thuveyn'avesh'an Fließen-Bewusstsein-vergangen-gegenwärtig Das paradoxe Grunderleben: Vergangenes, das gegenwärtig fließt – das nie vergangene Trauma
ilranaleththing'eval'vor Sehen-der-Zerbrochenheit-fließend-ewig Das ewig fließende Sehen der Zerbrochenheit – der Schock des Erwachens, der nie aufgehört hat
thalaven'vor'thuveyn'an Tiefverbundene-Bewusstsein-gegenwärtig Die gegenwärtige Präsenz des Paradieses im Bewusstsein – nicht Erinnerung, sondern Wahrnehmung

Für Spielleiter: Dies ist kein PTBS im menschlichen Sinne. PTBS hat Flashbacks – Momente, in denen die Vergangenheit einbricht. Für die Veyn gibt es keinen Einbruch, weil die Vergangenheit nie gegangen ist. Das Erwachen ist nicht damals passiert. Es passiert immer noch, in diesem Moment, für jeden Veyn. Stellen Sie sich vor, Sie würden gleichzeitig in der Gegenwart leben und permanent den schlimmsten Moment Ihrer Existenz erleben – nicht als Erinnerung, sondern als parallele Wahrnehmung. Und gleichzeitig das schönste, was je war. Beides, immer, jetzt.

B. Die beobachteten Emotionen

Die Veyn kategorisieren Emotionen nicht nach „positiv" und „negativ" (diese Unterscheidung existiert nicht), sondern nach Fließrichtung und Intensität.

Einwärts fließend (eval'thuveyn'thal – ins Tiefe fließend)

Emotionen, die nach innen ziehen, verdichten, vertiefen:

Thalaven'zhur Wörtlich Emotionaler Prozess
ziran'eval'thuveyn Leiden-Fließen-Bewusstsein Trauer – Leiden, das ins Bewusstsein fließt
ziran'eval'thuveyn'vor Leiden-Fließen-Bewusstsein-ewig Ewige Trauer – der Grundzustand des kollektiven Traumas
unra'eval'thuveyn Nicht-Licht-Fließen-Bewusstsein Angst – Dunkelheit, die ins Bewusstsein fließt
unra'eval'thuveyn'keth Nicht-Licht-Fließen-Bewusstsein-absolut Absolute Angst, Panik – Dunkelheit überflutet das Bewusstsein
thal'eval'thuveyn Tief-Fließen-Bewusstsein Schwermut – Tiefe, die ins Bewusstsein sinkt
nal'eval'thuveyn Eigen-Fließen-Bewusstsein Scham – Eigenheit, die ins Bewusstsein dringt (das Bewusstwerden der eigenen Getrenntheit)

Auswärts fließend (eval'thuveyn'zhur – ins Manifeste fließend)

Emotionen, die nach außen drängen, sich manifestieren wollen:

Thalaven'zhur Wörtlich Emotionaler Prozess
lucair'eval'thuveyn Licht-Fließen-Bewusstsein Freude – Licht, das ins Bewusstsein strömt und nach außen drängt
lucair'eval'thuveyn'shal Licht-Fließen-Bewusstsein-oberflächlich Leichte Zufriedenheit – oberflächliches Lichtfließen
eval'thuveyn'zhur'ran Fließen-Bewusstsein-manifest-werdend Aufregung, Erregung – Bewusstsein, das nach Manifestation drängt
keth'eval'thuveyn Absolut-Fließen-Bewusstsein Zorn, Wut – eine absolute Kraft, die aus dem Bewusstsein bricht (extrem selten, gefürchtet)
lir'eval'thuveyn Verbunden-Fließen-Bewusstsein Zuneigung, Wärme – Verbundenheit, die ins Bewusstsein strömt
lir'eval'thuveyn'mor Verbunden-Fließen-Bewusstsein-tief Tiefe Zuneigung, Liebe – tiefes Verbundenheitsfließen

Zirkulär fließend (eval'thuveyn'oyel – wiederkehrend fließend)

Emotionen, die im Kreis laufen, nicht abfließen, nicht abklingen:

