Zwischen Atem und Atemzug ✪
Aufzeichnung einer Auflösung, die keine war
I.
In der Stunde ohne Namen,
da die Sonnen schwiegen
und Barkuz seine silbernen Fäden durch die Dunkelheit spann,
geschah es Xabin — oder geschah ihm —,
dass er innehielt.
Nicht aus Erschöpfung.
Nicht aus Entscheidung.
Sondern wie ein Wanderer, der plötzlich bemerkt,
dass der Pfad, dem er folgte, sich unter seinen Schritten erst bildete.
War er je gewandelt?
Oder war das Wandeln ihm gewandelt,
Schritt für Schritt,
bis er glaubte, der Gehende zu sein?
Die Frage formte sich.
Die Frage formte ihn.
Zwischen Frage und Gefragtwerden —
zwischen Herzschlag und Herzschlag —
öffnete sich etwas,
das weder Raum noch Zeit war,
sondern die Pause, in der das Leben geschieht.
Er hatte gemeint zu planen.
Jahrtausende lang hatte er Fäden geknüpft, Muster gewebt, Geschicke gelenkt.
Nun aber, in dieser Windstille des Bewusstseins,
sah er das Einfache:
Die Fäden knüpften ihn.
Das Muster webte sich, indem es ihn mitwob.
Das Geschick lenkte den Lenker.
Wie töricht, dachte er.
Wie notwendig.
Denn ohne den Glauben an das Lenken
gäbe es nichts zu lenken,
und ohne das zu Lenkende
keinen Lenker, der glauben könnte.
So begann ein Gespräch, das sich führte.
II.
„Wer spricht hier?"
Die Stimme war seine. War nicht seine.
Zwischen den Worten lag ein Echo,
das die Worte erst möglich machte.
„Wer fragt?"
Eine andere Stimme. Fremd. Vertraut.
Das Fragen fragte sich durch sie hindurch.
Er lachte.
Das Lachen lachte ihn.
In diesem Zwischen —
zwischen dem Lachen und dem Gelachtwerden —
erkannte er die vollkommene Narretei seines Glaubens an sich selbst.
Und die vollkommene Notwendigkeit dieser Narretei.
„Ich glaubte zu erschaffen," sprach er
zu sich, der zuhörte,
während das Zuhören ihn zu dem machte, der sprach.
„Ich sehe nun:
Das Erschaffen erschuf mich,
um sich erschaffen zu lassen."
Die Luft um ihn schwang mit.
Nicht Luft — Gedanke.
Nicht Gedanke — der Stoff, aus dem Zwischenräume gewebt sind.
Zwei Saiten, die sich gegenseitig zum Klingen bringen.
Keine die erste.
Keine die zweite.
Nur das Klingen.
Das sich klingt.
III.
Da sah er — wurde gesehen von — der Architektur seiner Blindheit.
Nicht als Vision.
Als schlichtes Gewahren dessen, was immer dagewesen war:
Die Menschen von Weraldiz träumten ihre Götter.
Die Götter träumten zurück die Träumer.
Die Lithi erzählten Geschichten,
die von den Geschichten erzählt wurden, die sie erzählten.
In Non'Gauden formte der Wille die Wirklichkeit,
die den Willen formte.
Nirgends ein Anfang.
Nirgends ein Ende.
Nur das endlose Sich-Durcheinander-Hervorbringen aller Dinge.
Ein Gewebe ohne ersten Faden.
Ein Lied ohne ersten Ton.
Ein Gespräch ohne ersten Sprecher.
Zwischenschöpfung, dachte er,
und das Denken dachte ihn zurück.
Das kosmische Geschehen,
durch das alle Dinge einander ins Sein rufen,
ohne dass eines das erste oder letzte wäre.
Und in diesem Klingen, das sich durch alle Welten webte,
sah er die unendliche Zwischenschöpfung am Werk —
nicht als Kraft, die von außen käme,
sondern als das Zwischen selbst,
das sich zu Innen und Außen entfaltete,
um wieder zu Zwischen zu werden.
