Golganolbmot - Die Treibenden
Marginalisierte Gruppe • Seit ~790 WZ • Verstreut in Lithi-Gebieten
„Sie sind wie zerbrochene Spiegel – gefährlich und doch wertvoll. In jedem Splitter siehst du ein Fragment der Wahrheit, aber nie das ganze Bild. Und pass auf deine Finger auf, wenn du sie berührst; sie schneiden tiefer als du glaubst." — Noaidi Elle Guovssu-nieida, Gávvil-sidd
Zweck und Wesen
Die Golganolbmot — wörtlich „die Treibenden" oder „die Umherirrenden" — sind die Produkte gescheiterter schamanistischer Initiationen. Etwa einer von zweihundert Initianden kehrt aus den Prüfungen der Noaidi verändert zurück: nicht als vollwertiger Schamane, aber auch nicht mehr als gewöhnlicher Sterblicher. Was bleibt, sind fragmentarische Fähigkeiten ohne Kontrolle — flackernde Visionen, unkontrollierte Geisterkontakte, hellsichtige Einblicke von verzerrter Klarheit, telepathische Fragmente ohne Filter. Was fehlt, ist die spirituelle Immunität, die ein ausgebildeter Noaidi gegen die schädlichen Einflüsse aus Saivobak oder gar Barkuz besitzt.
Ihre Ziele, soweit man von solchen sprechen kann, sind primär Überleben und Verständnis. Viele suchen schlicht einen Weg, mit ihren instabilen Fähigkeiten zu leben, ohne sich selbst oder andere zu verletzen. Geschätzt fünfzig bis hundertfünfzig Golganolbmot existieren verstreut in den Lithi-Gebieten, erkennbar bisweilen an physischen Anomalien — heterochromen Augen, ungewöhnlichen Haarsträhnen, geometrischer Hautpigmentierung — und an den seltsamen Tierbegleitern, die sich ihnen zugesellen: weiße Raben, silbrige Füchse, verkrüppelte Wölfe von unheimlicher Intelligenz.
Struktur
Von einer echten Hierarchie kann keine Rede sein — eher von einer organischen Selbstorganisation, die sich aus gemeinsamer Not ergeben hat. Die Splitterseelen sind ältere Mitglieder, die gelernt haben, mit ihren Fähigkeiten zu koexistieren, und als Mentoren für Neuankömmlinge fungieren. Die Mehrheit bilden die Ungezähmten, jüngere Golganolbmot, die noch mit Instabilität und Kontrollverlust kämpfen. Wandernde Späher spüren mit ihrer ausgeprägten Sensitivität neue Betroffene auf und führen sie zu den anderen.
Die Verbindung basiert auf geteilter Erfahrung und dem Bedürfnis nach gegenseitigem Schutz — vor der Feindseligkeit vollwertiger Noaidi, vor den Gefahren der eigenen Kräfte, vor der Isolation am Rand der Gesellschaft. Innerhalb der Gemeinschaft reichen die Haltungen von geduldiger Koexistenz bis zu rücksichtslosem Experimentieren: Die gemäßigte Mehrheit sucht Stabilität, während die radikalen Rufer aktiv Kontakte zu Entitäten aus Barkuz herzustellen versucht — geführt vom mysteriösen „Gollemuitu", der sich nur in Visionen und Träumen manifestiert.
Ursprung
Solange es schamanistische Initiationen gibt, hat es auch jene gegeben, die daran gescheitert sind. Doch traditionell existierte kein Zusammenschluss dieser Ausgestoßenen — sie lebten isoliert als Einsiedler oder Wanderer, manche geduldet in abgelegenen Siedlungen, andere vollständig gemieden als Feuerhüter.
Die eigentliche Organisation begann erst vor etwa fünfzig Jahren, als mehrere Golganolbmot unabhängig voneinander bemerkten, dass ihre Visionen synchronisiert waren. Diese spontane Resonanz führte zu ersten Treffen, dann zu zunehmend koordinierten Zusammenkünften. Was sie entdeckten, war beunruhigend: Ihre fragmentarischen Fähigkeiten schienen zu wachsen, intensiver und unkontrollierbarer zu werden, als ob etwas in der spirituellen Landschaft sich veränderte. Aus dieser Erkenntnis entstanden auch die Rufer, dessen Gründer vor etwa fünf Jahren einen katastrophal fehlgeschlagenen Versuch unternahmen, sich durch ein improvisiertes Ritual zu vereinigen — mit Konsequenzen, die bis heute nachwirken.
Methoden und Mittel
Man wird nicht Golganolbmot durch Wahl, sondern durch Schicksal. Der Pfad beginnt mit dem Versuch, Noaidi zu werden — der Prüfung des Eisbaums, dem Ritual des Geisterfelsens, der Zeremonie des Zwillingsherzens. Für die allermeisten gibt es zwei Ausgänge: Bestehen oder Scheitern mit Rückkehr ins weltliche Leben. Doch für wenige öffnet sich ein dritter, unheimlicher Weg — sie scheitern und kehren doch verändert zurück, mit Kräften, die sie weder beherrschen noch ablegen können.
Von politischer Macht oder materiellem Reichtum kann bei den Golganolbmot keine Rede sein. Ihr Einfluss ist negativer Natur — die Störung, die ihre bloße Anwesenheit verursachen kann, die Risse, die sie unbeabsichtigt in die Barriere zu Barkuz schlagen. Einige haben Zugang zu verbotenen Substanzen entwickelt, die Trancezustände induzieren, und die Rufer haben begonnen, ein rudimentäres rituelles System zu entwickeln — ein wilder Mischmasch aus missverstandenen Noaidi-Praktiken und improvisierten Techniken. Ihre wertvollste Ressource jedoch ist Information: Durch ihre instabilen Fähigkeiten stolpern Golganolbmot manchmal über Wissen, das anderen verborgen bleibt — Fragmente der wahren Geschichte, Hinweise auf verborgene Orte, kryptische Warnungen über kommende Ereignisse.