Thalaven'zhur Wörtlich Emotionaler Prozess
ziran'eval'thuveyn'oyel Leiden-Fließen-Bewusstsein-zyklisch Zyklische Trauer – der Verlust, der immer wiederkommt (der häufigste emotionale Zustand der Veyn)
nav'eval'thuveyn'oyel Traum-Fließen-Bewusstsein-zyklisch Zyklische Sehnsucht – die immer wiederkehrende Sehnsucht nach dem Paradies
ilra'eval'thuveyn'oyel Sehen-Fließen-Bewusstsein-zyklisch Zyklische Einsicht – das immer wiederkehrende Verstehen des eigenen Zustands, ohne ihn ändern zu können

Das zirkuläre Fließen ist der emotional gefährlichste Zustand. Es ist das Äquivalent von Rumination – ein Gefühl, das nicht verarbeitet wird, weil es dem Kollektiv gehört, aber durch den Einzelnen fließt. Es ist wie ein Sturm, der nicht abziehen kann, weil er gleichzeitig in tausend Bewusstseinen kreist. Die Veyn haben rituelle Praktiken entwickelt, um zirkuläre Emotionen zu „erden" – gemeinsames Summen, synchronisiertes Atmen, Bewegung –, aber keine davon löst das Grundproblem.


III. Die Distanz-Kultur: Techniken der emotionalen Beobachtung

A. Die drei Haltungen

Die Veyn haben über Jahrhunderte drei grundlegende Haltungen gegenüber Emotionen entwickelt:

Haltung Thalaven'zhur Wörtlich Beschreibung
Beobachtung ilra'eval'thu Sehen-Fließen-bewusst Die Emotion bewusst wahrnehmen, ohne sich mit ihr zu identifizieren. Der kulturelle Standard.
Benennung zhur'eval'thu Manifest-Fließen-bewusst Die Emotion bewusst benennen – aussprechen, was durch einen fließt. Gilt als heilsam, aber riskant, weil das Benennen die Emotion verdichtet.
Durchlassen eval'eval'thu Fließen-Fließen-bewusst Die Emotion bewusst fließen lassen – nicht festhalten, nicht benennen, nur dem Strom erlauben, weiterzuziehen. Die schwierigste Haltung.

B. Kommunikation über Emotionen

Wenn ein Veyn einem anderen mitteilt, was er fühlt, verwendet er nie possessive Konstruktionen. Er sagt nicht „ich bin traurig" oder „ich fühle Angst". Er beschreibt, was er beobachtet:

Standard-Formulierung:

"Ziran'eval'thuveyn ilra'an."
(Leiden-Fließen-Bewusstsein sehen-gegenwärtig.)
"Trauer wird gegenwärtig gesehen."
[= Ich beobachte gegenwärtig Trauer, die durch mich fließt.]

Verstärkt (wenn die Distanz schwer zu halten ist):

"Ziran'eval'thuveyn'mor ilra'an – ilra'eval'keth evalran."
(Leiden-Fließen-Bewusstsein-tief sehen-gegenwärtig – Sehen-Fließen-absolut fließend-werdend.)
"Tiefe Trauer wird gegenwärtig gesehen – absolute Überwältigung fließt werdend."
[= Tiefe Trauer ist da, die Distanz bricht zusammen.]

Kollektive Form (wenn die Emotion aus dem Kollektiv kommt):

"Ziran'eval'thuveyn'lir ilra'an – eval'lir'oyel."
(Leiden-Fließen-Bewusstsein-verbunden sehen-gegenwärtig – Fließen-verbunden-zyklisch.)
"Verbundenes Trauer-Fließen wird gegenwärtig gesehen – es fließt kollektiv zyklisch."
[= Die kollektive Trauer kreist wieder.]

IV. Die Ungesehenen: Das Erwachen des Fühlens

A. Der Sonderfall

Kinder der Ungesehenen, die weit genug und lange genug vom Kollektiv getrennt aufwachsen, erleben etwas, das kein Stadtstaaten-Veyn kennt: individuelle Emotionen. Nicht Resonanz aus dem Kollektiv, nicht zirkulierendes Trauma, sondern Gefühle, die ihnen gehören, die sie erzeugt haben, die auf ihre Erfahrungen antworten.

