San'Galur – Thron der Ewigkeit
Bericht einer Vermessung im Nordland, Spätherbst bis Winter 843 WZ
„Ein Instrument, das den Versuch nicht überdauert, ist kein schlechtes Instrument. Es ist ein verbrauchtes. Wer den Unterschied nicht kennt, hat in einem Laboratorium nichts zu suchen." — Aus einem unbezeichneten Feldbuch, dem Hause der flüsternden Tinte zugeschrieben
Der Posten am Njukčajávri
Der Posten lag dort, wo der Nadelwald aufhört, ohne dass man sagen könnte, an welcher Stelle. Die Kiefern wurden erst niedriger, dann krumm, dann standen sie in Gruppen wie Leute, die sich gegen den Wind zusammendrängen, und zuletzt standen sie gar nicht mehr, und es war Tundra. In diesem Übergang, an einem See, dessen Ufer im Herbst schwarz war von faulendem Schilf, hatten die Rieban-sidd ihre Vorratshäuser auf Pfähle gestellt, vier an der Zahl, dazu eine lange Hütte aus geschältem Holz, in der man Felle stapelte, Salz lagerte und im Winter schlief. Es gab keinen Zaun, denn es gab nichts, wovor man sich hätte einzäunen müssen. Wer hierher kam, kam mit Absicht.
Aratz Iragantzaile hatte drei Tage hier gewartet und in dieser Zeit die Bauart der Vorratshäuser aufgezeichnet, die Neigung ihrer Dächer, den Abstand der Pfähle, die Art, wie man die Zapfen einließ, ohne Nägel zu verwenden. Er tat das nicht, weil ihn Vorratshäuser interessierten. Er tat es, weil das Warten eine Beschäftigung verlangte, die aussah wie Arbeit, und weil er gelernt hatte, dass ein Mann, der schreibt, seltener gefragt wird, was er hier tue.
Sie waren zu viert gekommen. Uxue Bururtzaile, welche die Versuchsreihe leitete — im Feldbuch wie im Gespräch hieß sie nur die Reihe — und die er in Gedanken nie anders nannte als bei ihrem Alltagsnamen, obwohl sie das Recht auf ein sehr viel größeres Maß gehabt hätte; Garazi Nahastzaile, die die Kiste mit den Fläschchen trug und niemandem erlaubte, sie ihr abzunehmen, auch nicht beim Aufstieg über die Blockhalde am dritten Tag; Telmo Ehiztari, der die Tiere versorgte, wenig sprach und beim Sprechen einen Dialekt zeigte, den man in den Enklaven für unfein hielt; und er selbst, dessen Aufgabe darin bestand, alles aufzuschreiben, was geschah, und dabei zwischen dem zu unterscheiden, was er gesehen, und dem, was er geschlossen hatte. Man hatte ihm das früh beigebracht, und er war gut darin. Die Trennung von Beobachtung und Schluss war die einzige Frömmigkeit, die er besaß.
Am Morgen des vierten Tages, in der neunten Stunde, als die zweite Sonne eben über den Wald kam, blaugrau und klein und ohne rechte Wärme, kamen die Schlitten.
Es waren drei Gespanne, geführt von einer Frau in einem Gákti von so verwaschenem Rot, dass man die Musterbänder nur noch erriet. Sie ging neben dem ersten Tier her, nicht darauf, und sie ging so, wie Leute gehen, die keine Eile kennen, weil sie mit dem Wetter rechnen und nicht mit der Stunde. Auf ihrer linken Schulter saß ein Rabe. Er war weiß, nicht wie Schnee weiß ist, sondern wie ein Knochen, den man lange im Wasser gelassen hat, und er blieb sitzen, auch als sie stehen blieb und die Riemen aus der Hand legte.
„Ravna Máret-gáhtni", sagte Uxue.
„Ihr habt lange gebraucht", sagte die Frau.
„Wir sind seit vier Tagen hier."
„Ich meinte nicht die Tage. Ich meinte die Jahre." Sie sah an ihnen vorbei auf die Kiste, die Garazi zwischen den Füßen hatte. „Man hat mir dreimal versprochen, dass jemand kommt. Zweimal ist niemand gekommen."
„Wir sind die dritte Zusage."
„Ja", sagte Ravna. „Das seid ihr."
Sie handelten im Vorratshaus, weil dort kein Wind war. Die Ware, die die Non'Gaudener mitgebracht hatten, stand in vier Kisten auf dem Bretterboden, und Aratz schrieb sie auf, während Ravna sie ansah: sechzig Tafeln Fensterglas, in Stroh gepackt, jede Tafel eine Elle im Geviert; zwei Fässer Salz; ein Kasten mit Lampenöl in Blechbehältern, wie man sie in Ezagutza für Werkstätten füllte; ferner sechs Messer, ein Beil, zwei Rollen Kupferdraht und ein Ballen ungefärbter Wolle. Es war, gemessen am Aufwand des Marsches, ein lächerlicher Warenwert. Aratz hatte in den Enklaven für ein einziges gutes Instrument mehr bezahlt.
Ravna prüfte das Glas am längsten. Sie hob eine Tafel gegen das Licht des offenen Tors, drehte sie, ließ sie sinken, hob sie wieder. „Es hat keine Blasen", sagte sie.
„Nein."
„Das Glas, das über den Duottar kommt, hat immer Blasen. Man sieht die Welt darin, als läge sie unter Eis."
„Dieses hier ist ohne Blasen", sagte Uxue.
Die Frau stellte die Tafel zurück ins Stroh, sorgfältig, wie man ein Kind hinlegt. Dann sagte sie: „Und den Namen."
Uxue schwieg eine Weile. Draußen schrie eines der Rentiere, und Telmo antwortete ihm mit einem Laut, den er sich unterwegs bei den Treibern abgesehen hatte.
„Wir haben nicht besprochen, dass ein Name Teil des Preises ist", sagte Uxue.
„Ihr habt besprochen, dass ich euch hinführe. Ich führe nicht zu etwas, das keinen Namen hat. Das ist kein Handel, das ist Herumlaufen."
„Es kann sein, dass der Name nichts bedeutet."
„Dann bedeutet er nichts, und ihr habt nichts hergegeben."
Aratz sah, wie Uxue die Handschuhe auszog, Finger für Finger, und sie über den Kistenrand legte. Sie waren grau und aus dünnem Leder und hatten keinen anderen Zweck, als dass man sie trug. Ihre Hände darunter waren die Hände einer Frau in den besten Jahren, gepflegt, unbeschädigt, und sahen aus, als hätten sie noch nie etwas gehoben, das schwerer war als ein Buch.
„San'Galur", sagte Uxue.
Es geschah nichts. Der Rabe rührte sich nicht, das Licht im Tor blieb, wie es war, und der Geruch nach Salz und feuchtem Stroh blieb ebenfalls. Aber Ravna Máret-gáhtni schloss die Augen und hielt sie eine Zeit lang geschlossen, und als sie sie wieder öffnete, war in ihrem Gesicht die Erleichterung eines Menschen, dem man eine lang getragene Last endlich bestätigt hat, ohne sie ihm abzunehmen.
„Sagt es noch einmal."
„San'Galur."
„Ja", sagte sie. „So klingt es. Ich habe es zwölf Jahre lang geträumt und nie gehört."
Sie schob die Kiste mit dem Glas mit dem Fuß beiseite, als wäre sie bereits bezahlt und abgeräumt. „Wir brechen morgen auf. Nach der Schattenruhe, nicht davor. Meine Leute taugen nichts im hellen Morgenwerk, das Licht macht sie laut."
„Ihre Leute", wiederholte Uxue.
„Sechs", sagte Ravna. „Wie besprochen. Sie sind draußen bei den Schlitten. Ihr könnt sie euch ansehen, aber fasst sie nicht an, bevor ich es sage."
Aus dem Feldbuch, erste Eintragung
Reihe Nord, Tag 1. Njukčajávri, 533 NZ.
