Tabu
"Manche Wahrheiten verbergen sich im Schweigen unserer Ältesten. In den Blicken, die gesenkt werden, wenn bestimmte Fragen gestellt werden."
— Biret Mihkkál-nieida, Noaidi des Guovssahas-sidd
Die Sonne hatte ihren höchsten Stand noch nicht erreicht, als Máret zur Hütte ihrer Großmutter eilte. Der Schnee knirschte unter ihren Rentierfellstiefeln, und ihr Atem bildete kleine weiße Wolken in der klaren Winterluft. In ihrer Hand hielt sie fest umschlossen, was sie am Morgen entdeckt hatte – einen merkwürdig geformten Stein mit Markierungen, die aussahen wie von Menschenhand gemacht.
Großmutter Elle war die Älteste des Rieban-sidd, eine der wenigen, die das Wissen um die alten Geschichten bewahrten. Sie saß am Feuer ihrerihres Lavvu, die Finger geschickt an einer Stickerei arbeitend, als Máret eintrat.
"Sieh, was ich gefunden habe, Eadni-Eadni!", rief Máret aufgeregt und hielt ihr den Stein entgegen. "Am Rande des Bassivárri, wo der Schnee geschmolzen war."
Die alte Frau erstarrte mitten in ihrer Bewegung. Ihre Augen weiteten sich, als sie den Stein betrachtete, doch sie machte keine Anstalten, ihn zu berühren. "Wo genau hast du ihn gefunden?", fragte sie mit plötzlich angestrengter Stimme.
"Bei den drei hohen Felsen, die wie Wächter aussehen", antwortete Máret. "Da war eine Stelle, wo der Schnee unnatürlich geschmolzen war. Darunter fand ich diesen Stein und noch andere Dinge – merkwürdige Gegenstände aus einem Material, das ich nicht kenne, kalt wie Eis, aber nicht schmelzend."
Ein Schatten huschte über das Gesicht der Großmutter. Mit zitternden Fingern griff sie nach ihrem Stab und erhob sich mühsam. "Zeig mir den genauen Ort", sagte sie, "aber lass den Stein hier. Wickel ihn in dieses Tuch und sprich zu niemandem davon."
Der Weg zum Bassivárri war beschwerlich für die alte Frau, doch sie bestand darauf, keine Pause zu machen. Als sie die drei Felsen erreichten, blieb sie stehen und ließ ihren Blick über den Ort wandern. "Es ist einer der Vajaldahti-Orte"Orte der Vajaldahti", flüsterte sie schließlich.
"Die Vergessenen? Die Gedächtnisräuber?", fragte Máret mit unwillkürlichem Schaudern. Jedes Kind im Sidd kannte die Geschichten über die Vajaldahti, die Wesen mit "Augen wie leere Spiegel", die kamen, um Erinnerungen zu stehlen und den Verstand zu rauben.
"Hast du seltsame Träume gehabt, seit du den Stein berührt hast?", fragte die Großmutter eindringlich.
Máret zögerte. "Ja", gab sie zu. "Letzte Nacht... träumte ich von riesigen Gestalten aus Eis, die über unser Land herrschten. Sie nannten uns ihre Kinder, aber... sie waren grausam. Und dann kam ein großes Licht, und sie... verschwanden."
Die alte Frau schloss die Augen, als hätte sie einen Schlag erhalten. "Es beginnt also wieder", murmelte sie. Mit plötzlicher Entschlossenheit wandte sie sich an ihre Enkelin. "Höre mir gut zu, Máret. Der Traum, den du hattest – er ist tabu. Vajaldahti-tabu.Vajaldahtitabu. Du darfst ihn niemandem erzählen, nicht einmal dem Noaidi. Besonders nicht dem Noaidi."
"Aber warum?", fragte Máret verwirrt.
"Es gibt Erinnerungen, die nicht für uns bestimmt sind", antwortete die alte Frau ausweichend. "Sie wurden... beiseite gelegt, zum Schutz unseres Volkes. Wer sie zurückholt, bringt großes Leid über uns alle."
