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Ein Kurzgeschichtenzklus - Symbiose I, II & III

Sternschnuppen in Haselhain

Sigrids Bericht

Sigrid Eichental, Weberin hier in Haselhain seit fast zwanzig Sommern nun. Niemand mit Rang und Namen, nur eine einfache Frau mit flinken Fingern für die Muster, die mir meine Großmutter noch beibrachte. Unsere kleinen Häuser stehen so weit vom Trubel Lumaris' entfernt, dass die meisten nicht einmal wissen, dass es uns gibt. Und das ist auch gut so.

Was ich euch nun erzähle, habe ich niemand anderem anvertraut – nicht Pfarrer Leofric, nicht meiner Schwester, nicht einmal meinem Mann Jorund. Sie würden entweder denken, der Webstuhl hätte meinen Verstand endlich mürbe geklopft, oder sie würden es den Ordensleuten melden. Und ich will keine fremden Männer hier, die mich ausfragen und mit wichtigen Mienen in meinem Garten herumstochern.

Es begann vorgestern Abend, als ich noch am Fenster saß und Wolle kämmte. Jorund und die Kinder schliefen bereits, aber der Tag war so heiß gewesen, dass ich noch etwas frische Luft schnappen wollte, bevor ich mich niederlegte. Der Nachthimmel war klar wie ein Bergsee, und Barkuz leuchtete silbrig über unserem Dorf, wie ein glänzendes Band, das die Himmlischen Heerscharen dort oben aufgespannt haben.

Ich habe nie viel über Barkuz nachgedacht. Er ist einfach da, so wie die beiden Sonnen und die Monde. "Das Auge der Götter", nannte ihn meine Großmutter manchmal, wenn sie von den Alten Pfaden sprach. Aber in dieser Nacht... in dieser Nacht war etwas anders.

Es war, als hätte sich eine kleine Stelle an Barkuz verdunkelt, ein winziger Fleck, der sich langsam löste. Ich dachte erst, meine Augen spielten mir einen Streich – vielleicht doch zu viele Stunden am Webstuhl. Dann wurde der dunkle Punkt größer, und plötzlich sah ich, wie er sich bewegte. Wie ein schwarzer Stern, der sich vom silbernen Band löste und auf die Erde zufiel.

Mein Herz schlug bis zum Hals, als ich verstand, dass dieses Ding auf unser Dorf zukam. Nein, nicht nur unser Dorf – auf unser Haus! Es fiel schneller und schneller, bis es wie ein schwarzer Pfeil durch die Nacht schoss. Ich wollte aufspringen, wollte die Kinder und Jorund wecken, aber meine Beine waren schwer wie Blei.

Dann schlug es in unserem Garten ein, gleich neben dem alten Birnbaum. Kein Krachen, kein Donner – nur ein dumpfes, weiches Geräusch, als wäre etwas sehr Schweres auf weichen Boden gefallen. Und dann sah ich es: Wo das Ding gelandet war, verdorrte das Gras in einem perfekten Kreis. Es wurde braun, dann schwarz, dann zu Asche, die sich im Nachtwind auflöste. Der Kreis wurde größer und größer, breitete sich aus wie Tinte auf einem Leinentuch.

Ich schlug meinen Schutzrufnamen, den mir meine Großmutter beigebracht hatte, und zwar dreimal hintereinander. Ein alter Brauch, den kaum noch jemand kennt. Niemand hat uns diese Dinge beigebracht, nicht in der Kirche und nicht in der Schule, aber meine Großmutter bestand darauf, dass ich ihn nie vergessen dürfe.

Und dann – so schnell wie es begonnen hatte – war es vorbei. Der schwarze Kreis hörte auf zu wachsen, gerade als er den Rand unseres Gartens erreichte. Wo zuvor saftig grünes Gras gewachsen war, lag nun ein Kreis aus... nichts. Nicht einmal Asche war übrig geblieben, nur ein dunkler Abdruck auf der Erde, als hätte jemand einen runden, schwarzen Teppich dort ausgelegt.

Ich weiß nicht, wie lange ich dort saß, starr vor Angst, unfähig, meinen Blick abzuwenden. Irgendwann muss ich eingeschlafen sein, denn das nächste, woran ich mich erinnere, ist Jorunds Stimme, die mich weckte. "Sigrid, was machst du am Fenster? Die Sonne ist schon aufgegangen!"

Mit pochendem Herzen sprang ich auf und eilte zum Fenster. Draußen war alles... normal. Das Gras im Garten war grün, der alte Birnbaum stand unversehrt. Keine Spur von dem schwarzen Kreis, keine Anzeichen, dass etwas vom Himmel gefallen war. Es musste ein Traum gewesen sein, dachte ich erleichtert.

Bis Hildegard, unsere Nachbarin, an die Tür klopfte. Ihr Gesicht war bleich, ihre Hände zitterten.

Mit brüchiger Stimme sagte sie zu Jorund, "Ihr solltet zur südlichen Weide kommen. Etwas ist mit den Schafen geschehen."

Die blutige Weide

Jorund eilte sofort los, und ich folgte ihm. Auf dem Weg erklärte Hildegard, dass ihr Mann beim Morgengrauen die Herde überprüft hatte und mehrere Tiere tot aufgefunden hatte. Einfach so, ohne Anzeichen von Krankheit oder Verletzung.

