Die Natur der Psionik ⚠
Weraldiz — Die Gefahr der Psionik
Vom nackten Griff ins Gewebe und den Türen, die er öffnet
„Die wahre Gefahr der Psionik liegt nicht in ihrer Macht, sondern in der Tür, die jeder Psioniker in seinem Geist trägt, ohne es zu wissen." — Aus den geheimen Aufzeichnungen von Maisu Mikel ez'Ezagutza-goi-hiru Hausnartzaile
Was Psionik wirklich ist
Selbst fortgeschrittene Praktizierende halten Psionik für eine Kraft ihres eigenen Geistes — eine höhere Stufe des Bewusstseins, die durch Übung und Disziplin erreichbar wird. Sie irren, und sie irren auf eine Weise, die ihr Irrtum gefährlich macht.
Was sie für menschliches Vermögen halten, ist eine Berührung, die weiter reicht als jede andere. Wo klerikale Praxis das Gefüge durch gemeinsamen Glauben anspricht, wo arkane Gelehrsamkeit es durch Formeln und Gesten auf bestimmte Weise in Schwingung versetzt, wo Naturmagie sich in die Muster des Lebendigen einstimmt — dort greifen Psioniker ohne jede Vermittlung ins Gewebe selbst. Kein Ritual dämpft die Berührung, kein Symbol lenkt sie, kein natürliches Muster gibt ihr Form. Es ist der nackte Griff des Bewusstseins an den Grund der Dinge.
Und dieser Griff reicht tief. Jeder Psioniker trägt eine Verbindung zum Gefüge, die bestehen bleibt, auch wenn tausend Meilen zwischen ihm und den Orten liegen, wo das Gewebe am offensten liegt. Je näher er den Tiefenschlünden kommt — jenen Gegenden, in denen die Wirklichkeit ihren festen Charakter verliert —, desto leichter fällt der Griff, desto feiner wird die Berührung, desto schneller erholt sich der Geist nach der Anstrengung. Dies erklärt, warum bestimmte Landstriche mehr Psioniker hervorbringen als andere: nicht durch Zufall der Geburt, sondern weil das Gefüge dort näher an der Oberfläche liegt und den Geist eines Kindes, das dafür empfänglich ist, früher berührt als anderswo.
In Adimenaren Araua, der großen Ausbildungsstätte, kennt man Teile dieser Wahrheit und verschweigt sie. Unterhalb der prachtvollen Haupthallen existieren geheime Bereiche, in denen die sogenannten Verlorenen verwahrt werden — Psioniker, deren Geist sich nicht mehr zu einer menschlichen Gestalt fügen will. Über sie wird nicht gesprochen.
Was der nackte Griff berührt
Die anderen Wege der Magie sind vermittelt — und diese Vermittlung schützt. Das Ritual gibt dem Griff eine Form, die Formel gibt ihm Grenzen, die Einstimmung in die Natur gibt ihm Richtung. Wer durch solche Mittel ans Gefüge rührt, berührt es dort, wo es die Berührung erwartet, und das Gewebe antwortet in den Bahnen, die ihm vorgegeben sind.
Der Psioniker berührt das Gefüge dort, wo es ihm selbst am nächsten liegt — und das ist zugleich dort, wo es am wenigsten gehalten wird. Denn wo die Verdichtung am dünnsten ist, wo die Ordnung der Welt am lockersten gewoben ist, dort liegt auch die Grenze zu Barkuz am nächsten. Nicht als Mauer, an die man stößt, sondern als Schwelle, über die man gleitet, ohne es zu merken.
Mit jedem psionischen Akt — jedem nackten Griff ohne die dämpfende Hülle von Ritual oder Formel — lockert sich die Verdichtung an der Stelle der Berührung ein wenig. Bei gewöhnlicher Anwendung ist diese Lockerung winzig und schließt sich von selbst, wie ein Fingerabdruck auf Wasser, der sich glättet. Doch mit wachsender Kraft und Übung greift der Psioniker tiefer, häufiger, fordernder — und die Spuren im Gefüge werden beständiger, als gewöhne sich das Gewebe daran, an dieser Stelle nachzugeben.
