Grenzgänger zwischen den Welten
In der Weltanschauung der Lithi leben die Menschen nicht in einer einzigen Realitätsebene, sondern stets an der Schnittstelle mehrerer. Wie die Sidd zwischen Sommerweiden und Winterlagern wandern, so wandern ihre Schamanen (Noaidi) zwischen den Ebenen der Existenz. Das prägt sie: Wer zwischen den Welten wandelt, gehört nie ganz zu einer von ihnen. Ein Noaidi wird geachtet und um Rat gefragt, aber am Feuer bleibt links und rechts von ihm ein Platz frei, und die Kinder verstummen, wenn er vorbeigeht.
Die Landschaften jenseits des Schleiers
Was ein Reisender antrifft, hängt davon ab, wie weit er kommt.
Die mittleren Regionen des Saivobak sind am besten erkundet. Ihre Landschaften spiegeln die physische Welt, bleiben aber flüssig wie Bilder in einem windgekräuselten See. Hier lebt die Mehrzahl der Natur- und Tiergeister, hier finden fast alle schamanistischen Begegnungen statt. Das Saivobak bewahrt außerdem Abdrücke vergangener Ereignisse aus Dalvebak, eingeprägt in die spirituelle Landschaft wie Fußspuren im Schnee — ein erfahrener Reisender kann an einem Ort ablesen, was dort geschah, lange bevor er geboren wurde. Diese Regionen tragen Namen und bekannte Wegmarken, die von Lehrer zu Schüler weitergegeben werden.
Die oberen Regionen nahe Barkuz sind von Licht durchdrungen, und die Sinne verlieren dort ihre Trennung: Geräusche erscheinen als Licht, Gedanken nehmen Gestalt an. Die Zeit vergeht langsamer, als würde jeder Augenblick zu Kristall gefroren. Berichte von Reisen dorthin bleiben fragmentarisch und bildhaft, als bräche die Sprache unter dem Gewicht des Erlebten zusammen.
Die tieferen Regionen sind chaotisch und formlos, mit einer inneren Logik, die selbst erfahrene Schamanen verwirrt. Zeit kann rückwärts fließen oder in Schleifen laufen, während heftige Gefühle sich als Landschaft niederschlagen — ein Schrei wird zur Welle, die alles zerreißt, Trauer erstarrt zu schwarzem Eis. Dort wohnen ältere und fremdartigere Wesen, und dorthin geht niemand freiwillig.
Besondere Grenzphänomene
An den Schnittstellen zwischen den Welten zeigen sich Erscheinungen, die gleichermaßen gefürchtet und verehrt werden.
Die Schatten-Sonne
Ein seltenes Phänomen, bei dem eine zweite, dunklere "Sonne" neben der eigentlichen erscheint — ein schimmernder Schatten des Lichts selbst. Es tritt fast nur während der Schattenruhe auf, wenn Barkuz das Sonnenlicht ohnehin filtert, und gilt als Fenster in die Obere Welt. Wer direkt hineinblickt, kann angeblich flüchtige Bilder von Barkuz empfangen. In den letzten Jahrzehnten häufen sich die Sichtungen, und sie halten länger an, als die Älteren es je erlebt haben.
Geisterspuren im Alltag
Eindrücke von Wesen oder Ereignissen aus anderen Welten durchdringen den gewöhnlichen Tag: flüchtige Gestalten am Rand des Gesichtsfelds, echoartige Stimmen ohne Quelle, plötzliche Kälte oder Wärme, Schatten, die sich gegen die Richtung des Lichts bewegen. Sie treten besonders an bestimmten Orten auf — an den Saivo-Seen, an den windgepeitschten Hängen der Bassivárri — oder zu bestimmten Zeiten: in der Dämmerung, in der Besinnung unter tanzenden Nordlichtern, in den stillen Momenten zwischen zwei Herzschlägen.
Zeitfalten
An manchen Orten und in manchen Zuständen faltet sich die Zeit wie ein Stück Stoff. Ein Mensch erlebt Stunden, während draußen nur wenige Atemzüge vergehen — oder er erwacht aus kurzem Schlaf und findet, dass die Herde zwei Tagesmärsche weitergezogen ist. Rentiertreiber berichten von "Sprüngen" während der Wanderung, als sei eine ganze Strecke in einem Augenblick übersprungen worden. Erfahrene Schamanen nutzen solche Falten für Weissagung und Heilung, warnen Ungeübte aber eindringlich: Wer sich in einer Schleife verliert, kommt womöglich Jahre später wieder heraus, ohne selbst gealtert zu sein.