Als wir bei der Weide ankamen, sah ich es mit eigenen Augen. Sieben unserer besten Schafe lagen leblos im Gras, alle in einem perfekten Kreis angeordnet, als hätte sie jemand so hingelegt. Genau wie der Kreis in meinem Garten letzte Nacht. Das Gras unter ihnen war völlig normal – saftig und grün. Keine Spur von Verdorrung oder Verbrennung.

"Was ist passiert?" fragte Jorund und kniete neben einem der Tiere nieder. "Sie sehen aus, als würden sie schlafen."

"Sie müssen etwas Giftiges gefressen haben," meinte Hjalmar, Hildegards Mann. "Aber ich kann nichts finden. Keine giftigen Pflanzen, keine seltsamen Spuren."

Jorund und die anderen Männer des Dorfes untersuchten die Schafe und das umliegende Land stundenlang. Manche sprachen von Wölfen, obwohl es keine Bissspuren gab. Andere vermuteten eine Krankheit, doch warum sollten dann nur diese sieben Tiere betroffen sein, und warum in einem so perfekten Kreis?

Während sie diskutierten, schlich ich mich zurück zu der Stelle, wo unser Garten liegt. Da war wirklich nichts zu sehen – das Gras wuchs so gesund wie immer. Aber als ich mich hinkniete und mit den Fingern durch die Halme fuhr, spürte ich es: eine seltsame Kälte, die aus dem Boden aufstieg. Nicht die natürliche Kühle der Erde, sondern etwas Anderes... Fremdes.

Ich grub ein wenig mit den Fingern und fand darunter eine dünne Schicht schwarzen Staubs. Als ich ihn berührte, fühlte er sich an wie Asche, aber kälter. Viel kälter. Als ich meine Hand zurückzog, sah ich, dass kleine schwarze Adern über meine Fingerspitzen krochen, wie winzige Wurzeln oder Flüsse auf einer Karte. Sie verschwanden nach wenigen Augenblicken, aber die Kälte blieb noch eine Weile in meinen Knochen.

Der Orden des Gefäßes

Der Orden des Gefäßes schickte noch am selben Tag einen jungen Kleriker ins Dorf, nachdem Leofric ihnen einen Boten gesandt hatte. Er war höflich und ernst, untersuchte die toten Schafe und stellte mir und den anderen viele Fragen. Ich erzählte ihm von den Schafen, aber nichts von dem, was ich in der Nacht gesehen hatte oder von dem schwarzen Staub unter dem Gras. Etwas sagte mir, dass ich schweigen sollte.

Der Kleriker erklärte schließlich, dass es sich wahrscheinlich um eine seltene Krankheit handele und die Tiere verbrannt werden müssten. Er führte ein kleines Ritual durch und bestreute die Kadaver mit einem weißen Pulver, bevor er sie anzündete. Die Flammen waren ungewöhnlich hell und hatten einen grünlichen Schimmer.

"Eine Vorsichtsmaßnahme", sagte er mit einem Lächeln, das seine Augen nicht erreichte.

Er verließ unser Dorf noch am selben Abend, aber nicht bevor er mir einen langen, nachdenklichen Blick zuwarf. Ich glaube, er wusste, dass ich nicht alles gesagt hatte.

Transformation

Jede Nacht seit jenem Abend stehe ich am Fenster und schaue hinauf zu Barkuz. Manchmal glaube ich, weitere dunkle Flecken zu sehen, die sich lösen könnten, aber vielleicht ist es nur meine Angst, die mir Streiche spielt.

Das Merkwürdigste ist jedoch: Seit jenem Tag wachsen die Pflanzen in unserem Garten schneller und üppiger als je zuvor. Die Blumen blühen in Farben, die ich noch nie gesehen habe, und die Früchte am alten Birnbaum sind doppelt so groß und süßer als in jedem Jahr zuvor.

Und manchmal, wenn ich allein im Garten arbeite, glaube ich, ein leises Flüstern zu hören, das aus dem Boden kommt. Worte in einer Sprache, die ich nicht verstehe, aber die mir seltsam vertraut vorkommt, als hätte ich sie schon einmal gehört – vielleicht in einem vergessenen Traum oder in den alten Geschichten meiner Großmutter.

Ich habe angefangen, diese Flüstern in meine Webmuster einzuarbeiten. Seltsame Symbole und Linien, die meine Finger zu weben scheinen, ohne dass mein Kopf sie plant. Die Stoffe, die dabei entstehen, schimmern manchmal im Mondlicht, als wären silberne Fäden eingewoben, obwohl ich nur gewöhnliche Wolle verwende.

Heute Morgen fragte mich Jorund, woher ich die neuen Muster hätte. Ich konnte ihm keine Antwort geben.

Ich weiß nicht, was vom Himmel fiel in jener Nacht. Ich weiß nicht, ob es von Barkuz kam oder von noch weiter her. Aber ich weiß, dass es etwas zurückgelassen hat – nicht nur in meinem Garten, sondern auch in mir. Etwas, das langsam Wurzeln schlägt und wächst, genau wie die seltsamen Pflanzen unter meinem Fenster.

Und manchmal, wenn ich nach Einbruch der Dunkelheit meine Hände betrachte, sehe ich wieder diese feinen schwarzen Linien unter meiner Haut pulsieren, wie ein Echo jener Nacht, als ein Stück des Himmels in meinen Garten fiel.

