Kapitel 09 - Emotionen und innere Zustände
Die offene Wunde
Ein Veyn, der heute geboren wird, erlebt den Schrecken des Großen Erwachens so, als geschähe er in diesem Moment.
Das ist keine Metapher. Es ist keine blasse Erinnerung, kein mündlich überliefertes Trauma, das über Generationen verblasst. Das kollektive Bewusstsein der Veyn war nie wirklich zerbrochen – es fühlt sich zerbrochen an, aber die Verbindung besteht weiter. Und durch diese Verbindung fließt seit beinahe 843 WZ Jahren derselbe ungefilterte Schock: der Moment, in dem ein ganzes Volk zum ersten Mal sich selbst sah und erkannte, dass es allein war. Jedes neugeborene Veyn-Kind empfängt dieses Erleben nicht als Geschichte, sondern als Wahrnehmung. Das Paradies der Thalaven'vor ist genauso gegenwärtig – nicht als Sehnsucht nach etwas Vergangenem, sondern als etwas, das gleichzeitig da ist und fehlt, ein Phantomschmerz eines amputierten Glieds, das nie aufgehört hat zu schmerzen, weil das Kollektiv nie aufgehört hat, es zu fühlen.
Daraus ergibt sich eine fundamentale Konsequenz für das emotionale Erleben der Veyn: Affekt und Gefühl sind voneinander abgekoppelt.
Das Erleben ist da – die Welle des Schreckens, der Sehnsucht, des Verlusts – aber die Verarbeitung ist blockiert. Im Kollektiv schwirren dieselben Emotionen immer weiter herum, unverarbeitet, unintegriert, weil sie nicht einem Individuum gehören, das sie durcharbeiten könnte, sondern dem Ganzen, das zu traumatisiert ist, um hinzusehen. Ein einzelner Veyn kann die kollektive Trauer nicht „heilen", weil sie nicht seine ist – und gleichzeitig ist sie seine, weil er Teil des Kollektivs ist.
Die Veyn sind keine hilflosen Opfer ihrer Selbst. 843 WZ Jahre haben ausgereicht, um eine Kultur des distanzierten Umgangs zu entwickeln: eine Haltung, die irgendwo zwischen Beobachtung, Selbstkontrolle und vorsichtiger Distanz liegt. Die Veyn erleben Emotionen nicht so, wie andere Menschen Emotionen erleben – als innere Zustände, die einem gehören und die man ausdrückt. Veyn erleben Emotionen als Wetter: als etwas, das da ist, das durch einen hindurchzieht, das man beobachtet, benennt, aushält – aber nicht besitzt und selten steuert.
I. Grundkonzept: Emotion als Resonanz, nicht als Besitz
A. Die drei Schichten des emotionalen Erlebens
Thalaven'zhur unterscheidet drei Schichten, die in menschlichen Sprachen oft zusammenfallen:
| Schicht | Thalaven'zhur | Wörtlich | Beschreibung |
|---|---|---|---|
| Resonanz | eval'thuveyn'lir | Fließen-Bewusstsein-verbunden | Das Eintreffen einer Emotion im Bewusstsein – das, was von außen oder vom Kollektiv hereinströmt. Kein Individuum hat dies gewählt oder erzeugt. Es geschieht. |
| Beobachtung | ilra'eval'thuveyn | Sehen-Fließen-Bewusstsein | Das bewusste Wahrnehmen der Emotion – der Moment, in dem ein Veyn erkennt, was gerade durch ihn hindurchfließt. Dies ist der kulturell geförderte Zustand: sehen, ohne zu verschmelzen. |
| Verkörperung | thunal'eval'thuveyn | Körper-Fließen-Bewusstsein | Die körperliche Manifestation der Emotion – Zittern, Erstarrung, Hitze, Kälte. Die gefährlichste Schicht, weil hier die Dissoziation durchbrochen wird und das Gefühl den Körper ergreift. |
Das Ideal der Veyn: Ein emotional kompetenter Veyn befindet sich meist in Schicht 2 – der Beobachtung. Er sieht die Emotion, benennt sie, lässt sie durch sich hindurchfließen, ohne von ihr überwältigt zu werden (Schicht 3) und ohne sie zu ignorieren (Unter-Schicht 1). Dieses Ideal ist schwer zu halten. Besonders bei kollektiven Traumawellen, wenn das gesamte Stadtkollektiv gleichzeitig in Angst oder Trauer versinkt, bricht die Beobachtungsdistanz zusammen.