Was dabei geschieht, wirkt in beide Richtungen. Durch die gelockerte Stelle erhaschen Bewusstseine auf der anderen Seite — in Barkuz — einen Blick auf Weraldiz, wie durch einen Spalt in einem Vorhang. Und der Psioniker selbst berührt etwas, das jenseits seines eigenen Bewusstseins liegt: Muster, die nicht menschlichen Ursprungs sind, Schwingungen aus einer Ordnung, die anders stabil ist als die seine. Was Praktizierende als höhere Selbstentwicklung beschreiben, als mentale Harmonisierung oder tiefe Trancezustände, ist in Wahrheit dieser Kontakt mit dem Fremden — eine Berührung, die bereichert und verändert, die aber auch etwas einlässt, das nicht gebeten wurde.
Keine andere magische Praxis erzeugt diesen Effekt. Rituale und Formeln berühren das Gefüge an den Stellen, wo es dafür vorgesehen ist — an der Oberfläche, wo die Verdichtung hält und Barkuz fern bleibt. Nur die Psionik greift tief genug, um die Schwelle zu berühren. Und nur die Psionik lockert sie mit jeder Berührung ein wenig mehr.
Der langsame Verfall
Die Überresonanz — so nennen es jene, die genug wissen, um sie zu benennen — beginnt so sachte, dass niemand sie bemerkt.
Fremdartige Träume. Gedanken, die sich nicht wie die eigenen anfühlen. Eine leise Unruhe nach besonders tiefem Griff, die sich nicht ganz legen will. Nichts, worüber man sich Sorgen machen würde — und genau darin liegt die Gefahr. Die Aus'Harringer Schriftenbewahrerin Adalhaid vom Stamme Bergheim hielt eines dieser frühen Zeichen fest:
„Die junge Geistenssprecherin vermochte nicht zu erklären, warum die Kerzen im Raum bei ihrer Erzählung plötzlich erloschen. ‚Es geschieht einfach,' sagte sie mit angstvoller Stimme, ‚als ob etwas durch mich hindurchgreift.'" — Adalhaid vom Stamme Bergheim, Beobachtungen ungewöhnlicher Geistesmanifestationen, 841 WZ
Was wie ein einzelner Vorfall wirkt, ist der erste Schritt auf einem Weg, der selten umkehrt. Die Träume werden eindringlicher, lebhafter, fremder — nicht mehr bloß ungewöhnlich, sondern erfüllt von Bildern und Empfindungen, die keiner eigenen Erinnerung entstammen. Spontane Wirkungen brechen aus, nicht mehr unter bewusster Lenkung, sondern in Augenblicken, in denen der Wille am schwächsten ist — als handle etwas durch den Psioniker, das seine Unachtsamkeit abwartet.
Nahestehende bemerken die Veränderung zuerst. Fremdartige Neigungen, Verhaltensweisen, die nicht zum Menschen passen, den man kannte. Eine Entfremdung, die sich nicht erklären lässt und die der Betroffene selbst am wenigsten wahrnimmt. Der Psioniker durchlebt Zeitverluste, Lücken in der Erinnerung, Augenblicke, in denen er nicht weiß, wo er war oder was er tat. Sein Körper beginnt zu antworten: leuchtende Augen bei Krafteinsatz, Bahnen unter der Haut, die pulsieren und schimmern, als scheine die Tiefe durch ihn hindurch.
Was hier geschieht, ist kein Zerbrechen im gewöhnlichen Sinne. Der Psioniker hat so oft und so tief ins Gefüge gegriffen, dass sein eigenes Bewusstsein begonnen hat, sich der anderen Ordnung anzunähern — jener Ordnung, die jenseits der Verdichtung herrscht, wo die Wirklichkeit dem Bewusstsein näher steht als dem Stoff. Es ist, als habe die Tiefe begonnen, zurückzugreifen.
