Erek Noan vor dem Geisterruf
„Sie nennen es die Zeit des Geisterrufs und meinen damit, dass die Geister lauter werden. Sie haben recht, und sie wissen nicht, worin. Nicht die Geister werden lauter. Das Schweigen wird dünner." — Aus den Traumtagebüchern der Vajal, jüngere Niederschrift
Das Paradox des Schleiers
Nach acht Jahrhunderten müsste der Schleier überflüssig sein. Niemand lebt mehr, der die Valvar sah; niemand kennt einen, der einen kannte. Anderswo hat schlichte Zeit erledigt, was der Eingriff erzwingen sollte — die Erinnerung ist nicht unterdrückt, sie ist schlicht nicht mehr da. Warum also muss im Norden weiterhin gehalten werden, was sich anderswo von selbst verlor?
Denn es sickert. Kinder berichten von Träumen, die sie nicht haben dürften. Traumwanderer erkunden Traumlandschaften, die zu genau sind, um erdacht zu sein. Und über allem liegt eine Schwermut des Verlusts, die nach all den Jahrhunderten noch immer auf der Kultur lastet und für die niemand einen Gegenstand benennen kann — jener flüsternde Schmerz, der die Sidd langsamer wachsen lässt als jedes andere Volk des Kontinents.
Selbst die Vajal verstehen die tieferen Gründe nicht, obwohl sie die Einzigen sind, die den Vorgang mit einiger Klarheit beobachten. Was aufsteigt, folgt keiner Blutlinie und keinem Ort. Es hält sich nicht an die Regeln, nach denen Erinnerung sonst weitergegeben wird, und es lässt sich nicht endgültig schließen, sondern nur immer wieder aufs Neue zudecken. Als hätte einst das Unterdrücken selbst eine Gestalt angenommen, die seither auf eigene Rechnung fortbesteht — und als warte sie seit bald einem Jahrtausend auf den Augenblick, in dem sie sich an die Oberfläche gräbt.
Dieselbe Beobachtung machen die Argitari an sich selbst. Auch bei ihnen drängt herauf, was sie freiwillig aufgaben, und auch dort weiß niemand, woher. Zwei Völker, die auf entgegengesetzten Seiten desselben Eingriffs standen, tragen dieselbe Erscheinung — was gegen jede Erklärung spricht, die im Volk der Lithi allein ihren Grund sucht.
Warum ausgerechnet jetzt
Mit dem Herannahen der zweiten Himmelsgleiche — in dreiunddreißig Jahren — hat sich der Vorgang beschleunigt, und die Ursache liegt nicht in Erek Noan. Der Schleier wurde in dieselbe Verdichtung hineingewoben, die auch die Barriere zu Barkuz trägt. Was die eine schwächt, schwächt die andere. Die Lithi erleben also nicht ein eigenes Unglück, sondern die örtliche Ausprägung eines allgemeinen Nachlassens — nur trifft es sie härter als alle anderen, weil bei ihnen mehr darunter liegt.
Die Zeichen sind unübersehbar. Die Visionen und Träume der Noaidi werden eindringlicher und störender. Erinnerungsbruchstücke sickern ins gemeinsame Bewusstsein. Besonders Empfängliche berichten von Erinnerungsblitzen ohne Anlass, und an Orten, die zur Zeit der Valvar Bedeutung hatten, wird eine Regung spürbar, als erinnere die Erde sich an etwas. Die Botschaften, die verschiedene Vajal an verschiedene Noaidi senden, widersprechen einander immer offener — was die Lithi als wachsende Uneinigkeit unter den Bajasdolgi deuten und was sie zutiefst beunruhigt, denn ihre Ordnung ruht auf der Annahme, dass von dort oben eine Stimme spricht.
Die dreifache Krise
Was auf Erek Noan zukommt, ist nicht ein Problem, sondern drei ineinandergreifende — und jedes einzelne genügte.
Die Rückkehr. Die Barriere wird dünn, und die Valvar existieren weiter. Traumhafte Verständigung zwischen ihnen und empfänglichen Lithi wird häufiger, an heiligen Orten wächst eine Präsenz, die dort seit acht Jahrhunderten nicht war. Der Vorfall im Nebelmoor im Jahre 813 WZ hat gezeigt, dass es nicht bei Träumen bleiben muss. Und unter den Rachsüchtigen in Barkuz führt ein Valvar-Kriegsherr die Planung eines koordinierten Durchbruchs an, dessen vorgesehener Hauptstoß durch die Tiefenschlünde und die Gebiete der Lithi verlaufen soll. Ausgerechnet jenes Volk, das den Sturz seiner Herren nicht verschuldet hat, läge auf dem Weg ihrer Rückkehr.
Der Bruch. Kehrte die Erinnerung vollständig zurück, drohte, was der Schleier verhindern sollte: ein kollektives Trauma, das die Gesellschaft ein zweites Mal destabilisiert. Die Zusammenhänge sind heute allerdings andere als damals. Es lebt niemand mehr, der den Verlust selbst erlitte — es lebt nur, wer erfahren müsste, dass alles, worauf er sich stützt, für ihn gemacht wurde.