"Ich verstehe nicht", beharrte Máret. "Wie können Erinnerungen gefährlich sein?"
Die Großmutter schaute zum Himmel, wo hinter dünnen Wolken der Rand von Barkuz sichtbar war. "Manche Dinge... sind zu schwer zum Tragen. Es gibt Wahrheiten, die den Geist zerbrechen und die Seele zerreißen können. Vor langer Zeit traf unser Volk eine Entscheidung – oder sie wurde für uns getroffen." Sie verstummte, als hätte sie bereits zu viel gesagt.
Mit einem Stab zeichnete sie Symbole in den Schnee um die Stelle, wo Máret den Stein gefunden hatte. "Das wird helfen, den Ort zu versiegeln", erklärte sie. "Heute Nacht werde ich mit einigen der Ältesten zurückkehren, um ein stärkeres Ritual durchzuführen."
Auf dem Rückweg bemerkte Máret, dass mehrere Kinder des Sidd sie anstarrten und dann miteinander tuschelten. "Warum sehen sie mich so an?", fragte sie.
"Weil sie es spüren können", antwortete die Großmutter leise. "Die Berührung der Vajaldahti hinterlässt Spuren, die manche wahrnehmen können. Du trägst jetzt ein Mal – unsichtbar für das Auge, aber spürbar für den Geist."
"Werde ich... wie die Menschen aus den Geschichten?", fragte Máret mit zitternder Stimme. "Die, deren Gedanken verwirrt wurden und die in die Kälte liefen, um nicht zurückzukehren?"
Die alte Frau griff fest nach ihrer Hand. "Nein. Nicht, wenn wir handeln. Heute Abend werde ich dir einen Trank geben. Er wird... helfen."
Als die Nacht hereinbrach, gab die Großmutter Máret eine Schale mit einer bitteren, dampfenden Flüssigkeit. "Trink", wies sie an. "Es wird die Erinnerung an den Traum verblassen lassen. Nicht vollständig, aber genug, um dich zu schützen."
Máret zögerte, die Schale an ihre Lippen zu setzen. "Werden alle meine Erinnerungen verschwinden?", fragte sie ängstlich.
"Nur die gefährlichen", versicherte ihr die Großmutter. "Die, die nicht für uns bestimmt sind."
Als Máret trank, sah sie, wie eine einzelne Träne über die Wange ihrer Großmutter lief. In diesem Moment verstand sie, dass es in ihrer Welt Dinge gab, die selbst die Ältesten fürchteten – Erinnerungen, so gefährlich, dass sie das Vergessen als Segen betrachteten.
Kultureller Kontext
Die Geschichte "Tabu" beleuchtet einen zentralen Aspekt der Lithi-Kultur: die kollektive Furcht vor den mysteriösen Vajaldahti ("Die Vergessenen" oder "Gedächtnisräuber"). Diese Furcht ist tief in ihrer Gesellschaft verankert und manifestiert sich in strengen Tabus bezüglich bestimmter Orte, Gegenstände und Träume.
Für die Lithi ist das Konzept des "Vajaldahti-tabu"Vajaldahtitabu" von existenzieller Bedeutung – es bezeichnet Dinge, die nicht erinnert, nicht berührt und nicht ausgesprochen werden dürfen. Kinder werden früh darin unterwiesen, Anzeichen der Vajaldahti zu erkennen und zu meiden.
Die Ältesten der Sidd, besonders die Noaidi (Schamanen), tragen die Verantwortung, gefährliche Erinnerungen zu unterdrücken und jene zu "behandeln", die mit verbotenen Erinnerungsfragmenten in Kontakt gekommen sind. Diese Praxis wird als notwendiger Schutz angesehen, nicht als Grausamkeit.
Die Lithi glauben, dass bestimmte Erinnerungen wie eine Krankheit übertragen werden können – von Gegenständen zu Menschen, von Menschen zu Menschen durch Träume oder Erzählungen. Deshalb werden betroffene Personen oft vorübergehend isoliert, bis ein Reinigungsritual durchgeführt wurde.