Wer diesen Kampf verliert, wird zu einem der Verlorenen. Diese Menschen — wenn man sie noch so nennen kann — bestehen in einem Zwischenzustand, weder ganz in der Ordnung von Weraldiz noch ganz in der Ordnung von Barkuz. Manche leben in einem Zustand, der dem Traum näher ist als dem Wachen. Sie sprechen in Rätseln, deren Sinn sich dem Hörer entzieht, als sprächen sie in einer Sprache, die fast, aber nicht ganz die eigene ist. Andere sind von Erscheinungen umgeben, die nicht aufhören: Winde, die sich endlos um sie drehen; Erde, die unter ihren Schritten bebt; Licht, das ihnen folgt wie ein lebendes Ding. Manche durchlaufen Wandlungen des Körpers, die keinem natürlichen Vorgang gleichen — als forme sich das Fleisch nach einer Ordnung, die nicht für Menschen gedacht war.
Einmal geschehen, gibt es in den wenigsten Fällen einen Weg zurück. Die Verlorenen sind nicht zerbrochen — sie sind anderswo, und der Ort, an dem sie sind, lässt sie nicht mehr los.
„Die Faszination und der Schrecken der Psionik liegt in dieser Doppelheit: Je tiefer ein Psioniker greift, desto mehr wird er zum Gefäß für etwas, das nicht von ihm stammt. Was wir für den eigenen inneren Funken halten, könnte die flüsternde Stimme aus einer anderen Ordnung sein." — Meister Eztebe, geheimes Tagebuch
Die Tore
In den letzten Jahren häufen sich Ereignisse, bei denen Psioniker unfreiwillig zu Durchbruchsstellen werden — zu Orten im lebenden Fleisch, durch die etwas von jenseits der Verdichtung in diese Welt hereindrängt.
In Wolfsthal, im Jahre 840, erschuf eine junge Geistsprecherin ein schwebendes Gebilde aus Licht. Es faltete sich in Muster von einer Genauigkeit, die kein menschlicher Geist hätte entwerfen können, und blieb zwölf Minuten lang bestehen — als wolle es etwas zeigen, für das es keine Worte gab. Keiner der anwesenden Gelehrten vermochte es zu deuten. Ein Jahr später, in der Jakintza Ezagutza, fiel ein fortgeschrittener Adept in eine Starre und begann in Lauten zu sprechen, die keiner Sprache von Weraldiz angehören — doch mit einem Rhythmus und einer Bestimmtheit, die vermuten ließen, dass jemand durch ihn sprach.
Der bedenklichste Vorfall ereignete sich in Vetluna im Jahre 842 WZ. Während eines Traumzirkels berichteten alle zwölf Teilnehmer von derselben Gegenwart — einem Bewusstsein, das nicht aus dem Raum stammte, nicht aus ihren eigenen Geistern, sondern das durch einen besonders empfänglichen Velatari nach innen drängte. Nicht gewaltsam, nicht feindlich — aber mit einer Beharrlichkeit, die keinen Zweifel ließ, dass es herein wollte. Als klopfe jemand an eine Tür, die immer dünner wird.
Diese Ereignisse folgen keinem Zufall. Sie verstärken sich in der Nähe von Orten, wo das Gefüge ohnehin offener liegt. Sie häufen sich, wo mehrere Psioniker zusammenwirken, als addiere sich die Lockerung, die jeder einzelne erzeugt. Und sie nehmen zu mit der Intensität der Empfindungen — als seien starke Gemütsbewegungen eine Kraft, die das Gewebe nicht nur berührt, sondern dehnt.
Sie werden häufiger. Sie werden stärker. Und mit der nahenden Himmelsgleiche, die die Verdichtung ohnehin ins Wanken bringt, stellt sich eine Frage, die niemand laut zu stellen wagt: Was geschieht, wenn genug Psioniker tief genug greifen, während der Himmel die Schwelle von sich aus senkt?
„Was durch uns scheint, ist nicht unbedingt unser Feind. Es könnte auch unser Lehrer sein. Die Frage ist nicht, ob die Tore sich öffnen werden, sondern wie wir durch sie hindurchgehen." — Aikio Lásse-bártni, Aufzeichnungen des Großen Goahteballu, 842 WZ