Findungskräfte
Wo die Grenzen dünn werden, häufen sich Fügungen. Ein verlorenes Messer liegt plötzlich am Weg. Ein Heilkraut, das um diese Jahreszeit nicht wachsen dürfte, sprießt vor dem Zelt eines Kranken. Man begegnet genau der Person, die die fehlende Auskunft hat, und dies öfter, als der Zufall es zulassen sollte. Manchmal steht auf einmal Wissen im Kopf, das niemand gelehrt hat. Die Lithi deuten das als Zeichen, dass Wunsch und Werden einander näher gerückt sind — und begegnen ihm mit Vorsicht, denn eine Gabe, deren Geber man nicht kennt, kann auch eine Forderung sein.
Die dünner werdenden Grenzen
Die Schleier werden dünner, an manchen Stellen fast durchsichtig, und die Schamanen beobachten es seit Jahrzehnten.
Spontane "Fenster" öffnen sich an vorher unauffälligen Orten. Träume werden eindringlicher und tragen ihre Botschaft nicht mehr in Symbolen, sondern klar. Wesen aus dem Saivobak dringen leichter herüber, ihre Formen schärfer, ihre Stimmen lauter. Und selbst Menschen ohne jede Ausbildung erleben Visionen oder erwachen mit Erinnerungen an Orte, an denen sie nie waren.
Das verändert die Gemeinschaften. Mehr Kinder zeigen Anzeichen der Gabe, mehr junge Erwachsene fallen unvermittelt in Trance. Alte Schutzrituale werden wiederbelebt, Amulette aus vergessenen Truhen geholt und mit neuer Bedeutung getragen. Das Ansehen erfahrener Noaidi wächst, weil man sie dringender braucht als früher, und einige Sidd verlegen ihre Wanderrouten, um bestimmte dünne Stellen zu meiden. Die Meinungen darüber gehen quer durch die Verbände: Die einen sehen eine Rückkehr zu tieferer Verbindung, die anderen eine Vermischung, die nichts Gutes bedeutet.
Aus den Begegnungen entsteht Neues. Heilungstechniken, die angeblich Geistwesen gelehrt haben. Joik-Formen mit Klangfolgen, die vorher niemand zu singen wusste. Prophezeiungen, manche klar, die meisten verschleiert. Die Geschichtenträger und Ältesten prüfen jede dieser Gaben sorgfältig gegen das Überlieferte, bevor sie sie aufnehmen — nicht aus Misstrauen gegen die Geister, sondern weil eine Tradition, die alles annimmt, keine mehr ist.
Háldi Ravna-gáhtni – Führerin zwischen den Welten
"Háldi kam im Schneegestöber zur Welt, mit offenen Augen und ohne einen Laut. Die alte Uvná sagte, dass sie mit einem Fuß in jeder Welt stehe und dass ihre Augen beide Seiten des Schleiers sehen könnten."
— Erzählung aus dem Rieban-sidd
Die bekannteste Grenzgängerin der Gegenwart ist Háldi Ravna-gáhtni vom Gávvil-sidd, eine Schamanin in ihren besten Jahren. Sie überschreitet die Grenzen angeblich bewusst und beherrscht, nicht nur in Trance, sondern gelegentlich im Wachen — ein Flackern, und sie steht in beiden Welten zugleich. Sie navigiert im Saivobak ohne Hilfsgeister und verlässt sich stattdessen auf ihr eigenes Gespür für die geistige Geographie, was ihr unter älteren Noaidi ebenso viel Bewunderung wie Kopfschütteln einträgt. Für schwierige Verhandlungen mit mächtigeren Wesenheiten wird sie von weither geholt.
Seit Jahren bildet sie andere Schamanen aus und bereitet sie eigens auf die Himmelsgleiche vor. Sie warnt vor einer "großen Durchlässigkeit", betont aber ebenso die Gelegenheit, die darin liegt. "Die Grenzen werden nicht verschwinden", lehrt sie, "aber sie werden so dünn, dass wir hindurchsehen können wie durch Eis. Wir müssen lernen, in dieser Durchsichtigkeit zu leben, ohne unsere Wurzeln in dieser Welt zu verlieren."
Ihre Beobachtungen zeichnen ein genaueres Bild als die allgemeine Unruhe: Die Ausdünnung folgt einem Muster, das sich mit den Läufen der drei Monde deckt und besonders stark wird, wenn Draupnaz seine rückläufige Bahn zieht. Bestimmte Orte entwickeln sich zu Brennpunkten, während andere merkwürdig fest bleiben. Und die Wesen aus Barkuz, sagt sie, wenden sich häufiger und dringlicher an die physische Welt als in ihrer Jugend. Gemeinsam mit einem Kreis vertrauter Schamanen trägt sie das alles in einer "Karte der Durchlässigkeit" zusammen — einer Aufzeichnung, die sich beständig verändert, weil ihr Gegenstand es tut.
Während andere Kulturen klare Grenzen zwischen dem Körperlichen und dem Geistigen ziehen, leben die Lithi in einem dauernden Übergang. Ihre Grenzgänger sind in keiner Welt ganz zu Hause und mit allen verbunden — und je dünner die Schleier werden, desto mehr Menschen finden sich unversehens in derselben Lage wieder.