Symbiose V - Elvas Abschied ✪
"Was kommen wird, kommt nicht als Botschaft. Es kommt als Erinnerung, die noch keinen Ort gefunden hat."
— Bewahrerin Elisbeth vom Orden des Spiegels
Die Sternenwächterkapelle zu Wolfsthal war still in dieser frühen Morgenstunde. Nur das sanfte Knarren der alten Holzbalken unter dem Gewicht der Jahre unterbrach gelegentlich die Stille. Im schwachen Licht, das durch die hohen Buntglasfenster fiel, schimmerte das silberne Haar einer gebückten Gestalt, die langsam durch den verlassenen Korridor schritt.
Die letzte Reise
Schwester Elva, nun eine Frau von vierzig Weraldizsommern stützte sich auf einen kunstvoll geschnitzten Stab. Ihre einst aufrechte Haltung war vom Alter gebeugt, aber ihre Augen hatten nichts von ihrer besonderen Intensität verloren. Sie leuchteten im Halbdunkel mit einem inneren Licht, das niemand je vollständig zu erklären vermochte.
Für die Bewohner der Kapelle war sie eine Legende – die Traumdeuterin, die Weberin von Visionen, deren Prophezeiungen sich mit unheimlicher Genauigkeit erfüllten. Für sich selbst war sie immer nur Elva geblieben, die kleine Enkelin aus Haselhain, deren Leben vor vierunddreißig Jahren eine Wendung genommen hatte, die niemand hätte vorhersehen können.
Sie erreichte eine schmale, eisenbeschlagene Tür am Ende des Korridors. Hier war sie seit jener Nacht nicht mehr gewesen, als sie dem Spiegel der Wahren Gesichter gegenübergestanden hatte. Die Nacht, in der sie und das Wesen in ihr als ein und dasselbe erkannt worden waren.
Schwester Myriam hatte damals für sie gesprochen, ebenso wie der alte Bewahrer Thaddeus. Die Alternative wäre ihre Vernichtung gewesen – Bruder Reichards Wunsch. Stattdessen war sie zu einer Beobachterin geworden, einer Brücke zwischen Welten, wie Bruder Kalvin es vorausgesagt hatte. Und nun, zum ersten Mal in ihrem Leben, war der Ruf nicht mehr zu ignorieren.
Das vergessene Portal
Die alte Eisentür knarrte leise, als Elva sie öffnete. Dahinter führte eine steile Wendeltreppe in die Tiefe. Die Luft wurde kühler mit jedem Schritt, erfüllt vom Geruch alter Steine und vergessener Zeit.
Die unterirdische Kammer hatte sich kaum verändert. Der Spiegel der Wahren Gesichter stand still und wartend in der Mitte des Raumes, sein schwarzer Metallrahmen mit den seltsamen Symbolen schimmerte im Licht der ewigen Flamme, die neben ihm brannte.
Aber diesmal war sie nicht wegen des Spiegels hier. Auf der anderen Seite des kreisrunden Raumes befand sich ein uraltes Portal aus schwarzem Eisen, übersät mit Inschriften in einer Sprache, die kein lebender Mensch mehr zu lesen vermochte. Dies war der wahre Grund, warum diese Kammer existierte – ein vergessenes Tor, viel älter als die Stadt darüber, viel älter sogar als der "Aufstieg".
Elva trat näher an das Portal heran. Ihre Hand zitterte leicht, als sie den Stab abstellte und sich aufrichtete, so gut es ihr möglich war. Die zweite Himmelsgleiche hatte vor drei Monaten stattgefunden und etwas hatte sich verändert. Das Wesen in ihr – Jadwi, wie sie es nannte – war naher denn je.
Zwiegespräch mit einem alten Vertrauten
Als sie nur noch einen Schritt vom Portal entfernt war, durchflutete eine Welle von Empfindungen ihren Körper. Es war, als würde ein Damm brechen, der ein Meer zurückgehalten hatte. Freude, Trauer, Sehnsucht, Angst, Heimweh – alles gleichzeitig und mit einer Intensität, die sie taumeln ließ.
Für den unbeteiligten Betrachter vergingen nur Sekunden, während Elva regungslos vor dem Portal stand. Doch in ihrem Inneren entfaltete sich eine Ewigkeit, als Jadwi sich zum ersten Mal nicht nur als flüsternde Stimme oder vages Gefühl manifestierte, sondern in vollkommener Klarheit zu ihr sprach.
"Elva, Kind des Zwielichts, Gefäß und Freundin," hallte die Stimme in ihr, nicht in Worten, sondern in Bildern und Emotionen, die sich in ihrem Geist zu Bedeutung formten. "Unser gemeinsamer Weg auf dieser Welt neigt sich dem Ende zu."