B. Der zentrale Begriff: Ilra'eval – „Das Sehen des Fließens"
| Thalaven'zhur | Wörtlich | Bedeutung |
|---|---|---|
| ilra'eval | Sehen-Fließen | Der emotionale Grundprozess: Eine Emotion wahrnehmen, die durch einen fließt |
| ilra'eval'an | Sehen-Fließen-gegenwärtig | Gegenwärtig eine Emotion wahrnehmen – der kulturell angemessene Zustand |
| ilra'eval'mor | Sehen-Fließen-tief | Eine tiefe Emotion wahrnehmen – ernst, aber unter Kontrolle |
| ilra'eval'keth | Sehen-Fließen-absolut | Überwältigt sein – die Beobachtungsdistanz ist zusammengebrochen |
| ilra'eval'lir | Sehen-Fließen-verbunden | Eine kollektive Emotion wahrnehmen – das Fließen kommt aus dem Kollektiv |
| ilra'eval'nal | Sehen-Fließen-eigen | Eine individuelle Emotion wahrnehmen – selten, beunruhigend, meist nur bei Ungesehenen |
| unilra'eval | Nicht-Sehen-Fließen | Die Emotion fließt, aber man kann sie nicht sehen – Dissoziation, Verdrängung |
II. Die emotionalen Grundprozesse
A. Trauma-Resonanz: Das immer Gegenwärtige
| Thalaven'zhur | Wörtlich | Bedeutung |
|---|---|---|
| eval'thuveyn'avesh'an | Fließen-Bewusstsein-vergangen-gegenwärtig | Das paradoxe Grunderleben: Vergangenes, das gegenwärtig fließt – das nie vergangene Trauma |
| ilranaleththing'eval'vor | Sehen-der-Zerbrochenheit-fließend-ewig | Das ewig fließende Sehen der Zerbrochenheit – der Schock des Erwachens, der nie aufgehört hat |
| thalaven'vor'thuveyn'an | Tiefverbundene-Bewusstsein-gegenwärtig | Die gegenwärtige Präsenz des Paradieses im Bewusstsein – nicht Erinnerung, sondern Wahrnehmung |
Für Spielleiter: Dies ist kein PTBS im menschlichen Sinne. PTBS hat Flashbacks – Momente, in denen die Vergangenheit einbricht. Für die Veyn gibt es keinen Einbruch, weil die Vergangenheit nie gegangen ist. Das Erwachen ist nicht damals passiert. Es passiert immer noch, in diesem Moment, für jeden Veyn. Stellen Sie sich vor, Sie würden gleichzeitig in der Gegenwart leben und permanent den schlimmsten Moment Ihrer Existenz erleben – nicht als Erinnerung, sondern als parallele Wahrnehmung. Und gleichzeitig das schönste, was je war. Beides, immer, jetzt.
B. Die beobachteten Emotionen
Die Veyn kategorisieren Emotionen nicht nach „positiv" und „negativ" (diese Unterscheidung existiert nicht), sondern nach Fließrichtung und Intensität.