Herausfordernde Zeiten

Ein Gespräch im Wirtshaus "Zum Fröhlichen Schäfer" in Haselhain

Der Abend war fortgeschritten in der Schankstube des "Fröhlichen Schäfers", dem einzigen Wirtshaus in Haselhain. Die meisten Gäste waren bereits heimgekehrt, nur ein paar Männer saßen noch beisammen, darunter Jorund Eichental und sein alter Freund Morcar Waldläufer, die sich eine letzte Kanne Bier teilten.

Das Feuer im Kamin war heruntergebrannt, und die flackernden Schatten tanzten über die hölzernen Wände. Die beiden saßen in einer entfernten Ecke, wo ihre Worte nicht über den schmalen Tisch hinausdrangen.

Morcar: [schwenkt seinen Krug und bemerkt Jorunds nachdenklichen Blick] Du siehst aus, als würde dich etwas bedrücken, Freund. Seit drei Krügen starrst du in dein Bier, als könntest du darin die Zukunft lesen.

Jorund: [seufzt und nimmt einen tiefen Schluck] Ach, es ist nichts... nur... [zögert] ...Sorgen um Sigrid.

Morcar: Sigrid? Ist sie krank?

Jorund: Nein, nicht krank. Zumindest nicht auf die gewöhnliche Art. [senkt die Stimme noch mehr] Sie ist... anders geworden, Morcar. Seit dem Tag, als wir die Schafe verloren haben.

Morcar: Anders? Wie meinst du das?

Jorund: [lehnt sich vor und spricht leise] Erinnerst du dich an jenen Morgen vor drei Monaten? Als wir die sieben Schafe fanden, tot im Kreis? Seitdem... ist etwas nicht richtig mit ihr.

Morcar: [runzelt die Stirn] Ich erinnere mich. Seltsame Geschichte. Der Kleriker sagte, es sei eine Krankheit gewesen, nicht wahr?

Jorund: Ja, das sagte er. Aber... [schaut sich um und vergewissert sich, dass niemand zuhört] Sigrid schläft kaum noch. Ich wache manchmal mitten in der Nacht auf und finde sie am Fenster stehend, hinaufstarrend zu Barkuz, stundenlang bewegungslos.

Morcar: [nimmt einen Schluck] Du weißt, wie Frauen sein können, Jorund. Vielleicht macht sie sich einfach Sorgen um die Schafe oder das kommende Kind von Helga.

Jorund: Es ist mehr als das. Ihre Webmuster... sie sind nicht mehr dieselben. Früher webte sie Blumen, Tiere, die Sterne – Dinge, die sie kannte. Jetzt sind da Symbole, die ich noch nie gesehen habe. Muster, die sich zu bewegen scheinen, wenn man sie aus dem Augenwinkel betrachtet.

Morcar: [skeptisch] Bewegende Muster? Vielleicht hast du zu viel von diesem Bier getrunken, mein Freund.

Jorund: [etwas gereizt] Ich weiß, wie es klingt. Aber ich schwöre bei den Sieben Heerscharen, es ist wahr. Und unser Garten... hast du ihn gesehen? Die Pflanzen wachsen doppelt so schnell und doppelt so groß. Gurken so lang wie mein Unterarm. Birnen, die im Mondlicht leuchten. Es ist nicht natürlich.

Morcar: [nachdenklich] Hmm, ich habe tatsächlich gehört, dass einige aus dem Dorf von eurem Garten sprechen. Manche sagen, Sigrid hätte ein besonderes Händchen für Pflanzen, wie ihre Großmutter.

Jorund: [schüttelt heftig den Kopf] Nein, es ist anders. Ihre Großmutter kannte die Pflanzen, wusste, wann man säen und ernten musste. Dies ist... als würden die Pflanzen für Sigrid wachsen wollen. Als würden sie ihr zuhören.

[Er nimmt einen langen Schluck und wischt sich den Schaum vom Bart]

Jorund: Und manchmal... [zögert, fast verlegen] ...manchmal sehe ich sie im Garten knien, mit den Fingern im Boden, und es ist, als würde sie mit jemandem sprechen. Flüsternd, in einer Sprache, die ich nicht kenne.

Morcar: [rückt seinen Stuhl etwas näher] Hat sie dir erzählt, was in jener Nacht geschah? Bevor wir die Schafe fanden?

Jorund: Nein, und das ist es, was mich am meisten beunruhigt. Sigrid und ich, wir haben immer alles geteilt. Aber jetzt... es ist, als trüge sie ein Geheimnis in sich, etwas, das sie nicht einmal mit mir teilen will. Oder kann.

Morcar: [nimmt einen Schluck und stellt den Krug langsam ab] Weißt du, mein Großvater folgte den Alten Pfaden. Er erzählte mir Geschichten... Geschichten über Barkuz. Er sagte, Barkuz sei nicht nur ein Lichtband am Himmel. Er sagte, dort lebten Wesen, anders als wir.

Jorund: [ungläubig] Das sind Märchen, Morcar. Geschichten, um Kinder zu erschrecken.

Morcar: [ernst] Nicht alle Geschichten sind nur Geschichten, Freund. Mein Großvater sprach von Zeiten, in denen Dinge von Barkuz herabfielen. Sterne, die keine Sterne waren. Besucher, wie er sie nannte.