"Ich weiß," flüsterte Elva in die leere Kammer. "Ich habe es in meinen Träumen gesehen."
"Als deine Großmutter den Runenstein in der Truhe deiner Urgroßmutter fand, war ich ein Fragment, ein versprengter Splitter eines Jala - eines Wasserwandlers, wie ihr uns nennen würdet. Ich war dort seit ungezählten Jahren gefangen, wartend. Sie erkannte meine Präsenz und akzeptierte die Verbindung. Doch als die Bedrohung durch die Orden wuchs, wusste sie, dass ich einen neuen Hüter brauchen würde. Sie wählte dich als meine neue Trägerin. Sie wusste, dass du stärker sein würdest."
Tränen rannen über Elvas faltige Wangen, als die Erinnerungen an jene schreckliche Reise zurückkehrten. Der Angriff der Fanatiker, ihre Großeltern, die sich opferten, damit sie entkommen konnte. Ihre einsame Ankunft in Wolfsthal, ein verängstigtes Kind mit einem Geheimnis in ihrem Blut.
"Du warst sechs Jahre alt, aber deine Seele war alt und weise. Du hast mich nicht gefürchtet. Du hast mich willkommen geheißen. Den Runenstein hast du sicher versteckt, wie deine Großmutter dich gelehrt hatte. Und gemeinsam haben wir mehr erreicht, als ich je für möglich gehalten hätte."
Es stimmte. Zusammen hatten sie die Orden überzeugt, dass nicht alle fremden Wesen eine Bedrohung darstellten. Sie hatten diejenigen identifiziert, die heimlich zurückgekehrt waren, mit bösen Absichten. Sie hatten kommende Katastrophen vorhergesagt und Leben gerettet.
Der Übergang
"Was wird geschehen, wenn wir hindurchgehen?" fragte Elva leise.
"Für dich, Elva, wird es die letzte Reise sein. Dein sterblicher Körper kann in unserer Welt nicht überleben. Aber dein Bewusstsein, deine Erinnerungen und Gedanken – sie werden Teil von mir, so wie ich Teil von dir wurde. Du wirst weiterleben, nicht als Mensch, aber auch nicht völlig anders. Als etwas Neues."
Elva nickte langsam. Es erschreckte sie nicht. Nach all den Jahren mit Jadwi war der Gedanke, mit dem Wesen vollständig zu verschmelzen, fast tröstlich.
"Und was wir gemeinsam gelernt haben, werde ich zu meinem Volk bringen. Der Kreis wird sich schließen, Elva. Die Trennung wird nicht ewig sein. Es wird eine Zeit kommen, in der Menschen und die wir wieder zusammenleben werden – nicht als Herrscher und Untertanen, sondern als gleichwertige Partner. Deine Erinnerungen, deine Erfahrungen werden der Samen dieses neuen Verständnisses sein."
"Dann ist es Zeit." Elva straffte ihre Schultern so gut sie konnte. Ein letztes Mal ließ sie ihren Blick durch die Kammer schweifen, schaute hinüber zum Spiegel, in dem sie vor so vielen Jahren zum ersten Mal die wahre Gestalt von Jadwi gesehen hatte – ein schimmerndes, fließendes Wesen, mit ihr verwoben wie zwei ineinander verwobene Ströme.
Sie hatte ihre Angelegenheiten geordnet. Ihre Aufzeichnungen, ihre Erkenntnisse waren sicher verwahrt bei den wenigen, denen sie vollständig vertraute. Die nächste Generation würde sie brauchen, denn die Welt war im Wandel.
Der letzte Weg
Mit zitternden Fingern griff sie in ihre Robe und zog einen kleinen, flachen Stein hervor – den Runenstein ihrer Großmutter, den sie all die Jahre versteckt gehalten hatte. Die Symbole leuchteten nun von selbst, pulsierten im Takt ihres Herzschlags. Dies war das letzte Überbleibsel jener fernen Tage in Haselhain, als alles begann.
"Der Schlüssel," erklärte Jadwi. "Deine Großmutter hat ihn als Wegweiser geschaffen, als Schlüssel für das Portal. Sie hat die alten Zeichen instinktiv verstanden und neu eingewoben. Deine Großmutter war weiser, als selbst ich es erkannte."
Elva hielt den Runenstein gegen das eiserne Portal. Für einen Moment geschah nichts. Dann begannen die Symbole auf dem Portal zu leuchten, erst schwach, dann immer intensiver, bis das Licht blendend wurde. Die Luft in der Mitte des Portals schien zu flimmern und zu fließen, als würde man durch klares Wasser auf eine andere Welt blicken.
"Siehst du es?" fragte Jadwi aufgeregt. "Siehst du Barkuz?"