Einwärts fließend (eval'thuveyn'thal – ins Tiefe fließend)
Emotionen, die nach innen ziehen, verdichten, vertiefen:
| Thalaven'zhur | Wörtlich | Emotionaler Prozess |
|---|---|---|
| ziran'eval'thuveyn | Leiden-Fließen-Bewusstsein | Trauer – Leiden, das ins Bewusstsein fließt |
| ziran'eval'thuveyn'vor | Leiden-Fließen-Bewusstsein-ewig | Ewige Trauer – der Grundzustand des kollektiven Traumas |
| unra'eval'thuveyn | Nicht-Licht-Fließen-Bewusstsein | Angst – Dunkelheit, die ins Bewusstsein fließt |
| unra'eval'thuveyn'keth | Nicht-Licht-Fließen-Bewusstsein-absolut | Absolute Angst, Panik – Dunkelheit überflutet das Bewusstsein |
| thal'eval'thuveyn | Tief-Fließen-Bewusstsein | Schwermut – Tiefe, die ins Bewusstsein sinkt |
| nal'eval'thuveyn | Eigen-Fließen-Bewusstsein | Scham – Eigenheit, die ins Bewusstsein dringt (das Bewusstwerden der eigenen Getrenntheit) |
Auswärts fließend (eval'thuveyn'zhur – ins Manifeste fließend)
Emotionen, die nach außen drängen, sich manifestieren wollen:
| Thalaven'zhur | Wörtlich | Emotionaler Prozess |
|---|---|---|
| lucair'eval'thuveyn | Licht-Fließen-Bewusstsein | Freude – Licht, das ins Bewusstsein strömt und nach außen drängt |
| lucair'eval'thuveyn'shal | Licht-Fließen-Bewusstsein-oberflächlich | Leichte Zufriedenheit – oberflächliches Lichtfließen |
| eval'thuveyn'zhur'ran | Fließen-Bewusstsein-manifest-werdend | Aufregung, Erregung – Bewusstsein, das nach Manifestation drängt |
| keth'eval'thuveyn | Absolut-Fließen-Bewusstsein | Zorn, Wut – eine absolute Kraft, die aus dem Bewusstsein bricht (extrem selten, gefürchtet) |
| lir'eval'thuveyn | Verbunden-Fließen-Bewusstsein | Zuneigung, Wärme – Verbundenheit, die ins Bewusstsein strömt |
| lir'eval'thuveyn'mor | Verbunden-Fließen-Bewusstsein-tief | Tiefe Zuneigung, Liebe – tiefes Verbundenheitsfließen |
Zirkulär fließend (eval'thuveyn'oyel – wiederkehrend fließend)
Emotionen, die im Kreis laufen, nicht abfließen, nicht abklingen:
| Thalaven'zhur | Wörtlich | Emotionaler Prozess |
|---|---|---|
| ziran'eval'thuveyn'oyel | Leiden-Fließen-Bewusstsein-zyklisch | Zyklische Trauer – der Verlust, der immer wiederkommt (der häufigste emotionale Zustand der Veyn) |
| nav'eval'thuveyn'oyel | Traum-Fließen-Bewusstsein-zyklisch | Zyklische Sehnsucht – die immer wiederkehrende Sehnsucht nach dem Paradies |
| ilra'eval'thuveyn'oyel | Sehen-Fließen-Bewusstsein-zyklisch | Zyklische Einsicht – das immer wiederkehrende Verstehen des eigenen Zustands, ohne ihn ändern zu können |
Das zirkuläre Fließen ist der emotional gefährlichste Zustand. Es ist das Äquivalent von Rumination – ein Gefühl, das nicht verarbeitet wird, weil es dem Kollektiv gehört, aber durch den Einzelnen fließt. Es ist wie ein Sturm, der nicht abziehen kann, weil er gleichzeitig in tausend Bewusstseinen kreist. Die Veyn haben rituelle Praktiken entwickelt, um zirkuläre Emotionen zu „erden" – gemeinsames Summen, synchronisiertes Atmen, Bewegung –, aber keine davon löst das Grundproblem.
