Vom Grunde der Welt
Betrachtungen über das Wesen der Wirklichkeit
Nichts besteht für sich allein.
Dies ist die erste und letzte Einsicht, aus der alles Weitere sich entfaltet wie der Halm aus dem Korn: Nicht der Stoff ist das Ursprüngliche, nicht das Göttliche, nicht einmal das Bewusstsein — sondern die Beziehung. Das Zwischen. Jenes ungreifbare Weben, das in allem geschieht, was wir zu erkennen vermögen.
Doch man hüte sich, dieses Weben als ein Geschehen zwischen Dingen zu denken. Denn die Dinge sind nicht zuerst da, um hernach in Beziehung zu treten. Es verhält sich grundsätzlicher, und darin liegt das die Tiefe dieser Einsicht: Die Dinge sind Weisen des Webens und das Weben ist Weise der Dinge. Stein und Stern und atmendes Wesen sind nicht Erzeugnisse, die aus dem Gewebe herausfielen — sie sind Verdichtungen darin, Muster, in denen das Weben eine bestimmte Gestalt annimmt. Kein Weben ohne Gewebtes, kein Gewebtes ohne Weben — doch der Grund liegt im Geschehen, nicht im Stoff.
Aus diesem zeitlosen Geflecht der Bezüge geht der Geist hervor. Nicht als Schöpfung eines Höheren und nicht als zufällige Blüte toter Materie, sondern als jene Weise, in der das Weben seiner selbst inne wird. Und wo bewusste Regungen auf hinreichend verwickelte Art miteinander in Berührung treten, dort verdichtet sich, was wir als die greifbare Welt erfahren.
Die stoffliche Wirklichkeit ist demnach nicht der Grund, auf dem alles ruht. Sie ist ein Bild — ein beständiges Muster, das sich aus tieferen Wechselwirkungen des Geistes formt, so wie sich auf der Oberfläche eines Sees die Wellen zu stehenden Figuren fügen können, wenn die Strömungen darunter in bestimmter Weise zusammenfließen.
Zeit, Raum und das Gesetz von Ursache und Folge gehören diesem Bilde an. Sie sind Züge der Gestalt, nicht Gesetze des Grundes. Sie gelten innerhalb der Welt der Erscheinungen, doch sie reichen nicht hinab bis in jene Tiefe, aus der die Erscheinungen aufsteigen.
Die bewussten Wesen — die Menschen und was ihnen gleicht — erfahren nur einen schmalen Ausschnitt dieses Bildes, gleichwie das Auge nur einen schmalen Streifen des Lichtes wahrnimmt. Doch in der Tiefe, unterhalb der Schwelle des Wissens, hat ihr Geist noch immer teil am zeitlosen Weben, das allem zugrunde liegt. Jeder Schlafende ist dem Grunde näher als jeder Wachende, und jeder Träumende wandelt in Gegenden, die dem Wandeln am Tage verschlossen bleiben.
Weil nun die Wirklichkeit ein beständig gehaltenes Muster ist und kein ein für allemal gegossener Stoff, kann sie sich wandeln. Gemeinschaften, die dies begriffen haben, vermögen Einfluss darauf zu nehmen, welche Muster sich festigen und welche sich lösen. Nicht durch Zauberei, nicht durch den Willen eines Einzelnen, sondern durch die Art, wie viele Wahrnehmende gemeinsam das Gewebe halten oder loslassen.
Im äußersten Falle gilt: Was von keinem Träger mehr getragen wird, was in der gemeinsamen Ordnung der Wahrnehmung keinen Halt mehr findet, das verliert seine Beständigkeit und vergeht aus der sichtbaren Welt — nicht als übernatürliches Geschehen, sondern als stille Folge dessen, wie Wirklichkeit sich überhaupt erst bildet.
In dieser Welt wird die Wirklichkeit nicht einmal erschaffen. Sie entsteht unablässig. In jedem Augenblick tritt sie aufs Neue hervor aus dem Weben der Bezüge, und in jedem Augenblick könnte sie eine andere sein.
Die Wirklichkeit formt sich selbst — fortwährend, aus dem Grunde heraus, der Beziehung heißt.