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Barkuz - Die andere Seite

Vom Wesen eines Ortes, der zugleich Ring und Welt ist


„Vom Boden von Weraldiz betrachtet, ist Barkuz ein silberner Streifen am Himmel — Gestein und Eis, das die Gelehrten vermessen und die Gläubigen besingen. Doch wer durch den Schleier blickt, erkennt, dass der Ring nur das ist, was Barkuz zu sein vorgibt, wenn menschliche Augen hinsehen." — Aus den versiegelten Aufzeichnungen des Egiaren Zirkulua


Zweierlei Gestalt

Was den Menschen als schimmernder Planetenring erscheint — ein Band aus Gestein und Eis, das den Himmel von Weraldiz umspannt und die tägliche Schattenruhe hervorbringt —, ist zugleich etwas grundlegend anderes. Barkuz besitzt eine doppelte Natur, und in dieser Doppelheit liegt sein ganzes Geheimnis.

Von außen betrachtet, von der Oberfläche von Weraldiz aus, zeigt Barkuz sich als das, was menschliches Begreifen aus ihm macht: ein physischer Ring, dessen Bahnen und Verdichtungen den Ringführern Inara und Velka gehorchen, dessen Schatten die Welt täglich in silbernes Halbdunkel taucht. Die Gelehrten vermessen seine Bewegungen, die Seefahrer nutzen seinen Stand zur Orientierung, die Gläubigen deuten sein Licht als Zeichen. All dies ist wahr — und doch ist es nur ein Teil.

Denn Barkuz ist auch eine eigenständige Ordnung der Dinge — eine Welt, die sich nach anderen Mustern hält als die Oberfläche von Weraldiz. Diese zweite Natur existierte bereits vor dem Aufstieg als ein dünner Zwischenraum, eine Schwelle, die kaum jemand wahrnahm. Erst das Ritual der ersten Himmelsgleiche, das die magischen Wesen aus Weraldiz verwies, verdichtete diese Schwelle zu etwas Bewohnbarem — oder besser: zu etwas, das von denen, die dorthin verbannt wurden, in eine bewohnbare Gestalt gebracht werden konnte. Was die Argitari als Gefängnis schufen, wurde von seinen Bewohnern in eine Heimat verwandelt — nicht durch Mauerwerk und Werkzeug, sondern dadurch, dass sie diese Welt mit ihrem Wesen hielten und formten, so wie die Menschen es mit Weraldiz tun.

Beide Gestalten — Ring und Welt — überlagern einander. An den sogenannten Kraftknoten, wo die Strömungen des Gefüges besonders dicht zusammenfließen, löst sich die Grenze zwischen ihnen auf. Was von der einen Seite als Gestein erscheint, ist von der anderen ein Tor; was von Weraldiz aus ein Lichtfleck im Ring sein mag, ist von innen eine Landschaft. Astronomische Konstellationen und kosmische Erschütterungen weiten diese Berührungspunkte — und mit der nahenden Himmelsgleiche werden sie häufiger und beständiger, als habe die Trennung begonnen, ihrer selbst müde zu werden.


Die Gestalt der anderen Seite

Wer Barkuz betritt — durch einen Riss, einen Traum oder einen jener seltenen Übergänge, die sich an den Kraftknoten öffnen —, findet keine Welt, die den Gesetzen von Weraldiz folgt. Die Luft ist dünn, doch nicht leblos; sie trägt Schwingungen, die der Haut näher kommen als dem Ohr. Die Landschaft ist von gewaltigen Schluchten durchzogen, und zwischen ihnen schweben Inseln, die keinem Boden entspringen — als habe jemand Teile der Erde aus ihrem Zusammenhang gelöst und in die Luft gehoben, wo sie nun treiben, gehalten von einer fremden Ordnung der Dinge.

Je näher man den Stellen kommt, an denen das Gefüge am dünnsten ist, desto fremder wird die Gestalt der Dinge. Winkel stimmen nicht überein, Entfernungen verhalten sich unzuverlässig, und was eben noch fester Boden war, kann im nächsten Augenblick durchscheinend werden, als erinnere es sich nicht mehr daran, fest sein zu müssen. Periodische Stürme fegen durch diese Landschaften — nicht aus Wind und Regen geboren, sondern aus Schwankungen im Gefüge selbst, Wellen, die durch das Gewebe laufen und alles, was sie berühren, für eine Weile in Bewegung versetzen.

Doch die Kargheit der stofflichen Bedingungen täuscht. Was Barkuz an greifbarer Fülle fehlt, bietet es in einer anderen Hinsicht: Das Gefüge liegt hier offener als an beinahe jedem Ort auf Weraldiz — offener sogar als in den Tiefenschlünden, denn dort ist es die Abwesenheit dessen was sie wahrnimmt, die das Gewebe lockert, hier aber ist es die Anwesenheit eines anderen Bewusstseins, das andere Muster hält. Die Wirklichkeit ist auf Barkuz nicht weniger stabil als auf Weraldiz — sie ist anders stabil. Und für jene, die mit dieser anderen Beständigkeit umzugehen wissen, ist sie reich.


