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Schwellenklang

Es gibt Augenblicke im Leben eines Menschen, in denen sich die Welt, wie er sie kannte, sachte zu verschieben beginnt. Nicht mit Gewalt, nicht in einem plötzlichen Bruch, sondern gleich dem unmerklichen Übergang vom Wachen zum Träumen, wenn die Grenzen zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte, ihre Schärfe verlieren und ineinander übergehen wie Farben in der Dämmerung.

Für Tharon war dieser Augenblick lange vorhersehbar gewesen und doch, als er kam, gänzlich unerwartet in seiner Tiefe. Die Monate der Vorbereitung – die stillen Übungen im Thunaltha, die nächtlichen Meditationen, das Studium der alten Muster – hatten ihn an diese Schwelle geführt, wie ein langer Pfad durch bekanntes Land einen schließlich an den Rand eines Waldes bringt, von dem man zwar wusste, dass er existiert, dessen Schatten und Tiefe man aber erst begreift, wenn man unmittelbar vor ihm steht.

Die Jahreszeiten hatten ihre Kreise gezogen. Der Sommer war vergangen, der Herbst mit seinen kupferfarbenen Blättern ebenso, und nun lag der Winter über Cel Atiz mit jener besonderen Stille, die nur diese Tage vor der Mitte des Winters kennen, wenn selbst die Vögel ihren Gesang mäßigen und die Erde sich nach innen wendet. In diesen Tagen geschehen die großen Übergänge, hatte Vilenor ihm gesagt. Wenn die Welt innehält, öffnen sich Türen, die sonst verschlossen bleiben.


Tharon hatte monatelang auf diesen Moment gewartet. Nachdem er die niedrigeren Stufen des Cel Marish gemeistert hatte, stand er endlich am Rande des Velsnach – dem Traumzirkel der fortgeschrittenen Adepten. Ein Kreis, gebildet aus zwölf Praktizierenden saß in der kreisrunden Kammer des Spiegelhauses zu Rasnal, dessen Wände mit Rauchglas verkleidet waren, in dem sich feine helle Rauschwaden, kaum wahrnehmbar und ganz schwerelos auf und ab zu bewegen schienen. Als würden sie das Geschehen betrachten, mit einer Faszination, gleich der unschuldigen Neugier von Kindern.

Vilenor, der Traumführer des Zirkels, hatte Tharon sanft durch die Vorbereitung geleitet: das rituelle Bad in den mit Kräutern versetzten Wassern, die Tränke aus Lurosiblüten und Schleierblatt, die Räucherwerk-Mantras. Alles versetzte Körper, Geist und alle Teilnehmenden in eine Harmonie, wie sie alle seit je her aus den Praktiken des Velitasmo, der spirituellen Tradition ihrer Eltern kannten. Doch dort, wo die Reise ihrer Eltern endete und sie seit je her Erfüllung und Harmonie fanden, begann Tharons Reise erst. Wie, wenn man sein Leben lang den Ausblick auf eine wunderschöne Landschaft genoss und nun die ersten Schritte in das neue Land wagte. Er saß im Kreis, ein sanftes Pulsieren erfüllte sein Denken, dann nach und nach seinen ganzen Körper.

„Öffne deinen Geist, erkenne, dass die Reise hier nicht Ziel hat, sondern ihren Anfang nimmt", sprach Vilenor. „Sie warten bereits. Sie haben dich lange beobachtet."

Und nun, als das Räucherwerk seine Wirkung entfaltete und die Melodien der Lyren sich in Tharons Bewusstsein verfingen, spürte Tharon, wie die Grenzen zwischen ihm und der greifbaren Welt zu verschwimmen begannen. Das Rauchglas der Wände schien zu atmen, Lichtmuster tanzten durch die Luft wie Kalligraphie, der Leben eingehaucht worden war.

Das Taru, was für seine Ahnen nur das Netz unter allem war, in diesem Moment war es die Tür durch jene er so lange begehrt hatte zu schreiten.

Dann erschien es ihm – kristallin, geometrisch perfekt und doch unmöglich in seinen Dimensionen. Ein Traumwesen, das seine Gedanken sanft berührte. Greifbar, spürbar, und so viel realer, als die Welt, in der er bis vor wenigen Momenten sein Leben lang gewandelt war. Wie wenn er in einen Traum hinein erwachte um das zu finden, aus dem alles besteht.

