Die Bajasdolgi – Die Aufgestiegenen
"Die Bajasdolgi waren nicht wie wir. Sie wandelten über die Erde wie wir durch den Schnee, hinterließen keine Spuren und kannten keine Kälte. Ihre Worte waren wie der Wind – unsichtbar, doch mächtig genug, um Bäume zu beugen. In der Zeit der ersten Himmelsgleiche stiegen sie auf zu Barkuz, um von dort aus über uns zu wachen."
– Aus der mündlichen Überlieferung der Lithi
Im Zentrum der Lithi-Mythologie pulsiert die Erinnerung an die Bajasdolgi – mächtige, wohlwollende Wesen, die einst auf Weraldiz wandelten und nun in Barkuz verweilen. Ihr Name bedeutet wörtlich "die Aufgestiegenen" und verweist auf jenen mythischen Moment während der ersten Himmelsgleiche, als sie die physische Welt hinter sich ließen und in die obere Sphäre aufstiegen.
Wesen und Natur
Die Bajasdolgi existieren jenseits menschlicher Kategorien. Ihr "Körper" ist keine feste Form, sondern eine Manifestation ihrer Essenz, die gleichzeitig in mehreren Aspekten der Realität präsent sein kann. Unsterblich im menschlichen Sinne, können sie ihre Präsenz verlagern oder transformieren wie Wind, der seine Gestalt wechselt, ohne jemals zu verschwinden.
Sie stehen in direkter Verbindung mit den Grundkräften der Natur und kosmischen Energien – weder Götter noch Geister, sondern etwas dazwischen. Für die Lithi sind sie ältere, weisere Wesen, die zu den Menschen in einer Beziehung stehen, die eher an mächtige und wohlwollende Ahnen erinnert als an die fernen Gottheiten der Himmlischen Heerscharen in Auwharin.
Die Familien der Bajasdolgi
Die Lithi unterteilen die Bajasdolgi in verschiedene "Familien", deren Grenzen oft fließend ineinander übergehen wie Schneewehen im Wind:
| Familie | Domäne | Manifestation | Bekannte Vertreter |
|---|---|---|---|
| Stallu | Berge, Urgewalten | Riesige Gestalten mit weißem Haar und leuchtenden Augen | Nihkkalas (Bergbeschützer), Bivttar (Küstenformerin) |
| Jiekkeolm | Winter, Eis, Schnee | Kristalline oder bleiche Gestalten mit eisblauen Augen | Galbma (Eiserschaffer), Muohta (Schneeweberin) |
| Bieggaolm | Wind, Stürme | Windmuster, schwebende Schleier | Ravdna (Sturmbringer), Biekkan (Brisen-Flüsterin) |
| Chahceravga | Wasser, Flüsse, Regen | Fließende Formen mit aquatischen Zügen | Golggot (Flusswanderer), Arvit (Regenbringerin) |
| Dolosch | Berge, Felsen, Höhlen | Teilweise steinerne, verwurzelte Gestalten | Geađgeeadni (Steinmutter), Várit (Bergvater) |
Die Stallu, als älteste und mächtigste, können Berge formen und mit Donner sprechen. Sie werden selten direkt angerufen, außer in Zeiten größter Not, und verkörpern die Urgewalt der Landschaft selbst. Die Jiekkeolm hingegen herrschen besonders während der Wintermonate und werden um Schutz vor extremer Kälte oder um sicheren Weg über gefrorene Gewässer gebeten.
Die Bieggaolm manifestieren sich selten visuell, tragen aber Botschaften über weite Strecken und werden um gute Winde für Reisen angerufen. Chahceravga beeinflussen den Wasserkreislauf und sind besonders aktiv während der Frühjahrsschmelze, während die uralten Dolosch ruhig und beständig in ihren steinernen Domänen verweilen.
Der Aufstieg
"In der Urzeit lebten die Bajasdolgi unter den Menschen und lehrten sie Jagd, Heilkunst und die Geheimnisse der Natur. Als die Menschen zahlreicher wurden, entschieden die Bajasdolgi, dass die Zeit gekommen war, in ein höheres Reich aufzusteigen. Sie bauten einen Pfad aus Licht zum Himmel und stiegen nach Barkuz auf, von wo aus sie weiterhin über ihre Kinder wachen."
Vor 843 Jahren, während der ersten Himmelsgleiche, vollzogen die Bajasdolgi jenen freiwilligen Akt, der die Welt veränderte. Die direkte Führung endete, die Grenzen zwischen den Welten wurden deutlicher, und die Menschen mussten lernen, eigenständiger zu leben. Viele Legenden aus dieser Zeit berichten von Verwirrung und Härte, aber auch von einem neuen Gefühl der Eigenverantwortung.
Die Rolle der Schamanen (Noaidi) wurde in dieser Zeit wesentlich wichtiger – sie bildeten fortan die Brücke zu jenen Wesen, die einst direkt unter den Menschen wandelten.
