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Symbiose IV - Schwester Elva

Die Geheimversammlung

Eine Zusammenkunft des Inneren Kreises der Sternenwächter in Wolfstal, 15 Jahre später

Der unterirdische Versammlungsraum unter dem nordwestlichen Turm der Sternenwächter-Kapelle zu Wolfstal war spärlich erleuchtet. Sieben Lampen aus getöntem Glas warfen ihr gedämpftes Licht auf einen kreisrunden Tisch aus dunklem Holz. Die Luft roch nach Wachs, altem Pergament und dem beißenden Duft des Weihrauchgemisches, das nur bei diesen geheimen Versammlungen verwendet wurde.

Der Innere Kreises

Luminar Thaddeus betrat als letzter den Raum, seine hagere Gestalt eingehüllt in die nachtblaue Robe des Ordens des Spiegels. Der silberne Anhänger an seiner Brust, ein vielflächiger Spiegel mit einem eingearbeiteten Auge, reflektierte das Licht der Lampen in winzigen, tanzenden Funken. Sein Gesicht war faltig und schmal, mit tiefliegenden Augen, die mehr gesehen hatten als die meisten Menschen in mehreren Leben.

Am Tisch warteten bereits sechs weitere Gestalten, jede ein hochrangiges Mitglied eines der Sieben Orden. Thaddeus nahm seinen Platz ein und neigte leicht den Kopf zum Gruß.

"Die Sterne führen uns durch die Dunkelheit," sprach er die traditionelle Eröffnungsformel.

"Und unser Wissen schützt die Welt vor dem Vergessen," antworteten die anderen im Chor.

Schwester Myriam vom Orden der Lampe, deren kupferfarbenes Haar von silbernen Strähnen durchzogen war, beugte sich vor. Ihre scharfen grünen Augen fixierten Thaddeus mit unverhohlener Neugier.

"Wir sind hier, um von deiner Einschätzung zu hören, Bruder," sagte sie ohne Umschweife. "Die junge Novizin, Schwester Elva. Du hast mit ihr gesprochen?"

Thaddeus legte seine knochigen Hände flach auf den Tisch und atmete tief ein. "Ja. Ich führte ein... vorsichtiges Gespräch mit ihr, wie angewiesen."

"Und?" Die tiefe Stimme gehörte Reichard vom Orden des Schildes, einem breitschultrigen Mann mit militärischer Haltung und einer Narbe, die seine rechte Wange teilte. Seine Ungeduld war spürbar, typisch für einen Mann der Tat.

"Gemäßigt, Bruder Reichard," mahnte eine sanfte, melodische Stimme. Es war Aisling vom Orden des Gefäßes, deren helle Haut im Lampenlicht fast durchscheinend wirkte. "Solche Entscheidungen verlangen Behutsamkeit."

Eine ungewöhnliche Novizin

Thaddeus nickte ihr dankbar zu, bevor er fortfuhr. "Schwester Elva ist... ungewöhnlich. Ihre Geschichte kennt ihr alle – eine Waise, die allein in Wolfstal ankam, von uns aufgenommen wurde und sich dem Orden des Spiegels anschloss. Fünfzehn Jahre ist das nun her."

"Was wir nicht kennen, sind die Umstände, die zu ihrer Ankunft führten," warf Magister Dorian vom Orden der Waage ein. Sein akkurat gestutzter silberner Bart und die präzisen Bewegungen seiner Hände unterstrichen sein Wesen – analytisch und detailorientiert. "Die Aufzeichnungen sind... lückenhaft."

"Absichtlich lückenhaft, wie ich vermute," fügte Thaddeus hinzu. "Meine Vorgängerin, Luminara Elisbeth, nahm dieses Mädchen unter ihre Fittiche und sorgte persönlich für ihre Ausbildung. Was immer sie in Elva sah – sie hielt es für wichtig genug, um Spuren zu verwischen."

Ein nervöses Rascheln ging durch die Versammlung. Bruder Yves vom Orden des Samens, ein älterer Mann mit erdverkrusteten Händen und einem wettergebräunten Gesicht, brach das entstehende Schweigen.

"Spekulationen bringen uns nicht weiter. Was hast du in ihr gesehen, Thaddeus? Ist sie geeignet, in die inneren Geheimnisse eingeweiht zu werden?"

Vorsichtige Beobachtungen

Thaddeus schloss kurz die Augen, als würde er ein inneres Bild heraufbeschwören. "Als ich mit ihr sprach, bemerkte ich mehrere... Besonderheiten. Ihre Augen – sie scheinen manchmal von innen zu leuchten, besonders wenn sie erregt oder emotional bewegt ist. Nichts Offensichtliches, nur ein Schimmern, das man leicht übersehen könnte."

