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Aufzeichnungen aus den Stillen Landen

Aus den persönlichen Notizen von Maisu Koldo ez'Ezagutza-barne-bi Ikertzaile

Two researchers in art nouveau-inspired geometric clothing examining a stream in an unnaturally perfect landscape. One kneels by crystal-clear water while the other stands among flawless trees and uniform grasslands under a pale sky with two dim suns. The scene conveys an eerie emptiness and silence.

Erstes Kapitel: Der Aufbruch ins Ungewisse

Es war im dritten Monat des Jahres 519 nach Non'Gaudener Zeitrechnung, als ich mich entschloß, jene Expedition zu unternehmen, die mein ganzes Weltverständnis in Frage stellen sollte. Als Angehöriger der Jakintza Ezagutza hatte ich mich der Erforschung jener weißen Flecken auf unseren Karten verschrieben, die sich östlich unserer wohlgeordneten Enklaven ausdehnten wie ein Rätsel, das der Vernunft spottete.

Die Vorbereitungen gestalteten sich nach allen Regeln unserer wissenschaftlichen Methodik. Präzise Instrumente zur Messung von Temperatur, Luftfeuchtigkeit und magnetischen Abweichungen wurden sorgfältig in wasserdichte Behältnisse verpackt. Proviant für vier Wochen, Kartenmaterial, Schreibzeug und jene kleinen Apparaturen, mit denen wir die Dichte magischer Energien zu bestimmen pflegen – alles war bedacht und zweifach kontrolliert. Mein Gehilfe Ander, ein junger Mann von lebhaftem Geiste und unerschütterlichem Optimismus, teilte meine Begeisterung für das Unbekannte. Wir beide nährten die Hoffnung, vielleicht neue Mineralvorkommen oder unentdeckte botanische Varietäten zu finden, die unserer Akademie zu Ruhm gereichen würden.

Der erste Tag unserer Wanderung gen Osten verlief durchaus erwartungsgemäß. Die vertrauten Hügel Non'Gaudens wichen allmählich einer sanfteren Topographie, und gegen Abend hatten wir bereits die letzten Außenposten unserer Zivilisation hinter uns gelassen. Die Nacht verbrachten wir unter einem klaren Sternenhimmel, an dem Hwīlô, Marōną und der wandernde Draupnaz ihre gewohnten Bahnen zogen, und ich notierte mit Befriedigung die ersten Beobachtungen in mein Tagebuch. Alles schien sich nach den Gesetzen zu fügen, die wir aus jahrelanger Forschung kannten.

Zweites Kapitel: Die erste Befremdetheit

Am zweiten Tage begannen die ersten Eigenarten sich zu zeigen, die mich anfangs nur milde verwunderten. Die Landschaft, welche sich vor uns ausbreitete, glich einer wohlgepflegten Parkanlage – sanfte Hügel, von Baumgruppen gekrönt, dazwischen ausgedehnte Grasflächen von einer Gleichmäßigkeit, als hätte ein peinlich genauer Gärtner sie gestutzt. Die Bäume, so bemerkte ich, waren von verschiedener Art – Eichen, Buchen, vereinzelt Nadelhölzer – doch alle zeigten ein seltsam makelloses Erscheinungsbild. Kein Ast war geknickt, keine Rinde von Käfern durchlöchert, kein Blatt von Raupenfraß gezeichnet.

"Merkwürdig," sagte Ander zu mir, als er einen prächtigen Apfelbaum betrachtete, dessen Äste sich unter der Last herrlicher Früchte zu biegen schienen. "Diese Äpfel sehen aus, als seien sie aus Wachs geformt." Und in der Tat – als wir einen der verlockenden Früchte pflückten und zu kosten suchten, stellten wir fest, daß er zwar fest und wohlgeformt war, doch völlig ohne Substanz – er löste sich im Munde auf wie feuchtes Papier, ohne jeglichen Nährwert zu spenden, ohne Saft oder Süße.

Das gleiche Phänomen wiederholte sich bei allen Früchten, die wir fanden. Birnen, Beeren, selbst die Nüsse verschiedener Bäume – alles glich in der Form den uns bekannten Varietäten, doch keines vermochte den Hunger zu stillen. Es war, als trügen die Bäume nur die Erinnerung an Früchte, nicht die Früchte selbst.

Beunruhigender noch war das völlige Fehlen tierischen Lebens. Nicht ein Vogel durchschnitt die Luft, kein Insekt summte in den Blüten, kein Käfer kroch über die Rinde der Bäume. Die Stille war so vollkommen, daß sie beinahe körperlich spürbar wurde – unterbrochen nur von dem ewigen, sanften Rauschen des Windes im Grase, einem Geräusch, das so gleichmäßig war wie der Atem eines schlafenden Riesen.