Dieses Erleben ist für sie zugleich befreiend und verstörend. Befreiend, weil sie zum ersten Mal fühlen, ohne dass die Trauer von tausend anderen gleichzeitig mitfließt. Verstörend, weil sie dennoch das kollektive Wissen in sich tragen – die Erinnerung an das Paradies, den Schock des Erwachens. Es ist wie eine Narbe, die nicht mehr schmerzt, aber sichtbar bleibt.

Thalaven'zhur Wörtlich Bedeutung
eval'thuveyn'nal'kav Fließen-Bewusstsein-eigen-manifestiert Individuell manifestierte Emotion – ein Gefühl, das dem Einzelnen gehört
eval'thuveyn'nal'ilra Fließen-Bewusstsein-eigen-gesehen Individuell gesehene Emotion – das Bewusstwerden eines eigenen Gefühls
eval'thuveyn'unlir Fließen-Bewusstsein-nicht-verbunden Nicht-kollektive Emotion – ein Gefühl ohne kollektive Resonanz

B. Das Vokabular der Ungesehenen für persönliche Emotionen

Die Ungesehenen haben als einzige Veyn-Gruppe begonnen, Wörter zu entwickeln, die individuelle Emotionen als eigene beschreiben – nicht als Durchfließendes, sondern als Zugehöriges. Für Stadtstaaten-Veyn klingen diese Begriffe befremdlich, fast obscön.

Ungesehenen-Form Wörtlich Bedeutung
nal'ziran'veyn Eigen-Leiden-Sein Eigener Schmerz – Trauer, die mir gehört
nal'lucair'veyn Eigen-Licht-Sein Eigene Freude – Licht, das ich erzeuge
nal'unra'veyn Eigen-Dunkel-Sein Eigene Angst – Dunkelheit, die meine ist
nal'lir'veyn Eigen-Verbunden-Sein Eigene Zuneigung – Verbundenheit, die ich wähle

Kulturelle Spannung: Wenn ein Ungesehener in einem Stadtstaat nal'lucair'veyn sagt – „eigene Freude" –, klingt das für Kollektivisten wie ein Paradox oder eine Provokation. Freude, die nicht geteilt wird? Licht, das einem Einzelnen gehört? Das widerspricht dem gesamten Weltbild. Und doch beginnen einzelne Transformatoren, genau diese Ausdrücke aufzugreifen – als Experiment, als philosophische Herausforderung.


V. Spezifische emotionale Zustände

A. Veynavziran – Die Grundsehnsucht

Das wichtigste emotionale Wort der gesamten Sprache, bereits in Kapitel 03 eingeführt:

Thalaven'zhur Wörtlich Bedeutung
veynavziran Sein-Traum-Leiden Existenzielle Sehnsucht – der Zustand, gleichzeitig zu existieren und das Verlorene zu betrauern. Nicht Trauer allein, nicht Hoffnung allein, sondern das permanente Nebeneinander von beidem.

Veynavziran ist kein Gefühl, das kommt und geht. Es ist die emotionale Grundierung der Veyn-Existenz – der Hintergrund, vor dem alle anderen Emotionen stattfinden. Es ist wie ein Tinnitus des Bewusstseins: immer da, manchmal leiser, manchmal lauter, aber nie still.

B. Weitere kulturspezifische Zustände

Thalaven'zhur Wörtlich Emotionaler Zustand Nächste menschliche Entsprechung
ilra'eval'keth'ziran Sehen-Fließen-absolut-Leiden Die überwältigte Beobachtung – die Distanz bricht zusammen, das Fühlen überrollt das Sehen Emotionaler Zusammenbruch, Dissoziation durchbrochen
unilra'eval'thuveyn Nicht-Sehen-Fließen-Bewusstsein Emotionale Blindheit – das Fühlen fließt, aber das Bewusstsein kann es nicht wahrnehmen Alexithymie, dissoziierter Affekt
eval'thuveyn'thoral Fließen-Bewusstsein-Stein Erstarrtes Bewusstsein – das Fließen ist zum Stein geworden, nichts bewegt sich Emotionale Erstarrung, Shut-down
eval'thuveyn'lir'keth'ziran Fließen-Bewusstsein-verbunden-absolut-Leiden Kollektive Panikwelle – wenn eine ganze Gemeinschaft gleichzeitig die Distanz verliert Massenpanik, kollektiver Trauma-Flashback
lucair'eval'thuveyn'nav Licht-Fließen-Bewusstsein-geträumt Geträumte Freude – eine Freude, die man nicht ganz glauben kann, die sich irreal anfühlt Derealisierte Freude, „zu gut um wahr zu sein"
eval'thuveyn'thunal'leth Fließen-Bewusstsein-Körper-zerbrochen Wenn der Körper die Emotion spürt, die das Bewusstsein nicht verarbeiten kann – psychosomatischer Schmerz Somatisierung