Jorund: [unbehaglich] Und was sollen diese "Besucher" getan haben?

Morcar: [lehnt sich zurück und senkt die Stimme zu einem Flüstern] Manche brachten Krankheit, manche Fruchtbarkeit. Manche sprachen durch das Land zu den Menschen, die zuhören konnten. Er sagte, sie könnten... Veränderungen bewirken.

Jorund: Veränderungen? Bei den Pflanzen?

Morcar: [schüttelt langsam den Kopf] Bei den Menschen, Jorund. Bei den Menschen, die sie berührten.

[Ein schweres Schweigen legt sich über den Tisch]

Jorund: [reibt sich das Gesicht] Sigrid... sie berührt ständig den Boden in unserem Garten. Ihre Hände sind ständig in der Erde, obwohl sie früher immer darauf achtete, sie sauber zu halten für ihre Webarbeiten.

Morcar: Hat sie... hast du etwas an ihr bemerkt? Körperliche Veränderungen?

Jorund: [zögert] Ihre Augen scheinen manchmal... heller zu sein. Im Dunkeln. Und... [noch leiser] ...neulich sah ich Muster auf ihrer Haut, als sie schlief. Wie feine dunkle Adern, aber sie verschwanden, als ich eine Kerze anzündete.

Morcar: [beugt sich vor und legt eine Hand auf Jorunds Arm] Du solltest mit ihr reden, Freund. Frage sie, was in jener Nacht wirklich geschah. Bevor es... zu spät ist.

Jorund: [besorgt] Zu spät wofür?

Morcar: [zögert] Mein Großvater sagte, wenn die Besucher zu lange in einem Menschen verweilen... wird der Mensch mehr wie sie. Und weniger wie wir.

Jorund: [schüttelt ungläubig den Kopf] Das ist Unsinn, altes Gerede. Sigrid ist meine Frau. Sie ist dieselbe Frau, die ich geheiratet habe.

Morcar: [erhebt seinen Krug] Natürlich ist sie das. Vergiss, was ich gesagt habe. Es ist nur altes Gerede, wie du sagst.

[Sie stoßen an, aber das Unbehagen bleibt in der Luft hängen]

Jorund: [nach einem langen Schweigen] Und wenn... wenn es wahr wäre? Was soll ich tun?

Morcar: [ernst] Wenn du wirklich glaubst, dass etwas nicht stimmt... es gibt einen Mann in Wolfstal. Ein Hüter der Alten Pfade. Er weiß mehr über solche Dinge als jeder Orden in Lumaris. Vielleicht könnte er helfen.

Jorund: [sieht in seinen Krug] Ich liebe sie, Morcar. Was auch immer geschieht, ich liebe sie.

Morcar: [nickt] Ich weiß, Freund. Ich weiß.

[Der Wirt ruft zum letzten Ausschank, und das Gespräch verstummt. Aber Jorunds Sorgen bleiben, schwer wie Steine auf seinem Herzen.]

Draußen zieht eine Wolke über Barkuz, und für einen Moment scheint das silbrige Band am Himmel zu flimmern, als würde es auf die Gedanken der Menschen unten reagieren. Dann ist es wieder still und unveränderlich, wie seit Menschengedenken.

Die Reise nach Wolfstal

Elvas Tagebuch

Aus den Aufzeichnungen der jungen Elva Eichental

Mama sagte, ich dürfe mit Oma Sigrid und Opa Jorund nach Wolfstal reisen, weil ich alt genug sei und weil Oma jemanden bräuchte, der ihr bei den Webarbeiten hilft. Aber ich glaube, das stimmt nicht ganz. Ich bin zwar erst sechs Sommer - fast zwölf irdene Sommer - alt, aber nicht dumm. Die Erwachsenen denken immer, wir Kinder merken nichts, aber ich sehe mehr als sie glauben.

Heute Morgen stehen wir noch vor Sonnenaufgang auf. Der Himmel ist noch dunkel, und Hwīlô hängt bleich über den Dächern von Haselhain. Ich schaue aus dem Fenster unserer kleinen Kammer und sehe, wie Opa Jorund den Karren belädt. Er wirkt angespannt, ganz anders als sonst, wenn wir zum Markt nach Lumaris fahren. Da scherzt er immer und singt alte Lieder.

Oma Sigrid sitzt am Tisch und webt noch schnell etwas zu Ende. Ihre Finger fliegen über den kleinen Rahmen, schneller als ich je gesehen habe. Das Muster, das entsteht, ist seltsam – es sieht aus wie verschlungene Wege oder Flüsse, die sich kreuzen und wieder trennen. Als ich näher trete, lächelt sie zu mir hoch, und für einen Moment scheinen ihre Augen im Halbdunkel zu leuchten, wie die einer Katze.

"Elva, Liebes," sagt sie, "bist du bereit für die große Reise?"

Ich nicke und setze mich neben sie. "Was webst du da, Oma?"

"Eine Karte," antwortet sie, ohne aufzublicken. "Damit wir den Weg finden."

"Aber Opa kennt doch den Weg nach Wolfstal," sage ich verwirrt.

Oma lacht leise, ein Geräusch wie plätscherndes Wasser. "Es gibt viele Wege, mein Schatz. Manche sind sichtbar, manche nicht."

