Die Tiefenschlünde
Was sich nicht kartieren lässt
Unter dem Kontinent liegt ein Netz aus Höhlen, Tunneln und senkrechten Schächten, das von wenigen hundert Metern bis mehrere Kilometer in die Tiefe reicht. Es folgt keiner Verwerfung und keinem Wasserlauf, es ist stellenweise gewachsen und stellenweise gearbeitet, und es hat eine Eigenschaft, an der alles andere hängt: Es hört nicht auf, sich zu verändern.
Passagen öffnen sich, andere schließen sich, und je tiefer man kommt, desto schneller geht das. Eine Karte der oberen Ebenen taugt ein paar Jahre, eine Karte der mittleren einen Sommer, und für die unteren hat noch niemand eine gezeichnet, die einer zweiten Reise standgehalten hätte. Der Weg hinunter ist nicht der Weg hinauf. Das ist keine Sage, sondern der Grund, warum in Auwharin niemand ohne drei Begleiter einsteigen darf.
"Die Tiefenschlünde atmen. Ich habe es selbst gespürt, als wir drei Tage unter der Erde verbrachten. Ein rhythmisches Ein und Aus, wie der Atem eines schlafenden Riesen. Die Tunnel verändern sich. Was gestern ein durchgehender Pfad war, kann heute eine Sackgasse sein. Und die leuchtenden Adern in den Wänden... manchmal schwören die Wächter, dass sie Muster bilden, die aussehen wie eine fremdartige Schrift."
— Bericht eines Tiefenläufers vom Orden des Schildes
Der Atem und die Adern
Durch Wände und Decken ziehen leuchtende Bahnen, die man unten die Adern nennt. Ihre Helligkeit schwankt in einem langsamen Takt, und wo mehrere zusammenlaufen, verschlingen sie sich zu Energieknäueln – Stellen, an denen die Entfernungen nicht mehr stimmen und der Kopf mitmacht, bis man im Stehen träumt. In den Kristallkammern daneben treiben dieselben Adern Formationen, wie es sie an der Oberfläche nicht gibt.
Merkwürdig ist ihre Farbe. Unter den Lithi-Territorien leuchten sie bläulich-weiß, unter Auwharin bernsteinfarben, unter Non'Gauden smaragdgrün, unter Cel Atiz violett – und sie wechseln nicht dort, wo das Gestein wechselt, sondern ungefähr dort, wo oben die Grenzen zwischen den Völkern verlaufen. Wie eine Ader unter tausend Metern Fels wissen soll, wo Auwharin aufhört, kann niemand erklären. In Non'Gauden gilt der Zusammenhang als Zufall der Beobachtung, in den Lithi-Territorien als selbstverständlich und nicht weiter erklärungsbedürftig.
Ob die Kraftlinien der Landschaft dasselbe sind, nur von oben gesehen, ist eine alte Streitfrage. An manchen Stellen decken sich die Verläufe genau, an vielen anderen überhaupt nicht.
Die Stille als einziger fester Punkt
Es gibt Bereiche, in denen die Adern fehlen. Dort ist es vollkommen dunkel und vollkommen still, dort versagt Geistesformung ebenso wie jeder Zauber, und dort funktioniert nichts, was auf Wirkung angewiesen ist – auch nichts Gefährliches. Genau deshalb sind diese Stillebereiche das Wertvollste, was die Tiefe zu bieten hat: Sie sind die einzigen Orte, die morgen noch dort liegen, wo sie heute liegen. Jede Expedition, die tiefer als drei Tage geht, plant sie als Lager ein.
Der Rest der Verständigung mit der Tiefe läuft über das Gehör. Ein Flüstern trägt hier kilometerweit, während ein Schrei schon im nächsten Tunnel verschwindet, und wer lange genug unten war, hört an der Antwort eines Rufs, ob der Gang dahinter noch offen ist. Dieses Wissen steht in keinem Buch, weil es sich nicht aufschreiben lässt. Es hängt an Personen, und mit ihnen stirbt es.
Wer hinuntergeht
Die Tiefenläufer des Ordens des Schildes durchlaufen die härteste Ausbildung, die Auwharin kennt, patrouillieren die oberen Ebenen und sperren, was sich nicht sichern lässt. Ihre Aufgabe ist nicht Erforschung, sondern Schutz – der Welt vor den Schlünden und der Schlünde vor der Welt.
