Symbiose I - Eine uralte Bürde
Sigrids Bericht
Sigrid Eichental, Weberin hier in Haselhain seit fast zwanzig Sommern nun. Niemand mit Rang und Namen, nur eine einfache Frau mit flinken Fingern für die Muster, die mir meine Großmutter noch beibrachte. Unsere kleinen Häuser stehen so weit vom Trubel Lumaris' entfernt, dass die meisten nicht einmal wissen, dass es uns gibt. Und das ist auch gut so.
Was ich euch nun erzähle, habe ich niemand anderem anvertraut – nicht Pfarrer Leofric, nicht meiner Schwester, nicht einmal meinem Mann Jorund. Sie würden entweder denken, der Webstuhl hätte meinen Verstand endlich mürbe geklopft, oder sie würden es den Ordensleuten melden. Und ich will keine fremden Männer hier, die mich ausfragen und mit wichtigen Mienen in meinem GartenHaus herumstochern.
Es begann vorgestern Abend, als ichMutter nochendlich ambeerdigt Fensterwar. saßDie Krankheit hatte sie langsam dahingerafft, ein Winter und Wolle kämmte. Jorund und die Kinder schliefen bereits, aber der Tag war so heiß gewesen, dass ich noch etwas frische Luft schnappen wollte, bevor ich mich niederlegte. Der Nachthimmel war klar wie ein Bergsee,Frühjahr undvoller BarkuzSchmerzen, leuchtete silbrig über unserem Dorf, wie ein glänzendes Band, dasbis die Himmlischen Heerscharen dortsie obenendlich aufgespanntzu haben.sich nahmen. Nach der Trauerfeier musste ich ihr Zimmer ausräumen – eine Aufgabe, die ich tagelang vor mir hergeschoben hatte.
Das Zimmer roch noch nach ihren Kräutern und dem Lavendelöl, mit dem sie stets ihre Schläfen rieb. Die Truhe am Fußende ihres Bettes hatte sie uns Kindern stets verboten zu öffnen. "Nichts für kleine Hände", pflegte sie zu sagen, und mit der Zeit verschwand unsere Neugier. Sie wurde einfach Teil des Raumes, wie die alten Wandteppiche und der knarrende Stuhl am Fenster.
Der Schlüssel hing um ihren Hals, als wir sie fanden. Jorund meinte, ich solle die Truhe ungeöffnet lassen, vielleicht sogar ins Feuer werfen – Mutter hatte in den letzten Wochen im Fieberwahn von seltsamen Dingen gesprochen, von einer "Bürde" und "dem alten Wissen, das besser vergessen bliebe". Aber ich konnte es nicht. Sie war meine Mutter.
Der Schlüssel drehte sich schwer im Schloss, als hätte er seit Jahrzehnten nicht mehr seine Pflicht getan. In der Truhe fand ich alte Kleider, getrocknete Blumen zwischen den Seiten eines verblichenen Buches und ganz unten, in ein schlichtes Leinentuch gewickelt, eine kleine Schatulle aus schwarzem Holz, so glatt und glänzend, dass es aussah wie polierter Stein.
Es gab keinen Schlüssel für die Schatulle, aber als ich sie anhob, öffnete sie sich wie von selbst. Und dort, auf einem Bett aus dunkelrotem Samt, lag ein Stein. Nicht größer als meine Handfläche, flach und oval, mit seltsamen Zeichen bedeckt, die im Kerzenlicht zu schimmern schienen. Symbole, die ich noch nie gesehen hatte – zumindest nicht bewusst. Und doch kam mir etwas daran bekannt vor, wie ein Wort, das man auf der Zunge hat, aber nicht aussprechen kann.
Ich habenahm nieden Runenstein in die Hand. Er war kalt, viel überkälter Barkuzals nachgedacht.er Erhätte istsein einfachdürfen da,nach soall der Zeit in der Schatulle. Die Kälte kroch durch meine Finger, wie diefeine beidenschwarze SonnenAdern, meinen Arm hinauf, und dieplötzlich Monde.hörte ich ein Flüstern, als stünde jemand direkt hinter mir. Ich fuhr herum, aber da war niemand.
"DasTrägerin", Augeschien der Götter",Stein nanntezu sagen, "endlich gefunden."
Ich ließ ihn meinefallen, Großmutterund manchmal,er wennlandete sieauf dem Boden mit einem dumpfen Geräusch, das viel zu leise war für einen Stein dieser Größe. Angst schnürte mir die Kehle zu. Meine Mutter hatte uns oft Geschichten von den Alten Pfaden sprach.erzählt, Abervon Schutzrunen und gebundenen Geistern, aber das waren doch nur Märchen gewesen, oder nicht?