VI. Fraktionsunterschiede im emotionalen Vokabular

Kollektivisten

Verwenden fast ausschließlich die lir-Formen (verbundenes Fließen). Individuelle Emotionen gelten als Zeichen mangelnder Integration. Wenn ein Kollektivist starke eigene Gefühle hat, formuliert er sie als kollektiv:

"Liraven ziran'eval'thuveyn'oyel ilra'an."
(Wir Leiden-Fließen-Bewusstsein-zyklisch sehen-gegenwärtig.)
"Wir sehen gegenwärtig das zyklische Trauer-Fließen."
[Auch wenn nur der Sprecher trauert, wird es als kollektives Erleben gerahmt.]

Nostalgiker

Betonen das Paradox der simultanen Zeitebenen – die Trauer und das Paradies gleichzeitig:

"Thalaven'vor'thuveyn'an – lir'eval – ilranaleththing'eval'vor'an. Lir'eval."
(Tiefverbundene-Bewusstsein-gegenwärtig – und – Sehen-der-Zerbrochenheit-fließend-ewig-gegenwärtig. Und.)
"Das Bewusstsein der Tiefverbundenen ist gegenwärtig – und – das ewige Fließen des Erwachens ist gegenwärtig. Und."

Transformatoren

Experimentieren mit dem Benennen und dem bewussten Durchleben von Emotionen – Praktiken, die andere Fraktionen als riskant betrachten:

"Eval'thuveyn'kethran ilra'thu – ziran'eval zhur'kav'ran."
(Fließen-Bewusstsein-absolut-zerbrechend sehen-bewusst – Leiden-Fließen manifest-werden-werdend.)
"Absolut zerbrechendes Bewusstseinsfließen wird bewusst gesehen – das Leidensfließen wird manifest."
[= Ich sehe bewusst zu, wie mein Bewusstsein zerbricht, und lasse den Schmerz real werden.]

Ungesehene

Pragmatisch, direkt, mit den individuellen nal-Formen:

"Nal'unra'veyn. Nal'lucair'veyn – shal."
(Eigen-Dunkel-Sein. Eigen-Licht-Sein – oberflächlich.)
"Eigene Angst. Eigene Freude – ein wenig."

VII. Zusammenfassung: Schlüsselbegriffe

Neue Wurzeln

Keine. Das gesamte Emotionsvokabular entsteht aus bestehenden Morphemen, was philosophisch konsequent ist: Emotionen sind keine neuen Phänomene, sondern Konfigurationen der immer gleichen Grundprozesse (Fließen, Sehen, Leiden, Licht, Dunkel).