"Das allein bedeutet nichts," warf Reichard ein.

"Nein," stimmte Thaddeus zu. "Aber da ist mehr. Ich testete sie, indem ich ein paar Tropfen Wasser aus dem Kelch der Wahrhaftigkeit in ihren Tee gab."

Mehrere Anwesende richteten sich alarmiert auf. Der Kelch der Wahrhaftigkeit war ein altes Relikt, dessen Wasser dazu diente, Einflüsse von Barkuz zu enthüllen.

"Und?" Dorians Stimme war jetzt merklich angespannt.

"Ihr Tee begann zu schimmern, ganz schwach, aber unverkennbar. Sie bemerkte es nicht – oder tat zumindest so. Doch als sie den Becher absetzte, sah ich feine, dunkle Linien auf ihrem Handrücken, die entlang ihrer Venen pulsierten. Sie verschwanden innerhalb von Augenblicken."

Eine bedrückte Stille legte sich über den Raum. Schließlich war es Schwester Aisling, die die Frage stellte, die allen auf der Zunge lag.

"Glaubst du, sie trägt einen Besucher in sich? Einen, der nicht erkannt werden will?"

Als Besucher bezeichneten sie in ihrem inneren Kreis die Wesen von Barkuz, die Mittel und Wege fanden, nach Weraldiz zurückzukehren – sei es als Bewusstsein, das einen menschlichen Wirt besetzte, oder in selteneren Fällen als eigenständige Entität.

Symbiose

"Ich bin mir nicht sicher." Thaddeus hielt inne und wählte seine nächsten Worte mit Bedacht. "Es ist komplexer. Als ich versuchte, ihren Geist zu sondieren – eine oberflächliche Berührung nur, nichts Invasives – spürte ich keinen Widerstand. Kein Verbergen. Aber ihr Bewusstsein..." Er suchte nach den richtigen Worten. "Es war, als würde ich in ein Gefäß blicken und fände dort nicht nur Wasser, sondern auch... etwas Anderes, das vollständig mit dem Wasser vermischt ist. Nicht zwei separate Dinge, sondern eine neue Substanz."

"Eine Symbiose?" fragte Schwester Loreena vom Orden des Flügels, die bis jetzt schweigend zugehört hatte. Ihre Stimme war rauchig, mit einem leichten Akzent, der ihre weiten Reisen verriet. "So etwas haben wir seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen."

"Vielleicht," erwiderte Thaddeus. "Ich glaube, was immer mit ihr geschah, liegt lange zurück. Möglicherweise in ihrer Kindheit, bevor sie zu uns kam. Und was auch immer es war – es hat sie nicht besetzt oder verdrängt. Es ist Teil von ihr geworden."

"Gefährlich," grollte Reichard. "Zu gefährlich für die inneren Kreise. Der Orden des Schildes rät zur Vorsicht."

"Natürlich tut er das," bemerkte Loreena mit einem Anflug von Sarkasmus. "Weil Vorsicht so oft Furcht bedeutet."

"Schwester," ermahnte Thaddeus sanft.

Die Entscheidung des Rates

Magister Dorian strich nachdenklich über seinen Bart. "Die MondgleicheHimmelsgleiche rückt immer näher. Wir brauchen alle fähigen Mitglieder, die wir finden können. Aber der Orden der Waage stimmt Bruder Reichard zu – das Risiko ist beträchtlich."

"Die Frage ist nicht nur, ob sie eine Gefahr ist," wandte Yves ein, "sondern was wir von ihr lernen könnten. Wenn sie tatsächlich seit ihrer Kindheit in Symbiose mit... etwas... lebt, könnte das wertvolle Erkenntnisse liefern."

Myriam, die bisher aufmerksam zugehört hatte, richtete ihren durchdringenden Blick auf Thaddeus. "Du hast uns noch nicht deine eigene Meinung gegeben, Bruder. Nicht als Beobachter, sondern als jemand, der mit ihr gesprochen hat. Was ist dein Gefühl?"

Thaddeus seufzte tief. "Sie ist brillant. Intuitiv. Sie sieht Muster, die anderen verborgen bleiben. Ihre Traumdeutungen übertreffen die vieler erfahrener Mitglieder. Und..." Er zögerte. "Es gibt etwas an ihr, das mich an die alten Geschichten erinnert. Die Weisheitshüter der Zeit vor dem Aufstieg."

