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Vergessene Pfade

Der Morgen brach über LumarisZeruko Hiri herein, und mit ihm erwachte Leif vom Stamme Flusswacht in einer Welt, die ihm noch immer fremd war. Fünfzehn Tage waren vergangen, seit er den schützenden Wald seiner Heimat verlassen hatte, fünfzehn Tage, seit er den letzten Blick auf das kleine Dorf geworfen hatte, in dem jeder seinen Namen kannte und niemand seine Gabe teilte.

Er rieb sich den Schlaf aus den Augen und trat ans Fenster seiner bescheidenen Kammer im Westflügel der Akademie. Die Stadt unter ihm erwachte ebenfalls. LumarisZeruko Hiri – die Stadt der tausend Lichter, wie sein Vater sie genannt hatte. Er hatte recht behalten. Selbst jetzt, während der Morgenphase, tanzten überall magische Lichter: an den kunstvoll geschwungenen Türmen, entlang der Wege und über den Plätzen, wo bereits die ersten Händler ihre Waren anboten.

In Ulmenbach war ich der einzige mit der Gabe, dachte Leif. Hier ist Magie so alltäglich wie das Wasser im Fluss.

Er zog die einfache braune Robe über, die Novizen des Ordens der Lampe trugen. Das Gewand war steif und ungewohnt, so anders als die weichen Leinenhemden, die seine Mutter webte. Er hatte nicht darum gebeten, hierher zu kommen. Aber nachdem Magister Thalen auf seiner Reise durch die Provinz Leifs ungewöhnliche Begabung entdeckt hatte, war die Entscheidung rasch gefallen. Der Dorfälteste hatte persönlich mit seinen Eltern gesprochen. "Eine Ehre für Ulmenbach", hatte er gesagt. "Er wird unter seinesgleichen sein."

Unter seinesgleichen. Leif lachte bitter. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein.


"Konzentriere dich, Novize Flusswacht!"

Magistra Eleneth, eine hochgewachsene LumarierinArgitarierin mit silbergrauen Schläfen, schaute streng auf Leif herab. Vor ihm auf dem abgenutzten Holztisch lag eine kleine Kristallkugel, die er zum Leuchten bringen sollte. Eine simple Übung für Erstjährige, hatte sie erklärt. So einfach, dass selbst Kinder sie meistern konnten.

Um ihn herum saßen zwölf weitere Novizen, die alle bereits erfolgreich waren. Ihre Kristalle strahlten in verschiedenen Intensitäten. Manche leuchteten nur schwach, andere so hell, dass Leif die Augen zusammenkneifen musste. Eine junge LumarierinArgitarierin rechts von ihm hatte ihren Kristall sogar in verschiedenen Farben erstrahlen lassen, was ihr bewundernde Blicke einbrachte.

"Ich... ich versuche es, Magistra", murmelte Leif.

"Du rezitierst die Formel falsch", tadelte die Lehrerin. "Es heißt LuminaraAltxa Dagazeta distira egin, nicht LuminataAltxa eta distera egin. Die Aussprache ist entscheidend."

Leif wiederholte die Worte, formte die vorgeschriebene Geste mit seinen Händen und richtete seinen Willen auf den Kristall. Nichts geschah.

"Vielleicht solltest du bei den ganz grundlegenden Übungen beginnen", seufzte Magistra Eleneth. "Sieh dir Cassia an – sie hatte auch Schwierigkeiten am Anfang."

Die angesprochene Schülerin, ein schmächtiges Mädchen mit hellblondem Haar, lächelte aufmunternd zu Leif herüber. Ihr Kristall leuchtete in einem sanften Blau.

Das ist nicht meine Art zu zaubern, dachte Leif frustriert. Aber wie sollte er das erklären? Wie sollte er beschreiben, was in jener Nacht vor sieben Jahren geschehen war, als er allein am Waldrand gesessen und in den Himmel gestarrt hatte?

Die Sterne hatten sich im Teich gespiegelt, und plötzlich waren die Spiegelungen anders gewesen – lebendig, pulsierend. Sie hatten zu ihm gesprochen, ohne Worte, hatten ihm etwas angeboten. Er hatte es angenommen, ohne zu verstehen, und seitdem war die Kraft in ihm. Sie gehorchte nicht den präzisen Formeln der Akademiemagier. Sie war wild, intuitiv, kam aus seinem Inneren, aus seiner Verbindung zu jener anderen Welt, die er nur in den Sternspiegelungen gesehen hatte.

Die Stunde endete, und Leif war der Einzige ohne Erfolg. Als die anderen Novizen den Raum verließen, hielt ihn Magistra Eleneth zurück.

"Leif", sagte sie, diesmal sanfter. "Magister Thalen sah großes Potential in dir. Aber du musst dich anpassen. Unsere Methoden sind erprobt seit weit über 800 Jahren."

"Ja, Magistra", antwortete er mechanisch.


Während der Schattenruhe, wenn Barkuz zwischen Weraldiz und den Sonnen stand, fand Leif endlich Frieden. In der Bibliothek der Akademie, einem gewaltigen Saal mit hohen Bücherregalen und schimmernden Lichtkugeln, die sanftes Licht spendeten, konnte er ungestört lesen.

