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Werden und Vergehen

Der Himmel über dem Goahti leuchtete in smaragdgrünen und violetten Bändern, als wollte Barkuz selbst dem sterbenden Noaidi die letzte Ehre erweisen. Nils Aanaar-sidd saß neben der niedergebrannten Feuerstelle und beobachtete den alten Mann, seinen Lehrmeister, wie er mit jedem Atemzug schwächer wurde.

Aslak Jaaki Guovssahas-sidd, der große Noaidi des Nordlicht-Sidd, hatte bald sechzig Winter überlebt, ein übernatürliches Alter. Ein lebender Ahne. Seine Haut war wie gegerbtes Leder, von unzähligen Fahrten durch Schnee und Wind gezeichnet. Die tätowierten Linien auf seinen Wangen – Zeichen seiner Verbindung zu den Bajasdolgi – waren im fahlen Licht der Talglampe kaum noch zu erkennen.

"Gib mir die Trommel", flüsterte der alte Mann.

Nils reichte ihm die Goavddis, die heilige Schamanentrommel. Sie war aus Rentierhorn und -haut gefertigt, bemalt mit den heiligen Symbolen, die die drei Welten – Dalvebak, Saivobak und Barkuz – darstellten. Die zitternden Finger des alten Mannes strichen über die gespannte Haut, als würde er die Verbindung ein letztes Mal spüren wollen.

"Höre mich an, Nils", sagte Aslak mit brüchiger Stimme. "Bald werde ich zu den Bajasdolgi aufsteigen. Dann wirst du der neue Noaidi des Guovssahas-sidd sein. Die Stimme zwischen den Welten."

Nils nickte ernst. Sein Herz war schwer. Sechzehn Jahre hatte er unter Aslak gelernt, hatte die Gesänge gemeistert, die Trance-Reisen unternommen, die Traumsprache der Bajasdolgi studiert. Und doch fühlte er sich nicht bereit.

"Meister, ich bin nicht–"

"Still", unterbrach ihn Aslak und hustete. Ein dünner Blutfaden rann über sein Kinn. "Niemand ist je bereit. Ich war es nicht, als mein Meister starb. Aber die Sidd braucht einen Noaidi, besonders jetzt, wo die zweite Himmelsgleiche näher rückt."

Das Feuer knisterte leise, als ein Holzscheit zusammenbrach. Draußen heulte der Wind durch die schneebedeckten Kiefern. Ein tiefes, fast musikalisches Heulen, als würden die Bieggaolm, die Windgeister, ein Klagelied für den sterbenden Schamanen singen.

"Ich habe dich viel gelehrt, Nils. Wie man mit den Ahnen spricht. Wie man die Kranken heilt. Wie man das Rentierglück beschwört." Er machte eine Pause, um Atem zu holen. "Aber es gibt etwas, das ich dir erst jetzt sagen kann."

Der alte Mann zog den jüngeren näher zu sich heran. Seine Augen waren klar und durchdringend, trotz der Schwäche seines Körpers.

"Vielleicht ist unser Weg nicht der einzige."

Nils starrte ihn verständnislos an. "Was meint Ihr, Meister?"

"Ich meine die alten Wege. Unsere Wege." Aslak deutete schwach zur Tür des Goahti hinaus, wo in der Ferne die anderen Zelte des Sidd in der Winterlandschaft standen. "Letzten Sommer, als wir am Duottar-Handelsposten waren... wie viele junge Familien aus unserem Volk hast du dort getroffen, die nicht mehr zurückkehren wollten?"

Nils senkte den Blick. Es stimmte. Allein in den letzten drei Jahren hatten sieben Familien den Guovssahas-sidd verlassen, um sich in Nordstrand oder anderen Aus'Harringer-Siedlungen niederzulassen. Das Leben in festen Häusern, der regelmäßige Handel, die Aussicht auf andere Arbeiten als die Rentierhaltung – es lockte viele der Jüngeren fort.

"Sie sind schwach im Glauben", murmelte Nils.

Der alte Mann schüttelte den Kopf. "Nein. Sie suchen nur einen anderen Weg zu überleben." Er seufzte tief und schmerzerfüllt. "Siehst du es nicht? Die Herden werden kleiner. Die Winter härter. Die jungen Menschen sehnen sich nach einem Leben ohne die ständige Wanderschaft."

"Aber die Lithi sind ein Volk der Wanderer. Es ist unsere Art zu leben", protestierte Nils.

"War es das immer? Woher weißt du das?"

Die Frage hing im Raum, seltsam und beunruhigend. Aslak hustete erneut, diesmal heftiger, bevor er fortfuhr.

"Manchmal... manchmal habe ich Träume, Nils. Träume, die anders sind als die gewöhnlichen Traumreisen zu den Bajasdolgi. In diesen Träumen leben unsere Vorfahren anders. Sie haben... ich kann es nicht genau beschreiben. Wie große, steinerne Goahti, die bis zum Himmel reichen. Sie verehren die Valvar nicht als Ahnen, sondern... sie fürchten sie."

Nils runzelte die Stirn. "Das klingt wie ein Fieberwahn, Meister."

"Vielleicht." Aslak lächelte schwach. "Oder vielleicht gibt es Dinge, die selbst ein alter Noaidi nicht völlig versteht. Hört, Nils... ich übertrage dir alle Verantwortungen als Noaidi. Aber ich gebe dir auch einen Rat: Halte nicht blindlings an allem fest, nur weil es Tradition ist."