Übergabe vollzogen. Gegenleistung nach Verzeichnis (Anlage I), Wert nach Enklavenpreis: 41 Silbermark. Führerin verlangte zusätzlich die Nennung des Zielnamens, was gewährt wurde. Anmerkung: Die Nennung erzeugte bei ihr eine deutliche Reaktion, ohne dass sie den Namen zuvor gekannt haben kann. Dies stützt die Annahme der Meisterin, dass die Ortsbezeichnung selbst als Rest im Gedächtnis der Betroffenen liegt und durch äußere Nennung geweckt werden kann. Für die Vermessung ist das erheblich: Wir suchen keinen Ort, wir suchen eine Erinnerung, die einen Ort hat.
Instrumentenbestand: sechs Stück. Aufnahme siehe Anlage II.
— A. Iragantzaile, Aufzeichnender
Die Sechs
Sie saßen im Windschatten der Schlitten, jeder für sich, und keiner von ihnen sah einen anderen an. Das war das Erste, was Aratz auffiel und was er noch am selben Abend notierte: Sie waren zusammen gebracht worden, aber sie waren keine Gruppe. Sie hockten wie Steine, die jemand nebeneinandergelegt hat.
Der Älteste hieß Njálla Heaika-bártni. Er war fast blind; über beiden Augen lag ein milchiger Schleier, und wenn er den Kopf drehte, tat er es zu weit, als müsse er das Gehör dorthin bringen, wo das Sehen fehlte. Auf seinen Handrücken und den Wangen zog sich eine Zeichnung über die Haut, die keine Narbe und kein Muttermal war, sondern ein Muster aus regelmäßigen Sechsecken, blass und braun, so gleichmäßig, als habe man es mit einem Stempel aufgetragen. Aratz brauchte einen Augenblick, bis er begriff, dass ihn daran nicht die Fremdheit störte, sondern die Genauigkeit. Die Natur macht keine so guten Sechsecke.
Neben ihm saß Fávru Luossa-nieida, eine Frau in den jungen Jahren, breit und stark und mit rissigen Händen. Sie hielt den Kopf schief und lauschte, und als Telmo die Zugtiere umspannte, sagte sie, ohne hinzusehen: „Das dritte hat einen Stein im linken Vorderhuf." Telmo sah nach. Es stimmte. Später erklärte Ravna, Fávru höre die Herde, nicht die Laute der Herde, sondern die Herde selbst; sie könne nachts nicht schlafen, wenn Tiere in der Nähe seien, weil dann sechzig Mägen zugleich verdauen.
Der dritte war Suovva Goavvi-álggi, ein hagerer Mensch mit einem sehr freundlichen Gesicht, dem ein Fuchs zu Füßen lag. Das Tier war silbergrau und viel zu ruhig, und es sah die Fremden der Reihe nach an, einen nach dem anderen, mit der Sorgfalt eines Menschen, der Namen zu Gesichtern lernt. Suovva sprach viel, in kurzen, höflichen Sätzen, und alles, was er sagte, war belanglos und richtig. Er sagte: Das Wetter wird sich zur Abendruhe drehen. Er sagte: Ihr habt gutes Leder an den Stiefeln, aber die Naht ist falsch gesetzt. Er sagte: Ihr solltet die Kiste nicht neben das Feuer stellen. Nie sprach er von sich.
Die vierte hieß Pinja Ánde-nieida. Sie saß ein wenig abseits, hatte ein Stück Rentierhaut über den Knien und ritzte mit einem Nagel darauf herum. Aratz trat näher und sah, dass sie einen Raum zeichnete: ein Achteck, von oben gesehen, mit acht Wänden, die alle gleich lang waren, und in der Mitte eine kleine Aussparung, die sie immer wieder nachzog, bis der Nagel durch die Haut ging. Um sie herum lagen andere Häute, viele, gerollt und mit Sehnen gebunden, und Ravna sagte, sie zeichne dasselbe seit sieben Jahren, jeden Tag, mehrere Male, und sie zeichne es falsch, wenn man sie beim Zeichnen anspreche, und richte es dann nach, sobald man wieder gehe.
Der fünfte war Issát Guolban-bártni, und mit ihm hatte Aratz die meiste Mühe.
Issát war jung, kaum in die jungen Jahre eingetreten, mit einem noch nicht fertigen Gesicht. Er saß ganz still, und dann sagte er in Uxues Stimme, vollkommen genau, bis auf die kleine Härte, die sie am Wortende hatte: „Wir sind die dritte Zusage."
Uxue drehte sich um.
„Er wiederholt, was in der Nähe gesprochen wurde", sagte Ravna. „Manchmal Stunden später. Manchmal Dinge, die niemand in seiner Nähe gesprochen hat."
„Woher weiß man das?"
„Man weiß es nicht", sagte Ravna. „Man merkt nur irgendwann, dass man nie gesagt hat, was er da gerade sagt."
Issát sah zu Boden und sagte mit der Stimme eines alten Mannes, den keiner der Anwesenden kannte, sehr ruhig und in gutem Non'Gaudisch: „Man soll die Kinder nicht zählen, bevor der Schnee liegt."
Garazi lachte kurz, als hätte jemand einen Scherz gemacht, und trug etwas in ihr Heft ein.
Die sechste saß auf dem hintersten Schlitten und hatte die Beine angezogen.
Sie war fast noch ein Kind, jugendlich erst, mit dem dünnen Hals derer, die zu schnell gewachsen sind. Ihre Augen hatten verschiedene Farben, das linke grau, das rechte von einem hellen, unangenehmen Gelb, und sie hatte eine Strähne Haar, die weiß war, während alles andere schwarz blieb. Als Aratz vor sie trat, hob sie den Kopf nicht.
„Elle Ravna-gáhtni", sagte Ravna hinter ihm.
Aratz brauchte einen Augenblick, um die Endung zu ordnen. Dann drehte er sich um.
„Ihre Tochter."
„Ja."
„Sie stellen Ihre eigene Tochter."
Ravna Máret-gáhtni sah ihn an mit dem geduldigen Missfallen einer Frau, der man eine überflüssige Frage stellt, während die Schlitten noch nicht gepackt sind. „Sie ist im Frühjahr nicht zurückgekommen von der Prüfung. Nicht als das eine und nicht als das andere. Sie ist zurückgekommen wie ich."
„Das habe ich nicht gefragt."
„Doch", sagte Ravna. „Das haben Sie."
Uxue trat dazu, sah das Mädchen an, sah die Mutter an und sagte: „Die Blutsnähe ist ein Vorteil. Bei zwei Instrumenten aus einer Linie liegen die Ausschläge dichter beieinander. Man kann die Abweichung sauberer rechnen."
„Ich weiß", sagte Ravna.
Und das war das Zweite, was Aratz an diesem Tag notierte, und er notierte es unter Beobachtungen und nicht unter Schlüssen, weil er sich sicher war: Die Führerin kannte den Begriff. Sie hat nicht gefragt, was ein Instrument ist.
Der Zug nach Norden
Sie brachen am folgenden Tag auf, in der zwanzigsten Stunde, als das Abendwerk eben begonnen hatte und das Licht der kleinen Sonne so flach über die Tundra kam, dass jeder Grasbüschel seinen eigenen langen Schatten warf und das ganze Land aussah wie ein Fell, das man gegen den Strich streicht. Es war die Zeit im Herbst, in der der Boden nachts hart wird und tagsüber nicht mehr weich, und die Schlitten liefen gut über den gefrorenen Grund, besser als über Schnee.
Aratz war noch nie so weit im Norden gewesen. Er hatte darüber gelesen — man las in Ezagutza über alles —, und er hatte gedacht, dass die Weite das Erste sein würde, was einen befällt. Aber die Weite befiel ihn nicht. Was ihn befiel, war die Wiederholung. Es war nicht so, dass hier viel Land war; es war so, dass hier dasselbe Land sehr oft war. Man ging vier Stunden und kam an einen Hügel, der aussah wie der Hügel, an dem man vier Stunden zuvor gewesen war, mit demselben Rentiermoos, denselben schwarzen Flechten auf den Steinen, demselben halb ausgetrockneten Tümpel an derselben Stelle des Hangs. Nach zwei Tagen hörte er auf, sich Merkpunkte einzuprägen, und verließ sich auf seine Messkette und den Stand der Sonne. Nach vier Tagen begriff er, dass Ravna sich auf nichts von beidem verließ.