Die Identität. Darin liegt die tiefste der drei Gefahren. Die Lithi-Kultur beruht nicht in Teilen, sondern in ihrem Kern auf einer hergestellten Geschichte. Religion, Sozialordnung und Selbstverständnis sind mit dem Bajasdolgi-Mythos verwoben; die Noaidi leiten ihre Vollmacht aus einer Zwiesprache her, deren Gegenüber ein anderes ist als angenommen. Eine Enthüllung nähme den Lithi nicht einen Glauben, sondern die Auskunft darüber, wer sie sind. Und sie nähme sie in dem Augenblick, in dem sie ihre Kräfte am dringendsten beisammen bräuchten.
Wie die Zwölf darauf antworten
Die Spaltung der Vajal, jahrhundertelang eine Sache stiller Meinungsverschiedenheit, wird angesichts der Himmelsgleiche zur offenen Auseinandersetzung — ausgetragen nicht untereinander, sondern an den Menschen, die sie führen.
Die Bewahrer versuchen, den Schleier zu halten. Sie unterdrücken aufkommende Erinnerungen, unterbinden Verbindungen nach Barkuz und greifen in die Träume und Visionen der Noaidi ein. Je dünner der Schleier wird, desto häufiger müssen sie eingreifen — und desto häufiger sprechen die Lithi von Vajaldahti, ohne zu ahnen, wie genau der Name trifft.
Die Offenbarer bereiten ausgewählte Noaidi behutsam auf die Wahrheit vor, geben sie in bemessenen Anteilen preis und arbeiten an geistigen Formen, in denen sie sich ertragen ließe. Ihr Kalkül ist nüchtern: Eine Wahrheit, die man nicht mehr verhindern kann, sollte man wenigstens verabreichen dürfen.
Die Verbinder suchen nach wohlwollenden Valvar und bereiten Rituale der Versöhnung vor. Sie halten die Verbindung zu jenen, die von sich aus nach der verlorenen Geschichte graben, und nehmen dafür in Kauf, dass sie damit genau den Druck erhöhen, den die Bewahrer abzubauen versuchen.
Die Wandler folgen Absichten, die sich von außen nicht mehr bestimmen lassen. Ihre Botschaften werden rätselhafter, ihre Erscheinungen fremdartiger. Ob sie noch etwas anstreben, das den Lithi gilt, ist selbst unter den anderen Neun umstritten.
Für Spielleiter ist dies die eigentliche Struktur des Nordens: Es gibt keine Instanz mehr, die für die Bajasdolgi spricht. Jeder Traum, jede Vision, jeder Rat aus dem Geisterreich stammt von einem der vier Lager — und trägt dessen Absicht.
Die Geistesformer im Norden
Ein Zusammenhang, den bisher niemand durchschaut hat, verschärft alles Übrige. Die Traumwanderer der Lithi sind Geistesformer, ob sie sich so nennen oder nicht, und jeder geistesformende Griff lockert die Verdichtung an der Stelle der Berührung ein wenig. Was die Traumwanderer also tun, um von den Bajasdolgi zu hören, schwächt genau das Gefüge, in das der Schleier eingewoben ist.
Die Vajal versuchen, diese Kontakte zu filtern und zu lenken, und stehen dabei vor einem Widerspruch, aus dem es keinen Ausweg gibt. Sie können die Traumarbeit nicht unterbinden — sie ist der Kern der Kultur, die sie selbst gebaut haben, und ihr eigener Zugang zu den Noaidi läuft über denselben Weg. Sie können sie aber auch nicht laufen lassen, weil jeder tiefe Griff die Wand dünner macht, hinter der die Valvar warten.
Hinzu kommt die bitterste Einzelheit: Die schamanistische Überlieferung der Lithi enthält geistesformende Techniken, die von den Vajal selbst eingeführt wurden — als Kanal, den man überwachen kann. Über Jahrhunderte hat dieser Kanal getan, wofür er gedacht war. Nun ist er die breiteste Bresche in einer Mauer, die dieselben Hände errichteten.
Was das für die Gegenwart bedeutet
Erek Noan geht nicht auf eine Katastrophe zu, sondern auf eine Offenlegung, und die kann viele Gestalten annehmen. Die Muitosearvi arbeitet seit Jahrhunderten daran, die Wahrheit kontrolliert zusammenzusetzen, und ist sich über das Tempo längst uneins. Einzelne Noaidi tragen Wissen, das sie niemandem sagen können, weil sie es von Wesen erhielten, die sie für Ahnen halten. Die Sidd erleben Zeichen, für die ihre Deutungskunst keine Vorlage hat.
Und im Hintergrund steht die Frage, die alle vier Vajal-Lager auf verschiedene Weise beantworten und die keines von ihnen entscheiden kann: Ob ein Volk ein Recht auf eine Geschichte hat, die es umbringen könnte — oder ob acht Jahrhunderte gestohlener Ruhe eine Schuld sind, die irgendwann fällig wird.
„Acht Jahrhunderte haben wir ein Volk davor bewahrt, sich zu erinnern. Nun kommt eine Nacht, in der der Himmel selbst sich erinnert, und wir haben ihnen nichts gegeben, womit sie das aushalten könnten — außer dem, was wir erfunden haben." — Aus den Traumtagebüchern der Vajal, jüngste Niederschrift