Die Nordlichter draußen tanzten intensiver, als ob sie auf diese Worte reagieren würden. Der alte Mann griff nach Nils' Hand und drückte sie überraschend fest.

"Führe unser Volk, ja. Lehre die alten Gesänge, die Heilrituale, die Verbindung zu den Bajasdolgi. Aber sei auch weise genug zu erkennen, wann es Zeit für Veränderung ist."

"Ihr sprecht von Anpassung an die Aus'Harringer-Wege?"

"Ich spreche davon, einen Weg zu finden, auf dem unser Volk überleben kann." Aslak's Stimme wurde eindringlicher. "Vor zwei Generationen zählte der Guovssahas-sidd fast zweihundert Seelen. Heute sind wir kaum mehr als achtzig. Wenn diese Entwicklung anhält..."

Er musste den Satz nicht beenden. Nils wusste, was er meinte. Viele Siddai waren in den letzten Jahrzehnten geschrumpft, manche waren ganz verschwunden, ihre Familien verstreut unter anderen Sidd oder ausgewandert.

"Was schlägst du vor, dass ich tun soll?", fragte Nils.

"Beobachte. Lerne. Überlege, welche unserer Wege wir bewahren müssen, um Lithi zu bleiben, und welche wir ändern können, um zu überleben." Der alte Mann entspannte sich etwas und ließ seinen Kopf zurück auf das Rentierfell sinken. "Die Bajasdolgi haben vielleicht ihre Gründe gehabt, als sie zur Zeit der ersten Himmelsgleiche aufstiegen. Vielleicht wollten sie, dass wir uns ohne sie weiterentwickeln."

"Das klingt nach Ketzerei", flüsterte Nils, obwohl niemand da war, der sie hören konnte.

Aslak lachte leise, ein rasseliger Laut aus seiner Brust. "Vielleicht bin ich in meinen letzten Stunden ein Ketzer geworden. Oder vielleicht beginne ich endlich zu verstehen."

Er schloss die Augen und atmete mehrmals tief durch, bevor er weitersprach.

"Sprich mit Olva Matis-sidd. Sie ist eine weise Frau, obwohl sie in Nordstrand lebt. Sie kennt beide Welten." Er öffnete die Augen wieder und fixierte seinen Schüler. "Und denk an die nahende Himmelsgleiche. Seit Wochen werden die Träume intensiver, die Nordlichter stärker. Etwas verändert sich in der Welt, Nils. Wir können nicht so tun, als würde alles bleiben, wie es war."

Aslak streckte eine zitternde Hand aus und legte sie auf Nils' Kopf, eine letzte Segnung.

"Du wirst ein guter Noaidi sein. Führe unser Volk mit Weisheit, nicht nur mit Tradition."

Die Trommel auf seinem Schoß gab einen leisen Ton von sich, als hätte ein unsichtbarer Finger ihre Haut berührt. Der alte Mann lächelte und entspannte sich. Seine Hand fiel kraftlos zurück.

"Ich höre den Joik der Ahnen", flüsterte er. "Sie rufen mich."

Seine Augen fixierten einen Punkt jenseits der Zeltwand, jenseits der physischen Welt. "Seltsam... unter ihnen sehe ich Gestalten... mit Augen wie leere Spiegel. Sie scheinen mich zu kennen, obwohl ich sie nicht..." Seine Stimme verklang.

Nils wartete, doch der alte Mann sprach nicht weiter. Sein Brustkorb hob und senkte sich noch einige Male, dann wurde er still. Der letzte große Noaidi des Guovssahas-sidd war zu den Bajasdolgi aufgestiegen.

Nils nahm vorsichtig die Trommel und erhob sich. Er trat aus dem Goahti hinaus in die Nacht. Die Nordlichter tanzten am Himmel in einer Intensität, wie er sie noch nie gesehen hatte – fast, als würden sie dem großen Schamanen den Weg weisen. In der Ferne konnte er undeutlich den silbrigen Schimmer von Barkuz erkennen.

Er hob die Trommel und schlug einen langsamen, würdevollen Rhythmus. Dann begann er den Joik, den Trauergesang für einen großen Noaidi. Seine Stimme erhob sich in der eisigen Luft, verkündete dem Sidd den Tod ihres spirituellen Führers und geleitete Aslaks Seele auf ihrem Weg nach Barkuz.

Doch während er sang, kreisten seine Gedanken um die letzten Worte seines Meisters. Halte nicht blindlings an allem fest, nur weil es Tradition ist.

In der Ferne sah er die Lichter des Lagers, die anderen Goahti des Guovssahas-sidd. Seine Leute. Seine Verantwortung jetzt. Ein schwerer Mantel, den er nun tragen musste. Und eine schwere Entscheidung, die vor ihm lag.

Das Nordlicht spiegelte sich in einer einzelnen Träne wider, die über seine Wange lief und in seinem dunklen Bart gefror.

"Ich werde einen Weg finden, Meister", flüsterte er dem Himmel zu. "Einen Weg, die Essenz der Lithi zu bewahren, auch wenn sich die Form ändern muss."

Der Wind trug seine Worte fort, während die Nordlichter tanzten und die Sterne über Weraldiz funkelten.