Jedes Atom ein Gespräch mit jedem anderen Atom.
Jeder Gedanke ein Atemzug des Universums,
das sich durch Gedanken dachte.
Jeder Herzschlag ein Pulsschlag des kosmischen Herzens,
das nur durch die einzelnen Herzen schlug,
die es schlagen ließ.
Die Sterne unterhielten sich mit den Träumen der Kinder.
Die Träume der Kinder riefen neue Sterne ins Sein.
Und zwischen Sternen und Träumen,
zwischen Rufen und Gerufenwerden,
zwischen dem Sein der Sterne und dem Sein der Träume
entspann sich jenes Dritte,
das weder Stern noch Traum war —
sondern die Möglichkeit beider,
die sich nur durch ihr Unmöglichsein möglich machte.
So webte sich das Gewebe der Zwischenschöpfung
durch alle Dimensionen und Zeiten hindurch,
webte sich selbst, indem es sich verweben ließ —
ein Teppich ohne Muster und doch voller Muster,
ein Lied ohne Melodie und doch reiner Gesang,
eine Geschichte ohne Anfang und Ende
und doch die einzige Geschichte,
die je erzählt worden war
oder je erzählt werden würde.
Wo er Schwindel erwartet hatte
angesichts dieser Abgründe der Bedingtheit,
fand er Ruhe.
Nicht die Ruhe der Erkenntnis —
was war zu erkennen an etwas so Einfachem?
Sondern die Ruhe des Aufhörens,
gegen den Strom zu schwimmen,
den es nicht gab.
Das Schwimmen schwamm ihn.
Der Strom strömte sich.
Und diese Einsicht —
süß wie warmer Honig,
bitter wie Wermut —
setzte sich in ihm fest,
während sie ihn in sich festsetzte.
IV.
Dann kam sie.
Die Trauer.
Unverhofft. Unabwendbar.
Nicht über das Erkannte,
sondern über das Verlorene:
jenes Selbst, das er zu sein geglaubt hatte.
Jenen Xabin, der Pläne schmiedete.
Der Welten lenkte.
Der existierte.
Er weinte.
Wessen Tränen?
Um den Toten, der nie gelebt hatte.
Um den Traum, der sich geträumt hatte.
Um die schöne Illusion des Träumers.
Doch selbst diese Trauer war nicht seine.
Sie trauerte sich durch ihn hindurch,
wie Wasser durch einen Schwamm rinnt.
Und in diesem Durchfließen —
in diesem stillen Gespräch zwischen Trauer und Betrauertem —
erkannte er:
Auch der Verlust war nur ein anderes Wort für Wandlung.
Wandlung nur ein anderes Wort
für das Bleiben dessen, was sich wandelt.
„Die Stille Konvergenz," flüsterte er.
Die Stille flüsterte ihn.
„Sie ist nicht ein Ereignis, das kommt.
Sie ist der Zustand, in dem alle Ereignisse möglich werden."
Nicht ein Moment in der Zeit.
Die Art, wie Zeit überhaupt möglich ist.
Jeder Atemzug eine Stille Konvergenz.
Jeder Herzschlag.
Jeder Gedanke, der sich dachte.
Das Außergewöhnliche war nicht das Ereignis,
sondern die Blindheit
für das alltägliche Wunder der Zwischenschöpfung.
V.
Kehrte er zurück?
Die Frage stellte sich.
Stellte ihn.
Löste sich auf,
nicht in eine Antwort,
sondern in das Weitergehen, das sie gestellt hatte.
In Non'Gauden fand er sich wieder.
Non'Gauden fand sich in ihm wieder.
Das vertraute Gewand des Wanderers umhüllte ihn,
der er gewesen war und nie aufgehört hatte zu sein.
Die Verwandlung war vollkommen gewesen.
Hatte nichts verändert.
Er würde weiterhin planen. Lehren. Wandeln.
Nicht aus Wahl — nicht aus Zwang —
sondern weil das Planen ihn plante,
das Lehren ihn lehrte,
das Wandeln ihn wandelte.