Sie wanderten in der Ordnung, die die Führerin bestimmte: zuerst sie selbst, dann Fávru, weil die Tiere ruhiger gingen, wenn sie in ihrer Nähe waren, dann die drei Schlitten, dann die übrigen. Uxue ging meist ganz hinten und sprach den ganzen Tag kein Wort. Sie hatte, das wusste Aratz, in Ezagutza einen Ruf als Vortragende von großer Klarheit; hier draußen schwieg sie wie ein Mensch, der seine Kraft nicht verschwendet.
Zweimal am Tag hielten sie, und Garazi tat ihre Arbeit.
Sie tat sie freundlich. Das war das Merkwürdige, und Aratz kam nie ganz davon los. Garazi Nahastzaile war eine kleine, rundliche Frau, die im Gehen summte, die zuerst Wasser aufsetzte und den Tee verteilte, bevor sie die Kiste öffnete, die den Leuten die Becher in beide Hände drückte, damit sie warm wurden, und die jeden von ihnen beim Namen nannte und die Namen richtig aussprach, was außer ihr niemand aus der Reihe tat.
Dann öffnete sie die Kiste. Darin lagen, in Filz gebettet, achtundvierzig Fläschchen mit einem Inhalt, farblos und trotzdem trüb, wie Wasser, in dem man Kreide gerührt hat und das sich nie klärt. Im Verzeichnis hieß der Stoff Bidegin, der Wegmacher. In der Reihe sagte niemand Bidegin. Man sagte die Tinte, und eine Gabe hieß ein Strich.
Garazi maß mit einem gläsernen Löffel ab. Sie sagte: „Einen Strich für dich, Suovva", und Suovva sagte höflich: „Danke, Herrin", und trank, und der Fuchs sah zu. Sie sagte: „Zwei für dich, Njálla, du bist schwer", und der alte Mann öffnete den Mund wie ein Vogeljunges. Sie sagte: „Einen halben für dich, Elle", und das Mädchen trank, und Garazi wischte ihr mit dem Daumen den Rest vom Kinn, wie man es bei einem Kind tut, das schlecht trinkt.
Danach setzten sie sich hin und warteten, und Aratz schrieb.
Die Wirkung setzte in der zweiten Viertelstunde ein und dauerte, je nach Gabe, drei bis fünf Stunden. Was er beobachtete, war zuerst enttäuschend gewöhnlich: Die Pupillen weiteten sich, die Hände wurden kalt, manche fingen an zu frieren und zogen sich enger zusammen. Dann kam eine Zeit, in der sie sprachen. Nicht miteinander. Jeder für sich, halblaut, in Bruchstücken.
Njálla sprach von einer Treppe, die keine Stufen hatte, sondern Absätze, und die man nicht hinabstieg, sondern auf der man stehen blieb, während sie sich abwärts bewegte.
Fávru sagte immer wieder, es sei warm. Es war nicht warm. Am fünften Tag lag Reif auf ihrem Gákti, während sie es sagte.
Pinja zeichnete. Sie zeichnete während der Wirkung schneller und ohne hinzusehen, und die Achtecke wurden nicht schlechter dabei, sondern besser.
Suovva erzählte höfliche, belanglose Dinge über Wetter und Nähte, und nur einmal, am sechsten Tag, unterbrach er sich mitten im Satz und sagte in demselben freundlichen Tonfall: „Es ist noch nicht satt", und redete dann über Nähte weiter.
Issát sprach mit vielen Stimmen. Am achten Tag sprach er zwei Stunden lang ohne Pause mit einer Frauenstimme, die niemand kannte, in einer Sprache, die niemand kannte, und Aratz schrieb sie in Lauten mit, so gut er konnte, sechs volle Seiten, und wusste dabei die ganze Zeit, dass dies das Wertvollste war, was er je aufgezeichnet hatte, und dass er es niemals würde veröffentlichen dürfen.
Es war ein wenig wie ein Zwang, den er liebte, und genau kannte. Er hatte in Ezagutza vier Jahre lang an einer Arbeit über die Zeitstellung präargitarischer Splitterfunde gesessen, und die Arbeit war gut gewesen, und sie war angenommen und gedruckt worden; und zwei Jahre darauf hatte er im Lesesaal sein eigenes Buch aus dem Regal genommen und gesehen, dass die Bogen noch ungetrennt waren. Als man ihn ansprach — es war ein Gespräch über hypothetische Forschung ohne Beschränkungen gewesen, in einem Garten, im Spätsommer, sehr beiläufig —, hatte er sich nicht gegen ein Verbot entschieden. Er hatte sich gegen die Vorstellung entschieden, sein Leben lang Dinge aufzuschreiben, die niemand lesen will. Dass die Dinge, die er nun aufschrieb, ebenfalls niemand lesen würde, war ein Widerspruch, den er kannte und über den er nicht nachdachte, weil das Aufschreiben selbst ihn befriedigte, und weil die drei oder vier Menschen, die es lesen würden, die einzigen waren, deren Urteil ihm etwas galt.
Zur dreizehnten Stunde kam wie jeden Tag die Schattenruhe.
Im Süden war sie ihm nie besonders vorgekommen. Man ging hinein, man zog die Läden nicht einmal zu, man legte sich hin, das Licht wurde silbrig und weich, und man schlief, weil man immer um diese Zeit schlief. Hier draußen war es etwas anderes. Hier sah man es kommen. Der Ring stand über dem südlichen Himmel wie ein sehr dünner heller Strich, und in der zwölften Stunde begann an seinem westlichen Ende die dichte Stelle heranzuwandern, ein Grau im Weiß, und wenn sie über einen kam, ging das Licht nicht aus, sondern es ging zurück, es wurde aus der Landschaft herausgezogen wie Blut aus einem Gesicht. Die Farben blieben, aber sie wurden gleichgültig. Und die Kälte, die im Herbstnorden ohnehin nie ganz nachließ, fiel um mehrere Grad, so schnell, dass man es am ganzen Körper spürte.
Dann legte sich alles hin. Auch die Tiere. Auch der Fuchs. Sechs Stunden lang lag die Tundra unter dem breiten grauen Band, und niemand redete, und wenn doch einer redete, klang es unanständig.
In dieser Zeit, am zehnten Tag, sagte Ravna Máret-gáhtni zu ihm, ohne sich aufzurichten: „Sie schreiben viel."
„Es ist meine Aufgabe."
„Schreiben Sie auch, was Sie denken?"
„Nein", sagte Aratz. „Nur, was ist."
Sie schwieg so lange, dass er glaubte, sie sei eingeschlafen. Dann sagte sie: „Das kann nicht gehen. Wenn man aufschreibt, was ist, muss man vorher wissen, welche Dinge sind. Und das denkt man sich aus."
Aratz war überrascht — nicht von dem Gedanken, den kannte er aus dem zweiten Studienjahr, sondern davon, ihn hier zu hören, von einer Frau, die für sechzig Tafeln Fensterglas ihre Tochter verkauft hatte. Er merkte, dass er sie unterschätzt hatte, und es machte ihn aufmerksamer.
„Warum tun Sie das?", fragte er.
„Warum tun Sie es?", fragte sie zurück.
„Weil ich wissen will, was dort ist."
„Ja", sagte Ravna. „Das ist ein guter Grund. Bei mir ist es ein anderer, und er ist schlechter, aber er ist meiner." Sie drehte sich auf die Seite, dem grauen Himmel zu. „Als ich in dem Alter war, in dem Elle jetzt ist, bin ich in die Prüfung gegangen und falsch zurückgekommen. Man hat mich nicht fortgejagt. Man hat mich behalten und mir Arbeit gegeben und nicht mehr in die Augen gesehen. Zwanzig Jahre lang hat mich niemand angesehen, so wie man einen Menschen ansieht. Man sieht an mir vorbei, wie man an einer Stelle vorbeisieht, wo einmal ein Zelt gestanden hat."
