Symbiose II - Herausfordernde Zeiten
Ein Gespräch im Wirtshaus "Zum Fröhlichen Schäfer" in Haselhain
Der Abend war fortgeschritten in der Schankstube des "Fröhlichen Schäfers", dem einzigen Wirtshaus in Haselhain. Die meisten Gäste waren bereits heimgekehrt, nur ein paar Männer saßen noch beisammen, darunter Jorund und sein alter Freund Morcar, die sich eine letzte Kanne Bier teilten.
Das Feuer im Kamin war heruntergebrannt, und die flackernden Schatten tanzten über die hölzernen Wände. Die beiden saßen in einer entfernten Ecke, wo ihre Worte nicht über den schmalen Tisch hinausdrangen.
Morcar: [schwenkt seinen Krug und bemerkt Jorunds nachdenklichen Blick] Du siehst aus, als würde dich etwas bedrücken, Freund. Seit drei Krügen starrst du in dein Bier, als könntest du darin die Zukunft lesen.
Jorund: [seufzt und nimmt einen tiefen Schluck] Ach, es ist nichts... nur... [zögert] ...Sorgen um Sigrid.
Morcar: Sigrid? Ist sie krank?
Jorund: Nein, nicht krank. Zumindest nicht auf die gewöhnliche Art. [senkt die Stimme noch mehr] Sie ist... anders geworden, Morcar. Seit dem Tod ihrer Mutter.
Morcar: Anders? Wie meinst du das? Das ist nun, was? Drei Monate her?
Jorund: [lehnt sich vor und spricht leise] Ja, im Frühjahr. Aber es ist nicht die Trauer, die mich beunruhigt. Es ist etwas anderes. Sie ist verändert seit sie diesen alten Kram ihrer Mutter durchgesehen hat.
Morcar: [runzelt die Stirn] Die alte Trude hatte immer schon seltsame Dinge in ihrem Haus. Was hat Sigrid denn gefunden?
Jorund: Das ist es ja. Sie spricht nicht darüber. [schaut sich um und vergewissert sich, dass niemand zuhört] Sigrid schläft kaum noch. Ich wache manchmal mitten in der Nacht auf und finde sie am Webstuhl sitzend, stundenlang bewegungslos, starrend auf etwas, das ich nicht sehen kann.
Morcar: [nimmt einen Schluck] Du weißt, wie Frauen sein können, Jorund. Vielleicht ist es ihre Art zu trauern. Oder sie versucht sich abzulenken.
Jorund: Es ist mehr als das. Ihre Webmuster... sie sind nicht mehr dieselben. Früher webte sie Blumen, Tiere, die Sterne – Dinge, die sie kannte. Jetzt sind da Symbole, die ich noch nie gesehen habe. Muster, die sich zu bewegen scheinen, wenn man sie aus dem Augenwinkel betrachtet.
Morcar: [skeptisch] Bewegende Muster? Vielleicht hast du zu viel von diesem Bier getrunken, mein Freund.
Jorund: [etwas gereizt] Ich weiß, wie es klingt. Aber ich schwöre bei den Sieben Heerscharen, es ist wahr. Und unser Garten... hast du ihn gesehen? Die Pflanzen wachsen doppelt so schnell und doppelt so groß. Gurken so lang wie mein Unterarm. Birnen, die im Mondlicht leuchten. Es ist nicht natürlich.
Morcar: [nachdenklich] Hmm, ich habe tatsächlich gehört, dass einige aus dem Dorf von eurem Garten sprechen. Manche sagen, Sigrid hätte ein besonderes Händchen für Pflanzen geerbt, wie ihre Großmutter.
Jorund: [schüttelt heftig den Kopf] Nein, es ist anders. Ihre Großmutter kannte die Pflanzen, wusste, wann man säen und ernten musste. Dies ist... als würden die Pflanzen für Sigrid wachsen wollen. Als würden sie ihr zuhören.
[Er nimmt einen langen Schluck und wischt sich den Schaum vom Bart]
Jorund: Und manchmal... [zögert, fast verlegen] ...manchmal sehe ich sie im Garten knien, mit den Fingern im Boden, und es ist, als würde sie mit jemandem sprechen. Flüsternd, in einer Sprache, die ich nicht kenne.
Morcar: [rückt seinen Stuhl etwas näher] Hat sie die Truhe ihrer Mutter komplett geräumt? Der alte Leofric meinte, Trude hätte manchmal von einer Bürde gesprochen, die sie tragen müsste.