Wie sich die Wirklichkeit dort verhält

Auf Weraldiz halten millionen menschlicher Geister die Welt in ihrer gewohnten Gestalt. Stein ist dort Stein, weil alle, die ihn berühren und bedenken, dies so erwarten. Auf Barkuz halten andere Bewusstseine die Ordnung — und sie erwarten anderes.

Dies erklärt die „Anpassung" der verbannten Wesen: Über die achthundert Jahre ihres Exils haben sie Fähigkeiten entfaltet, die auf Weraldiz undenkbar wären. Sie wechseln zwischen stofflicher und nichtstofflicher Gestalt, als sei der Unterschied nur eine Frage der Aufmerksamkeit. Sie verständigen sich unmittelbar von Geist zu Geist über Entfernungen, die auf Weraldiz jede Stimme verschlucken würden. Und sie vermögen die Gestalt ihrer Umgebung bewusst umzuformen — nicht als Zauber im herkömmlichen Sinne, sondern als natürliche Folge einer Wirklichkeit, die dem Bewusstsein näher steht als dem Stoff.

Man sollte dies nicht für grenzenlose Freiheit halten. Auch Barkuz hat seine Beständigkeiten, seine Muster, die sich dem Willen einzelner widersetzen. Wo viele Gedanken dieselbe Ordnung halten, ist sie ebenso fest wie der härteste Fels auf Weraldiz. Was sich ändert, ist das Verhältnis: Auf Weraldiz muss man große Kraft aufwenden, um das Gefüge auch nur ein wenig zu bewegen, denn unzählige Geister halten es still. Auf Barkuz ist das Gefüge beweglicher, antwortet leichter — aber es antwortet auch auf das, was man nicht beabsichtigt. Wer dort lebt, muss lernen, seinen Geist zu hüten, denn jede starke Empfindung, jeder unkontrollierte Gedanke kann die Umgebung verändern. Die Stürme, die periodisch über Barkuz fegen, sind vielleicht nichts anderes als der Ausdruck ungelöster Spannungen zwischen denen, die diese Welt bewohnen.


Was dort entstanden ist

Aus der Not des Exils und den Eigenheiten einer Wirklichkeit, die dem Bewusstsein näher steht, erwuchs über die Jahrhunderte eine eigenständige Kultur, die auf Weraldiz ohne Beispiel ist.

Die Kunst auf Barkuz kennt keine toten Werkstoffe. Energieskulpturen tragen Gedanken und Empfindungen unmittelbar in den Geist des Betrachters — nicht als Bild oder Symbol, sondern als Erfahrung, die sich im Bewusstsein entfaltet, als sei sie die eigene. Telepathische Symphonien, gewoben von vielen Geistern zugleich, erzeugen Gebilde aus Klang und Bedeutung, die kein Instrument der Oberfläche nachbilden könnte. Die Baukunst — wenn man sie so nennen darf — verschmilzt Festes und Unfestes zu Formen, die sich mit der Stimmung ihrer Bewohner wandeln: Räume, die sich weiten, wenn Versammlungen stattfinden, und sich zusammenziehen, wenn Stille gesucht wird.

Drei große Denkrichtungen haben sich herausgebildet und durchdringen das geistige Leben in Barkuz wie Strömungen ein Meer. Die Transzendenten betrachten die Verbannung als Befreiung — als Lösung von den Fesseln einer allzu festen Welt, in der das Bewusstsein unter der Last des Stoffes erstarrt war. Sie streben nach immer weiterer Auflösung, nach einem Zustand jenseits aller Gestalt, in dem das Selbst sich wie Rauch im Wind verliert und eins wird mit dem formlosen Grund der Dinge. Die Erinnerungshüter bewahren, was war — die Geschichten, die Bräuche, die Erinnerung an Weraldiz und an die Zeit vor dem Aufstieg. Für sie ist das Vergessen die wahre Verbannung, und solange die Erinnerung lebt, bleibt der Weg zurück offen. Die Visionäre teilen weder die Sehnsucht der einen nach Auflösung noch die der anderen nach Rückkehr. Wo die Transzendenten jede Form hinter sich lassen wollen, wollen die Visionäre neue errichten — eine Ordnung, die weder der alten Welt noch dem Exil gleicht, sondern etwas gänzlich Eigenes wäre, geboren nicht aus Erinnerung und nicht aus Loslösung, sondern aus dem gestaltenden Willen der Gegenwart.

Diese Denkrichtungen verlaufen quer zu den Fraktionen, die sich in Barkuz gebildet haben. Ein Versöhnlicher kann Erinnerungshüter sein, ein Assimilierter Visionär, ein Bewahrer Transzendenter. Die Fragen der Philosophie und die Fragen der Politik überschneiden sich, aber sie sind nicht dasselbe.