Oma ist ganz anders

Seit dem Frühling ist Oma anders. Nicht schlimm anders, nur... fremd manchmal. Als hätte sie Geheimnisse, die sie mit niemandem teilt. Meine Mutter sagt, sie mache sich Sorgen um Oma, und Papa flüstert manchmal mit Opa Jorund, wenn sie denken, ich höre nicht zu.

Oma war früher immer so vorhersehbar, so... gewöhnlich. Eine Weberin wie viele andere im Dorf, die schöne, aber einfache Tücher und Decken machte. Jetzt weben ihre Finger Muster, die niemand versteht. Muster, die sich zu bewegen scheinen, wenn man nicht direkt hinsieht.

Und dann ist da noch ihr Garten. Alle im Dorf reden darüber. Die Pflanzen dort wachsen so üppig, als hätte man sie mit Zauberei gedüngt. Letzten Monat pflückte Oma eine Birne, die von innen heraus leuchtete, als hätte sie einen kleinen Stern verschluckt. Sie ließ mich davon kosten, und sie schmeckte süßer als Honig und hinterließ ein Kribbeln auf meiner Zunge.

"Beeil dich, Elva," ruft Opa vom Hof. "Die Sonnen werden bald aufgehen, und wir haben einen weiten Weg vor uns."

Ich schnappe meinen Beutel und einen Korb mit Webgarn, den Oma vorbereitet hat. Die Fäden darin schimmern in seltsamen Farben – tiefblau wie der Nachthimmel, silbrig wie Barkuz und ein Grün, das so tief und lebendig ist, dass es fast zu atmen scheint.

Die große Reise

Draußen umarme ich Mama zum Abschied. Sie drückt mich fest und flüstert mir ins Ohr: "Pass auf deine Oma auf, Elva. Und..." Sie zögert. "Erzähl mir alles, wenn ihr zurückkommt."

Das ist seltsam. Warum sollte ich auf Oma aufpassen? Sollte es nicht umgekehrt sein?

Opa hilft mir auf den Karren und ich setze mich zwischen Stoffballen und Körbe. Unser altes Pferd Dragan schnaubt ungeduldig. Als Oma aus dem Haus tritt, wird er plötzlich still und seine Ohren zucken nervös. Tiere verhalten sich merkwürdig um Oma, seit dem Frühling. Unser Kater Whisker folgt ihr überallhin wie ein Schatten, aber die Hühner flattern aufgeregt, wenn sie sich nähert.

"Sieben Tage bis Wolfstal," murmelt Opa, als er die Zügel ergreift. "Sieben Tage hin, sieben zurück."

"Es könnte schneller gehen," sagt Oma leise. "Wenn wir den anderen Weg nehmen würden."

Opa wirft ihr einen seltsamen Blick zu. "Wir nehmen den Handelsweg, Sigrid. Wie jeder vernünftige Mensch."

Oma lächelt nur und setzt sich neben mich. Ihre Hand streicht über meinen Arm, und ich spüre ein sanftes Kribbeln, wie wenn man barfuß über taufeuchtes Gras läuft.

Die Reise beginnt

Als wir losfahren, dämmert der Morgen. Die ersten Strahlen von Dagaz färben den Himmel rosa und golden. Ich drehe mich um und schaue zurück auf unser Dorf, auf unser kleines Haus mit dem wundersamen Garten. Für einen Moment meine ich, einen Schatten zu sehen, der sich zwischen Omas Beeten bewegt, obwohl niemand dort sein sollte. Dann biegen wir um eine Kurve, und das Dorf verschwindet aus meinem Blick.

Oma summt eine Melodie, die ich noch nie gehört habe. Es klingt nicht wie die Lieder, die die Leute in der Kirche singen oder wie die alten Balladen, die Opa manchmal zum Besten gibt. Es klingt... älter. Als käme es nicht aus ihrer Kehle, sondern aus der Erde selbst.

"Wohin fahren wir genau in Wolfstal, Opa?" frage ich, um die seltsame Stille zu brechen.

Opa räuspert sich. "Zu einem alten Freund. Ein... Heiler. Jemand, der Oma helfen kann."

"Bin ich krank, Jorund?" fragt Oma mit einem Lächeln, das ihre Augen nicht erreicht.

"Nein, natürlich nicht," antwortet Opa schnell. "Aber... du bist nicht ganz du selbst, seit dem Frühling. Seit..."

Er verstummt, und Oma wendet den Blick ab, hoch zum Himmel, wo Barkuz als blasses Band noch sichtbar ist. Ihr Gesicht wird weich, fast sehnsüchtig.

"Seit die Schafe gestorben sind," beende ich seinen Satz. Das weiß jeder im Dorf – am selben Tag, als sieben Schafe in einem perfekten Kreis tot aufgefunden wurden, begann Oma sich zu verändern.

Beide Erwachsenen schauen mich überrascht an, als hätten sie vergessen, dass ich da bin.

Omas Geheimnis

"Elva, Liebes," sagt Oma und nimmt meine Hand. Auf ihrer Haut erscheinen für einen Moment feine, dunkle Linien, wie die Äderung eines Blattes. "In Wolfstal wirst du Dinge sehen und hören, die... ungewöhnlich sind. Dinge, über die wir im Dorf nicht sprechen."

"Sigrid," warnt Opa, aber Oma ignoriert ihn.