Und tatsächlich, Elva konnte es sehen. Eine karge, aber nicht leblose Landschaft unter einem purpurfarbenen Himmel. Felsige Formationen, zwischen denen seltsame, schimmernde Wesen sich bewegten – manche wie fließendes Wasser, andere wie lebendige Flammen oder wirbelnde Winde.
"Es ist wunderschön," flüsterte Elva.
"Es ist unsere Heimat," antwortete Jadwi. "Unsere gemeinsame Heimat, von nun an."
Elva atmete tief ein. Ohne sich umzudrehen, ohne einen letzten Blick zurück, machte sie einen Schritt vorwärts, auf das Portal zu. Als die seltsame, fließende Substanz ihre Haut berührte, spürte sie ein letztes Mal das Alter und die Schwäche ihres Körpers – und dann Erleichterung, als würde eine Last von ihr abfallen.
Das letzte, was ihr menschliches Bewusstsein wahrnahm, war ein Gefühl von Freiheit, eine fließende Verbundenheit mit allem. Und mitten in diesem Auseinanderfließen blieb ein einziges Bild stehen, klein und unverrückbar: ein Feuer unter einer Eiche, der Geruch von Rauch und feuchtem Gras, ein kühler Stein in einer viel zu kleinen Hand.
Elvas Vermächtnis
Dann wurde der Raum still. Das Licht des Portals erlosch langsam, die Symbole verblassten zu kaltem Metall. Auf dem Boden lag ein leerer Umhang, ein Stab und ein kleiner, nun glatter Stein ohne jegliche Markierungen, als wären alle Runen aus ihm herausgeflossen.
Oben in der Kapelle erwachten die ersten Bewohner, ahnungslos, dass in der Nacht ein Portal geöffnet worden war – ein Portal, das seit dem "Aufstieg" verschlossen geblieben war. Ahnungslos, dass Schwester Elva, die berühmte Traumdeuterin, nicht mehr unter ihnen weilte.
Doch in den kommenden Wochen würden viele von einem seltsamen Traum berichten: von einer jungen Frau und einem schimmernden Wasserwesen, die Hand in Hand durch eine fremde Landschaft wanderten, unter einem Himmel, an dem Weraldiz als silbriger Streifen leuchtete.
Und einige, die besonders aufmerksam waren, bemerkten, dass Barkuz am Nachthimmel ein wenig heller zu leuchten schien als zuvor.
Das Feuer unter der Eiche
Ein Funke steigt auf, taumelt, verglüht.
Elva sitzt am Feuer. Über ihr rauscht die Eiche, unten am Bach klappert Opas Eimer gegen einen Stein. Zwischen ihrer Frage und Omas Antwort ist nicht ein einziger Atemzug vergangen.
"Warum solltest du mich nicht mehr beschützen können?" Ihre eigene Stimme hängt noch in der Luft, hell und klein und sechs Sommer alt.
Oma blickt zum Himmel hinauf, wo die ersten Sterne erscheinen. Sie hat nichts bemerkt. Niemand hat etwas bemerkt.
Elva sieht auf ihre Hand hinunter. Sie ist klein, die Nägel schwarz vom Klettern, und über ihrem Handrücken verblassen feine dunkle Linien, wie Wasser, das im Sand versickert. Der Stein darin ist nicht mehr kühl.
Doch da ist etwas. Sie weiß, wie diese Hand aussehen wird, wenn sie alt ist: fleckig, dünnhäutig, um einen geschnitzten Stab gelegt. Sie weiß, wie eine Kammer riecht, in der eine Flamme brennt, die nie ausgeht. Sie kennt das Gesicht eines hageren Mannes mit tiefliegenden Augen, ohne sagen zu können, woher. Etwas Dunkles liegt in alldem, dicht neben Omas Gesicht, aber sooft sie danach greift, gleitet es fort wie ein Fisch unter Eis.
Eine ferne Erinnerung an etwas, das noch nicht geschehen ist. Eie ein Muster im Rahmen: Erst wenn die eigenen Finger den Faden geführt haben, ergibt sie einen Sinn.
Das meiste davon wird versinken, noch ehe der Karren am Morgen weiterrollt. Aber es wird wiederkommen, Stück für Stück, ein Leben lang – immer erst in dem Augenblick, in dem es geschieht, und immer einen Herzschlag zu früh, um noch etwas daran zu ändern.
"Weil alles seinen Preis hat, meine Kleine." Oma lächelt, aber ihre Augen sind traurig. "Sogar Wunder."
Elva nickt und schließt die Finger fest um den kleinen Stein. Hoch über der Eiche steht Barkuz, ein blasses silbriges Band, bei dessen Anblick sie das erste mal in ihren jungen Jahren etwas verspührt, dem sie keinen Namen geben kann. Wie etwas, das man verloren, aber nie gekannt hat.