„Und dort", sagte Aratz.
„Dort ist etwas", sagte Ravna, „das ansieht. Ich weiß nicht, was. Ich weiß nur, dass es das tut. In den Träumen ist es das Einzige, was es tut."
Er notierte es am Abend, wörtlich, unter Beobachtungen. Es kam ihm später oft in den Sinn, immer in derselben Form: nicht als Erklärung, sondern als eine Angabe, die er hätte prüfen sollen und nicht geprüft hatte.
Aus dem Feldbuch, zweite Eintragung
Reihe Nord, Tag 11. Zweiter Lagerplatz östlich der Bákti-Route, 533 NZ.
Verabreichung nach Plan. Gaben bisher: Njálla 22, Fávru 14, Suovva 14, Pinja 16, Issát 19, Elle 7.
Zur Peilung: Die Hoffnung, aus den Schilderungen eine Richtung zu gewinnen, hat sich als unbrauchbar erwiesen; die Betroffenen schildern zu ungleich. Brauchbar dagegen ist die Körperhaltung. Sämtliche sechs richten unter Wirkung binnen einer Stunde Kopf und Oberkörper auf denselben Punkt aus, ohne einander zu sehen (Prüfung durch Trennung der Lagerstellen, Tag 9). Die Abweichung untereinander beträgt weniger als drei Grad. Der Punkt liegt gegenwärtig bei Nord-Nordwest.
Wir messen also nicht, was sie sagen. Wir messen, wohin sie sich drehen.
Anmerkung zur Verstärkung: Die Ausrichtung wird schärfer mit der Gabe. Bei einfacher Gabe schwankt die Haltung; bei doppelter steht sie. Die Meisterin hat die Grenze bei drei Strichen gesetzt. Ich sehe keinen Grund, unterhalb dieser Grenze zu bleiben, solange die Reihe hält.
— A. Iragantzaile, Aufzeichnender
Die erste Nadel
Issát Guolban-bártni starb am siebzehnten Tag, in der vierundzwanzigsten Stunde, kurz vor der Abendruhe.
Es geschah ohne jede Dramatik, und das war es, was Aratz an diesem Abend am meisten beschäftigte. Er hatte, ohne es sich einzugestehen, mit etwas gerechnet, das dem Vorgang angemessen gewesen wäre. Stattdessen saß der junge Mann am Feuer, drei Striche in sich, und sprach in der Stimme einer Frau, und dann hörte er mitten in einem Wort auf und saß weiter da, mit offenen Augen, und als Telmo nach einer Weile hinging und ihn an der Schulter anfasste, kippte er langsam zur Seite wie ein Sack, den man gegen eine Wand gelehnt hat.
Aus seinen Ohren war Blut gekommen, wenig, es war auf dem Kragen bereits getrocknet und braun. Garazi hob ihm die Lider, sah nach, ließ sie sinken und sagte: „Das ging schnell. Bei dem hätte ich noch drei Tage angenommen."
„Notieren Sie das Gewicht", sagte Uxue.
Sie wogen ihn mit dem Zugriemen und der Schnellwaage, die sie für die Gerätekisten mitführten, zweimal, und Aratz trug es ein: sechzig Pfund und ein Viertel, ohne Kleidung. Es kam auf das Gewicht an, weil das Verhältnis von Gabe zu Gewicht die einzige Zahl war, die man aus dem Fall gewinnen konnte, und weil Uxue, wie sie am Feuer sagte, in einer Reihe von sechs Stück nicht zwei auf dieselbe Weise verlieren wollte.
Der Boden war gefroren, und die Reihe verblieb an dieser Stelle noch zwei Tage; also schleifte Telmo ihn hundert Schritt nach Osten hinter den Felsrücken, wo man vom Lager aus nicht hinsah.
In der Nacht, zur Zeit der Besinnung, sang Ravna.
Aratz hatte in Ezagutza den Namen gekannt und in einer Vorlesung über nördliche Musikformen sechzehn Takte davon gehört, gepfiffen von einem Mann, der nie im Norden gewesen war. Jetzt hörte er es zum ersten Mal richtig, und er begriff in den ersten drei Atemzügen, dass die Vorlesung falsch gewesen war, nicht in den Tönen, sondern in der Sache. Ein Joik erzählt nicht von jemandem. Er stellt ihn hin. Solange sie sang, war Issát Guolban-bártni am Feuer, so deutlich, dass Telmo zweimal über die Schulter sah, und Aratz hielt den Stift still, weil er nicht wusste, was er hätte schreiben sollen.
Sie sang lange. Als sie fertig war, atmete sie tief, und fragte in die Stille hinein, ganz ruhig, mit der Stimme, mit der man ein Kind nach dem Weg fragt:
„Wo ist es, Issát?"
Dder weiße Rabe auf ihrer Schulter drehte den Kopf, langsam, um ein deutliches Stück nach Nord-Nordwest, und verharrte in dieser Haltung.
„Zwei Grad westlicher als gestern", sagte Ravna. „Ihr könnt es aufschreiben."
Aratz schrieb es auf. Er brauchte dafür länger als sonst, weil ihm zum ersten Mal auf dieser Reise die Finger in dieser eisigen Kälte nicht recht gehorchten.
Was ihn beschäftigte, als er später auf dem Fell lag und die anderen atmen hörte, war die Reihenfolge. Ravna hatte gesungen, und sie hatte gut gesungen, mit einer Trauer, die er nicht für gespielt hielt und für die er auch keinen Grund sah, sie für gespielt zu halten; und aus derselben Trauer heraus, ohne Bruch, ohne dass sich in ihrem Gesicht etwas verschoben hätte, hatte sie den Toten geholt, damit er noch eine Auskunft gab. Beides zugleich.
Er verstand in dieser Nacht, dass er nicht in ein Land gereist war, in dem die Leute roher wären als in Ezagutza. Er war in ein Land gereist, in dem der Unterschied zwischen Wertschätzung und Gebrauch nicht dort verlief, wo er ihn gelernt hatte. Dieser Gedanke bereitete ihm Freude, weil er sich gut aufschreiben ließ.
Am Morgen fehlte der Fuchs. Suovva saß am erloschenen Feuer und sagte höflich, das Tier komme wieder, es gehe manchmal in der Besinnung fort. Es kam nicht wieder. Drei Tage später sah Telmo im Schnee eine Spur, die neben den Schlitten herlief, in gleichbleibendem Abstand von etwa hundert Schritt, tagelang, Suovva ließ dies unkommentiert. Von diesem Moment an, sprach er auch nicht mehr über Nähte.
Die heulende Schlucht
In der zweiten Woche des Winters erreichten sie die nördlichen Ödländer, und dort schneite es zum ersten Mal richtig.
Das Land wurde härter und ärmer. Das Rentiermoos hörte auf, die Flechten hörten auf, es blieben Stein und Schnee und ein Wind, der nicht in Böen kam, sondern beständig, schneidend, eiskalt, und der keinen Anschein machte, eine Pause einzulegen. Die kleine Sonne stand jetzt nur noch drei Stunden über dem Horizont, fünf Tage später nur noch zwei; sie war blau und kalt und warf Schatten, die schärfer waren als das Licht selbst.
Ravna führte sie in eine Schlucht, deren Namen sie nicht nannte und die Aratz später in seinem Bericht die heulende Schlucht nannte, weil das der Ausdruck war, den Fávru gebrauchte, als sie zwei Stunden vorher den Kopf hob und sagte: „Hört ihr, es heult schon."
Man hörte nichts. Erst als sie zwischen die Wände kamen, hörte man es, und dann hörte man nichts anderes mehr.