III. Die Distanz-Kultur: Techniken der emotionalen Beobachtung
A. Die drei Haltungen
Die Veyn haben über Jahrhunderte drei grundlegende Haltungen gegenüber Emotionen entwickelt:
| Haltung | Thalaven'zhur | Wörtlich | Beschreibung |
|---|---|---|---|
| Beobachtung | ilra'eval'thu | Sehen-Fließen-bewusst | Die Emotion bewusst wahrnehmen, ohne sich mit ihr zu identifizieren. Der kulturelle Standard. |
| Benennung | zhur'eval'thu | Manifest-Fließen-bewusst | Die Emotion bewusst benennen – aussprechen, was durch einen fließt. Gilt als heilsam, aber riskant, weil das Benennen die Emotion verdichtet. |
| Durchlassen | eval'eval'thu | Fließen-Fließen-bewusst | Die Emotion bewusst fließen lassen – nicht festhalten, nicht benennen, nur dem Strom erlauben, weiterzuziehen. Die schwierigste Haltung. |
B. Kommunikation über Emotionen
Wenn ein Veyn einem anderen mitteilt, was er fühlt, verwendet er nie possessive Konstruktionen. Er sagt nicht „ich bin traurig" oder „ich fühle Angst". Er beschreibt, was er beobachtet:
Standard-Formulierung:
"Ziran'eval'thuveyn ilra'an."
(Leiden-Fließen-Bewusstsein sehen-gegenwärtig.)
"Trauer wird gegenwärtig gesehen."
[= Ich beobachte gegenwärtig Trauer, die durch mich fließt.]
Verstärkt (wenn die Distanz schwer zu halten ist):
"Ziran'eval'thuveyn'mor ilra'an – ilra'eval'keth evalran."
(Leiden-Fließen-Bewusstsein-tief sehen-gegenwärtig – Sehen-Fließen-absolut fließend-werdend.)
"Tiefe Trauer wird gegenwärtig gesehen – absolute Überwältigung fließt werdend."
[= Tiefe Trauer ist da, die Distanz bricht zusammen.]
Kollektive Form (wenn die Emotion aus dem Kollektiv kommt):
"Ziran'eval'thuveyn'lir ilra'an – eval'lir'oyel."
(Leiden-Fließen-Bewusstsein-verbunden sehen-gegenwärtig – Fließen-verbunden-zyklisch.)
"Verbundenes Trauer-Fließen wird gegenwärtig gesehen – es fließt kollektiv zyklisch."
[= Die kollektive Trauer kreist wieder.]
IV. Die Ungesehenen: Das Erwachen des Fühlens
A. Der Sonderfall
Kinder der Ungesehenen, die weit genug und lange genug vom Kollektiv getrennt aufwachsen, erleben etwas, das kein Stadtstaaten-Veyn kennt: individuelle Emotionen. Nicht Resonanz aus dem Kollektiv, nicht zirkulierendes Trauma, sondern Gefühle, die ihnen gehören, die sie erzeugt haben, die auf ihre Erfahrungen antworten.
Dieses Erleben ist für sie zugleich befreiend und verstörend. Befreiend, weil sie zum ersten Mal fühlen, ohne dass die Trauer von tausend anderen gleichzeitig mitfließt. Verstörend, weil sie dennoch das kollektive Wissen in sich tragen – die Erinnerung an das Paradies, den Schock des Erwachens. Es ist wie eine Narbe, die nicht mehr schmerzt, aber sichtbar bleibt.