Die Geographie des Unfesten

Barkuz besitzt keine Geographie im gewöhnlichen Sinne. Was sich als Landschaft zeigt, schwankt zwischen dem Greifbaren und dem Gedachten, und die Grenzen zwischen Territorien sind nicht Linien auf einer Karte, sondern Übergänge zwischen Ordnungen — Stellen, an denen die eine Weise, die Wirklichkeit zu halten, in eine andere übergeht.

Der Krongarten, Hauptgebiet der Versöhnlichen, ist am ehesten das, was ein Besucher von Weraldiz als schön empfinden würde: harmonische Formen, schwebende Kristallgebilde, die das Licht fangen und in Muster brechen, eine Stille, die nicht leer ist, sondern voll von etwas, das sich dem Ohr entzieht. Hier halten viele Bewusstseine gemeinsam eine Ordnung, die dem Frieden zugewandt ist, und diese Zuwendung hat sich in der Gestalt des Ortes niedergeschlagen.

Der Schattenschlund, Basis der Rachsüchtigen, ist sein Gegenstück — nicht dunkler im Sinne des Lichts, sondern verzerrter. Die Ordnung, die dort gehalten wird, ist eine des Zorns, der Bitterkeit und des Willens zur Vergeltung, und der Ort atmet diese Empfindungen aus wie eine Landschaft auf Weraldiz ihren Nebel. Geometrien verzerren sich, Oberflächen wechseln ohne Vorwarnung ihre Beschaffenheit, und wer diesen Ort betritt, ohne seinen Geist zu hüten, wird von den Stimmungen erfasst, die ihn formen.

Die Neuformung, Heimat der Assimilierten, befindet sich in beständigem Wandel — nicht aus Unbeständigkeit, sondern aus Überzeugung. Ihre Bewohner halten keine feste Ordnung, sondern eine Offenheit, und der Ort verändert sich mit ihnen, als sei er selbst ein Werk, an dem unablässig weitergearbeitet wird. In der Stadt des Zeitwanderers Zeitgleiß verläuft die Zeit in verschiedenen Vierteln verschieden — nicht als Anomalie, sondern als bewusste Gestaltung.

Die Memorialsphäre der Bewahrer ist der seltsamste aller Orte: ein Raum aus lebendigen Erinnerungen, in dem die Vergangenheit nicht erzählt, sondern erlebt wird. Wer ihn betritt, wandelt durch Augenblicke, die vor bald einem Jahrtausend stattfanden, als seien sie noch gegenwärtig — denn in einem gewissen Sinne sind sie es, gehalten von Gedanken selbst, die das Vergessen verweigern.


Die nahende Himmelsgleiche

Auch auf Barkuz zeigt die nahende zweite Himmelsgleiche ihre Wirkung — und hier, wo das Gefüge ohnehin beweglicher ist, sind die Veränderungen tiefer und fremder als alles, was die Oberfläche von Weraldiz erlebt.

Die Kraftknoten, an denen Ring und Welt einander berühren, weiten sich. Was bisher flüchtige Augenblicke der Durchlässigkeit waren, dehnt sich zu Stunden, bisweilen Tagen. Blicke nach Weraldiz, die früher nur den Mächtigsten gelangen, gelingen nun vielen — und was sie sehen, weckt in den einen Sehnsucht, in den anderen Zorn, in den dritten eine Gleichgültigkeit, die selbst eine Form der Trauer ist.

Die Stürme werden häufiger und heftiger, als spiegele das Gefüge die wachsenden Spannungen zwischen denen, die zurückkehren wollen, und denen, die bleiben. Die Grenzen zwischen den Gebieten der Fraktionen werden schärfer und zugleich durchlässiger — ein Widerspruch, der nur in einer Welt Sinn ergibt, in der Grenzen keine Mauern sind, sondern Zustände des Bewusstseins.

Und in den tiefsten Schichten von Barkuz, dort, wo die ältesten Bewohner ihre Ordnungen halten, regt sich etwas, das selbst die Weisesten nicht einzuordnen vermögen — eine Veränderung, die nicht von den Bewohnern ausgeht und nicht von der Himmelsgleiche allein erklärt werden kann. Als habe der Ort selbst, der achthundert Jahre lang geduldig die Gestalt trug, die man ihm gab, begonnen, sich an etwas erinnern, dass jenseits aller Erinnerungen der Bewohner von Barkuz liegt.


„Der Ring am Himmel ist kein lebloses Ornament, sondern ein Spiegel unserer eigenen Geschichte — ein silbernes Band, das unsere Welt mit dem verbindet, was wir zu vergessen versuchen. Doch was geschieht, wenn der Spiegel anfängt, ein eigenes Bild zu zeigen?" — Aus dem versiegelten Testament von Maistra Saioa ez'Ezagutza-goi-bi Zuriarrain