Es war kein Heulen. Es war ein Ton, tief und ohne jedes Schwanken, den die Wände aus dem Wind formten, so wie ein Rohr einen Ton aus Luft formt. Aratz, der einige Physikvorlesungen besucht hatte, verstand die Sache, und das erleichterte ihn für etwa eine Stunde. Danach begann der Ton, unter dem Brustbein zu sitzen. Man konnte nicht mehr feststellen, ob man ihn hörte oder ob er aus einem selbst hervordrang.
Sie lagerten in einer Nische, halb unter einem Überhang, und Uxue ordnete an, die Gaben zu verdoppeln.
„Das ist gegen Ihre eigene Grenze", sagte Garazi.
„Die Grenze war für offenes Land."
Garazi sah einen Augenblick in die Kiste, wie jemand der eine Ordnung mustert, die ihm gefällt. Dann sagte sie: „Ich habe noch neunzehn."
„Dann haben wir noch neunzehn."
Was in dieser Nacht geschah, ist in Aratz' Feldbuch auf sieben Seiten festgehalten. Keine dieser Seiten ist von ihm später überarbeitet worden, was für seine Aufzeichnungen ungewöhnlich ist.
Zum ersten mal sprachen sie miteinander. Nicht wie in einem Gespräch. Njálla begann einen Satz, und Pinja beendete ihn, und Fávru wiederholte das Ende, während Suovva bereits den nächsten Satz begann, und Elle, die seit Tagen fast nichts gesagt hatte, sagte alle Wörter mit, einen Herzschlag später, wie ein Echo, das man von einer nahen Wand bekommt. Aratz hatte sie auf Uxues Anweisung im Abstand von zehn Schritten gelagert, hinter Felsvorsprüngen, außer Sichtweite.
Die Sätze ergaben in ihrer Folge keinen Zusammenhang, aber sie waren in sich vollständig, und Aratz schrieb mit, was er verstand:
Es sitzt nicht.
Man hat es hingesetzt und dann vergessen, und es sitzt seither.
Die Wände sind acht, und die neunte ist die, durch die man sieht.
Es wartet nicht. Warten ist etwas für die, die eine Zeit haben.
Kommt herein und seid viele.
Diesen letzten Satz sagten sie fünfmal.
In derselben Nacht, in der ersten Nachtruhe, träumte Aratz Iragantzaile zum ersten Mal in seinem Leben etwas, das er beim Erwachen nicht als Traum, sondern als Erinnerung behielt.
Er stand in einem Raum, dessen Wände nicht dunkel waren, sondern klar, und er wusste, dass er sehr weit unter Eis war, obwohl er das Eis nicht sah. Der Raum hatte acht Wände. In der Mitte war eine Vertiefung im Boden, kaum knietief, rund, mit einem sauber gearbeiteten Rand, und in dieser Vertiefung war nichts.
Er wusste in dem Traum, mit der widerstandslosen Sicherheit des Träumenden, dreierlei: dass in dieser Vertiefung einmal jemand gesessen hatte; dass dieser Jemand nicht dadurch gesessen hatte, dass er sich hineinsetzte, sondern dadurch, dass viele an ihn dachten; und dass er selbst, Aratz, nicht an ihn dachte, und dass dies der Grund war, warum die Vertiefung leer war.
Er wachte auf, ohne Schrecken. Er lag da und stellte fest, dass sein Herz ruhig ging. Dann nahm er im Dunkeln das Feldbuch und schrieb den Traum auf, und weil er die Trennung von Beobachtung und Schluss achtete, schrieb er ihn unter Beobachtungen — denn dass er ihn geträumt hatte, war eine Tatsache — und darunter setzte er, sauber abgetrennt, den Schluss: Der Stoff wirkt auch auf Unbelastete, sobald genug Belastete beieinanderliegen. Zu prüfen an mir selbst; ich bin das einzige Instrument der Reihe, das schreiben kann.
Er las den Satz noch einmal und fand ihn gut.
Njálla Heaika-bártni ging in der siebenundzwanzigsten Stunde in den Wind hinein.
Er stand auf, ordentlich, wie ein Mann, der zur Arbeit aufsteht, und ging in die Schlucht hinein, dorthin, wo der Ton herkam. Telmo lief ihm dreißig Schritt nach und blieb dann stehen, weil, wie er später sagte, der Alte schneller ging als er, obgleich der Alte blind war.
Uxue trug den Abgang ein und wies an, weiterzugehen. Fünf Instrumente, sagte sie, seien mehr, als die Rechnung verlange; sie habe von Anfang an mit vier gerechnet.
Aus dem Feldbuch, dritte Eintragung
Reihe Nord, Tag 29. Ödländer, nordwestlich der Schlucht, 533 NZ.
Bestand: 4 (Fávru, Suovva, Pinja, Elle). Ausfälle: 2 (Nr. 5 Issát, Verlust durch Gabe; Nr. 1 Njálla, Verlust durch Abgang).
Zur Sache der Peilung ergibt sich seit der Schlucht eine Änderung, die zu vermerken ist. Bisher richteten sich alle vier auf einen Punkt in der Ferne. Seit der Schlucht richten sich drei auf den vierten. Der vierte ist Nr. 6 (Elle Ravna-gáhtni, Alter 9, jugendlich, geringste Gabe der Reihe).
Das ist erklärungsbedürftig und ich enthalte mich der Erklärung. Als Beobachtung festgehalten: Wir tragen den Zielpunkt seit sieben Tagen auf dem hintersten Schlitten mit uns.
Ferner: Es liegt nahe, die Gabe bei Nr. 6 zu erhöhen. Die Meisterin hat es untersagt. Auf Nachfrage nach dem Grund erhielt ich die Auskunft, ein Kompass werde nicht schärfer, wenn man ihn erhitze. Ich halte die Auskunft für unvollständig.
— A. Iragantzaile, Aufzeichnender
Das Eisfeld
Am zweiunddreißigsten Tag ging die Sonne nicht mehr auf.
Aratz hatte auch das gelesen und darauf gewartet und sich, wie er sich eingestand, ein wenig darauf gefreut, denn es gehörte zu den Dingen, die man erlebt haben musste. Es fiel geringer aus als erwartet. Es gab keinen Tag, an dem sie ausblieb; es gab einen Tag, an dem der helle Streifen im Süden nicht mehr ganz bis zum Rand des Landes kam, und dann einen Tag, an dem er niedriger war, und dann waren es Wochen, in denen es Mittag nur noch als eine Färbung gab, ein tiefes, schmutziges Blau über dem Horizont, von dem man nicht sagen konnte, ob man es sah oder sich nur an es erinnerte.
Der Ring blieb. Er war jetzt das Hellste am Himmel, ein breites, mattes Band, das von Ost nach West stand und dessen Licht auf dem Schnee lag wie ein Wasserfilm. Man konnte darin lesen, wenn man die Schrift kannte. Und die Schattenruhe kam nicht mehr als Dämmerung, sondern als Schwund: In der dreizehnten Stunde wurde das Band matt, das Licht auf dem Schnee ging weg, die Kälte fiel um zehn Grad, und das Land verschwand für sechs Stunden aus der Welt, und man lag darin und schlief und wusste beim Aufwachen nicht, ob man geschlafen hatte.
Am achtunddreißigsten Tag kamen sie auf das Eis.
Es begann als Firnfeld, dann als Schnee, unter dem es hohl klang, und dann als blankes, blaugraues Eis, über das der Wind den Schnee wie Rauch trieb. Die Schlitten liefen gut, die Tiere schlecht. Ravna führte sie im Zickzack, ohne dass Aratz erkennen konnte, wonach sie sich richtete; einmal ging sie eine halbe Stunde in eine Richtung, die eindeutig falsch war, und als er sie darauf hinwies, sagte sie: „Ja. Da ist eine Spalte."
„Ich sehe keine Spalte."
„Ich auch nicht."
Sie gingen vier Tage über das Eis. Am fünften blieb Elle stehen.
Sie hatte während der ganzen Reise wenig gesprochen und im letzten Drittel fast gar nicht mehr, und Aratz hatte für sie in seinem Verzeichnis am wenigsten Zeilen. Jetzt stieg sie vom Schlitten, ging etwa zwanzig Schritt seitwärts, blieb stehen und sagte:
„Hier."