"Du hast die Augen deiner Urgroßmutter," fährt sie fort. "Sie konnte die Geister in den Bäumen sehen und die Stimmen der Alten Pfade hören. Vielleicht kannst du das auch."

Ich spüre, wie mein Herz schneller schlägt. Mama hat mir verboten, mit Oma über die Alten Pfade zu sprechen. Sie sagt, das sei ketzerisch und würde den Orden des Schildes auf uns aufmerksam machen. Aber heimlich liebe ich Omas Geschichten über die Zeit, bevor die Himmlischen Heerscharen kamen.

"Genug davon," sagt Opa streng. "Elva, sieh mal, da vorne ist ein Reh im Wald."

Ich schaue in die Richtung, in die er zeigt, aber da ist kein Reh. Nur Bäume und der lange, staubige Weg vor uns. Als ich mich wieder umdrehe, sitzen Oma und Opa schweigend nebeneinander, beide in ihre eigenen Gedanken versunken.

Die Reifen des Karrens knirschen auf dem Kiesweg, und das gleichmäßige Klappern von Dragans Hufen hat etwas Beruhigendes. Ich schließe die Augen und lehne mich an einen der Stoffballen.

Elvas Vorahnung

Was auch immer in Wolfstal auf uns wartet – ich bin sicher, es wird eine Reise, die ich nie vergessen werde. Oma ist vielleicht anders geworden, aber sie ist immer noch meine Oma. Und wenn sie wirklich mit den Geistern in den Pflanzen sprechen kann... nun, vielleicht kann sie mir beibringen, wie das geht.

Ich öffne die Augen wieder und sehe, wie Oma etwas in den Stoffsaum meines Kleides stickt – ein kleines, kompliziertes Symbol, das wie ein Auge aussieht, umgeben von gewundenen Linien. Sie bemerkt meinen Blick und legt einen Finger auf die Lippen.

"Ein Schutz," flüstert sie, so leise, dass Opa es nicht hören kann. "Für die Reise zwischen den Welten."

Ich weiß nicht, was sie damit meint, aber ich nicke ernst. Manchmal denke ich, dass Oma nicht nur anders geworden ist – sie ist mehr geworden. Mehr als eine einfache Weberin aus Haselhain. Mehr als nur meine Großmutter.

Und manchmal, wenn ich sie im Garten beobachte oder wenn ich die schimmernden Fäden ihrer neuen Webarbeiten berühre, frage ich mich, ob ein Teil von dem, was sie jetzt ist, auch in mir schlummert, wartend wie ein Samen in der Erde.

Der Karren rumpelt weiter, Wolfstal entgegen, und hoch am Himmel wird Barkuz blasser, als die beiden Sonnen höher steigen. Aber ich weiß, dass er heute Nacht wieder da sein wird, silbrig und geheimnisvoll – genau wie die Geheimnisse, die wir mit uns tragen.

Die Geheimversammlung

Eine Zusammenkunft des Inneren Kreises der Sternenwächter in Wolfstal, 35 Jahre später

Der unterirdische Versammlungsraum unter dem nordwestlichen Turm der Sternenwächter-Kapelle zu Wolfstal war spärlich erleuchtet. Sieben Lampen aus getöntem Glas warfen ihr gedämpftes Licht auf einen kreisrunden Tisch aus dunklem Holz. Die Luft roch nach Wachs, altem Pergament und dem beißenden Duft des Weihrauchgemisches, das nur bei diesen geheimen Versammlungen verwendet wurde.

Der Innere Kreises

Luminar Thaddeus betrat als letzter den Raum, seine hagere Gestalt eingehüllt in die nachtblaue Robe des Ordens des Spiegels. Der silberne Anhänger an seiner Brust, ein vielflächiger Spiegel mit einem eingearbeiteten Auge, reflektierte das Licht der Lampen in winzigen, tanzenden Funken. Sein Gesicht war faltig und schmal, mit tiefliegenden Augen, die mehr gesehen hatten als die meisten Menschen in mehreren Leben.

Am Tisch warteten bereits sechs weitere Gestalten, jede ein hochrangiges Mitglied eines der Sieben Orden. Thaddeus nahm seinen Platz ein und neigte leicht den Kopf zum Gruß.

"Die Sterne führen uns durch die Dunkelheit," sprach er die traditionelle Eröffnungsformel.

"Und unser Wissen schützt die Welt vor dem Vergessen," antworteten die anderen im Chor.

Schwester Myriam vom Orden der Lampe, deren kupferfarbenes Haar von silbernen Strähnen durchzogen war, beugte sich vor. Ihre scharfen grünen Augen fixierten Thaddeus mit unverhohlener Neugier.

"Wir sind hier, um von deiner Einschätzung zu hören, Bruder," sagte sie ohne Umschweife. "Die junge Novizin, Schwester Elva. Du hast mit ihr gesprochen?"

Thaddeus legte seine knochigen Hände flach auf den Tisch und atmete tief ein. "Ja. Ich führte ein... vorsichtiges Gespräch mit ihr, wie angewiesen."

"Und?" Die tiefe Stimme gehörte Reichard vom Orden des Schildes, einem breitschultrigen Mann mit militärischer Haltung und einer Narbe, die seine rechte Wange teilte. Seine Ungeduld war spürbar, typisch für einen Mann der Tat.