Wege der Kommunikation
Obwohl die Bajasdolgi nun in Barkuz leben, pulsiert die Verbindung zu ihnen weiter durch die spirituelle Landschaft der Lithi. Joik-Gesänge verkörpern die Essenz eines Bajasdolgi und rufen sie an, während rhythmische Muster auf der Schamanentrommel die Tore zwischen den Welten öffnen. Gaben an speziellen Steinen oder heiligen Orten, Kontakt während luzider Träume, und bestimmte Tiere als Boten bilden ein vielschichtiges Netz der Kommunikation.
Die Bajasdolgi werden angerufen für Heilung bei schweren Krankheiten, für Schutz auf gefährlichen Reisen, um Rat in wichtigen Lebensentscheidungen oder um Erlaubnis für die Nutzung bestimmter Ressourcen. Es gilt als respektlos, sie für triviale Angelegenheiten zu stören oder um etwas zu bitten, das die Menschen selbst erreichen können.
Gaben und heilige Orte
Die Kommunikation ist oft mit Gaben verbunden – Nahrung, Kunsthandwerk oder persönliche Besitztümer als materielle Opfer, Schnitzereien und spezielle Joik-Gesänge als symbolische Gaben, oder bei besonders wichtigen Anliegen Blut, Haar und Tränen. Die angemessene Gabe hängt von der Art des Bajasdolgi und dem Anliegen ab; falsche oder respektlose Gaben können als Beleidigung wirken.
Opfergaben werden an besonderen Orten dargebracht: Sieidi-Steine, natürliche Felsformationen, die mit bestimmten Bajasdolgi assoziiert werden; heilige Berge (Bassivárri) mit direkter Verbindung zu Barkuz; tiefe Saivo-Seen als Portale zur Geisterwelt; oder spezielle Feuerstellen für rituelle Opferungen durch Verbrennen. Diese Orte, oft kenntlich durch angesammelte Knochen, Geweihe oder andere Opfergaben, dürfen nicht für alltägliche Zwecke genutzt werden.
In Geschichten und Legenden
Die Bajasdolgi leben weiter in der mündlichen Überlieferung. Schöpfungsmythen erzählen, wie die Stallu die Berge aufwarfen, wie jedes Tier durch einen Bajasdolgi seine besonderen Eigenschaften erhielt, wie die Menschen aus Rentierblut, Schnee und Steinen geformt wurden, und wie Bievor den Menschen das Feuer schenkte.
Legenden des Beistands durchziehen die Generationen: Während der großen Hungersnot lehrte Čahcis die Menschen, unter dem Eis zu fischen. Im endlosen Winter zeigte Beavva einer Schamanin den Weg durch den Schneesturm. Ein Bieggaolm führte verlorene Kinder durch Windgesänge nach Hause. Diese Geschichten stärken den Glauben an die fortdauernde Fürsorge der Bajasdolgi trotz ihrer physischen Abwesenheit.
Nordlichter und Manifestation
Eine besondere Verbindung webt sich zwischen den Bajasdolgi und den Nordlichtern. Die leuchtenden Schleier am Himmel gelten als sichtbare Manifestation der Bajasdolgi in der physischen Welt – ihre verschiedenen Farben werden mit unterschiedlichen Arten assoziiert, ihre Bewegungsmuster als Botschaften interpretiert, ihre Intensität als Indikator für die Aktivität der Bajasdolgi betrachtet.
Während der Nordlichter werden häufig spezielle Zeremonien abgehalten, da dies als optimale Zeit für die Kommunikation mit Barkuz gilt. Mit der nahenden Himmelsgleiche berichten viele Lithi von intensiveren und häufigeren Nordlichtern – Zeichen verstärkter Aktivität, die die Erwartung nährt, dass ein neues Kapitel in dieser uralten Beziehung bevorsteht.
Im Gewebe der Spiritualität
Die Bajasdolgi stehen in komplexer Beziehung zu anderen Aspekten der Lithi-Spiritualität: Sie werden als distinkt von gewöhnlichen Ahnengeistern gesehen, interagieren aber mit ihnen in Barkuz. Manche Tiere werden als direkte Manifestationen oder Boten der Bajasdolgi betrachtet, während niedere Naturgeister oft als ihre "Kinder" gelten.
In mysteriöser, kaum verstandener Opposition stehen die Vajaldahti zu den Bajasdolgi – eine Beziehung, die selbst die weisesten Schamanen nicht vollständig durchdringen können. Im Vergleich zum Pantheon der Himmlischen Heerscharen in Auwharin sind die Bajasdolgi weniger abstrakt und stärker mit konkreten Naturphänomenen verwoben – nicht als entfernte Gottheiten, sondern als mächtige Wesen mit eigenen Persönlichkeiten, Teil eines lebendigen Beziehungsgeflechts, das die Lithi mit der unsichtbaren Welt verbindet.