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Reisende zwischen Welten ✔

"Die Wege zwischen den Reichen sind wie Fäden in einem Gewebe - für das ungeübte Auge unsichtbar, doch für den erfahrenen Wanderer lebensnotwendige Verbindungen."

Aus dem Reisetagebuch des Halmar Flusswacht

Ich bin ein alter Mann nun, meine Hände zittern beim Schreiben, und die Augen wollen nicht mehr so recht. Mehr als dreißig (55 irdene Jahre) Jahre bin ich die Pfade zwischen den Reichen gewandert, habe meinen Handelswagen durch staubige Ebenen gezogen und über gefährliche Bergpässe manövriert. Nun, da mein Sohn Erhard die Karawane übernimmt, sammle ich meine Erinnerungen an diese wundersame Welt, die wir Weraldiz nennen, mit all ihren Schönheiten, Geheimnissen und – ja – auch ihren Schrecken.

Von Auwharin in die Fremde

Ich wurde im Herzen von Auwharin geboren, im Stammesgebiet der Flusswacht, wo das Wasser sanft durch die grünen Täler fließt. Unsere Boote galten als die besten im Land, und der Handel blühte. Doch während meine Brüder das Handwerk der Bootsbauer erlernten, zog es mich hinaus, die Welt zu sehen. Mit neun Jahren (17 irdene Jahre) verließ ich unser Dorf, schloss mich einer Handelskarawane an und bereiste zunächst die anderen Stammlande Auwharins.

Die stampfenden Reiter aus Sturmfelde, die stoischen Bergleute von Bergheim, die verschlossenen Jäger aus Finsterwalde – überall begegnete ich Menschen unseres Reiches, die trotz aller Unterschiede durch die Bande der Tradition und die Lehren der Himmlischen Heerscharen vereint waren.

Doch bald reichte mir das nicht mehr. Ich wollte sehen, was jenseits der Grenzen lag, wollte die fremden Völker kennenlernen, von denen die Geschichtenerzähler an den Lagerfeuern sprachen.

Die hohen Wälder der Lithi

Der Norden war meine erste große Reise in die Fremde. Die Wälder werden dichter dort, die Luft kälter, und die Menschen – sie sind anders. Die Lithi lassen sich nicht leicht kennenlernen. Sie beobachten Fremde mit Zurückhaltung, sprechen wenig und achten genau auf jedes Wort, das man sagt. Doch wenn man ihr Vertrauen einmal gewonnen hat, gibt es keine treueren Handelspartner.

In jenen Wäldern lernte ich zuerst, dass die Welt mehr birgt als das, was wir sehen können. Die Lithi sprechen mit ihren Ahnen, wie wir mit Freunden sprechen würden, und respektieren die Geister des Landes mit einer Selbstverständlichkeit, die uns fremd ist. Ich lachte darüber – zuerst.

Die Nacht der zwei Schatten

Im vierten Jahr meiner Reisen erlebte ich, was die Lithi die "Nacht der zwei Schatten" nennen – eine seltene Erscheinung, wenn sowohl Hwīlô als auch Marōną gleichzeitig im Neumond stehen. Die Lithi ziehen sich in solchen Nächten in ihre Behausungen zurück und meiden den Wald um jeden Preis. Als unbedarfter junger Mann ignorierte ich ihre Warnungen und brach zu einem nächtlichen Spaziergang auf.

Die Dunkelheit jener Nacht war anders – nicht einfach Abwesenheit von Licht, sondern etwas fast Stoffliches, das sich um mich legte wie ein feuchtes Tuch. Die Sterne schienen ferner, ihr Licht gedämpfter. Und dann hörte ich die Stimmen.

Es war nicht wie Sprache, eher wie Musik, die aus der Dunkelheit selbst zu kommen schien. Melodien ohne Instrumente, in Tonarten, die nicht für menschliche Ohren gemacht waren. Ich folgte dem Klang zu einer kleinen Lichtung und sah – nun, was ich dort sah, habe ich nie jemandem erzählt. Nicht weil ich Angst hätte, dass man mir nicht glauben würde, sondern weil ich fürchte, dass man es doch tun könnte.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, lag ich in meinem Zelt, als sei nichts geschehen. Doch unter meinen Fingernägeln war eine silbrige Substanz, die im Sonnenlicht verdampfte, und drei Monde lang träumte ich jede Nacht von schimmernden Pfaden, die hoch in den Himmel führten, nach Barkuz.