Er war nicht der Einzige hier, aber die anderen Studenten respektierten die Stille. Nur das gelegentliche Rascheln von Pergament oder das leise Murmeln eines Lesenden durchbrach die Ruhe.

Leif hatte einen Stapel Bücher vor sich – Geschichten über Magie außerhalb der Akademien, Berichte über ungewöhnliche Kräfte, Legenden aus der Zeit vor dem Aufstieg. Er suchte nach Hinweisen, nach irgendetwas, das seiner Erfahrung ähnelte.

"Das sind keine Lehrbücher für Erstjährige."

Leif schreckte auf. Neben ihm stand ein älterer Schüler, vielleicht elf oder zwölf Jahre alt, mit kurzem schwarzen Haar und wachen, dunklen Augen. Seine Robe war blau, was ihn als Mitglied des Ordens des Spiegels auswies.

"Ich... recherchiere nur", stammelte Leif.

Der Ältere setzte sich ihm gegenüber und betrachtete die Titel der Bücher. "Die Sternenspiegelung in Aus'Harringer-Mythen", "Manifestationen natürlicher Magie", "Traumwandeln: Die vergessene Kunst"... interessante Wahl für einen Novizen der Lampe."

Leifs Hand zuckte unwillkürlich zu seinem Amulett – einem kleinen, sternförmigen Kristall, den er seit jener Nacht trug, als einfache Kette getarnt. Eine Gewohnheit, wenn er nervös wurde.

"Mein Name ist Toren", sagte der ältere Schüler und lächelte. "Toren Izar-Etxea."

Ein LumarierArgitari also, und aus einem der angesehenen Häuser. Leif hatte in den wenigen Tagen genug über die Hierarchien gelernt.

"Leif vom Stamme Flusswacht", erwiderte er.

"Ich weiß", sagte Toren. "Der Aus'Harringer, der keine Lichtformel meistern kann. Man spricht von dir."

Leif errötete und senkte den Blick.

"Das war kein Vorwurf", fügte Toren hinzu. "Ich bin nur... neugierig. Nicht jeder Novize verbringt die Schattenruhe mit Büchern über alte Magie."

Leif zögerte. Etwas an Toren ließ ihn aufhorchen. Vielleicht war es die Abwesenheit von Spott in seiner Stimme. Oder die Art, wie er die Bücher betrachtete – nicht mit Missbilligung, sondern mit echtem Interesse.

"Ich passe nicht hierher", sagte Leif schließlich leise. "Meine Magie ist... anders."

Torens Augen blitzten auf. "Zeig es mir. Nicht hier – heute Abend, nach dem Unterricht. Am kleinen Teich hinter dem Observatorium."


Der kleine Teich lag still und ungestört im Schatten des Observatoriums. Die letzten Strahlen der Abendphase ließen das Wasser golden schimmern. Über ihnen öffnete sich der Himmel, die ersten Sterne wurden sichtbar.

Toren wartete bereits, als Leif eintraf. Er hatte eine Decke ausgebreitet und saß im Schneidersitz darauf, die Augen geschlossen, als meditiere er.

"Du bist gekommen", sagte er, ohne die Augen zu öffnen.

"Ja." Leif setzte sich zögernd neben ihn. "Warum hast du mich hergebeten?"

Toren öffnete die Augen und schaute zum Himmel hinauf. "Weil du anders bist. Und weil die Akademie nicht für alle der richtige Weg ist."

"Aber... du studierst hier", wandte Leif ein.

"Ja, aber ich sehe die Grenzen unserer Lehre. Der Orden des Spiegels befasst sich mit Reflexion, mit Traumdeutung, mit dem Blick nach innen. Wir sind... offener für unkonventionelle Wege." Er deutete auf den Teich. "Das Wasser ist ruhig. Perfekt für eine Spiegelung. Zeig mir deine Magie, Leif Flusswacht."

Leif starrte ihn an. "Einfach so?"

"Einfach so. Keine Formeln, keine Gesten. Wie du es tun würdest, wenn niemand zusieht."

Leif atmete tief durch. Dann blickte er zum Himmel, zu den Sternen, die nun deutlicher hervortraten. Er betrachtete ihr Spiegelbild im ruhigen Wasser des Teichs. Langsam veränderte sich etwas. Die Spiegelbilder der Sterne wurden tiefer, intensiver. Sie begannen zu pulsieren, im Rhythmus seines Herzschlags.

"Siehst du es?", flüsterte Leif.

"Ich... ich glaube schon", antwortete Toren leise. "Sie bewegen sich anders als die echten Sterne."

Leif konzentrierte sich noch stärker. Die Spiegelbilder begannen nun, Fäden aus silbrigem Licht zu ziehen, die über die Wasseroberfläche tanzten. Leif hob die Hand, und die silbrigen Fäden folgten seiner Bewegung, verdichteten sich, formten ein schwebendes Licht über dem Teich.

"Beim Schild der Standhaftigkeit...", murmelte Toren ehrfürchtig.