Mit zitternden Händen wickelte ich den Stein wieder in dieserdas Nacht.Leinentuch und schob ihn in die Tasche meiner Schürze. Ich würde ihn später genauer betrachten, wenn das Haus schlief. Etwas an ihm ließ mich nicht los, etwas, das mit den Geschichten meiner Großmutter zu tun hatte, mit dem alten Wissen, das die Kirche der Himmlischen Heerscharen so eifrig zu ersetzen suchte.
Als ich das Zimmer verließ, war mir, als wäre die Luft plötzlich dichter, als müsste ich mich durch einen unsichtbaren Widerstand bewegen. Und der Stein in meiner Tasche... inich dieser Nacht war etwas anders.
Es war, als hätte sich eine kleine Stelle an Barkuz verdunkelt, ein winziger Fleck, der sich langsam löste. Ich dachte erst, meine Augen spielten mir einen Streich – vielleicht doch zu viele Stunden am Webstuhl. Dann wurde der dunkle Punkt größer, und plötzlich sah ich, wieschwöre, er sich bewegte.pulsierte. Wie ein schwarzerzweites Stern,Herz, das gegen mein Bein schlug.
Das verlorene Wissen
Als das Haus endlich still war, holte ich den Stein wieder hervor. Im Licht der einzelnen Kerze an meinem Bett schienen die Symbole zu tanzen und sich vomzu silbernenverändern, als formten sie Worte in einer vergessenen Sprache.
"Ich kenne dich nicht", flüsterte ich, "aber meine Mutter hat dich bewahrt. Warum?"
Der Stein antwortete nicht mit Worten, sondern mit Bildern, die in meinem Kopf aufblitzten. Ich sah meine Großmutter, jung und stark, wie sie am Kreuzweg stand und den Stein in beiden Händen hielt. Ich sah meine Mutter, ein Kind noch, die schweigend zusah. Ich sah uralte Eichen und Steinkreise, Orte, an denen die Alten Pfade noch lebendig waren.
Und ich sah etwas anderes: dunkle Gestalten in Roben, die durch einen Wald streiften, mit Fackeln und seltsamen Instrumenten. Der Orden des Schildes, erkannte ich, auf der Jagd nach etwas – oder jemandem.
"Was willst du von mir?" fragte ich, lauter als beabsichtigt, und erschrak, als Jorund sich im Schlaf bewegte.
Bewahren, kam die Antwort, nicht als Wort, sondern als Gefühl. Beschützen. Weitergeben.
Ich legte den Stein auf meinen Nachttisch, aber selbst dann spürte ich seine Kälte, als stünde er in Verbindung mit etwas weit jenseits unserer Welt. Vielleicht mit Barkuz selbst, dem silbrigen Band lösteam undHimmel, aufvon dem meine Großmutter behauptete, es sei der Ort an dem all die ErdeWesen zufiel.aus den alten Geschichten leben würden.
MeinMit Herzdiesem schlugbeunruhigenden bisGedanken zumschlief Hals,ich endlich ein.
Die seltsame Weide
Am nächsten Morgen war Jorund bereits fort, als ich verstand,erwachte. dassDer diesesStein Dinglag still auf unsermeinem DorfNachttisch, zukam. Nein, nicht nur unser Dorf – auf unser Haus! Es fiel schneller und schneller, bis es wie ein schwarzer Pfeil durch die Nacht schoss. Ich wollte aufspringen, wollte die Kinder und Jorund wecken, aber meine Beine waren schwer wie Blei.
Dann schlug es in unserem Garten ein, gleich neben dem alten Birnbaum. Kein Krachen, kein Donner –scheinbar nur ein dumpfes,gewöhnlicher, weicheswenn Geräusch,auch alsseltsam wäreverzierter etwasKiesel. sehrIch Schwereswickelte aufihn weichenwieder Boden gefallen. Und dann sah ich es: Woin das DingTuch gelandetund war,verstaute verdorrte das Grasihn in einemmeiner perfektenSchürzentasche.
Draußen Eswar wurdeder braun,Frühlingstag dann schwarz, dann zu Asche, die sich im Nachtwind auflöste. Der Kreis wurde größerstrahlend und größer, breitete sich aus wie Tinte auf einem Leinentuch.
Ich schlug meinen Schutzrufnamen, den mir meine Großmutter beigebracht hatte,warm, und zwarfür dreimaleinen hintereinander.Moment Eindachte alter Brauch, den kaum noch jemand kennt. Niemand hat uns diese Dinge beigebracht, nicht in der Kirche und nicht in der Schule, aber meine Großmutter bestand darauf,ich, dass ich ihnalles nienur vergessengeträumt dürfe.