Die Lithi sagten nichts, als ich ihnen davon erzählte. Sie nickten nur, als hätte ich etwas bestätigt, das sie längst wussten.

Die akademischen Enklaven von Non'Gauden

So anders die Lithi von unserem Volk sind, so vertraut und doch fremd zugleich erscheinen die Non'Gaudener. Sie sprechen eine Sprache, die der lumarischen ähnelt, verehren aber keine Götter, sondern suchen Erleuchtung in sich selbst. Ihre Städte sind Wunder der Architektur und Technik, errichtet rund um die fünf großen Jakintza – Akademien des Wissens, die jeweils einem Bereich der Forschung gewidmet sind.

Ich handelte dort mit Gewürzen und Holz aus den Stammlanden und erwarb im Gegenzug feine Instrumente, komplexe Uhrwerke und magische Kleinigkeiten, die in Auwharin gute Preise erzielten. In der Enklave von Ezagutza studierte ich sogar für eine Weile die Grundlagen der Astronomie – eine Wissenschaft, die mich seit meiner Kindheit faszinierte.

Die Non'Gaudener betrachten die Welt mit einer Klarheit und Präzision, die bewundernswert ist. Doch manchmal frage ich mich, ob sie in ihrer Suche nach Verständnis nicht etwas übersehen – eine Tiefe, die sich dem Messen und Katalogisieren entzieht.

Der Weg, der nicht sein sollte

Auf einer meiner Handelsreisen durchquerte ich die Landschaft zwischen Egitura und Adimen. Die Non'Gaudener hatten mir eine Karte gegeben, präzise gezeichnet wie alles, was sie tun. Der Weg war einfach: Drei Tage entlang eines gut markierten Pfades, dann rechts abbiegen bei einer markanten Felsformation und zwei weitere Tage reisen.

Am dritten Tag erreichte ich den Felsen und bog ab. Die Landschaft veränderte sich unmerklich. Die Bäume standen etwas weiter auseinander, das Gras hatte einen leicht bläulichen Schimmer, welcher fremd, wie von einer anderen Welt schien. Ich schob es auf das Licht oder meine Müdigkeit und reiste weiter.

Gegen Abend kam ich an einen Fluss, den es laut meiner Karte nicht geben sollte. Ich überprüfte meinen Kompass, der völlig normal funktionierte und bestätigte, dass ich auf dem richtigen Weg war. Also überquerte ich den Fluss an einer flachen Stelle und setzte meinen Weg fort.

Was dann geschah, entzieht sich fast meiner Beschreibung. Die nächsten drei Tage – drei Tage! – reiste ich durch eine Landschaft, die auf keiner Karte verzeichnet war. Die Vegetation wurde immer fremder, die Tiere scheuer. Einmal sah ich in der Ferne eine Stadt, deren Türme auf unmögliche Weise ineinander verschlungen waren. Als ich darauf zusteuern wollte, verschwand sie hinter einem Hügel und war nicht mehr zu finden.

Am vierten Tag wachte ich auf und lag im hohen Gras, keine hundert Schritte vom Stadttor von Adimen entfernt. Mein Pferd graste friedlich neben mir, und meine Warenladung war unberührt. Als ich den Torwachen von meiner Reise erzählte, schüttelten sie nur die Köpfe.

"Der Weg von Egitura nach Adimen dauert einen halben Tag", sagte einer von ihnen lachend. "Du musst einen Umweg gemacht haben."

In den Archiven von Adimen fand ich später Berichte von ähnlichen Erlebnissen – Reisende, die von "verschobenen Wegen" oder "gefalteten Landschaften" sprachen. Die Wissenschaftler dort sammeln solche Berichte, katalogisieren sie und suchen nach Mustern. Sie nennen es "topographische Anomalien" und suchen nach natürlichen Erklärungen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie eine finden werden.

Die Traumreiche von Cel Atiz

Am fremdesten unter allen Ländern, die ich bereist habe, ist Cel Atiz. Dort, wo andere Kulturen klare Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit ziehen, sehen die Cel Hushi fließende Übergänge. Ihre Städte sind wie aus einem Traum gewoben, mit organischen Formen und lebendigen Farben, und ihre Bewohner scheinen manchmal mehr in der Welt ihrer Träume zu leben als in unserer.