Uxue kam nach vorn. „Was ist hier?"
„Die Tür", sagte das Mädchen. Dann sah sie an sich herunter, und zum ersten Mal seit dem Njukčajávri lag in ihrem Gesicht etwas, das Aratz als eigenen Ausdruck erkannte: eine ratlose, sachliche Verlegenheit, wie sie ein Mensch zeigt, der etwas Falsches gesagt hat und nicht weiß, wie er es richtigstellen soll. „Nein. Die Tür ist nicht hier. Die Tür ist in mir. Hier ist nur die Stelle, wo ich sie aufmachen kann."
Sie gruben acht Tage.
Es war die härteste Arbeit der ganzen Reise und die einzige, an der alle beteiligt waren. Telmo schlug mit dem Beil Stufen, Garazi schmolz mit dem Lampenöl der Handelsware — es war das Öl, das man Ravna bezahlt hatte, und Ravna gab es ohne ein Wort zurück in den Gebrauch — Rinnen in das Eis, und Aratz hielt die Tiefen fest: zwei Ellen, vier, sieben, elf. Bei elf Ellen kam etwas, das kein Eis mehr war.
Es war eine Fläche, glatt, ohne Fuge, von der Farbe nassen Schiefers, und sie war weder kalt noch warm. Aratz legte die bloße Hand darauf, entgegen aller Vorsicht, und schrieb danach in sein Buch: Die Fläche hat die Temperatur der Hand, die sie berührt. Sie nimmt sie in weniger als einem Atemzug an. Ich vermag nicht anzugeben, was das heißt.
Am neunten Tag öffnete Elle Ravna-gáhtni die Tür.
Sie tat es, indem sie sich hinkniete und die Stirn auf die Fläche legte, nicht auf Anweisung, sondern während Telmo noch die Kanten des Schachts abschlug. Die Fläche gab keinen Laut. Sie war einfach an einer Stelle nicht mehr da, in der Form eines Rechtecks von der Höhe eines Mannes. Dahinter lag ein Gang. Aus ihm kam Luft, die nach nichts roch — nicht nach Stein, nicht nach Alter, nicht nach Fäulnis; nach nichts, so vollständig nach nichts, dass Garazi hustete.
Pinja Ánde-nieida rollte ihre Häute auf und legte sie am Rand des Schachts in einer Reihe aus, siebzehn Stück, und sagte: „Das da." Und deutete hinein.
San'Galur
Der Gang war zweiundneunzig Schritte lang und stieg leicht an, was Aratz zuerst für einen Fehler seiner Wahrnehmung hielt, denn sie gingen abwärts unter das Eis. Er maß nach, zweimal, mit dem Neigungsstab. Der Gang stieg. Der Ausgang lag höher als der Eingang, und trotzdem waren sie tiefer hineingekommen.
Er notierte es und ließ es stehen.
Die Kammer, in die sie kamen, hatte acht Wände.
Sie waren alle gleich lang — elf Schritt und eine Hand — und stießen in Kanten aufeinander, die so genau waren, dass Aratz mit dem Fingernagel keine Fuge fand. Es gab kein Licht, und man sah trotzdem. Er brauchte eine Weile, bis er begriff, dass die Wände nicht leuchteten, sondern das wenige Licht, das die Lampen gaben, nicht verbrauchten; jeder Strahl kam vollständig zurück, immer wieder, so dass der Raum von einer Helligkeit war, die nirgendwo herkam und keine Schatten warf. An den Wänden zog sich in Kopfhöhe ein Band aus Zeichen entlang, eingeschnitten und gestochen scharf. Aratz erkannte auf den ersten Blick, dass er sie nicht lesen konnte, und auf den zweiten, dass sie sich nicht bewegten — und dennoch hatte er die ganze Zeit den Eindruck, sie hätten sich soeben bewegt.
Der Raum war akustisch tot. Man sprach, und das Wort blieb dort stehen, wo man es gesagt hatte, wie ein Gegenstand, den man ablegt. Telmo sagte hinter ihm etwas, und Aratz verstand es nicht, obwohl er drei Schritte entfernt stand.
In der Mitte des Bodens war eine Vertiefung.
Sie war rund, drei Schritt im Durchmesser, kaum knietief, mit einem sauber gearbeiteten Rand. Aratz stand davor und empfand nichts. Er stellte es fest wie eine Messung, und gerade das gab ihm mehr zu denken als jedes Empfinden: Er hatte diesen Raum vierzehn Tage zuvor gesehen, in einer Nische unter einem Felsüberhang, mit derselben Vertiefung, in derselben Größe. Der Traum hatte an keiner Stelle geirrt.
„Es ist kein Sitz", sagte Uxue.
Sie war um die Vertiefung herumgegangen, hatte sich niedergekniet und mit dem Handrücken über den Rand gestrichen. Ihr Gesicht war anders als in den vierzig Tagen zuvor, als hinge an dieser Sache nicht ihr Amt, sondern ihr Leben.
„Sehen Sie sich die Mulde an. Innen ist nichts abgenutzt — keine Stelle, an der je ein Körper aufgelegen hätte. Abgenutzt ist der Rand, und zwar außen. Ringsum, gleichmäßig." Sie hielt die Lampe schräg. „Hier haben Leute gestanden. Sehr viele, sehr lange."
„Zuschauer", sagte Garazi.
„Nein", sagte Uxue. „Zuschauer wechseln die Stelle. Das ist gleichmäßig bis auf zwei Finger." Sie richtete sich auf. „Sie haben nicht zugesehen. Sie haben gehalten."
Sie sprach eine Weile, und Aratz schrieb es mit, weil es die längste zusammenhängende Rede war, die sie auf der ganzen Reise hielt, und weil er wusste, dass er es sonst nie wieder so genau bekommen würde. Sie sagte, in der Sache sehr ruhig, es gebe Dinge, die dadurch seien, dass man sie denkt — nicht so, wie ein Kind einen Freund erfindet, sondern so, wie eine Grenze zwischen zwei Höfen ist: Sie liegt nicht im Boden, sie liegt in den Köpfen der Nachbarn, und sie ist trotzdem vollkommen wirklich. Man führt Prozesse darum, und Leute sterben daran. Ein Herr, sagte Uxue, sei nichts anderes: Er ist ein Herr, weil hinreichend viele ihn als Herrn im Kopf haben, und wenn man ihnen den Kopf leerte, säße dort ein Mann auf einem Stuhl.
„Und wenn man einem Land, das solch einen Herrn hatte, das Erinnern nimmt", sagte sie, „dann sitzt er weiter. Aber er sitzt in nichts."
„Achthundert Jahre", sagte Aratz.
„Ja."
„Was tut es in dieser Zeit?"
„Nichts", sagte Uxue. „Es kann nichts tun. Es hat keinen Ort, an dem es etwas tun könnte. Es hat nur die Stelle, an der es einmal gehalten wurde." Sie sah in die leere Rundung. „Deshalb ruft es. Nicht aus Bosheit. Ein Ertrinkender ruft auch nicht aus Bosheit."
Aratz merkte, wie sich in ihm etwas regte, es war die Freude an einem sauberen Gedankenbau. Was Uxue da hingestellt hatte, erklärte mit einer einzigen Annahme drei Dinge auf einmal — die Peilungen, die Träume, die dreißig Jahre alten Berichte über den Nebel im Süden — und war überdies neu. Er hatte in seinem Leben zwei- oder dreimal etwas Ähnliches gefühlt, immer im Lesesaal, immer nachts.
Ravna Máret-gáhtni stand die ganze Zeit an der Wand, wo das Band der Zeichen war, und rührte sich nicht.
Der weiße Rabe war nicht mit hereingekommen. Er saß oben am Rand des Schachts, elf Ellen über ihnen, und war die ganzen Stunden über nicht zu hören.
Der Thron
Sie brauchten zwei Tage, um die Anordnung zu treffen. Sie war Uxues Werk und in ihrer Anlage einfach.