Ein erschrockenes Murmeln ging durch den Raum.

"Eine gewagte Behauptung," sagte Dorian mit hochgezogenen Augenbrauen.

"Keine Behauptung. Ein Eindruck," korrigierte Thaddeus. "Ich glaube, wir sollten sie testen. Nicht auf die übliche Weise, sondern mit dem Spiegel der Wahren Gesichter."

Der Vorschlag ließ selbst Reichard sprachlos zurück. Der Spiegel der Wahren Gesichter war ein uraltes Artefakt, das alle Illusionen und Verkleidungen durchdrang – auch jene, die sich der Träger selbst auferlegte. Er wurde selten verwendet, da die Konfrontation mit dem eigenen wahren Wesen für viele zu erschütternd war.

"Das ist... drastisch," sagte Aisling schließlich leise.

"Ja. Aber notwendig, denke ich. Wenn sie eine Bedrohung ist, wird der Spiegel es zeigen. Wenn nicht..." Thaddeus ließ den Satz unvollendet.

"Dann könnte sie tatsächlich von enormem Wert sein," vollendete Myriam und nickte langsam. "Der Orden der Lampe unterstützt diesen Vorschlag. Wissen ist unser Bestreben, auch wenn es beunruhigend sein mag."

Loreena vom Orden des Flügels neigte ebenfalls zustimmend den Kopf. "Wir dürfen keine Möglichkeit ungenutzt lassen, mehr über Barkuz zu erfahren. Nicht so kurz vor der zweiten Mondgleiche.Himmelsgleiche."

Die anderen wechselten Blicke, wogen stumm ab. Schließlich sprach Reichard für den Orden des Schildes.

"Unter einer Bedingung: Ich und meine besten Leute werden anwesend sein, bewaffnet mit den Schutzsiegeln."

"Einverstanden," sagte Thaddeus.

"Der Orden des Gefäßes stimmt zu," fügte Aisling hinzu, "mit dem Zusatz, dass ich bereitstehe, falls... falls die Erfahrung zu überwältigend für sie sein sollte."

Einer nach dem anderen gaben die Vertreter der Orden ihre Zustimmung, bis schließlich alle einig waren.

Thaddeus erhob sich, die anderen folgten seinem Beispiel. "Dann ist es beschlossen. In drei Tagen, zur Mitternachtsstunde, wenn Barkuz im Zenit steht. Wir werden Schwester Elva vor den Spiegel der Wahren Gesichter führen. Mögen die Himmlischen Heerscharen uns beistehen."

Thaddeus' Geheimnis

Als die anderen den Raum verlassen hatten, blieb Thaddeus allein zurück. Er trat zu einer Wandnische, in der eine einzelne Kerze brannte. Im flackernden Licht betrachtete er ein kleines, vergilbtes Stück Stoff, das dort in einem Rahmen hing – ein Webmuster von bemerkenswerter Komplexität. Linien, die sich kreuzten und wieder trennten, wie verschlungene Wege oder ein kosmisches Netz.

Es war das einzige, was Elva bei sich getragen hatte, als sie vor fünfzehn Jahren allein in Wolfstal ankam – ein Stoffstück, eingenäht in den Saum ihres Kleides.

Thaddeus hatte Elva nicht die ganze Wahrheit gesagt. Er hatte sie erkannt, sobald er sie sah. Das Gesicht ihrer Großmutter blickte ihm aus ihren Augen entgegen – Sigrid Eichental, die Weberin aus Haselhain, deren Verschwinden er als junger Sternenwächter untersucht hatte.

Aber da war noch etwas anderes. In der Nacht, bevor er den Stoffrest fand, hatte er einen Traum. Er stand auf einer Lichtung, und vor ihm lag ein flacher, ovaler Stein mit seltsamen Symbolen, die im Mondlicht glühten. Als er aufwachte, wusste er instinktiv, dass der Stein in Verbindung zu Elva stand.

"Was bist du, Elva aus Haselhain?" flüsterte er in die Stille. "Und was wurde aus dem diesem uralten Stein?"

Die Kerze flackerte, als hätte ein unsichtbarer Hauch sie gestreift. Für einen Moment meinte Thaddeus, feine dunkle Linien auf dem eingerahmten Stoffstück pulsieren zu sehen – wie Adern, die von einem fremden Leben erfüllt waren. Doch als er genauer hinsah, war alles wieder still und unbeweglich.

In drei Tagen würden sie es wissen. In drei Tagen würde Elva dem Spiegel gegenüberstehen. Und der Spiegel der Wahren Gesichter log nie.