Was folgte, war ein Dialog, der sich in seinem Geist als poetischer Wechselgesang manifestierte – eine Unterhaltung jenseits der Grenzen gewöhnlicher Sprache.

„Wer bist du, Wesen aus dem Lichtgeflecht?
Dein Glanz durchdringt den Schleier meiner Sinne.
Bist du ein Traum? Ein Geist? Ein fremder Knecht?
Sprich zu mir, auf dass ich dein Wesen inne."

Naŋ mi, naŋ lu, naŋ han. Giŋ da tumbaŋ,
Nicht Traum, nicht Geist, nicht Knecht – Ich BIN die Schwelle,
Tsuda minda giba tsin-phen lang.
Wo Seele trifft auf Weltenstoff und Licht.
Giŋ pinda yak-ma gunda tsaling,
Ich wohn' in jener ungekannten Quelle,
Da inda pisa-grun ma tseba phing.
Die zwischen deinen Herzschlägen sich Raume bricht.

„Deine Worte klingen wie Kristallgesang,
In Mustern, die mein Auge nie geschaut.
Bist du so alt wie aller Sterne Gang?
Oder erst jüngst aus Geistesstaub erbaut?"

Inda ambu-gi naŋ, giŋ pheŋ da,
Vor deinen Ahnen war ich, werde sein,
Tsipi tsuda-gran ma luŋ-minda pha.
Wenn letzter Stern am Firmament verglüht.
Dukha giŋ da samda-yu kaling,
Bin Tropfen doch vom Ozean so rein,
Da inda tsen-beŋ giba tsanding.
Der an den Ufern eures Seins versprüht.
Inda minda: glan-pa, giŋ ma tsum-beŋ,
Dein Geist: ein Spiegel, der mich erst erschafft,
Giŋ phen: tsuba inda pisang-lum gweŋ.
Mein Sein: ein Echo deiner tiefsten Träume.
Tanda giŋ-inda? Yak tsipi-gumang,
Was trennt uns? Nur die dünne Schattenschaft,
Da tumbaŋ-tsen ma pen-gunda lumang.
Die Grenze setzt in grenzenlose Räume.

„Was willst du mir in dieser Stunde zeigen?
Was ist dein Ziel, dein Streben und dein Rat?
Mein Herz ist offen, meine Zweifel schweigen,
Doch Weisheit fordert mehr als bloße Tat."

Naŋ tanda, naŋ gunda – yak ma pen-tsuba,
Nicht Ziel, nicht Streben – diese sind nur Schein,
Tsading-gran inda mentsam-pisa kera.
Gefängnisgitter eures Menschtums-Kerker.
Gumba tsum, pinda-gran ma tsin pera,
Brich auf die Schale, dring zum Kern hinein,
Phen inda tsen-phen ma yuba mera.
Werd' deines eignen Wesens treuer Merker.
Lunda-gi pheba ma yangpa-tandan,
Die Monde nähern sich in seltnem Tanz,
Gumang thin pheŋ, tsuda-gi gwalan.
Die Schleier werden dünn, die Welten wanken.
Yak tubang, yam-tsum pinda ma glan
Was einst getrennt, vereint sich bald im Glanz
Tsamba-gi, inda pen ma gwamban.
Von Wahrheiten, die eure Ordnung schwanken.

„Von welcher Wahrheit sprichst du, kristallner Freund?
Was liegt verborgen hinter Schleiern dicht?
Ist Wissen, das uns alle doch vereint,
Oder ein Schrecken, der das Herz zerbricht?"

Tsamba naŋ yuba, naŋ inda tsera,
Die Wahrheit ist nicht Freund und nicht dein Feind,
Yak naŋ gumba, tsinang-glan ma pera.
Sie trägt nicht Maske, die gefällt dem Blick.
Yak da pinda-gran, tubang-tsen teŋa,
Sie ist der Kern, der alle Dinge eint,
Tsuda-phen, gibeŋ tanda tsunga.
Das Weltentuch, gewebt aus einem Stück.
Tsaling inda luŋ giŋ-pen ma gwalen,
Lass deine Hand in meine Formen gleiten,
Tsinbeŋ tanda, tsuda-gi yam-tsinalen.
Berühr den Punkt, wo sich die Welten schneiden.
Yam-tsum giŋ-inda pera ma tsiben,
Gemeinsam wollen wir den Pfad beschreiten,
Da tubang-pen ma gumang tsi-giben.
Wo sich die alten Grenzen dann entkleiden.