| Thalaven'zhur | Wörtlich | Bedeutung |
|---|---|---|
| eval'thuveyn'nal'kav | Fließen-Bewusstsein-eigen-manifestiert | Individuell manifestierte Emotion – ein Gefühl, das dem Einzelnen gehört |
| eval'thuveyn'nal'ilra | Fließen-Bewusstsein-eigen-gesehen | Individuell gesehene Emotion – das Bewusstwerden eines eigenen Gefühls |
| eval'thuveyn'unlir | Fließen-Bewusstsein-nicht-verbunden | Nicht-kollektive Emotion – ein Gefühl ohne kollektive Resonanz |
B. Das Vokabular der Ungesehenen für persönliche Emotionen
Die Ungesehenen haben als einzige Veyn-Gruppe begonnen, Wörter zu entwickeln, die individuelle Emotionen als eigene beschreiben – nicht als Durchfließendes, sondern als Zugehöriges. Für Stadtstaaten-Veyn klingen diese Begriffe befremdlich, fast obscön.
| Ungesehenen-Form | Wörtlich | Bedeutung |
|---|---|---|
| nal'ziran'veyn | Eigen-Leiden-Sein | Eigener Schmerz – Trauer, die mir gehört |
| nal'lucair'veyn | Eigen-Licht-Sein | Eigene Freude – Licht, das ich erzeuge |
| nal'unra'veyn | Eigen-Dunkel-Sein | Eigene Angst – Dunkelheit, die meine ist |
| nal'lir'veyn | Eigen-Verbunden-Sein | Eigene Zuneigung – Verbundenheit, die ich wähle |
Kulturelle Spannung: Wenn ein Ungesehener in einem Stadtstaat
nal'lucair'veynsagt – „eigene Freude" –, klingt das für Kollektivisten wie ein Paradox oder eine Provokation. Freude, die nicht geteilt wird? Licht, das einem Einzelnen gehört? Das widerspricht dem gesamten Weltbild. Und doch beginnen einzelne Transformatoren, genau diese Ausdrücke aufzugreifen – als Experiment, als philosophische Herausforderung.
V. Spezifische emotionale Zustände
A. Veynavziran – Die Grundsehnsucht
Das wichtigste emotionale Wort der gesamten Sprache, bereits in Kapitel 03 eingeführt:
| Thalaven'zhur | Wörtlich | Bedeutung |
|---|---|---|
| veynavziran | Sein-Traum-Leiden | Existenzielle Sehnsucht – der Zustand, gleichzeitig zu existieren und das Verlorene zu betrauern. Nicht Trauer allein, nicht Hoffnung allein, sondern das permanente Nebeneinander von beidem. |
B. Weitere kulturspezifische Zustände
| Thalaven'zhur | Wörtlich | Emotionaler Zustand | Nächste menschliche Entsprechung |
|---|---|---|---|
| ilra'eval'keth'ziran | Sehen-Fließen-absolut-Leiden | Die überwältigte Beobachtung – die Distanz bricht zusammen, das Fühlen überrollt das Sehen | Emotionaler Zusammenbruch, Dissoziation durchbrochen |
| unilra'eval'thuveyn | Nicht-Sehen-Fließen-Bewusstsein | Emotionale Blindheit – das Fühlen fließt, aber das Bewusstsein kann es nicht wahrnehmen | Alexithymie, dissoziierter Affekt |
| eval'thuveyn'thoral | Fließen-Bewusstsein-Stein | Erstarrtes Bewusstsein – das Fließen ist zum Stein geworden, nichts bewegt sich | Emotionale Erstarrung, Shut-down |
| eval'thuveyn'lir'keth'ziran | Fließen-Bewusstsein-verbunden-absolut-Leiden | Kollektive Panikwelle – wenn eine ganze Gemeinschaft gleichzeitig die Distanz verliert | Massenpanik, kollektiver Trauma-Flashback |
| lucair'eval'thuveyn'nav | Licht-Fließen-Bewusstsein-geträumt | Geträumte Freude – eine Freude, die man nicht ganz glauben kann, die sich irreal anfühlt | Derealisierte Freude, „zu gut um wahr zu sein" |
| eval'thuveyn'thunal'leth | Fließen-Bewusstsein-Körper-zerbrochen | Wenn der Körper die Emotion spürt, die das Bewusstsein nicht verarbeiten kann – psychosomatischer Schmerz | Somatisierung |
VI. Fraktionsunterschiede im emotionalen Vokabular
Kollektivisten
Verwenden fast ausschließlich die lir-Formen (verbundenes Fließen). Individuelle Emotionen gelten als Zeichen mangelnder Integration. Wenn ein Kollektivist starke eigene Gefühle hat, formuliert er sie als kollektiv:
"Liraven ziran'eval'thuveyn'oyel ilra'an."
