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Der Schleier des Vergessens

Die Wahrheit hinter dem Schleier

Nach dem gewaltsamen Aufstieg der magischen Wesen stand die Menschheit von Weraldiz vor einer existenziellen Krise. Die Abwesenheit der Wesen, die seit Anbeginn Teil ihrer Welt gewesen waren, hinterließ eine tiefe psychologische Wunde. In den meisten Regionen bedeutete das Verwirrung, Trauer und den Verlust praktischer Grundlagen — im Norden bedeutete es den Zusammenbruch einer ganzen Gesellschaft, deren Weltbild vollständig auf den dort herrschenden Valvar geruht hatte.

Die Argitari standen damit vor einem Dilemma, das ihr eigener Plan geschaffen hatte. Sie hatten die Menschheit von der Herrschaft überlegener Wesen befreien wollen und stattdessen ein Vakuum hinterlassen, das die Befreiten nicht zu füllen vermochten. Der Schleier des Vergessens war die Antwort darauf — der zweite Akt eines Eingriffs, dessen erster den Schaden erst angerichtet hatte.

Die Erschaffung des Schleiers

Die ethische Entscheidung

Nach langen Beratungen entschied ein Rat hochrangiger Argitari, eine drastische Maßnahme zu ergreifen. Die Entscheidung wurde im vollen Bewusstsein getroffen, dass sie die Grenzen ethischer Vertretbarkeit berühren würde:

"Diese Menschen haben das Unerträgliche gesehen. Ihre Seelen sind gebrochen durch die Entgöttlichung ihrer Welt. Wir haben keine Wahl, als ihnen den Schmerz dieser Erinnerung zu nehmen, damit sie leben können. Möge das Licht der Heerscharen uns für diesen Eingriff vergeben." — Aus den geheimen Chroniken

Mechanismus und Funktionsweise

Der „Schleier des Vergessens" war ein komplexes, mehrschichtiges magisches Ritual auf kollektiver Ebene – weit über einfache Gedächtnismanipulation hinausgehend. In den ersten 1–5 Jahren nach dem Aufstieg wurde er aktiviert, anfänglich nur für die Lithi konzipiert, später in abgeschwächter Form auf andere Regionen ausgeweitet.

Der Schleier arbeitete auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Auf der rein gedanklichen Ebene tilgte er präzise die traumatischen Erinnerungen an die Verbannung – dabei praktische Fähigkeiten erhaltend, emotionale Tiefe bewahrend, aber traumatisierende Erfahrungen entfernend. Auf einer tieferen Schicht ersetzte er die wahre Geschichte durch eine tröstlichere Erzählung: Neue kollektive „Erinnerungen" an einen friedlichen Übergang wurden implantiert, alternative Erklärungen für kulturelle Praktiken und Artefakte konstruiert. Eine dritte Ebene formte die kulturelle Identität selbst um, indem sie das Verhältnis eines Volkes zu den verschwundenen Wesen neu bestimmte.

Doch der Schleier war mehr als eine Maschine des Vergessens. Er filterte und leitete traumatische Emotionen um: Verlassenheitsangst wurde in spirituelle Sehnsucht transformiert, Hilflosigkeit in ritualisierte Praktiken der Kontrolle. Albträume wurden zu mythologischen Narrativen; unterdrückte Angst fand ihren Ausweg in künstlerischem und spirituellem Ausdruck. Die Traumafragmente, die sich nicht vollständig tilgen ließen, wurden in kulturell akzeptable Formen kanalisiert – wie ein Fluss, der seinen Weg durch Fels findet.

Was nicht getilgt wurde

Nicht alles sollte verschwinden. Wichtige Wahrheiten wurden in Symbolsystemen und Mythen verschlüsselt, essenzielle Warnungen als Tabus und Volksmärchen bewahrt, faktische Geschichte in mehrdeutigen heiligen Texten versteckt – ein sorgfältig gepflanztes Informationsnetz für spätere Generationen, die es würden lesen können, wenn die Zeit dafür gekommen wäre.

Ob diese Vorsorge je aufgehen wird, ist offen. Die Schlüssel dazu lagen bei jenen Eingeweihten, die das Wissen weitergeben sollten – und deren Verständnis über acht Jahrhunderte erodiert ist, bis von der Vorsorge nur noch die Formeln übrig sind.

Der Schleier bei den einzelnen Völkern

Die Intensität des Eingriffs richtete sich nach der Tiefe des Schadens. Was im Norden eine vollständige Neubegründung erforderte, verlangte anderswo nur eine Verschiebung der Deutung.

Bei den Lithi wurde der Schleier in seiner dichtesten Form angelegt: vollständige Neuordnung der kollektiven Erinnerung über Generationen, die Erschaffung eines neuen kulturellen Selbstverständnisses und eine dauerhafte Aufsicht durch die zwölf zurückgebliebenen Vajal. Diese Ausprägung ist so umfassend und in ihren Folgen so gegenwärtig, dass sie eigens behandelt wird.

Bei Auwharin war die Intensität moderat und konzentrierte sich auf religiöse Umformung: Die historischen Beziehungen zu magischen Wesen wurden auf die Religion der Himmlischen Heerscharen umgedeutet. Die fragmentierte Wahrheit überlebt in den esoterischen Lehren der Sieben Orden – der Schleier dort ist stabil, aber mit zunehmendem Durchsickern von Erinnerungen bei Ordensmitgliedern.

In Non'Gauden war der Eingriff gering, da die Gründer bereits teilweise Wissen besaßen. Hier wurde wissenschaftliche Rationalisierung magischer Phänomene als Methode gewählt – die Wahrheit codiert in wissenschaftlichen Theorien und philosophischen Konstrukten. Der Schleier dort ist dünn geworden, durch aktives wissenschaftliches Hinterfragen.

Bei Cel Atiz wurde der Schleier subtiler angelegt, durch traumbasierte Umformungen und Integration in spirituelle Praktiken. Die Wahrheit dort verschlüsselt in Traumsymbolik und künstlerischen Traditionen – stark transformiert, teilweise mit dem Eisnar Fanu verschmolzen.

Verhältnis zum Aufstieg

Der Schleier des Vergessens steht in direktem Zusammenhang mit dem Aufstieg: Er ist die direkte Konsequenz der Verbannung und ihres Traumas – der zweite Akt des argitarischen Eingriffs in die menschliche Geschichte. Die Ethik beider Handlungen bleibt fundamental verwoben, denn der zweite Eingriff lässt sich nur rechtfertigen, wenn man den ersten für unvermeidlich hält.

Beide Handlungen teilen zudem dieselbe Schwäche. Der Aufstieg sollte endgültig sein und war es nicht – einzelne Wesen entkamen, die Barriere hielt nicht lückenlos. Der Schleier sollte endgültig sein und ist es ebenso wenig – Erinnerungen sickern durch, Fragmente kehren wieder, und mit der nahenden zweiten Himmelsgleiche schwächt sich beides zugleich, weil beides in dieselbe Verdichtung eingewoben wurde. Was die Barriere schwächt, schwächt den Schleier.