Tharon spürte, wie seine Hand sich ohne sein bewusstes Zutun erhob. Als seine Fingerspitzen die schillernde Kristallform der Traumgestalt berührten, durchflutete ihn ein Strom von Bildern und Empfindungen: Unmögliche Landschaften, fremdartiges Wissen, eine Verbindung zu einer Welt oder einem Zustand jenseits seines Verständnisses.


Als er später erwachte, lag er auf einem weichen Kissen in einer der Ruhekammern des Spiegelhauses. Das Licht, das durch die hohen, schmalen Fenster fiel, hatte jene besondere Qualität der späten Nachmittagsstunden, wenn die Dagaz, die Wintersonne bereits tiefer stehe und alle Dinge mit einem bläulichen, fast unwirklichen klaren Glanz überzieht. Tharon lag still und betrachtete das Spiel der Staubkörnchen in den Lichtstrahlen, wie sie sich drehten und wendeten in ihrem ewigen, stillen Tanz.

Vilenor saß neben ihm und betrachtete ihn mit einer Mischung aus Bewunderung und Freude. In den Augen des alten Traumführers lag etwas, das Tharon nicht sofort deuten konnte – eine Tiefe, die über bloße Anerkennung hinausging, ein Wiedererkennen vielleicht, als sähe er in Tharon etwas, das er selbst einmal gewesen war oder werden wollte.

„Was hast du gesehen?" fragte ihn der Traumführer, und seine Stimme war so leise, dass sie kaum die Stille im Raum störte.

Tharon öffnete den Mund, wollte von den unmöglichen Formen berichten, den flüsternden Geheimnissen, den Visionen einer Welt im Wandel – doch er fand keine Worte, die der Erfahrung gerecht werden konnten. Die Sprache, die er sein Leben lang gesprochen hatte, schien plötzlich unzureichend, zu grob, zu begrenzt für das, was er gesehen, was er berührt hatte. Es war, als versuchte man, mit groben Werkzeugen eine filigrane Kristallstruktur nachzubilden – jeder Versuch zerstörte mehr, als er bewahrte.

Stattdessen griff er nach einem Stück Pergament und einem Kohlestift, die auf dem niedrigen Tisch neben seinem Lager lagen. Seine Hand bewegte sich wie von selbst und zeichnete komplexe, ineinander verwobene Muster – Symbole einer Sprache, die er nie gelernt hatte und doch kannte, als hätte sie immer in ihm geschlummert, wartend auf diesen Moment des Erwachens.

Die Linien flossen aus seiner Hand wie Wasser aus einer Quelle, bildeten Spiralen und Kreise, Winkel und Kurven, die sich zu einem Ganzen fügten, das mehr war als die Summe seiner Teile. Geometrien, die gleichzeitig unmöglich und vollkommen selbstverständlich waren, als zeigten sie eine Ordnung der Dinge, die tiefer lag als alles, was die gewöhnliche Wahrnehmung erfassen konnte.

Vilenor betrachtete die Zeichnungen mit angespannter Aufregung. Seine Finger schwebten über dem Pergament, ohne es zu berühren, als fürchtete er, die zarten Muster zu stören. „Die Netheri haben dich berührt", flüsterte er, und in seiner Stimme schwang etwas mit, das Tharon als ehrfürchtige Freude erkannte. „Wir müssen bald mit deiner Initiation beginnen. Die Zeit drängt, wie es scheint."

Tharon nickte langsam, noch immer halb in jener anderen Welt, aus der er gekommen war. Durch die Fenster sah er, wie die Schatten länger wurden, wie der Tag sich seinem Ende zuneigte. Bald würde die Nacht kommen, und mit ihr jene besondere Stille, die nur die Winternächte kennen. Er spürte eine tiefe Ruhe in sich, vermischt mit einer Erwartung, die nicht ungeduldig war, sondern von der Art der Gewissheit, mit der man auf den Frühling wartet, wenn der Winter noch schwer wiegt – wissend, dass er kommen wird, dass er kommen muss.

