Weraldiz – Die Doppelsonnen
Die wechselnden Jahreszeiten von Weraldiz
"Im Sommer badet uns Dagaz in warmem Gold, während Kaldaz als ferner blauer Stern zuschaut. Im Winter starrt uns Kaldaz mit eisigem Blau an, während Dagaz zum schwachen goldenen Punkt schrumpft. Doch beide sind immer da – nur ihre Nähe zu uns und zueinander ist im steten Wandel."
— Aus Betrachtungen der Himmlischen Zyklen von Magister Eilward vom Stamme Bergheim, Orden der Lampe
Weraldiz zieht seine Bahn um Kaldaz, den blauen Zwerg, auf stark elliptischem Weg. Weit draußen führt Dagaz, der goldene Riese, mit Kaldaz einen langsamen Reigen um den gemeinsamen Schwerpunkt; ein halbes Jahrhundert braucht dieser Reigen, bis er sich schließt – kein Gelehrter Non'Gaudens hat diesen vollen Umlauf je binnen eines einzigen Lebens miterlebt. Aus dem Zusammenspiel beider Bewegungen webt sich das Jahr: Steht die Welt auf der Dagaz zugewandten Seite ihrer Bahn, vereinen beide Sterne ihren Glanz zu langen, milden Zeiten in rotgoldenem Licht. Trägt die Bahn sie hinter Kaldaz, verbirgt sich der goldene Riese hinter dem blauen Zwerg, und ein grimmiger Winter in blassem Licht bricht herein. Wie streng er ausfällt, entscheidet der weite Reigen – je nachdem, wie fern die beiden Sterne einander gerade stehen, kann eine Kindheit von milderen Wintern begleitet sein als das eigene Greisenalter, oder umgekehrt.
Die zwei Sterne
Dagaz – Die goldene Beständigkeit
Dagaz erstrahlt in warmem, goldenen Licht und zeigt sich als der größere und beständigere der beiden Sterne. Als Hauptsonne des Sommers nährt sein väterliches Leuchten die Pflanzen und schenkt Hoffnung. Die Kulturen von Weraldiz sehen in ihm das Symbol für Beständigkeit, göttliche Stärke und väterlichen Schutz – die Lithi nennen ihn ehrfurchtsvoll "Beaivi", den Sonnenvater.
Kaldaz – Der blaue Wandler
Kaldaz leuchtet in kühlem, bläulichem Licht und offenbart sich als der kleinere, doch intensivere Stern. Wandelbar und geheimnisvoll dominiert er den Winter, sein scharfes Licht fordert zur Selbstbesinnung auf und schärft den Geist. Als Symbol für Wandel, Erkenntnis und göttliche Weisheit wird er von den Lithi "Garjá" genannt – der Sturmgeist, der durch die Seelen fegt.
Der Jahreslauf
Fünf deutlich unterscheidbare Jahreszeiten füllen die 515 Tage des Jahres. Im Frühling (90 Tage) wirft Dagaz sein erstes Licht auf die erwachende Welt, und beide Sonnen beginnen gemeinsam neues Leben zu wecken. Der Sommer (115 Tage) erblüht, wenn Dagaz deutlicher wird und beide Gestirne vereint die lange, milde Hauptzeit für Landwirtschaft und Wachstum erhellen.
Während des Spätsommers (137 Tage) stehen beide Sonnen in mittlerer Entfernung – die Zeit der Ernte bricht an, goldenes und blaues Licht verschmelzen zu bernsteinfarbenen Abenden. Im Herbst (81 Tage) beginnt Dagaz abzunehmen, die Balance zwischen den Gestirnen neigt sich, und die Völker treffen ihre Entscheidungen für die kommende Kälte.
Dann bricht der Winter (92 Tage) herein: Kaldaz dominiert groß und blau den Himmel, während Dagaz sich hinter ihm verbirgt. In diesem blauen Licht vertiefen sich die Menschen in spirituelle Besinnung und innere Einkehr.
Himmlische Erscheinungen
Wenn die Winde beider Sterne aufeinandertreffen, entstehen Polarlichter von betörender Schönheit. Je nach Dominanz zeigen sich goldene Schleier unter Dagaz' Herrschaft, blaue Kaskaden in Kaldaz' Reich oder Regenbogenstürme in den Übergangszeiten, wenn beide Kräfte miteinander ringen. Verfinsterungen, wenn ein Mond vor eine der Sonnen tritt, und die raschen Durchgänge der Ringführer, die als schwarze Punkte über die Sonnenscheiben huschen, gelten allen Kulturen als bedeutungsvoll – als hielten die Himmel für einen Atemzug inne.
Kulturelle Perspektiven
Für Auwharin sind die beiden Sonnen nicht Himmelskörper, sondern Gesicht und Gegengesicht des Höchsten Seins: Dagaz der liebende Vater, Kaldaz der strenge Lehrer, und der Jahreslauf selbst wird so zum göttlichen Rhythmus, der die Menschen durch Phasen von Wachstum und Reflexion führt. Non'Gauden fragt nicht nach Vater oder Lehrer, sondern nach Winkeln und Spektren: Eigene Instrumente sind auf beide Sonnentypen ausgerichtet, und die Technokraten haben Wege gefunden, die Sternenwinde zu messen und für sich zu nutzen.
Wo Zugvögel dem Wind folgen, folgen die Lithi den Lichtzyklen – Rituale für Dagaz- und für Kaldaz-dominierte Zeiten gliedern ihren Jahreskreis, und ihre Schamanen lesen aus jedem Lichtwechsel den Tanz der Wildgeister. Bei Cel Atiz wird aus demselben Wechsel Farbe: Der Sonnentanz gilt als Ausdruck kosmischer Harmonie, und goldene wie blaue Pigmente fließen durch Traumarbeit und Wandmalerei, als male sich der Himmel selbst an ihre Wände.
Die Ungesehenen der Küstenstädte wiederum kennen offenbar keine zwei Sterne, sondern zwei Zustände eines einzigen Lichtprozesses. Reisende berichten von den Worten lucair'thunal und lucair'thuveyn – Licht des Körpers, Licht des Bewusstseins –, mit denen sie Sommer- und Wintersonne benennen; die Tage, an denen beide gleich stark scheinen, gelten ihnen als die stillsten des Jahres.
"Dagaz und Kaldaz lehren uns, dass Gegensätze sich nicht bekämpfen müssen. Sie können tanzen. Mögen wir Menschen von den Sternen lernen, wie Unterschiedlichkeit zu Schönheit wird."
— Weisheit der Cel Hushi