(Wir Leiden-Fließen-Bewusstsein-zyklisch sehen-gegenwärtig.)
"Wir sehen gegenwärtig das zyklische Trauer-Fließen."
[Auch wenn nur der Sprecher trauert, wird es als kollektives Erleben gerahmt.]
Nostalgiker
Betonen das Paradox der simultanen Zeitebenen – die Trauer und das Paradies gleichzeitig:
"Thalaven'vor'thuveyn'an – lir'eval – ilranaleththing'eval'vor'an. Lir'eval."
(Tiefverbundene-Bewusstsein-gegenwärtig – und – Sehen-der-Zerbrochenheit-fließend-ewig-gegenwärtig. Und.)
"Das Bewusstsein der Tiefverbundenen ist gegenwärtig – und – das ewige Fließen des Erwachens ist gegenwärtig. Und."
Transformatoren
Experimentieren mit dem Benennen und dem bewussten Durchleben von Emotionen – Praktiken, die andere Fraktionen als riskant betrachten:
"Eval'thuveyn'kethran ilra'thu – ziran'eval zhur'kav'ran."
(Fließen-Bewusstsein-absolut-zerbrechend sehen-bewusst – Leiden-Fließen manifest-werden-werdend.)
"Absolut zerbrechendes Bewusstseinsfließen wird bewusst gesehen – das Leidensfließen wird manifest."
[= Ich sehe bewusst zu, wie mein Bewusstsein zerbricht, und lasse den Schmerz real werden.]
Ungesehene
Pragmatisch, direkt, mit den individuellen nal-Formen:
"Nal'unra'veyn. Nal'lucair'veyn – shal."
(Eigen-Dunkel-Sein. Eigen-Licht-Sein – oberflächlich.)
"Eigene Angst. Eigene Freude – ein wenig."
VII. Zusammenfassung: Schlüsselbegriffe
Neue Wurzeln
Keine. Das gesamte Emotionsvokabular entsteht aus bestehenden Morphemen, was philosophisch konsequent ist: Emotionen sind keine neuen Phänomene, sondern Konfigurationen der immer gleichen Grundprozesse (Fließen, Sehen, Leiden, Licht, Dunkel).
Schnellreferenz
| Konzept | Hauptbegriff | Kommentar |
|---|---|---|
| Emotion wahrnehmen | ilra'eval |
Sehen-Fließen (Grundform) |
| Überwältigt sein | ilra'eval'keth |
Die Distanz bricht zusammen |
| Dissoziiert sein | unilra'eval'thuveyn |
Das Fließen nicht sehen können |
| Trauer | ziran'eval'thuveyn |
Leiden-Fließen ins Bewusstsein |
| Ewige Trauer | ziran'eval'thuveyn'vor |
Der Grundzustand des Traumas |
| Zyklische Trauer | ziran'eval'thuveyn'oyel |
Der häufigste emotionale Zustand |
| Angst | unra'eval'thuveyn |
Dunkelheit-Fließen ins Bewusstsein |
| Freude | lucair'eval'thuveyn |
Licht-Fließen ins Bewusstsein |
| Zuneigung | lir'eval'thuveyn |
Verbundenheit-Fließen ins Bewusstsein |
| Zorn | keth'eval'thuveyn |
Absolutes Fließen (selten, gefürchtet) |
| Scham | nal'eval'thuveyn |
Eigenheit-Fließen ins Bewusstsein |
| Erstarrung | eval'thuveyn'thoral |
Fließen-Bewusstsein-Stein |
| Grundsehnsucht | veynavziran |
Der permanente Hintergrund |
| Eigene Emotion (Ungesehene) | eval'thuveyn'nal'kav |
Individuell manifestiertes Fühlen |
| Beobachtung | ilra'eval'thu |
Bewusstes Sehen des Fließens |
| Benennung | zhur'eval'thu |
Bewusstes Manifest-Machen des Fließens |
| Durchlassen | eval'eval'thu |
Bewusstes Fließenlassen des Fließens |
| Kollektive Emotion | eval'thuveyn'lir |
Fließen-Bewusstsein-verbunden |
Verhältnis zu anderen Kapiteln
Kapitel 03 (Kernvokabular, Sektion F): Die dort definierten emotionalen Begriffe (veynavziran, thalvorleth, lucair'lirav) sind philosophische Konzepte. Dieses Kapitel (09) ergänzt das Erleben – wie Veyn Emotionen wahrnehmen, verarbeiten (oder nicht verarbeiten) und kommunizieren.