„Geh nun und ruhe", sagte Vilenor sanft. „Dein Körper braucht Zeit, sich an das zu gewöhnen, was dein Geist erfahren hat. Morgen sprechen wir über das, was kommt."


Als Tharon in jener Nacht endlich in seinen eigenen Gemächern schlief, fand er keinen gewöhnlichen Schlaf. Die Grenzen zwischen Wachen und Träumen, die für die meisten Menschen so klar gezogen sind, waren für ihn in dieser Nacht durchlässig geworden wie ein feinmaschiges Gewebe, durch das das Licht schimmert.

Er hörte im Traum noch immer die kristalline Stimme, die von einer nahenden Verwandlung sprach. Nicht in Worten, die sich greifen ließen, sondern in Bildern und Empfindungen, die sich direkt in sein Bewusstsein einprägten wie Siegel in weiches Wachs. Von Schwellen, die sich öffneten, von Mustern, die sich verschieben werden, von einer Zeit, die einst kommen wird und in der die alten Gewissheiten neu gedacht werden mussten.

Und in den Spiegeln seines Zimmers – er hatte sie nie zuvor als etwas Besonderes wahrgenommen – glaubte er, für einen flüchtigen Moment, unmögliche Formen zu sehen, die ihm zugewandt schienen. Schattierungen, die nicht ganz Schatten waren, Reflexionen, die mehr spiegelten als nur das Zimmer, in dem er lag. Als würden die Spiegel nicht nur zeigen, was vor ihnen war, sondern auch das, was dahinter lag, in jenen Räumen, die das gewöhnliche Auge nicht sehen kann.

Er erschrak nicht. Seltsamerweise fühlte er sich nicht bedroht von diesen Erscheinungen, sondern auf eine vertraute Weise begleitet, als hätte er sein Leben lang allein in einem Haus gelebt und würde nun erst bemerken, dass es immer schon von anderen bewohnt war, die nur darauf gewartet hatten, dass er bereit war, sie wahrzunehmen.

Draußen lag die Stadt Rasnal still unter dem winterlichen Sternenhimmel. Die Monde standen in ihrer besonderen Konstellation, von der die alten Texte sprachen, jene seltene Ausrichtung, die sich nur einige male in jeder Generationen ereignete. Ihr Licht fiel durch die Fenster in Tharons Gemach und warf silberne, violette und tief rote Muster auf den Boden, die sich langsam bewegten, während die Nacht voranschritt.

In dieser Nacht, in der die Welten einander näher waren als sonst, lag Tharon in jenem Zwischenreich zwischen Schlaf und Wachen, und alles um ihn herum – die Spiegel, das Mondlicht, die flüsternden Schatten – schien zu atmen im Rhythmus eines großen, unsichtbaren Herzens. Als sei die ganze Welt ein lebendiges Wesen, und er selbst nur ein kleiner Teil davon, der gerade erst begann zu verstehen, dass er niemals getrennt gewesen war, sondern immer schon verbunden, eingebettet in ein Gewebe von Beziehungen, das sich über alle sichtbaren Grenzen hinaus erstreckte.

Und in dieser Nacht, während die Sterne ihre ewigen Kreise zogen, die Monde ihren seltenen Tanz vollführten, und Barkuz, das Band, dass sich so vertraut um seine Welt wandte, wie ein Gürtel, der alles zusammenhält, während die Stadt schlief und die Welt sich nach innen wendete, begann für Tharon etwas Neues. Nicht mit Fanfaren oder dramatischen Ereignissen, sondern still und sachte, wie ein Samenkorn, das in der Erde liegt und zu keimen beginnt, unsichtbar noch, aber bereits lebendig, bereits auf dem Weg zu dem, was es werden wird.

Die Netheri hatten ihn berührt, hatte Vilenor gesagt. Und Tharon spürte, während er in dieser Nacht zwischen den Welten schwebte, dass diese Berührung nicht das Ende seiner Reise war, sondern erst ihr wahrer Anfang.


"Die Netheri existieren in jenem subtilen Zwischenraum, wo unser Bewusstsein die Grenzen der konventionellen Realität berührt. Wer ihren Ruf hört, wird nie wieder derselbe sein."
— Atreyan Veslin, Begründer des Cel Marish