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Schleier unter Wolfstal

Eine Geschichte aus Wolfstal

"Die alten Gemäuer von Wolfstal bergen Geheimnisse, die besser unentdeckt blieben. Nicht jeder Durchgang führt dorthin, wohin er zu führen scheint."
— Hennik vom Orden des Schildes

Die Schattenruhe hatte sich über Wolfstal gelegt, als Leif, Marja, Finn und Kendra sich am verfallenen Lagerhaus am Ostrand der Stadt trafen. Das zweistöckige Steingebäude war seit dem großen Sturm vor acht Jahren unbewohnt, und die Älteren sagten, der Geist des ehemaligen Besitzers wandle noch immer durch die leeren Räume.

Perfekt für eine Mutprobe.

"Du zitterst ja schon", neckte Marja den schlaksigen Finn, dessen blondes Haar im bläulichen Licht von Kaldaz schimmerte, die durch die Wolken des durch die Schattenruhe in ein fahles dunkles Blau gehüllten Himmels drang.

"Quatsch", widersprach Finn, obwohl sein Atem in der kühlen Luft sichtbar zitterte. "Lasst uns einfach reingehen und diesen Unsinn hinter uns bringen. Mein Vater bringt mich um, wenn er erfährt, dass ich während der Schattenruhe nicht zu Hause war."

"Dein Vater erfährt gar nichts", entgegnete Leif und rieb sich die schwieligen Hände. Als Sohn eines Schmieds war er der kräftigste der vier. "Wir sind schließlich keine Kinder mehr. In zwei Wochen steht unsere Vigil des Wählens bevor."

Kendra schwieg. Sie war die Jüngste, und als Tochter eines Mitglieds des Ordens der Lampe hatte sie am meisten zu verlieren, wenn man sie hier erwischte.

Leif öffnete die morsche Holztür, die mit einem unheimlichen Knarren nachgab. "Los jetzt. Wir müssen nur bis zum Keller und wieder zurück. Dann haben wir bestanden."


Mit einem Öllämpchen, das Leif aus der Werkstatt seines Vaters entwendet hatte, bahnten sie sich einen Weg durch das staubige Erdgeschoss. Spinnweben hingen von der Decke, und unter ihren Füßen knirschten Glasscherben und Holzsplitter.

"Seht mal!", flüsterte Kendra und deutete auf seltsame Symbole, die in eine der Wände geritzt waren. "Das sind alte Aus'Harringer Runen!"

"Kannst du sie lesen?", fragte Marja, deren dunkle Augen vor Aufregung glänzten.

"Ein bisschen", murmelte Kendra und fuhr mit den Fingern über die verwitterten Zeichen. "Hier steht etwas von 'Durchgang' und 'Tiefe'."

"Bestimmt nur alter Aberglaube", schnaubte Leif, obwohl er unwillkürlich einen Schritt zurücktrat. "Der Keller sollte dort hinten sein."

Eine schmale Steintreppe führte hinab in die Dunkelheit. Das Licht der Öllampe reichte kaum aus, um mehr als drei Stufen vor ihnen zu erhellen. Mit jedem Schritt nach unten wurde die Luft kälter und feuchter.

"Ich mag das nicht", murmelte Finn, als sie den Kellerraum erreichten. Der Boden war mit alten Fässern und verrotteten Kisten übersät.

"Wir müssen nur kurz hier bleiben, dann—" Leif verstummte abrupt, als sein Fuß auf eine lockere Bodenfliese traf. Ein dumpfes Geräusch ertönte, und ein Teil des Bodens schien nachzugeben.

"Bei der Erleuchtung", flüsterte Marja. "Seht!"

Wo vorher nur schmutziger Steinboden gewesen war, hatte sich eine Öffnung gebildet. Eine schmale Treppe führte weiter in die Tiefe.

"Das war's", sagte Finn mit zitternder Stimme. "Wir gehen zurück."

"Warte", entgegnete Leif und hielt die Lampe über die Öffnung. "Das könnte ein geheimer Lagerraum sein. Stellt euch vor, was wir dort finden könnten!"

"Oder was uns dort finden könnte", wisperte Kendra, aber die Neugier in ihrer Stimme verriet ihre wahren Gefühle.


Der Gang, der sich unter dem Keller erstreckte, war überraschend sorgfältig gearbeitet. Die Wände bestanden aus glattem Stein, und an manchen Stellen glaubten sie, ein schwaches, bläuliches Leuchten zu erkennen, das jedoch verschwand, sobald sie direkt hinsahen.

"Das muss ein alter Handelstunnel sein", vermutete Marja, deren Vater im Handelsrat von Wolfstal saß. "Ich habe gehört, dass es unter der Stadt ein ganzes Netzwerk geben soll, aus der Zeit vor dem großen Stammesbündnis."

Sie folgten dem Tunnel, der sich in sanften Kurven dahinschlängelte. Nach einer Weile bemerkten sie, dass die Wände mit immer mehr seltsamen Symbolen übersät waren. Anders als die Runen im Erdgeschoss schienen diese zu pulsieren, als besäßen sie ein eigenes, verborgenes Leben.