Die Lichtkugel löste sich vom Teich und schwebte zwischen ihnen, warf sanftes Licht auf ihre Gesichter. Sie pulsierte leicht, im gleichen Rhythmus wie Leifs Herzschlag.

"Das ist nicht die Magie der Himmlischen Heerscharen", stellte Toren fest. Es klang nicht wie eine Anklage, eher wie eine Bestätigung.

"Nein", gab Leif zu. "Ich weiß nicht, was es ist. Es begann vor sieben Jahren, am Ufer des Waldteichs in meiner Heimat. Die Sterne... sie spiegelten sich, aber dann veränderten sich die Spiegelungen. Sie sprachen zu mir, ohne Worte."

"Sie boten dir etwas an", sagte Toren. Es war keine Frage.

Leif blickte überrascht auf. "Ja... woher weißt du das?"

"Es gibt... Geschichten. Alte Texte. Manche in der Bibliothek, manche nur in privaten Sammlungen. Sie sprechen von Verbindungen, die entstehen können. Kanäle, die sich öffnen."

Die Lichtkugel pulsierte stärker, als hätte sie verstanden. Leif ließ sie langsam über den Teich schweben, wo sie sich teilte und in tanzenden Mustern bewegte, wie Sternbilder, die zum Leben erwachten.

"Ich habe andere gefunden", sagte Toren leise. "Nicht viele. Aber du bist nicht allein."

Leif wandte sich ihm zu, die Lichter vergessen. "Was meinst du?"

"Es gibt eine Gruppe. Wir nennen uns die Sternenwächter. Die meisten von uns studieren im Orden des Spiegels, einige im Orden der Lampe. Wir erforschen... andere Wege der Magie. Wege, die die Akademie nicht lehrt oder sogar aktiv vergessen will."

"Warum?"

"Das ist eine komplizierte Frage", seufzte Toren. "Die offizielle Lehre besagt, dass alle Magie von den Himmlischen Heerscharen stammt. Aber es gibt ältere Quellen, Hinweise auf andere... Ursprünge."

Die Lichter über dem Teich flackerten, als würden sie zuhören.

"Deine Verbindung", fuhr Toren fort, "scheint zu Barkuz zu bestehen."

"Der Planetengürtel? Aber der ist doch nur..." Leif verstummte. Er hatte nie viel über Barkuz nachgedacht – ein silbriges Band am Himmel, das einmal täglich die Schattenruhe verursachte. Den Lithi war er heilig, hatte er gehört, aber in Ulmenbach hatte niemand ihm besondere Beachtung geschenkt.

"Nicht nur ein Gesteinsgürtel", sagte Toren. "Die Sternenwächter glauben... wir haben Grund zu glauben, dass Barkuz mehr ist. Ein Ort. Vielleicht sogar ein bewohnter Ort."

Die Lichter zogen sich plötzlich zusammen, als hätten sie einen Schreck bekommen. Sie schossen zurück ins Wasser, wo sie sich mit den Sternreflexionen vermischten und verschwanden.

"Entschuldige", sagte Toren hastig. "Ich gehe zu schnell vor."

Leif starrte noch immer auf das nun ruhige Wasser. "Nein... es ist nur... ich hatte immer das Gefühl, dass es eine Verbindung gibt. Dass die Kraft von woanders kommt." Er berührte sein Amulett. "Dies erschien in meinen Händen, nachdem die Sterne zu mir gesprochen hatten. Es war, als hätte mir jemand ein Geschenk gemacht."

Toren nickte langsam. "Du bist nicht der Einzige mit einem solchen Geschenk. Manche erhielten Bücher, andere Träume oder Visionen. Die nahende Himmelsgleiche verändert etwas. Die Verbindungen werden stärker."

"Was bedeutet das alles?", fragte Leif.

"Das wissen wir noch nicht genau", gab Toren zu. "Aber wir erforschen es. Jenseits der Grenzen dessen, was die Akademie lehrt." Er stand auf und reichte Leif die Hand. "Wenn du willst, könntest du Teil davon sein. Du musst dich nicht zwischen deiner Gabe und der Akademie entscheiden. Du kannst beides haben."

Leif zögerte nur kurz, bevor er die Hand ergriff und sich aufhelfen ließ. Zum ersten Mal seit seiner Ankunft spürte er, dass es vielleicht doch einen Platz für ihn in LumarisZeruko Hiri gab.

"Die Sternenwächter treffen sich in drei Tagen, bei Beginn der Nachtphase, im alten Kartographieturm", sagte Toren. "Niemand benutzt ihn mehr, seit die neuen Karten erstellt wurden. Dort kannst du die anderen kennenlernen."

Leif nickte. Über ihnen funkelte Barkuz, ein silbriger Bogen am Nachthimmel. Zum ersten Mal schaute er bewusst hin, fragte sich, was – oder wer – dort sein mochte. Und ob seine Magie wirklich ein Geschenk war... oder etwas anderes, etwas, das die Akademie aus gutem Grund vergessen wollte.

Diese Frage würde ihn noch viele Nächte beschäftigen. Aber immerhin war er nicht mehr allein mit ihr.