Die Jakintza Ezagutza hält Stationen an mehreren zugänglichen Eingängen, misst die Adern und entwirft Modelle, die vorhersagen sollen, wann sich welche Passage schließt. Diese Modelle werden seit Generationen verbessert und sind bis heute nicht brauchbar; für eine Akademie, die sich über ihre Methode definiert, ist die Tiefe eine offene Wunde.
Die Noaidi der Lithi steigen nur an wenigen Stellen und nur zu bestimmten Anlässen hinab, denn für sie verschwimmt hier die Grenze zwischen Dalvebak und Saivobak. Die Cel Marish suchen in den violetten Gängen nach Traumzuständen, die an der Oberfläche nicht zu erreichen sind, und lassen sich dabei von jemandem halten, der wach bleibt.
Und dann gibt es jene, die offiziell gar nicht dort sind. Die Tiefenschlund-Pfade verbinden Regionen, zwischen denen oben Wochen liegen; sie sind in Auwharin und Non'Gauden verboten und bei den Lithi tabu, und trotzdem gehen Waren durch sie, für die sich der Aufwand lohnt. Die wenigen Schmuggler, die das können, bewegen sich unten wie Fische im Wasser – sie lesen die Wände, wie andere den Himmel lesen. Dass ausgerechnet sie die Tiefe besser kennen als die Orden und die Akademien zusammen, wird an keiner der beteiligten Stellen gern ausgesprochen.
Was die Tiefe fordert
Die meisten, die unten sterben, sterben banal: an einer Decke, die nachgibt, an einer Passage, die sich hinter ihnen schließt, an Wasser, das schneller steigt, als man zurückkommt. Die zweithäufigste Todesursache ist die Orientierung – ein Gang, der beim Abstieg noch da war, ist es beim Aufstieg nicht mehr, und danach ist es eine Frage der Vorräte.
Die eigentümlichste Gefahr trägt einen eigenen Namen. Das Tiefenfieber ist kein Fieber, sondern ein Zustand, in den manche in großer Tiefe geraten: ein ruhiges, helles Gefühl von Richtigkeit, das nachlässt, sobald sie oben sind, und sie zurückzieht. Betroffene steigen häufiger hinab, bleiben länger, brauchen weniger Anlass. Die Tiefenläufer erkennen es früh und mustern rücksichtslos aus, denn wer damit weitermacht, kommt irgendwann nicht mehr hoch – und die anderen suchen dann nach ihm.
Was sie hergibt
Trotz allem steigt man hinab, denn die Tiefe zahlt. Aus ihr kommen Kristalle und Erze, die sich nirgends sonst finden, Wasser, dem man Heilkraft nachsagt, Pflanzen, die ohne Licht wachsen. Aus den gearbeiteten Abschnitten kommt Älteres: Werkzeug, Wandbilder, gelegentlich Schrift, immer aus der Zeit vor der Zeitrechnung, und jedes Stück davon ist der Jakintza Ezagutza wie dem Orden der Lampe mehr wert als eine Wagenladung Erz.
Am meisten wert aber sind die Wege selbst – und genau die lassen sich nicht besitzen, weil sie sich nicht festhalten lassen.
Was ganz unten liegt, weiß niemand. Die Geschichten darüber sagen mehr über die, die sie erzählen, als über die Tiefe.
Zugänge, die früher nur zu bestimmten Ständen der Gestirne bestanden, bleiben seit einigen Jahren offen. Die Tiefenläufer haben ihre Patrouillen verdoppelt und sagen dazu wenig.
"Die Tiefen sind wie unsere eigenen Gedanken – je weiter wir hinabsteigen, desto mehr begegnen wir dem Unerwarteten, dem Vergessenen, dem vielleicht Gefürchteten. Doch wie in unseren Gedanken liegt auch in den Tiefenschlünden nicht nur Gefahr, sondern auch Erkenntnis. Die Frage ist nur, ob wir bereit sind für das, was wir dort finden werden."
— Betrachtung eines Cel Marish-Meisters