Kapitel 17 (Rituelle Sprache): Die Mantra-Strukturen dienen unter anderem der emotionalen Regulierung – das zyklische Sprechen spiegelt das zyklische Fließen der Emotionen und gibt ihm eine Form.
Kapitel 22 (Pragmatik): Die pragmatischen Kommunikationsebenen (Zhur'shal, Zhur'mor, Zhur'kethvor) regulieren, wie tief emotionale Inhalte geteilt werden.
Kapitel 20 (Pronominalsystem): Die Vermeidung von „du" hat emotionale Wurzeln – jemanden direkt anzusprechen heißt, die emotionale Distanz aufzugeben.
VIII. Verwendungsbeispiele für Spielleiter
Szene: Ein Veyn berichtet einem Vertrauten
"Ilra'eval'mor veyn'an. Ziran'eval'thuveyn – thalaven'vor'thuveyn'an lir'eval.
Ilranaleththing'eval'vor'an. Lir'eval. Ilra'eval'thu... shal."
Übersetzung: „Tiefes Sehen-des-Fließens ist gegenwärtig. Trauer fließt ins Bewusstsein – und das Bewusstsein der Tiefverbundenen ist gegenwärtig. Und das ewige Erwachens-Sehen ist gegenwärtig. Und. Das bewusste Beobachten... ist oberflächlich."
Spielleiter-Übertragung: „Ich sehe gerade etwas Tiefes durch mich fließen. Trauer. Und gleichzeitig ist das Paradies da. Und gleichzeitig der Schrecken. Und. Meine Distanz... ist dünn."
Szene: Kollektive Panikwelle in einem Stadtstaat
"Eval'thuveyn'lir'keth'ziran veyn'an! Liraven ilra'eval'keth –
ilra'eval'thu ziran'ran. Unilra'eval'thuveyn evalran liraven."
Übersetzung: „Absolut verbundenes Bewusstseins-Leiden fließt gegenwärtig! Wir alle sind im überwältigten Sehen-des-Fließens – die bewusste Beobachtung stirbt werdend. Emotionale Blindheit fließt werdend über uns."
Szene: Ein Ungesehenen-Kind fühlt zum ersten Mal eigene Freude
"Nal'lucair'veyn... veyn'an? Eval'thuveyn – nal. Un'lir.
Lucair'eval'thuveyn – nal'kav. Ilra'eval'nal'an."
Übersetzung: „Eigenes Licht-Sein... ist gegenwärtig? Bewusstseins-Fließen – eigen. Nicht-verbunden. Licht fließt ins Bewusstsein – eigen-manifestiert. Eigenes Sehen-des-Fließens geschieht."
Spielleiter-Übertragung: „Das ist... meins? Dieses Fühlen – es ist meins. Es kommt nicht von den anderen. Licht – und es gehört mir. Ich sehe es. Es ist meins."