Jorund: Nein, und das ist es, was mich am meisten beunruhigt. Sigrid und ich, wir haben immer alles geteilt. Aber jetzt... es ist, als trüge sie ein Geheimnis in sich, etwas, das sie nicht einmal mit mir teilen will. Oder kann.
Morcar: [nimmt einen Schluck und stellt den Krug langsam ab] Weißt du, mein Großvater folgte den Alten Pfaden. Er erzählte mir Geschichten... Geschichten über Runensteine und Erbstücke der Alten Zeit. Er sagte, manche der alten Familien hätten Gegenstände bewahrt, die aus einer Zeit stammt, welche bereits seit langem vergessen ist.
Jorund: [ungläubig] Das sind Märchen, Morcar. Geschichten, um Kinder zu erschrecken.
Morcar: [ernst] Nicht alle Geschichten sind nur Geschichten, Freund. Mein Großvater sprach von beseelten Objekten. Dinge, in denen etwas wohnt, das nicht von hier ist. Wächter und Hüter, nannte er sie.
Jorund: [unbehaglich] Und was sollen diese "Hüter" tun?
Morcar: [lehnt sich zurück und senkt die Stimme zu einem Flüstern] Manche bringen Wissen, manche Unheil. Manche sprechen durch die Träume zu den Menschen, die sie berühren. Er sagte, sie könnten... Veränderungen bewirken.
Jorund: Veränderungen? Bei den Pflanzen?
Morcar: [schüttelt langsam den Kopf] Bei den Menschen, Jorund. Bei den Menschen, die sie berühren.
[Ein schweres Schweigen legt sich über den Tisch]
Jorund: [reibt sich das Gesicht] Sigrid... sie versteckt etwas vor mir. Ich bin sicher. Manchmal sehe ich sie, wie sie etwas in ihrer Schürzentasche streichelt, wenn sie denkt, ich schaue nicht hin.
Morcar: Hat sie... hast du etwas an ihr bemerkt? Körperliche Veränderungen?
Jorund: [zögert] Ihre Augen scheinen manchmal... heller zu sein. Im Dunkeln. Und... [noch leiser] ...neulich sah ich Muster auf ihrer Haut, als sie schlief. Wie feine dunkle Adern, aber sie verschwanden, als ich eine Kerze anzündete.
Morcar: [beugt sich vor und legt eine Hand auf Jorunds Arm] Du solltest mit ihr reden, Freund. Frage sie nach dem, was sie in der Truhe ihrer Mutter gefunden hat. Bevor es... zu spät ist.
Jorund: [besorgt] Zu spät wofür?
Morcar: [zögert] Mein Großvater sagte, wenn solche Dinge zu lange bei einem Menschen verweilen... wird der Mensch mehr wie sie. Und weniger wie wir.
Jorund: [schüttelt ungläubig den Kopf] Das ist Unsinn, altes Gerede. Sigrid ist meine Frau. Sie ist dieselbe Frau, die ich geheiratet habe.
Morcar: [erhebt seinen Krug] Natürlich ist sie das. Vergiss, was ich gesagt habe. Es ist nur altes Gerede, wie du sagst.
[Sie stoßen an, aber das Unbehagen bleibt in der Luft hängen]
Jorund: [nach einem langen Schweigen] Und wenn... wenn es wahr wäre? Was soll ich tun?
Morcar: [ernst] Wenn du wirklich glaubst, dass etwas nicht stimmt... es gibt einen Mann in Wolfsthal. Ein Hüter der Alten Pfade. Er weiß mehr über solche Dinge als jeder Orden in Lumaris. Vielleicht könnte er helfen.
Jorund: [sieht in seinen Krug] Ich liebe sie, Morcar. Was auch immer geschieht, ich liebe sie.
Morcar: [nickt] Ich weiß, Freund. Ich weiß.
[Der Wirt ruft zum letzten Ausschank, und das Gespräch verstummt. Aber Jorunds Sorgen bleiben, schwer wie Steine auf seinem Herzen.]
Draußen zieht eine Wolke über Barkuz, und für einen Moment scheint das silbrige Band am Himmel zu flimmern, als würde es auf die Gedanken der Menschen unten reagieren. Dann ist es wieder still und unveränderlich, wie seit Menschengedenken.
Zurück in seinem Haus findet Jorund seine Frau am Webstuhl eingeschlafen. Der Stoff unter ihren Händen schimmert im Mondlicht, und auf dem Boden neben ihr liegt ein kleiner Stein mit seltsamen Zeichen, die zu pulsieren scheinen. Als er sich nähert, um ihn aufzuheben, erwacht Sigrid plötzlich und greift hastig nach dem Stein, ihre Augen für einen Moment unnatürlich hell in der Dunkelheit.