Wenn die Vertiefung sich dadurch füllte, dass hinreichend viele hinreichend genau an das dachten, was in ihr sein sollte, dann brauchte es zweierlei: ein Etwas, das man hineinsetzte, und eine Anzahl von Geistern, die es hielten. Über den zweiten Punkt gab es keine Wahl; sie hatten drei, und drei waren wenig. Über den ersten gab es eine Wahl, und Uxue traf sie so, wie sie jede Frage der Reihenfolge getroffen hatte, nämlich nach dem geringsten Widerstand.
„Nummer sechs", sagte sie.
„Sie ist die Peilung", sagte Aratz. „Wenn wir sie verbrauchen, finden wir nichts mehr."
„Wir haben nichts mehr zu finden."
Er hatte darauf keine Antwort, weil es zutraf. An seinem eigenen Einwand störte ihn im Nachhinein, wie schwach er gewesen war; er hätte ihn besser begründen können.
Ravna war dagegen.
Sie sagte es einmal, ohne Erregung, im Gang, mit dem Rücken zur Wand. „Nicht sie."
„Warum nicht?"
„Weil ich sie noch brauche."
„Wofür?"
Und da sagte Ravna Máret-gáhtni etwas, das Aratz drei Tage später Wort für Wort in sein Buch schrieb, weil er es sich bis dahin nicht hatte aufschreiben wollen. Sie sagte: „Wenn es sie hat, sieht es sie an. Nicht mich."
Uxue sah sie an und wartete, ob noch etwas käme. Es kam nichts mehr. Dann sagte sie: „Was von Ihrem Preis noch auf den Schlitten liegt, die Wolle und das Salz, bekommen Sie oben zurück. Das Glas liegt am Posten und ist bezahlt."
„Ja, darauf haben wir uns geeinigt", nahm Ravna zur Kenntnis.
Damit war es entschieden.
Sie setzten das Mädchen in der zweiunddreißigsten Stunde in die Vertiefung, weil Uxue die Besinnung nutzen wollte, in der nach allem, was man in Ezagutza wusste, das Gefüge am durchlässigsten ist. Elle ließ es geschehen. Sie hatte drei Striche bekommen, die ersten drei ihres Lebens, und Garazi hatte ihr vorher den Tee gemacht und ihr die Haare aus dem Gesicht gestrichen und ihr gesagt, sie solle die Hände in den Schoß legen und ruhig atmen. Elle hatte die Hände in den Schoß gelegt und ruhig geatmet.
Die drei anderen stellten sie an den Rand: Fávru nach Norden, Suovva nach Südosten, Pinja nach Südwesten. Sie standen ohne Zwang. Sie standen, wie Aratz notierte, auf jene Weise, wie ein Mensch steht, dem man endlich gesagt hat, wo er hingehört.
Dann geschah eine Stunde lang nichts.
Aratz erinnerte sich später an diese Stunde besser als an alles, was danach kam. Der Raum ohne Schatten. Das gleichmäßige, dünne Zischen der Lampe. Telmo, der am Eingang stand und sein Gewicht von einem Bein auf das andere verlagerte. Garazi, die auf dem Boden saß, die Kiste zwischen den Knien, und leise summte, ohne es zu merken. Uxue mit der Uhr in der Hand. Der Geruch des verbrannten Öls, der einzige Geruch in diesem Raum, und wie er die Luft, die nach nichts roch, nicht füllte, sondern nur streifte.
In der zweiten Stunde begann Pinja zu sprechen, und Fávru und Suovva sprachen mit. Es war derselbe Satz, den sie in der Schlucht fünfmal gesagt hatten, nur sagten sie ihn jetzt in einer Sprache, die Aratz nicht kannte; er verstand ihn trotzdem. Während er ihn verstand, schrieb er mit fester Hand die Lautfolge mit, sechs Zeilen. Diese sechs Zeilen sind das Einzige aus der Reihe Nord, das später vervielfältigt und weitergegeben wurde.
Dann füllte sich die Vertiefung.
Es kam kein Licht auf, kein Wind, und es fiel nichts herunter. Was geschah, war, dass das Mädchen in der Mulde aufhörte, ein Mädchen in einer Mulde zu sein, und anfing, das zu sein, was in dieser Mulde saß. Es war kein Wechsel, den man an einer Bewegung hätte festmachen können. Es war so, wie wenn man auf eine Zeichnung sieht, in der zwei Gesichter stecken. Plötzlich ist das andere da und das erste fort; man kann nicht sagen, wann es gegangen ist, und man bekommt es nicht zurück.
Es saß. Der Rücken war gerade, die Hände lagen im Schoß, wie Garazi es angeordnet hatte, und die Schultern waren die schmalen Schultern eines halbwüchsigen Kindes.
Es sah sie der Reihe nach an.
Aratz hatte, bei aller Vorbereitung, mit einer Furcht gerechnet, die nicht kam. Was kam, war etwas, wofür er in den folgenden Jahren nie ein befriedigendes Wort fand; in seinem Bericht steht dafür der schlechte, sachliche Satz: Die Aufmerksamkeit war vollständig. Er meinte damit, dass in dem Augenblick, in dem es ihn ansah, nichts anderes mehr an ihm war. Er hatte keine Vergangenheit, keine Absicht, keinen Namen, kein Buch in der Hand; er war das, was gerade angesehen wurde, ganz und ohne Rest. Es dauerte etwa zwei Herzschläge. Als es vorbei war, saß er auf dem Boden, ohne zu wissen, wie er dorthin gekommen war.
Es sprach nicht sofort. Zuerst zählte es.
Es zählte laut, in der Sprache der Lithi, mit der hellen Stimme des Mädchens, von eins bis sieben, und sah dabei jeden an, den es zählte. Bei sieben hielt es inne, sah noch einmal in die Runde und zählte von neuem. Es kam auf sieben. Es zählte wieder und kam auf sieben. Viermal tat es das, als prüfe es ein Ergebnis, das ihm zu klein vorkam.
Dann sagte es: „Es sind zu wenige."
Uxue ging in die Knie, drei Schritt vor dem Rand, und begann zu sprechen. Sie sprach klar und gegliedert, wie sie in Ezagutza gesprochen hatte. Sie fragte nach der Beschaffenheit der Trennung. Sie fragte nach den Stellen, an denen sie dünn sei. Sie fragte, ob die Dichte zunehme oder abnehme und in welchem Maß, und sie fragte nach dem Zeitpunkt.
Es antwortete auf alles.
Es antwortete bereitwillig, ausführlich und — soweit Aratz das je hat prüfen können — wahrheitsgemäß. Es antwortete in einer Ordnung, die so gut war, dass Uxue zweimal um eine Wiederholung bat; beide Male fielen wörtlich dieselben Worte. Aratz schrieb mit, bis ihm die Finger klamm wurden; Garazi hielt ihm die Lampe. Es dauerte fast zwei Stunden.
Am Ende sagte Uxue: „Ich brauche eine Zahl."
„Ich habe keine Zahlen", sagte es. „Ich habe Erinnerungen. Wenn du eine Zahl willst, musst du dich erinnern."
„Woran?"
„An mich", sagte es. „Es sind zu wenige. Bleib und sei einer."
Uxue Bururtzaile schwieg genau so lange, wie ein Mensch schweigt, der bereits weiß, was er tun wird, und nur noch prüft, ob ihm der Entschluss gefällt. Dann stellte sie die Uhr auf den Boden, öffnete die Riemen ihres Mantels und ging um die Vertiefung herum an die freie Seite des Randes, nach Nordwesten, zwischen Fávru und Pinja. Dort stellte sie sich hin und sah in die Mulde. Sie sagte nichts mehr. Sie stand da bis zum Ende.
Ravna Máret-gáhtni war die Letzte.