Schnellreferenz

Konzept Hauptbegriff Kommentar
Emotion wahrnehmen ilra'eval Sehen-Fließen (Grundform)
Überwältigt sein ilra'eval'keth Die Distanz bricht zusammen
Dissoziiert sein unilra'eval'thuveyn Das Fließen nicht sehen können
Trauer ziran'eval'thuveyn Leiden-Fließen ins Bewusstsein
Ewige Trauer ziran'eval'thuveyn'vor Der Grundzustand des Traumas
Zyklische Trauer ziran'eval'thuveyn'oyel Der häufigste emotionale Zustand
Angst unra'eval'thuveyn Dunkelheit-Fließen ins Bewusstsein
Freude lucair'eval'thuveyn Licht-Fließen ins Bewusstsein
Zuneigung lir'eval'thuveyn Verbundenheit-Fließen ins Bewusstsein
Zorn keth'eval'thuveyn Absolutes Fließen (selten, gefürchtet)
Scham nal'eval'thuveyn Eigenheit-Fließen ins Bewusstsein
Erstarrung eval'thuveyn'thoral Fließen-Bewusstsein-Stein
Grundsehnsucht veynavziran Der permanente Hintergrund
Eigene Emotion (Ungesehene) eval'thuveyn'nal'kav Individuell manifestiertes Fühlen
Beobachtung ilra'eval'thu Bewusstes Sehen des Fließens
Benennung zhur'eval'thu Bewusstes Manifest-Machen des Fließens
Durchlassen eval'eval'thu Bewusstes Fließenlassen des Fließens
Kollektive Emotion eval'thuveyn'lir Fließen-Bewusstsein-verbunden

Verhältnis zu anderen Kapiteln

Kapitel 03 (Kernvokabular, Sektion F): Die dort definierten emotionalen Begriffe (veynavziran, thalvorleth, lucair'lirav) sind philosophische Konzepte. Dieses Kapitel (09) ergänzt das Erleben – wie Veyn Emotionen wahrnehmen, verarbeiten (oder nicht verarbeiten) und kommunizieren.

Kapitel 17 (Rituelle Sprache): Die Mantra-Strukturen dienen unter anderem der emotionalen Regulierung – das zyklische Sprechen spiegelt das zyklische Fließen der Emotionen und gibt ihm eine Form.

Kapitel 22 (Pragmatik): Die pragmatischen Kommunikationsebenen (Zhur'shal, Zhur'mor, Zhur'kethvor) regulieren, wie tief emotionale Inhalte geteilt werden.

Kapitel 20 (Pronominalsystem): Die Vermeidung von „du" hat emotionale Wurzeln – jemanden direkt anzusprechen heißt, die emotionale Distanz aufzugeben.


VIII. Verwendungsbeispiele für Spielleiter

Szene: Ein Veyn berichtet einem Vertrauten

"Ilra'eval'mor veyn'an. Ziran'eval'thuveyn – thalaven'vor'thuveyn'an lir'eval.
Ilranaleththing'eval'vor'an. Lir'eval. Ilra'eval'thu... shal."

Übersetzung: „Tiefes Sehen-des-Fließens ist gegenwärtig. Trauer fließt ins Bewusstsein – und das Bewusstsein der Tiefverbundenen ist gegenwärtig. Und das ewige Erwachens-Sehen ist gegenwärtig. Und. Das bewusste Beobachten... ist oberflächlich."

Spielleiter-Übertragung: „Ich sehe gerade etwas Tiefes durch mich fließen. Trauer. Und gleichzeitig ist das Paradies da. Und gleichzeitig der Schrecken. Und. Meine Distanz... ist dünn."

Szene: Kollektive Panikwelle in einem Stadtstaat

"Eval'thuveyn'lir'keth'ziran veyn'an! Liraven ilra'eval'keth –
ilra'eval'thu ziran'ran. Unilra'eval'thuveyn evalran liraven."

Übersetzung: „Absolut verbundenes Bewusstseins-Leiden fließt gegenwärtig! Wir alle sind im überwältigten Sehen-des-Fließens – die bewusste Beobachtung stirbt werdend. Emotionale Blindheit fließt werdend über uns."

Szene: Ein Ungesehenen-Kind fühlt zum ersten Mal eigene Freude

"Nal'lucair'veyn... veyn'an? Eval'thuveyn – nal. Un'lir.
Lucair'eval'thuveyn – nal'kav. Ilra'eval'nal'an."

Übersetzung: „Eigenes Licht-Sein... ist gegenwärtig? Bewusstseins-Fließen – eigen. Nicht-verbunden. Licht fließt ins Bewusstsein – eigen-manifestiert. Eigenes Sehen-des-Fließens geschieht."

Spielleiter-Übertragung: „Das ist... meins? Dieses Fühlen – es ist meins. Es kommt nicht von den anderen. Licht – und es gehört mir. Ich sehe es. Es ist meins."