Selbst die gewohnte Schattenruhe, jene sechsstündige Dämmerpause, die uns täglich zur Mittagszeit der Ring Barkuz schenkt, schien hier fremdartig verändert. Statt der bekannten, allmählichen Verdunkelung durch den silbernen Schleier trat eine merkwürdig gleichmäßige Dämmerung ein, ohne jene charakteristischen Lichtspiele, die wir von Kindesbeinen an zu deuten gelernt hatten.

Drittes Kapitel: Die Rückkehr und der zweite Versuch

Nach acht Tagen sahen wir uns genötigt, umzukehren. Unsere Vorräte schwanden bedenklich, da die Landschaft uns nichts zu bieten hatte, womit wir sie hätten ergänzen können. Selbst das Wasser der Bäche, die wir antrafn, vermochte zwar den Durst zu löschen, doch schien es ohne jene Lebendigkeit zu sein, die frisches Wasser auszeichnet – es war, als trinke man die bloße Idee von Wasser.

Doch der Forscher in mir gab nicht auf. Nach einem Monat der Vorbereitung und Neuausrüstung machten wir uns erneut auf den Weg, diesmal mit Proviant für volle acht Wochen und zusätzlichen Instrumenten, die ich mir von der Jakintza Burmuina geliehen hatte – Geräte zur Messung subtiler Energiefelder und Bewußtseinsresonanzen.

Die zweite Expedition führte uns tiefer in jenes rätselhafte Land hinein, und mit jedem Tage, der verstrich, verstärkte sich mein Gefühl, daß wir uns nicht in einer gewöhnlichen Landschaft bewegten, sondern in einer Art Abbild derselben – einem Ort, der zwar alle Formen der Realität nachahmte, deren Substanz jedoch einem anderen Gesetz folgte.

Die Tage verliefen mit einer Gleichförmigkeit, die allmählich bedrückend wurde. Stets derselbe sanfte Wind, stets dieselbe milde Temperatur, die weder Schweiß auf die Stirn trieb noch Schauer über den Rücken jagte. Der Himmel zeigte sich in einem ewigen, matten Blau, durchzogen von weißen Wolken, die ihre Form niemals änderten und deren Schatten stets die gleichen Muster auf das Gras warfen.

Viertes Kapitel: Der Verlust der Gewissheit

In der dritten Woche der zweiten Expedition begann ich, an meinem eigenen Verstande zu zweifeln. Ander und ich hatten aufgehört, über unsere Beobachtungen zu sprechen, denn es schien, als wiederholten wir täglich dieselben Feststellungen. Die Landschaft veränderte sich zwar – wir durchwanderten Wälder und Steppen, überquerten Hügel und Täler – doch alles besaß jene eigentümliche Gleichförmigkeit, die jeder Natürlichkeit widersprach.

Es war an einem Nachmittag – oder war es ein Morgen? Die Zeit schien in diesem Lande ihre Bedeutung verloren zu haben –, als ich bemerkte, daß die Schatten der Bäume stets in die gleiche Richtung fielen, unabhängig von der vermeintlichen Tageszeit. Die Sonnen selbst waren am Himmel kaum auszumachen, verborgen hinter einem milchigen Schleier, der alles in dasselbe weiche, richtungslose Licht tauchte.

Meine Instrumente versagten eines nach dem anderen ihren Dienst. Die Temperaturmesser zeigten stets denselben Wert an, die Magnetnadel drehte sich träge im Kreise, und jene empfindlichen Apparaturen, mit denen wir magische Felder zu messen pflegen, verhielten sich, als befänden sie sich in einem Raum vollkommener Leere.

"Maisu," sagte Ander zu mir eines Abends, als wir unser Lager aufschlugen, "mir ist, als seien wir in den Traum eines Wahnsinnigen geraten." Ich vermochte ihm nicht zu widersprechen. Die Realität schien hier nach anderen Gesetzen zu funktionieren – oder vielleicht auch nach gar keinen Gesetzen.

Selbst der natürliche Rhythmus der beiden Sonnen, Dagaz und Kaldaz, schien in diesem fremden Lande gestört. Wo sonst der goldene Dagaz und der silberne Kaldaz in ihrem ewigen Tanz die Stunden gliederten, herrschte hier eine monotone, richtungslose Helligkeit, die weder Tag noch Nacht zu kennen schien.

Fünftes Kapitel: Die Grenzen des Verstehens

Je tiefer wir in das Land vordrangen, desto stärker wurde das Gefühl, daß wir uns in einer Welt bewegten, die zwar alle Formen der Wirklichkeit imitierte, deren Wesen jedoch völlig anders geartet war. Die Bäume wuchsen, ohne zu leben; das Gras wehte im Winde, ohne zu atmen; die Bäche flossen, ohne Quelle oder Mündung zu haben.