Knotenpunkte
Die Golganolbmot treffen sich an Zwischenplätzen — Lokalitäten, die weder vollständig zur physischen noch zur geistigen Welt gehören.
Die Heulende Schlucht in den nördlichen Ödlanden ist eine windgepeitschte Klamm, deren bizarre Akustik bei bestimmten Wetterverhältnissen die Visionen der Golganolbmot zu verstärken und zu klären scheint. Mehrere Besucher sind allerdings mit dauerhaften mentalen Schäden zurückgekehrt, und einige überhaupt nicht.
Der Kreiswald von Gearru in den zentralen Gebieten von Erek Noan birgt eine Lichtung, wo Birken in perfekten konzentrischen Kreisen wachsen — ein Phänomen, das niemand erklären kann. Die geometrische Anordnung bietet angeblich natürlichen Schutz, und der Boden ist übersät mit Pilzarten, die nirgendwo sonst vorkommen. Hier praktizieren die Rufer ihre gefährlichsten Rituale.
Weitere Treffpunkte finden sich verstreut in den Erek Noan und bis ins Grenzland zu Auwharin — windgeschützte Höhlen mit besonderen akustischen Eigenschaften, Seen mit ungewöhnlichen Spiegeleffekten, Berghänge, wo Nebel in seltsamen Mustern wirbelt.
Verborgenes Wissen
Der charismatische „Gollemuitu" (Golderinnerung), der die Rufer in Visionen und Träumen berührt, ist keine einzelne Person. Er ist eine kollektive Entität — die verschmolzenen Bewusstseine mehrerer Golganolbmot, deren Körper seit einem katastrophal fehlgeschlagenen Vereinigungsritual in einer Höhle im Kreiswald von Gearru komatös verborgen liegen.
Schlimmer noch: Diese Entität wurde von etwas aus Barkuz infiltriert. Einer der verbannten Valvar, dessen Name selbst aus der Geschichte gelöscht wurde, hat durch die Lücke, die das gescheiterte Ritual riss, einen Weg in die Welt gefunden. Es nutzt „Gollemuitu" als Vehikel und orchestriert die Aktivitäten der Rufer mit dem Ziel, während der Himmelsgleiche die Barriere vollständig zu durchbrechen. Die charakteristischen Visionen, die viele Golganolbmot in letzter Zeit erleben — der aufsteigende Eisriese im Norden mit dem Mantel aus geschmolzenen Sternen und dem Spiegelgesicht — sind keine Prophezeiungen, sondern aktive Einladungen.
Einige der älteren Splitterseelen beginnen, die Wahrheit zu ahnen. Sie haben versucht, Warnungen zu senden, aber die Faszination, die „Gollemuitu" auf jüngere Golganolbmot ausübt, ist schwer zu durchbrechen.
Verbündete und Gegner
Die Golganolbmot bewegen sich in einem Netz aus Misstrauen und gelegentlicher, stets bedingter Hilfe. Die rätselhafteste Verbindung besteht zu den Wandlern der Vajal, die in kryptischen Traumsequenzen mit ihnen kommunizieren — ob als Führung oder Manipulation, bleibt unklar. Vereinzelt sympathisieren junge, radikale Noaidi mit den Ausgestoßenen, und seltene Traumkontakte entstehen zu Non'Gaudischen Geistesformern, die selbst aus ihren Strukturen gefallen sind.
Ihre Feinde sind zahlreicher. Orthodoxe Noaidi sehen gescheiterte Initianden als Schande und Bedrohung. Die Bewahrer der Vajal betrachten sie als gefährliche Anomalien, die beseitigt werden sollten — mehrere mysteriöse „Unfälle" unter Golganolbmot tragen ihre Handschrift. Andere Vajal versuchen, sie zu „rehabilitieren". Und die Muitosearvi fürchten, dass die rücksichtslosen Methoden der Rufer die Barriere zu Barkuz beschädigen und ihre eigenen, vorsichtigeren Pläne gefährden.
Die nahende Himmelsgleiche
Mit der nahenden Himmelsgleiche hat sich die Lage dramatisch verschärft. Die Häufigkeit gescheiterter Initiationen steigt, die Fähigkeiten bestehender Golganolbmot intensivieren sich, und ihre unbewusste Resonanz mit Barkuz wird stärker. Manche berichten von Durchbrüchen unterdrückter Erinnerungen, die ihre psychische Instabilität weiter verschlimmern. Und hinter all dem zieht „Gollemuitu" seine Fäden — der Valvar in seiner Mitte wartet auf den Moment, in dem die kosmische Konstellation ihm den Durchbruch ermöglicht.
Die Golganolbmot, einst bloß tragische Randgestalten der Lithi-Gesellschaft, könnten sich als Schlüsselfiguren der kommenden Krise erweisen — ob als unwissende Werkzeuge einer Entität von Barkuz oder als diejenigen, die den Riss in letzter Stunde schließen.
„Wir sind die zerbrochenen Spiegel, die zwischen den Welten hängen. Vielleicht ist es an der Zeit, dass jemand durch die Splitter hindurchsieht — nicht auf das, was war, sondern auf das, was werden könnte." — Eine Zwillingsseele, deren Namen niemand kennt