Und dann – so schnell wie es begonnen hatte –Vielleicht war es vorbei.die DerTrauer schwarzeum Kreismeine hörteMutter aufgewesen, zudie wachsen,mir geradeseltsame alsGedanken erin den RandKopf unseresgepflanzt Gartens erreichte. Wo zuvor saftig grünes Gras gewachsen war, lag nun ein Kreis aus... nichts. Nicht einmal Asche war übrig geblieben, nur ein dunkler Abdruck auf der Erde, als hätte jemand einen runden, schwarzen Teppich dort ausgelegt.hatte.
IchDiese weißIllusion nicht,zerplatzte, wie lange ich dort saß, starr vor Angst, unfähig, meinen Blick abzuwenden. Irgendwann muss ich eingeschlafen sein, denn das nächste, woran ich mich erinnere, ist Jorunds Stimme, die mich weckte. "Sigrid, was machst du am Fenster? Die Sonne ist schon aufgegangen!"
Mit pochendem Herzen sprang ich auf und eilte zum Fenster. Draußen war alles... normal. Das Gras im Garten war grün, der alte Birnbaum stand unversehrt. Keine Spur von dem schwarzen Kreis, keine Anzeichen, dass etwas vom Himmel gefallen war. Es musste ein Traum gewesen sein, dachte ich erleichtert.
Bisals Hildegard, unsere Nachbarin, an die Tür klopfte. Ihr Gesicht war bleich, ihre Hände zitterten.
Mit brüchiger Stimme sagte sie zu Jorund, "Ihr solltet zur südlichen Weide kommen.kommen", sagte sie mit brüchiger Stimme. "Etwas ist mit den Schafen geschehen."
Die blutige Weide
Jorund eiltewar sofortbereits los,dort, erfuhr ich, gemeinsam mit den anderen Männern des Dorfes. Ich folgte Hildegard, und ichmit folgtejedem ihm.Schritt Aufspürte demich, Wegwie erklärteder Hildegard,Stein dassin ihrmeiner MannTasche beimschwerer Morgengrauenwurde, dieals Herdezöge überprüftes hatteihn undzu mehrereetwas Tiere tot aufgefunden hatte. Einfach so, ohne Anzeichen von Krankheit oder Verletzung.hin.
Als wir bei der Weide ankamen, sah ich es mit eigenen Augen.Augen, was geschehen war. Sieben unserer besten Schafe lagen leblos im Gras, alle in einem perfekten Kreis angeordnet, als hätte sie jemand so hingelegt. Genau wie der Kreis in meinem Garten letzte Nacht. Das Gras unter ihnen war völligdunkel normalverfärbt, fast schwarz, als wäre es verbrannt, und kleine Symbole waren in den Boden geritzt – saftigdieselben undSymbole, grün.die Keineauf Spurmeinem vonStein Verdorrungzu odersehen Verbrennung.waren.
"Was ist passiert?" fragte Jorund und kniete neben einem der Tiere nieder. "Sie sehen aus, als würden sie schlafen."
"Sie müssen etwas Giftiges gefressen haben,"haben", meinte Hjalmar, Hildegards Mann. "Aber ich kann nichts finden. Keine giftigen Pflanzen, keine seltsamen Spuren."
Jorund und die anderen Männer des Dorfes untersuchten die Schafe und das umliegende Land stundenlang. Manche sprachen von Wölfen, obwohl es keine Bissspuren gab. Andere vermuteten eine Krankheit, doch warum sollten dann nur diese sieben Tiere betroffen sein, und warum in einem so perfekten Kreis?
Während sie diskutierten, schlichberührte ich heimlich den Stein in meiner Tasche. Er war noch kälter als in der Nacht zuvor, und als ich ihn kurz hervorzog, sah ich, dass eines der Symbole leuchtete – ein seltsames, geschwungenes Zeichen, das mir jetzt vertraut vorkam, obwohl ich es nie zuvor gesehen hatte.
Opfer, verstand ich plötzlich, ohne zu wissen woher. Notwendiges Opfer.
Ich schlich mich zurück zu der Stelle, wo unserdie GartenSchafe liegt.lagen. DaDie warMänner wirklichwaren nichtsinzwischen weitergezogen, um nach Spuren zu sehensuchen. –Mit daszitternden GrasFingern wuchs so gesund wie immer. Aber alsberührte ich mich hinkniete und mit den Fingern durch die Halmeseltsamen fuhr,Zeichen spürteim ichverbrannten es:Gras. eineSie seltsame Kälte, die aus dem Boden aufstieg. Nicht die natürliche Kühle der Erde, sondern etwas Anderes... Fremdes.
Ich grub ein wenig mit den Fingern und fand darunter eine dünne Schicht schwarzen Staubs. Als ich ihn berührte, fühlte erfühlten sich an wie Asche,uralte aberNarben kälter.in Vielder kälter.Haut der Erde, und als ich darüber strich, spürte ich eine seltsame Vibration, die durch meinen ganzen Körper lief.