An manchen Tagen glaubte ich, in der Ferne Bewegung zu erblicken – Gestalten, die zwischen den Bäumen wandelten oder über die Hügel huschten. Doch wenn wir uns näherten, fanden wir stets nur leere Landschaft vor, als hätten unsere Augen uns getäuscht. Ander berichtete von ähnlichen Wahrnehmungen, und wir begannen zu fürchten, daß das Land selbst auf unseren Geist einwirkte.

Die Nächte waren vielleicht das Befremdlichste von allem. Es wurde niemals völlig dunkel, sondern nur ein wenig dämmriger, als würde das Licht nicht von den beiden Sonnen kommen, die untergingen, sondern aus der Landschaft selbst entstammen. Die gewohnte Schattenruhe, jener allmähliche Übergang in die sanfte Dämmerung des Barkuz-Schleiers, existierte hier nicht. Statt dessen herrschte eine ewige, matte Helligkeit, die weder die goldenen Strahlen des Dagaz noch das silberne Glühen des Kaldaz zu kennen schien.

Und in dieser ewigen Dämmerung fehlten auch die drei Monde – Hwīlô, Marōną und Draupnaz waren nirgends am Himmel zu erblicken, als hätte der milchige Schleier sie völlig verschluckt. Statt ihres vertrauten Lichts herrschte eine gleichmäßige, richtungslose Helligkeit, die aus der Luft selbst zu kommen schien. Und in dieser gespenstischen Beleuchtung hörten wir zuweilen Geräusche – ein fernes Rauschen wie von Wasser oder Wind, manchmal auch etwas, das Stimmen hätte sein können. Doch wenn wir lauschten, verstummte alles, und nur das ewige Säuseln des Grases blieb.

Unsere Träume wurden seltsam in jenen Nächten. Ich träumte von endlosen Korridoren, die alle ins Nichts führten, von Bibliotheken voller leerer Bücher, von Menschen, die sprachen, ohne daß Worte ihre Lippen verließen. Ander berichtete von ähnlichen Visionen, und wir begannen zu fürchten, daß die Grenze zwischen Schlaf und Wachen in diesem Lande verschwamm.

Sechstes Kapitel: Die Umkehr und das Verstehen

Nach fünf Wochen des Wanderns durch diese traumhafte Leere faßten wir den Entschluß zur Rückkehr. Nicht, weil unsere Vorräte erschöpft gewesen wären – seltsamerweise schienen sie sich langsamer zu verbrauchen, als es hätte natürlich sein sollen –, sondern weil wir beide spürten, daß ein längerer Aufenthalt in diesem Lande unseren Verstand gefährden könnte.

Der Rückweg gestaltete sich merkwürdig kurz. Es war, als würde die Entfernung schrumpfen, sobald wir uns von diesem rätselhaften Osten abwandten. Innerhalb weniger Tage erreichten wir wieder bekanntes Gebiet, und mit jedem Schritt, der uns den vertrauten Enklaven näherbrachte, kehrte das Gefühl für Zeit und Raum zurück.

Erst als wir wieder in der Sicherheit der Jakintza Ezagutza angelangt waren, vermochte ich über das Erlebte zu reflektieren. Was wir gesehen hatten, spottete jeder wissenschaftlichen Erklärung. Es war weder lebend noch tot, weder real noch unwirklich, sondern etwas völlig anderes – ein Zustand der Existenz, für den unsere Sprache keine Begriffe besitzt.

In den Monaten, die seither vergangen sind, habe ich viele Hypothesen erwogen. Vielleicht ist jenes Land ein Überrest aus der Zeit vor der ersten Stille Konvergenz, ein Gebiet, das von den großen Veränderungen jener Epoche unberührt blieb und deshalb in einem Zustand der Schwebe verharrt. Oder es ist das Gegenteil – ein Ort, an dem die Naturgesetze selbst aufgehört haben zu wirken.

Doch je länger ich darüber nachdenke, desto mehr bin ich geneigt zu glauben, daß wir an die Grenzen dessen gestoßen sind, was menschlicher Verstand zu erfassen vermag. Vielleicht gibt es Bereiche der Wirklichkeit, die sich der Forschung entziehen, nicht weil sie zu komplex sind, sondern weil sie zu einfach sind – so einfach, daß sie das Schweigen selbst verkörpern.

Das einzige, was mir gewiß bleibt, ist das Rauschen des Windes im Grase, das ich noch heute in stillen Nächten zu hören glaube – ein Geräusch, das aus einem Land kommt, das vielleicht das Schweigen selbst ist, wartend und still am Rande unserer Welt.


Geschrieben im Herbst des Jahres 520 NZ in der Jakintza Ezagutza
Maisu Koldo ez'Ezagutza-barne-bi Ikertzaile