"Gemäßigt, Bruder Reichard," mahnte eine sanfte, melodische Stimme. Es war Aisling vom Orden des Gefäßes, deren helle Haut im Lampenlicht fast durchscheinend wirkte. "Solche Entscheidungen verlangen Behutsamkeit."

Eine ungewöhnliche Novizin

Thaddeus nickte ihr dankbar zu, bevor er fortfuhr. "Schwester Elva ist... ungewöhnlich. Ihre Geschichte kennt ihr alle – eine Waise, die allein in Wolfstal ankam, von uns aufgenommen wurde und sich dem Orden des Spiegels anschloss. Fünfzehn Jahre ist das nun her."

"Was wir nicht kennen, sind die Umstände, die zu ihrer Ankunft führten," warf Magister Dorian vom Orden der Waage ein. Sein akkurat gestutzter silberner Bart und die präzisen Bewegungen seiner Hände unterstrichen sein Wesen – analytisch und detailorientiert. "Die Aufzeichnungen sind... lückenhaft."

"Absichtlich lückenhaft, wie ich vermute," fügte Thaddeus hinzu. "Meine Vorgängerin, Luminara Elisbeth, nahm dieses Mädchen unter ihre Fittiche und sorgte persönlich für ihre Ausbildung. Was immer sie in Elva sah – sie hielt es für wichtig genug, um Spuren zu verwischen."

Ein nervöses Rascheln ging durch die Versammlung. Bruder Yves vom Orden des Samens, ein älterer Mann mit erdverkrusteten Händen und einem wettergebräunten Gesicht, brach das entstehende Schweigen.

"Spekulationen bringen uns nicht weiter. Was hast du in ihr gesehen, Thaddeus? Ist sie geeignet, in die inneren Geheimnisse eingeweiht zu werden?"

Vorsichtige Beobachtungen

Thaddeus schloss kurz die Augen, als würde er ein inneres Bild heraufbeschwören. "Als ich mit ihr sprach, bemerkte ich mehrere... Besonderheiten. Ihre Augen – sie scheinen manchmal von innen zu leuchten, besonders wenn sie erregt oder emotional bewegt ist. Nichts Offensichtliches, nur ein Schimmern, das man leicht übersehen könnte."

"Das allein bedeutet nichts," warf Reichard ein.

"Nein," stimmte Thaddeus zu. "Aber da ist mehr. Ich testete sie, indem ich ein paar Tropfen Wasser aus dem Kelch der Wahrhaftigkeit in ihren Tee gab."

Mehrere Anwesende richteten sich alarmiert auf. Der Kelch der Wahrhaftigkeit war ein altes Relikt, dessen Wasser dazu diente, Einflüsse von Barkuz zu enthüllen.

"Und?" Dorians Stimme war jetzt merklich angespannt.

"Ihr Tee begann zu schimmern, ganz schwach, aber unverkennbar. Sie bemerkte es nicht – oder tat zumindest so. Doch als sie den Becher absetzte, sah ich feine, dunkle Linien auf ihrem Handrücken, die entlang ihrer Venen pulsierten. Sie verschwanden innerhalb von Augenblicken."

Eine bedrückte Stille legte sich über den Raum. Schließlich war es Schwester Aisling, die die Frage stellte, die allen auf der Zunge lag.

"Glaubst du, sie trägt einen Besucher in sich? Einen, der nicht erkannt werden will?"

Als Besucher bezeichneten sie in ihrem inneren Kreis die Wesen von Barkuz, die Mittel und Wege fanden, nach Weraldiz zurückzukehren – sei es als Bewusstsein, das einen menschlichen Wirt besetzte, oder in selteneren Fällen als eigenständige Entität.

Die Symbiose

"Ich bin mir nicht sicher." Thaddeus hielt inne und wählte seine nächsten Worte mit Bedacht. "Es ist komplexer. Als ich versuchte, ihren Geist zu sondieren – eine oberflächliche Berührung nur, nichts Invasives – spürte ich keinen Widerstand. Kein Verbergen. Aber ihr Bewusstsein..." Er suchte nach den richtigen Worten. "Es war, als würde ich in ein Gefäß blicken und fände dort nicht nur Wasser, sondern auch... etwas Anderes, das vollständig mit dem Wasser vermischt ist. Nicht zwei separate Dinge, sondern eine neue Substanz."

"Eine Symbiose?" fragte Schwester Loreena vom Orden des Flügels, die bis jetzt schweigend zugehört hatte. Ihre Stimme war rauchig, mit einem leichten Akzent, der ihre weiten Reisen verriet. "So etwas haben wir seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen."

"Vielleicht," erwiderte Thaddeus. "Ich glaube, was immer mit ihr geschah, liegt lange zurück. Möglicherweise in ihrer Kindheit, bevor sie zu uns kam. Und was auch immer es war – es hat sie nicht besetzt oder verdrängt. Es ist Teil von ihr geworden."

"Gefährlich," grollte Reichard. "Zu gefährlich für die inneren Kreise. Der Orden des Schildes rät zur Vorsicht."

"Natürlich tut er das," bemerkte Loreena mit einem Anflug von Sarkasmus. "Weil Vorsicht so oft Furcht bedeutet."

"Schwester," ermahnte Thaddeus sanft.

Die Entscheidung des Rates

Magister Dorian strich nachdenklich über seinen Bart. "Die Mondgleiche rückt immer näher. Wir brauchen alle fähigen Mitglieder, die wir finden können. Aber der Orden der Waage stimmt Bruder Reichard zu – das Risiko ist beträchtlich."