Als ich meine Hand zurückzog, sah ich, dass kleine schwarze Adern über meine Fingerspitzen krochen, wie winzige Wurzeln oder Flüsse auf einer Karte. Sie verschwanden nach wenigen Augenblicken, aber die Kälte blieb noch eine Weile in meinen Knochen.
Der Orden des Gefäßes
Der Orden des Gefäßes schickte noch am selben Tag einen jungen Kleriker ins Dorf, nachdem Leofric ihnen einen Boten gesandt hatte. Er war höflich und ernst, untersuchte die toten Schafe und stellte mir und den anderen viele Fragen. Ich erzählte ihm von den Schafen, aber nichts von dem,dem wasStein oder den Symbolen, die ich inim der NachtGras gesehen hatte oder von dem schwarzen Staub unter dem Gras.hatte. Etwas sagte mir, dass ich schweigen sollte.
Der Kleriker erklärte schließlich, dass es sich wahrscheinlich um eine seltene Krankheit handele und die Tiere verbrannt werden müssten. Er führte ein kleines Ritual durch und bestreute die Kadaver mit einem weißen Pulver, bevor er sie anzündete. Die Flammen waren ungewöhnlich hell und hatten einen grünlichen Schimmer.
"Eine Vorsichtsmaßnahme", sagte er mit einem Lächeln, das seine Augen nicht erreichte.
Er verließ unser Dorf noch am selben Abend, aber nicht bevor er mir einen langen, nachdenklichen Blick zuwarf. Ich glaube, er wusste, dass ich nicht alles gesagt hatte. Und als er ging, schien er seine Schritte zum Grab meiner Mutter zu lenken, obwohl ich mir nicht sicher war, ob ich das nicht nur einbildete.
Transformation
Jede Nacht seit jenem Abend stehesitze ich aman Fenstermeinem Webstuhl und schauebetrachte hinaufden zu Barkuz.Runenstein. Manchmal glaubelege ich,ich weitereihn dunkleneben Fleckenmich, zuwährend sehen,ich arbeite, und meine Finger weben wie von selbst seltsame Muster, die sichich lösenvorher könnten,nie gesehen habe. Sie ähneln den Zeichen auf dem Stein, aber vielleichtsie sind mehr – als würde ich eine Geschichte erzählen, die älter ist es nur meine Angst,als die mirWelt Streiche spielt.selbst.
Das Merkwürdigste ist jedoch: Seit jenem Tag wachsen die Pflanzen in unserem Garten schneller und üppiger als je zuvor. Die Blumen blühen in Farben, die ich noch nie gesehen habe, und die Früchte am alten Birnbaum sind doppelt so groß und süßer als in jedem Jahr zuvor.
Und manchmal, wenn ich allein im Garten arbeite, glaube ich, ein leises Flüstern zu hören, das aus dem Boden kommt. Worte in einer Sprache, die ich nicht verstehe, aber die mir seltsam vertraut vorkommt, als hätte ich sie schon einmal gehört – vielleicht in einem vergessenen Traum oder in den alten Geschichten meiner Großmutter.
Ich habe angefangen, diese Flüstern in meine Webmuster einzuarbeiten. Seltsame Symbole und Linien, die meine Finger zu weben scheinen, ohne dass mein Kopf sie plant. Die Stoffe, die dabei entstehen, schimmern manchmal im Mondlicht, als wären silberne Fäden eingewoben, obwohl ich nur gewöhnliche Wolle verwende.
Heute Morgen fragte mich Jorund, woher ich die neuen Muster hätte. Ich konnte ihm keine Antwort geben. Wie erklärt man, dass die eigenen Hände dem Willen eines uralten Steins folgen?
Ich weiß nicht, was vomes Himmelmit fieldiesem inRunenstein jenerauf Nacht.sich hat, den meine Mutter all die Jahre verborgen hielt. Ich weiß nicht, obwarum eser vonmich Barkuzausgewählt kam oder von noch weiter her.hat. Aber ich weiß, dass eser etwas zurückgelassen hat – nicht nur in meinem Garten,Haus, sondern auch in mir. Etwas, das langsam Wurzeln schlägt und wächst, genau wie die seltsamen Pflanzen unter meinem Fenster.
Und manchmal, wenn ich nach Einbruch der Dunkelheit meine Hände betrachte, sehe ich wieder diese feinen schwarzen Linien unter meiner Haut pulsieren, wie ein Echo jener Nacht, als einich Stückzum desersten HimmelsMal inden meinenRunenstein Garten fiel.berührte.
Der Stein ruft nach Barkuz, das spüre ich. Und manchmal, wenn ich nachts hinaufschaue zum silbrigen Band am Himmel, scheint es zurückzurufen.