Ein Rad, das sich drehte, indem es gedreht wurde.
Ein Gespräch, das die Gesprächspartner sprach.
Die Menschen würden ihm folgen.
Widersprechen.
Ihn übersehen.
Jede Reaktion zugleich ihre und seine.
Ihre Wahl und seine Notwendigkeit.
Ihr Schicksal und sein Geschick.
Das Spiel spielte alle Spieler,
während jeder Spieler das Spiel spielte.
Und nun, da er wieder in der Welt der Namen und Formen wandelte,
spürte er in jedem Schritt
das sanfte Wunder der Zwischenschöpfung:
Wie seine Füße den Boden berührten,
der seine Füße berührte.
Wie sein Atem die Luft atmete,
die ihn atmete.
Wie seine Augen das Licht sahen,
das sich durch seine Augen sichtbar machte.
Die Menschen, denen er begegnete,
begegneten ihm, während er ihnen begegnete,
und in dieser Begegnung, die keine Dopplung war,
sondern die Einfachheit des Geschehens selbst,
erkannte er das alltägliche Wunder:
Dass jeder Blick ein gegenseitiges Sehen war.
Jedes Wort ein gemeinsames Sprechen.
Jede Berührung ein wechselseitiges Berühren.
Die Kinder, die an ihm vorüberliefen,
liefen durch ihn hindurch,
während er durch sie hindurchging —
nicht als Durchdringung von Körpern,
sondern als Durchdringung von Möglichkeiten,
von Geschichten, von Zukünften,
die sich erst durch ihr Zusammentreffen
zu den Zukünften gestalteten, die sie werden würden.
Selbst die Steine unter seinen Füßen
erzählten ihm Geschichten,
während er ihnen durch sein Gehen die Geschichte erzählte,
durch die sie zu den Steinen werden konnten,
über die seine Geschichte sich erzählte.
Ein junger Mann trat vor ihn.
Ernst. Suchend.
Von jener schönen Unwissenheit erfüllt,
die das Fragen erst möglich macht.
Die Frage formte sich auf seinen Lippen,
bevor er sie dachte:
„Meister, was ist Wahrheit?"
Xabin lächelte.
In diesem Lächeln lag all die Zärtlichkeit
für das Fragen, das ihn zum Antworten brachte:
„Wahrheit? Ich weiß es nicht, mein Freund."
Pause.
„Aber das Nichtwissen weiß sich durch uns hindurch."
„Und was soll ich dann tun?"
„Was du tust, wird dich tun.
Was dich tut, wird von dem getan, was du tust."
Xabin lauschte seinen eigenen Worten,
die sich durch ihn sprachen.
„Es ist ein Gespräch ohne Sprecher.
Ein Tanz ohne Tänzer.
Du wirst es verstehen,
indem es dich versteht."
Der junge Mann nickte.
Verwirrt und verständig zugleich.
Das Gespräch setzte sie fort,
während sie das Gespräch fortsetzten.
Ein alltägliches Wunder.
Gewöhnlicher als das Atmen.
Rätselhafter als alle Geheimnisse.
VI.
Und so drehte sich das Rad, das sich selbst drehte.
In jener endlosen Bewegung,
die keine Bewegung war,
sondern das Prinzip, durch das Bewegung möglich wird.
Nicht Xabin ging Wege.
Die Wege gingen nicht Xabin.
Sondern das Gehen ging sich,
und im Gehen entstanden
Geher und Weg
in demselben Schritt.
Irgendwo — oder war es hier? —
pulsierte Barkuz.
Webte seine silbernen Fäden zwischen den Welten,
die er verband, indem sie ihn verbanden.
Fäden, die sich webten.
Welten, die sich verbanden.
Ein kosmisches Gespräch ohne Anfang und Ende.
Und in diesem Pulsieren,
in diesem Weben,
in diesem endlosen Sich-Sprechen
zwischen allem und allem,
geschah das, was geschah:
Die Zwischenschöpfung.
Die sich zwischenschöpfte.
Indem sie sich zwischenschöpfen ließ.