"Die Frage ist nicht nur, ob sie eine Gefahr ist," wandte Yves ein, "sondern was wir von ihr lernen könnten. Wenn sie tatsächlich seit ihrer Kindheit in Symbiose mit... etwas... lebt, könnte das wertvolle Erkenntnisse liefern."

Myriam, die bisher aufmerksam zugehört hatte, richtete ihren durchdringenden Blick auf Thaddeus. "Du hast uns noch nicht deine eigene Meinung gegeben, Bruder. Nicht als Beobachter, sondern als jemand, der mit ihr gesprochen hat. Was ist dein Gefühl?"

Thaddeus seufzte tief. "Sie ist brillant. Intuitiv. Sie sieht Muster, die anderen verborgen bleiben. Ihre Traumdeutungen übertreffen die vieler erfahrener Mitglieder. Und..." Er zögerte. "Es gibt etwas an ihr, das mich an die alten Geschichten erinnert. Die Weisheitshüter der Zeit vor dem Aufstieg."

Ein erschrockenes Murmeln ging durch den Raum.

"Eine gewagte Behauptung," sagte Dorian mit hochgezogenen Augenbrauen.

"Keine Behauptung. Ein Eindruck," korrigierte Thaddeus. "Ich glaube, wir sollten sie testen. Nicht auf die übliche Weise, sondern mit dem Spiegel der Wahren Gesichter."

Der Vorschlag ließ selbst Reichard sprachlos zurück. Der Spiegel der Wahren Gesichter war ein uraltes Artefakt, das alle Illusionen und Verkleidungen durchdrang – auch jene, die sich der Träger selbst auferlegte. Er wurde selten verwendet, da die Konfrontation mit dem eigenen wahren Wesen für viele zu erschütternd war.

"Das ist... drastisch," sagte Aisling schließlich leise.

"Ja. Aber notwendig, denke ich. Wenn sie eine Bedrohung ist, wird der Spiegel es zeigen. Wenn nicht..." Thaddeus ließ den Satz unvollendet.

"Dann könnte sie tatsächlich von enormem Wert sein," vollendete Myriam und nickte langsam. "Der Orden der Lampe unterstützt diesen Vorschlag. Wissen ist unser Bestreben, auch wenn es beunruhigend sein mag."

Loreena vom Orden des Flügels neigte ebenfalls zustimmend den Kopf. "Wir dürfen keine Möglichkeit ungenutzt lassen, mehr über Barkuz zu erfahren. Nicht so kurz vor der zweiten Mondgleiche."

Die anderen wechselten Blicke, wogen stumm ab. Schließlich sprach Reichard für den Orden des Schildes.

"Unter einer Bedingung: Ich und meine besten Leute werden anwesend sein, bewaffnet mit den Schutzsiegeln."

"Einverstanden," sagte Thaddeus.

"Der Orden des Gefäßes stimmt zu," fügte Aisling hinzu, "mit dem Zusatz, dass ich bereitstehe, falls... falls die Erfahrung zu überwältigend für sie sein sollte."

Einer nach dem anderen gaben die Vertreter der Orden ihre Zustimmung, bis schließlich alle einig waren.

Thaddeus erhob sich, die anderen folgten seinem Beispiel. "Dann ist es beschlossen. In drei Tagen, zur Mitternachtsstunde, wenn Barkuz im Zenit steht. Wir werden Schwester Elva vor den Spiegel der Wahren Gesichter führen. Mögen die Himmlischen Heerscharen uns beistehen."

Thaddeus' Geheimnis

Als die anderen den Raum verlassen hatten, blieb Thaddeus allein zurück. Er trat zu einer Wandnische, in der eine einzelne Kerze brannte. Im flackernden Licht betrachtete er ein kleines, vergilbtes Stück Stoff, das dort in einem Rahmen hing – ein Webmuster von bemerkenswerter Komplexität. Linien, die sich kreuzten und wieder trennten, wie verschlungene Wege oder ein kosmisches Netz.

Es war das einzige, was Elva bei sich getragen hatte, als sie vor fünfzehn Jahren allein in Wolfstal ankam – ein Stoffstück, eingenäht in den Saum ihres Kleides.

Thaddeus hatte Elva nicht die ganze Wahrheit gesagt. Er hatte sie erkannt, sobald er sie sah. Das Gesicht ihrer Großmutter blickte ihm aus ihren Augen entgegen – Sigrid Eichental, die Weberin aus Haselhain, deren Verschwinden nach einer seltsamen Sternschnuppe einer der ersten Fälle gewesen war, die er als junger Sternenwächter untersucht hatte.

"Was bist du, Elva aus Haselhain?" flüsterte er in die Stille. "Und was ist aus deinen Großeltern geworden?"

Die Kerze flackerte, als hätte ein unsichtbarer Hauch sie gestreift. Für einen Moment meinte Thaddeus, feine dunkle Linien auf dem eingerahmten Stoffstück pulsieren zu sehen – wie Adern, die von einem fremden Leben erfüllt waren. Doch als er genauer hinsah, war alles wieder still und unbeweglich.

In drei Tagen würden sie es wissen. In drei Tagen würde Elva dem Spiegel gegenüberstehen. Und der Spiegel der Wahren Gesichter log nie.