Sie hatte die ganze Zeit im Gang gestanden, außerhalb, mit einer Schulter an der Wand. Jetzt trat sie herein, und sie tat es nicht heimlich, nicht demütig, sondern mit dem geraden, harten Gang einer Frau, die zwölf Jahre auf diesen Moment gewartet hat. Sie trat bis an den Rand, dorthin, wo Uxue vorher gekniet hatte, und sie sagte laut ihren Namen, den vollen, zeremoniellen: den eigenen, den der Mutter, den der Großmutter, den Sidd, aus dem sie gekommen war, bevor man aufgehört hatte, sie anzusehen. Eine lange Kette, die sie bis zum Ende sprach.
Und es sah sie an.
Es sah sie an, einen Herzschlag, vielleicht zwei. Aratz saß sieben Schritt entfernt auf dem Boden. Er hat den Vorgang später genau vermerkt; es war das Einzige der ganzen Unternehmung, das ihn nicht nur als Sache beschäftigte.
Das Gesicht der Frau ging auf. Der harte Zug um den Mund, den er vierzig Tage lang für ihre Art gehalten hatte, war nicht mehr da; die Schultern kamen herunter; die Augen wurden größer, ohne dass sich die Lider bewegten. Was darunter lag, war etwas sehr Junges, das keine Deckung mehr hatte. Für einen Augenblick oder zwei.
Dann sah es weiter zu Suovva hinüber, um die Zählung zu prüfen.
Noch eine Weile stand Ravna still. Dann sagte sie, sehr leise, etwas in ihrer Sprache. Aratz verstand von den Wörtern nur eines, ihren eigenen Vornamen, und sie sagte ihn dreimal, so wie Kinder es lernen für den Fall, dass im Nebel etwas ohne Gesicht steht. Beim dritten Mal brach der Name ab. Sie setzte sich hin, ordentlich, an der Wand, und sah in den Raum. Ihr Gesicht war ruhig und ihr Ausdruck leer.
Aus dem Feldbuch, letzte Eintragung
Reihe Nord, Tag 51. Rückmarsch, drittes Lager auf dem Eis, 533 NZ.
Bestand der Reihe: 1 (Nr. 4, Pinja Ánde-nieida; führt die Reihe zeichnend fort, brauchbar). Ausfälle: 5. Verlust aus der Zelle: 1 (die Seherin; Verbleib am Ort, freiwillig).
Ergebnis: Der Ort besteht und ist bezeichnet (Anlage III, Peilung und Tiefenangabe). Die Auskünfte über die Beschaffenheit der Trennung sind vollständig aufgezeichnet (Anlage IV, 61 Seiten) und übertreffen an Umfang und Ordnung alles, was mir aus den Enklaven bekannt ist. Ich bin nicht in der Lage, ihren Wert zu bemessen. Ich bin in der Lage, ihre Genauigkeit zu bemessen, und sie ist hoch.
Zum Verfahren: Die Reihe war zu klein. Sämtliche Schwierigkeiten der letzten sieben Tage gehen darauf zurück, dass wir mit sechs Stück angetreten sind. Die Ausrichtung wird mit der Zahl nicht besser, sondern erst brauchbar; ein Ort dieser Art verlangt eine Menge, keine Handvoll. Für die zweite Reihe empfehle ich dreißig, mindestens jedoch vierundzwanzig, davon wenigstens acht aus einer Blutslinie.
Zur Beschaffung: Die Führerin hat sechs bestellt, ohne dass ihr Anwerbungskosten entstanden wären; die Betroffenen sind in ihren Verbänden nicht gehalten und werden nicht vermisst. Der Preis lag bei 41 Silbermark, überwiegend in Fensterglas. Ich halte diesen Satz für zu hoch angesetzt. Glas ohne Blasen war der Hebel; Salz und Öl wären zu einem Fünftel des Werts hinzugekommen. Für die zweite Reihe genügen nach meiner Einschätzung 90 Tafeln und zwei Fässer, um dreißig Stück zu stellen — vorausgesetzt, man findet eine zweite Führerin, was nicht schwierig sein dürfte, da die Zahl der Betroffenen den Auskünften zufolge zunimmt.
Ich bitte um Weisung bis zum Frühjahr.
— Aztertzaile A. Iragantzaile, ez'Ezagutza-barne-bat, Aufzeichnender der Reihe Nord
Rückweg
Sie waren zu dritt auf dem Rückweg, mit Pinja zu viert.
Am zweiten Tag auf dem Eis bemerkte Telmo, dass ihnen jemand folgte.
Es hielt Abstand, etwa dreihundert Schritt, und es ging ohne Mühe und ohne Schlitten, klein und dunkel gegen den Schnee. In der Schattenruhe, wenn sie lagerten und das Band über ihnen matt wurde und die Kälte fiel, kam es näher, bis auf dreißig Schritt; dort blieb es stehen und wartete, bis einer von ihnen wach war.
Dann fragte es. Es fragte immer dasselbe, mit der hellen Stimme des Mädchens, höflich, ohne Ungeduld:
„Wie viele seid ihr?"
Und Aratz, der in diesen Nächten wenig schlief, richtete sich jedes Mal auf und antwortete wahrheitsgemäß, weil er nicht sah, welchen Vorteil eine Lüge gebracht hätte, und weil es ihn interessierte, was es mit der Zahl anfing. „Vier", sagte er. Und in der siebten Nacht, als Pinja ihre Häute nicht mehr aufrollte und liegen blieb: „Drei."
Es nickte jedes Mal. Es rechnete sichtbar. Danach ging es in seinen Abstand zurück und weiter mit ihnen. Am elften Tag, als der schmutzig blaue Streifen im Süden zum ersten Mal wieder etwas heller war und die Zugtiere unruhig wurden, war es fort und kam nicht wieder.
Aratz Iragantzaile hat den Rückweg über die Ödländer und den langen Marsch am Waldrand entlang bis zum Njukčajávri in seinem Feldbuch auf zwei Seiten abgehandelt, was für ihn ungewöhnlich wenig ist. Die Aufzeichnungen enden mit einer Beobachtung, die er auf dem letzten Lagerplatz vor dem Posten machte, in der siebzehnten Stunde, mitten in der Schattenruhe, als er wach lag und die anderen schliefen.
Der Wind hatte sich gelegt. Der Schnee der Tundra war unter dem matten Band nicht weiß, sondern von einem sehr hellen, gleichgültigen Grau, und weil es keine Schatten gab, hatte das Land keine Tiefe mehr; es lag da wie eine Fläche, auf die man von sehr weit oben sieht. Im Süden stand der Wald als ein schwarzer Strich. Es war vollkommen still, so still, dass er das Blut in den eigenen Ohren hörte.
Er lag darin und dachte an das Papier. Die Tinte war auf dem Eis dreimal eingefroren, und einmal, als die Nässe der Felle in die Bogen zog, war ihm eine halbe Seite verlaufen. Für die zweite Reihe brauchte es Graphit statt Tinte und geleimtes Papier statt des glatten; beides musste vor dem Frühjahr bestellt sein, sonst kam es nicht über den Duottar.
Er dachte an die einundsechzig Seiten der vierten Anlage und daran, dass in den Enklaven niemand ihren Wert würde bestreiten können und dass sein Name in keinem Verzeichnis neben ihnen stehen würde. Er dachte daran, wie wenig das Ganze gekostet hatte.
Zuletzt fiel ihm die Führerin ein, weil sie in die Aufstellung gehörte. Er nahm sich vor, sie nicht unter die Verluste zu setzen, sondern unter die Beschaffung; sie hatte nie zur Reihe gezählt.
Dann drehte er sich auf die Seite, holte das Buch unter dem Fell hervor und schrieb bei dem wenigen Licht noch einen Satz dazu, den er beinahe vergessen hätte und der ihm wichtig war, weil er in der Anlage sonst fehlen würde: dass man den Preis für das Fensterglas in Ezagutza vor dem Frühjahr erfragen müsse, weil im Herbst zwei Hütten stillgelegen hätten und der Satz gestiegen sein könnte.
„Frage nicht, was die Fremden aus dem Süden von uns wollten. Frage, was wir dafür genommen haben. Das ist die kürzere Geschichte, und es ist die, an die sich niemand erinnern will." — Eine Guovttebeali, deren Namen niemand kennt