"Mir ist kalt", sagte Finn plötzlich und rieb sich die Arme. "Und hat jemand bemerkt, dass wir schon viel länger unterwegs sind, als der Keller breit war? Wir müssten längst unter der Nachbarstraße sein."

Leif wollte gerade antworten, als die Flamme seiner Öllampe zu flackern begann. Ein kühler Luftzug umstrich ihre Gesichter.

"Da vorne ist etwas", flüsterte Kendra.

Der Tunnel öffnete sich zu einer kreisrunden Kammer. In der Mitte befand sich ein steinerner Brunnen, der im Licht der Lampe schimmerte. Doch was sie alle zum Stehen brachte, waren die feinen, leuchtenden Linien, die durch den Boden und die Wände verliefen – wie Adern aus flüssigem Mondlicht.

"Bei allen Himmlischen Heerscharen", hauchte Leif. "Wir müssen in einem Tiefenschlund gelandet sein."

"Das ist unmöglich", widersprach Marja, deren Gesicht blass geworden war. "Die nächsten bekannten Eingänge zu den Tiefenschlünden sind Tagesreisen entfernt, und sie werden vom Orden des Schildes bewacht."

"Offensichtlich wissen sie nicht von diesem hier", murmelte Finn.

Kendra näherte sich vorsichtig einer der leuchtenden Linien und streckte zögernd die Hand aus.

"Nicht anfassen!", rief Leif, aber es war zu spät.

Im Moment der Berührung erlosch die Flamme ihrer Lampe. Doch statt in vollkommener Dunkelheit zu stehen, fanden sie sich in einem schwachen, pulsierenden Licht wieder, das von den Adern selbst auszugehen schien. Und etwas hatte sich verändert. Die Luft fühlte sich anders an – dünner, fremder, als atmeten sie nicht mehr die gleiche Luft wie zuvor.

"Wir sollten zurück", sagte Leif mit einer Stimme, die plötzlich seltsam gedämpft klang, als würden seine Worte durch dicken Nebel dringen.

Sie wandten sich um, doch der Tunnel, durch den sie gekommen waren, sah anders aus – breiter, älter, mit Symbolen, die vorher nicht da gewesen waren.


Sie mussten länger umhergeirrt sein, als sie dachten. Die Schattenruhe war längst vorbei, als sie endlich einen Ausgang fanden – eine schmale Treppe, die nach oben führte.

Erleichtert stiegen sie die Stufen hinauf, bis sie sich in einem verfallenen Keller wiederfanden, der ihrem Ausgangspunkt ähnelte. Durch ein zerbrochenes Fenster fiel das goldene Licht der Dagaz-Sonne.

"Wir müssen die ganze Nacht dort unten verbracht haben", sagte Marja mit zitternder Stimme.

"Unsere Eltern werden uns umbringen", stöhnte Finn.

Sie hasteten nach draußen und erstarrten. Sie waren tatsächlich wieder in Wolfstal, doch etwas stimmte nicht. Die Straßen sahen vertraut aus, aber gleichzeitig seltsam anders – manche Häuser standen an leicht verschobenen Stellen, die Farben wirkten blasser, und die Menschen, die an ihnen vorbeigingen...

"Sie sehen uns nicht", flüsterte Kendra entsetzt.

Es war wahr. Die Passanten gingen durch die Straßen, als wären die vier Jugendlichen Luft. Nicht einmal ein flüchtiger Blick streifte sie.

Dann sahen sie ihre Väter. Sie standen zusammen vor dem Lagerhaus, aus dem sie gerade gekommen waren, mit besorgten Gesichtern und angespannten Körpern. Kendras Vater hielt ein seltsam aussehendes Instrument in der Hand, das in verschiedenen Farben leuchtete, während er es langsam über den Boden schwenkte.

"Vater!", rief Finn und rannte auf die Gruppe zu. "Wir sind hier! Hier drüben!"

Doch sein Vater reagierte nicht. Keiner der Männer tat es.

"Sie können uns nicht hören", sagte Leif mit einer Stimme, die seltsam hohl klang. "Wir sind... woanders."

Kendras Lippen zitterten, als sie die Worte aussprach, die sie alle fürchteten: "Wir sind im Zwischenreich gefangen. Zwischen Weraldiz und..."

Sie wagte nicht, den Namen auszusprechen.

Hinter ihnen pulsierte schwach eine der leuchtenden Linien durch den Boden, nur für ihre Augen sichtbar. Eine Einladung, oder eine Warnung.


Anmerkung des Archivars: Diese Geschichte wurde nach den Aussagen von vier Jugendlichen aufgezeichnet, die vor drei Jahren auf mysteriöse Weise verschwanden und nach sieben Tagen plötzlich wieder auftauchten. Ihre Berichte wurden vom Orden des Spiegels untersucht und als "beunruhigend, aber unbegründet" eingestuft. Der Zugang zum verfallenen Lagerhaus wurde dennoch versiegelt, und Patrouillen des Ordens des Schildes überprüfen das Gebiet seither regelmäßig.