Die Märkte von Vetluna sind ein Rausch für die Sinne – exotische Gewürze, traumbeeinflussende Tees, Stoffe, die ihre Farbe mit der Stimmung des Trägers ändern. Ich handelte dort mit Erfolg, musste aber lernen, dass Verträge in Cel Atiz anders funktionieren als anderswo. Ein Versprechen wird nicht durch eine Unterschrift besiegelt, sondern durch einen gemeinsamen Traum, in dem die Vereinbarung symbolisch dargestellt wird.

In Vetluna traf ich auch Iyara, die Frau, die später meine Ehefrau werden sollte. Sie stammte aus einer Familie von Traumwebern und lehrte mich vieles über die subtilen Verbindungen zwischen den Welten, die wir normalerweise nicht wahrnehmen. Durch sie begann ich zu verstehen, dass die Grenzen unserer Welt vielleicht durchlässiger sind, als wir glauben möchten.

Der Handel als Brücke zwischen Welten

In all meinen Jahren als Händler habe ich gelernt, dass der wahre Wert meiner Arbeit nicht im Profit liegt, sondern in den Verbindungen, die ich schaffe. Jedes Mal, wenn ich Waren von einem Reich ins andere bringe, trage ich auch Ideen, Geschichten und Verständnis mit mir.

Die goldenen Lampen der Lumarier leuchten nun in den Zelten der Lithi. Die Heilkräuter der nördlichen Wälder finden ihren Weg in die Medizinrezepte der Non'Gaudener. Die Traumtees aus Cel Atiz werden in den Tempeln der Himmlischen Heerscharen zur Meditation genutzt. Und mit jedem dieser Austausche wird das Gewebe, das unsere Völker verbindet, ein wenig stärker.

Die nahende Mondgleiche

Nun, da ich älter werde, spüre ich eine Veränderung in der Welt. Die Gelehrten aller Länder sprechen davon – in etwa 33 Jahren werden alle drei Monde in perfekter Ausrichtung stehen, zum ersten Mal seit dem Beginn unserer Zeitrechnung. Die Lithi nennen es "Guovssagalba" – die Zeit des großen Lichtes. Die Non'Gaudener berechnen komplexe astronomische Tabellen. Die Cel Hushi berichten von intensiveren Träumen.

Und in Auwharin bereiten sich die Sieben Orden vor, obwohl niemand so recht zu wissen scheint, worauf. Ich und meine beiden Söhne werden diese zweite Mondgleiche nicht mehr erleben, aber meine Enkel werden Zeugen dieses seltenen Ereignisses sein.

Manchmal, in den stillen Stunden der Nacht, wenn Draupnaz rot am Himmel steht, denke ich an die seltsamen Dinge zurück, die ich auf meinen Reisen gesehen habe. Die flüsternden Schatten in der Nacht der zwei Neumonde. Die Stadt mit den verschlungenen Türmen, die verschwand, als ich mich ihr näherte. Die silbernen Lichter über dem Luruna-See, die in perfekten geometrischen Mustern tanzten.

Ich frage mich, ob all diese Dinge miteinander verbunden sind – Teile eines größeren Musters, das wir noch nicht erkennen können. Die Lumarier lehren, dass alles einen Zweck hat. Die Lithi glauben, dass alles miteinander verwoben ist. Die Non'Gaudener suchen nach verborgenen Strukturen in scheinbarem Chaos. Und die Cel Hushi sagen, dass Träume und Wirklichkeit zwei Seiten derselben Münze sind.

Vielleicht haben sie alle recht.

Ein Rat für Reisende

Solltest du, der du diese Zeilen liest, selbst die Pfade zwischen den Reichen beschreiten wollen, so gebe ich dir diesen Rat: Halte deine Augen offen, aber auch deinen Geist. Respektiere die Bräuche der Fremden, selbst wenn du sie nicht verstehst. Und vor allem: Fürchte dich nicht vor dem Unbekannten.

Denn in einer Welt, wo die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit manchmal verschwimmen und alte Mächte unter der Oberfläche schlummern, ist der Schritt ins Unbekannte oft der Beginn des wahren Abenteuers.

- Halmar Flusswacht, Händler und Wanderer zwischen den Welten