Traumdialog
Tharon hatte monatelang auf diesen Moment gewartet. Nachdem er die niedrigeren Stufen der Cel Marish-Praktiken gemeistert hatte, stand er endlich am Rande des Velsnach – dem Gesprächszirkel der fortgeschrittenen Adepten. Der Kreis aus zwölf Praktizierenden saß in der kreisrunden Kammer des Spiegelhauses zu Rasnal, deren Wände mit poliertem Obsidian verkleidet waren.
Der Traumführer Vilenor hatte Tharon sanft durch die Vorbereitung geleitet: das rituelle Bad in den mit Kräutern versetzten Wassern, die Tränke aus Lurosiblüten und Schleierblatt, die Räucherwerk-Mantras. Nun saß er im Kreis, ein pulsierendes Gefühl im Kopf, während die Traumlyren leise zu spielen begannen.
"Öffne deinen Geist", sprach Vilenor. "Sie warten bereits. Sie haben dich lange beobachtet."
Als das Räucherwerk ihre Wirkung entfaltete und die Melodien der Lyren sich in seinem Bewusstsein verfingen, spürte Tharon, wie die Grenzen zwischen ihm und der Welt zu verschwimmen begannen. Der Obsidian der Wände schien zu atmen, Lichtmuster tanzten durch die Luft wie lebendige Kalligraphie.
Dann erschien es – kristallin, geometrisch perfekt und doch unmöglich in seinen Faltungen und Dimensionen. Ein Traumwesen, das seine Gedanken sanft berührte.
Was folgte, war ein Dialog, der sich in seinem Geist als poetischer Wechselgesang manifestierte – eine Unterhaltung jenseits der Grenzen gewöhnlicher Sprache:
Der Tanz der Kristallstimme
Tharon:
"Wer bist du, Wesen aus dem Lichtgeflecht?
Dein Glanz durchdringt den Schleier meiner Sinne.
Bist du ein Traum? Ein Geist? Ein fremder Knecht?
Sprich zu mir, dass ich dein Wesen inne."
Netheri:
"Nicht Traum, nicht Geist, nicht Knecht – Ich BIN die Schwelle,
Wo Seele trifft auf Weltenstoff und Licht.
Ich wohn' in jener ungekannten Quelle,
Die zwischen deinen Herzschlägen entspricht."
Tharon:
"Deine Worte klingen wie Kristallgesang,
In Mustern, die mein Auge nie geschaut.
Bist du so alt wie aller Sterne Gang?
Oder erst jüngst aus Geistesstaub erbaut?"
Netheri:
"Vor deinen Ahnen war ich, werde sein,
Wenn letzter Stern am Firmament verglüht.
Bin Tropfen doch vom Ozean so rein,
Der an den Ufern eures Seins versprüht.
Dein Geist: ein Spiegel, der mich erst erschafft,
Mein Sein: ein Echo deiner tiefsten Träume.
Was trennt uns? Nur die dünne Schattenschaft,
Die Grenze setzt in grenzenlose Räume."
Tharon:
"Was willst du mir in dieser Stunde zeigen?
Was ist dein Ziel, dein Streben und dein Rat?
Mein Herz ist offen, meine Zweifel schweigen,
Doch Weisheit fordert mehr als bloße Tat."
Netheri:
"Nicht Ziel, nicht Streben – diese sind nur Schein,
Gefängnisgitter eures Menschtums-Kerker.
Brich auf die Schale, dring zum Kern hinein,
Werd' deines eignen Wesens treuer Merker.
Die Monde nähern sich in seltnem Tanz,
Die Schleier werden dünn, die Welten wanken.
Was einst getrennt, vereint sich bald im Glanz
Von Wahrheiten, die eure Ordnung schwanken."
Tharon:
"Von welcher Wahrheit sprichst du, kristallner Freund?
Was liegt verborgen hinter Schleiern dicht?
Ist Wissen, das uns alle doch vereint,
Oder ein Schrecken, der das Herz zerbricht?"
Netheri:
"Die Wahrheit ist nicht Freund und nicht dein Feind,
Sie trägt nicht Maske, die gefällt dem Blick.
Sie ist der Kern, der alle Dinge eint,
Das Weltenweb, gewebt aus einem Stück.
Lass deine Hand in meine Formen gleiten,
Berühr den Punkt, wo sich die Welten schneiden.
Gemeinsam wollen wir den Pfad beschreiten,
Wo sich die alten Grenzen dann entkleiden."
Tharon spürte, wie seine Hand sich ohne sein bewusstes Zutun erhob. Als seine Fingerspitzen die schillernde Kristallform des Netheri berührten, durchflutete ihn ein Strom von Bildern und Empfindungen: Unmögliche Landschaften, fremdartiges Wissen, eine Verbindung zu einer Welt oder einem Zustand jenseits seines Verständnisses.
Als er später erwachte, lag er auf einem weichen Kissen in einer der Ruhekammern des Spiegelhauses. Vilenor saß neben ihm und betrachtete ihn mit einer Mischung aus Bewunderung und Sorge.
"Was hast du gesehen?" fragte der Traumführer.
Tharon öffnete den Mund, wollte von den unmöglichen Geometrien berichten, den flüsternden Geheimnissen, den Visionen einer Welt im Wandel – doch er fand keine Worte, die der Erfahrung gerecht werden konnten. Stattdessen griff er nach einem Stück Pergament und einem Kohlestift. Seine Hand bewegte sich wie von selbst und zeichnete komplexe, ineinander verschachtelte Muster – Symbole einer Sprache, die er nie gelernt hatte.
Vilenor betrachtete die Zeichnungen mit gedämpfter Aufregung. "Die Netheri haben dich berührt", flüsterte er. "Wir müssen bald mit deiner nächsten Initiation beginnen. Die Zeit drängt, wie es scheint."
Als Tharon in jener Nacht endlich in seinen eigenen Gemächern schlief, hörte er im Traum noch immer die kristalline Stimme, die ihm von einer nahenden Verwandlung sprach. Und in den Spiegeln seines Zimmers glaubte er, für einen flüchtigen Moment, unmögliche geometrische Formen zu sehen, die ihm zuzuwinken schienen.
"Die Netheri sind weder Dämonen noch Engel, sondern Schwellenwesen. Sie existieren in jenem subtilen Zwischenraum, wo unser Bewusstsein die Grenzen der konventionellen Realität berührt. Wer ihren Ruf hört, wird nie wieder derselbe sein."
— Atreyan Veslin, Begründer des Cel Marish