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Durch den Schleier ⚠

Der Staub tanzte im Licht seiner Kristalllampe, als Tarek ez'EgituraEgitura-gaur-bat den schmalen Gang hinabstieg. Die archäologische Expedition hatte mehr Fragen als Antworten hervorgebracht. Drei Wochen Graben in den Ruinen weit im Norden Non'Gaudens, und dennoch blieb die Funktion dieses unterirdischen Komplexes rätselhaft.

"Noch eine halbe Stunde bis zur Dämmerung," murmelte er, während er seine Notizen auf dem Schreibbrett ergänzte. Die Schattenruhe würde bald beginnen, und er wollte bis dahin wieder an der Oberfläche sein.

Der junge Geselle aus der Enklave Egitura war stolz auf seine methodische Arbeit. Die Handelshäuser hatten beträchtliche Summen in diese Expedition investiert, und obwohl er erst seit einem Jahr seinen Abschluss hatte, war ihm die Leitung einer Nebengrabung anvertraut worden. Es war seine Chance, sich zu beweisen.

Tarek strich mit seinen, in aufwändig gefertigte Lederhandschuhe, gekleideten Fingern über die seltsamen Muster an der Wand. Keine bekannte Schrift, aber definitiv keine zufälligen Markierungen. Die glatte Oberfläche schimmerte unter seiner Berührung leicht – ein Zeichen für Materieharmonisierung, eine längst vergessene Technik.

Tarek geht aufmerksam den alten Tunnel entlang. Hinter ihm schwebt ein Pergament und ein Stift, der Notizen macht.

"Harmonisierer vier und fünf im Abstand von drei Handbreiten," diktierte er seinem magischen Pergament. Auf der cremefarbenen Oberfläche begannen sofort blaue Tintespuren zu erscheinen, die sich zu präzisen Buchstaben formten, als würde eine unsichtbare Hand sie schreiben. "Muster deutet auf eine kontrollierte Energieleitung hin. Möglicherweise ein ... Transportzirkel?"

Der Gang endete abrupt vor einer kreisförmigen Fläche. Tarek runzelte die Stirn. Bei seinem letzten Besuch hatte hier eine massive Steinwand gestanden.

"Neues Segment freigelegt," sprach er, und seine Worte materialisierten sich sofort auf dem Pergament, Buchstabe für Buchstabe in eleganter Non'Gaudener Standardschrift. "Naturstein, poliert... nein, nicht poliert. Das Material selbst scheint zu... schimmern."

Er hielt inne. Ein kaum wahrnehmbares Summen ging von der kreisförmigen Fläche aus. Es erinnerte ihn an die Energielinien-Messgeräte im Labor, nur ungleich stärker.

Die rationalen Instinkte des Non'Gaudeners rieten zur Vorsicht. Er sollte zurückkehren und Verstärkung holen. Doch sein Forscherdrang siegte. Mit vorsichtigen Schritten näherte er sich der schimmernden Fläche und hob seine Lampe höher.

"Ich entdecke ein Energieknäuel mit ungewöhnlich stabiler Geometrie," flüsterte er. Das Pergament in seiner Hand vibrierte leicht, während die Tinte sich in präzisen Linien ausbreitete und seine Worte festhielt. "Die Muster ähneln astronomischen Konfigurationen..."

Seine Lampe flackerte, dann flammte sie in blendendem Licht auf. Tarek taumelte zurück, als der Boden unter ihm zu pulsieren begann. Er verlor das Gleichgewicht und stolperte vorwärts – direkt in die schimmernde Fläche hinein. Das Pergament entglitt seinen Fingern und segelte zu Boden, die letzten Buchstaben noch formend, als sei nichts geschehen.

Ein Gefühl wie tausend Nadelstiche durchfuhr seinen Körper. Die Welt um ihn herum löste sich in wirbelnde Farbspiralen auf. Er konnte nicht atmen, nicht schreien, nur fallen.

Dann war es vorbei.

Die plötzliche Stille war ohrenbetäubend. Tarek lag auf seinem Rücken und starrte nach oben. Statt der Decke der Grabungsstätte erblickte er einen hohen, gewölbten Raum, dessen Wände im Licht zahlreicher schwebender Kristalle sanft leuchteten.

Er stand auf wackeligen Beinen auf und versuchte, seine Umgebung zu erfassen. Er befand sich in einer Art Kammer, elegant und zweckmäßig zugleich. Nichts erinnerte an die verfallene Ruine, die er gerade noch untersucht hatte.

"Unmöglich," flüsterte er.

Ein melodisches Klingeln ertönte, und eine Tür, die er zuvor nicht bemerkt hatte, öffnete sich. Tarek versteckte sich hastig hinter einer Säule.

Zwei Gestalten betraten den Raum – ein hochgewachsener Mann in fließenden blauen Gewändern und eine Frau mit silberweißem Haar. Sie unterhielten sich in einer Sprache, die Tarek vage an Lumarisch erinnerte, aber mit einer Melodie und Kadenz, die er noch nie gehört hatte.

Der Mann machte eine fließende Handbewegung, und in der Mitte des Raumes erschien ein schimmerndes Bild – ein dreidimensionales Modell des Kontinents Alweidar, erkannte Tarek mit Erstaunen. Doch etwas war anders. Die Topographie, die Siedlungen... nichts davon entsprach seinen Karten.

Die Frau berührte das Modell, und es vergrößerte die Ansicht auf eine Stadt, die dort stand, wo in Tareks Welt nur Ruinen existierten. Eine prachtvolle Metropole mit spiralförmigen Türmen, schwebenden Plattformen und glitzernden Kuppeln.

"Die Spannungen im Gewebe nehmen zu," sagte die Frau in einer Sprache, die Tarek plötzlich verstehen konnte. "Die Valvar im Norden drängen auf ein Treffen mit dem Ältestenrat."

"Und die Vishwa?" fragte der Mann.

"Sie sagen, die Sternenkonstellation deutet auf eine seltene Ausrichtung hin. In etwa dreißig Jahren werden alle drei Monde in einer Linie stehen."

Tarek hielt den Atem an. Sie sprachen von der Stille Konvergenz!

"Die Jnana bestehen darauf, dass wir die Beziehungen zwischen den Menschen und den Naturgeistern neu definieren müssen," fuhr die Frau fort. "Sie sagen, der aktuelle Weg führe zu Ungleichgewicht."

Der Mann nickte nachdenklich. "Wir sollten die Akasha konsultieren. Ihre Traumvisionen werden Klarheit bringen."

Tarek beobachtete fasziniert, wie sie das Modell weiter manipulierten. Diese Stadt, diese Menschen – sie lebten in einer Welt, in der die unterschiedlichen Wesen offenbar in Harmonie koexistierten. Eine Welt, die sich fundamental von allem unterschied, was er kannte. Eine Welt, in der die Geschichtsschreibung seiner Heimat niemals stattgefunden hatte.

Er wagte sich etwas weiter aus seinem Versteck heraus, um besser sehen zu können. Sein Fuß streifte eine Metallschale, die mit leisem Klirren umfiel.

Die beiden Gestalten drehten sich abrupt um.

"Ein Eindringling!" rief die Frau.

Der Mann machte eine schnelle Geste, und Tarek spürte, wie sein Körper erstarrte. Er konnte sich nicht bewegen, nicht sprechen, kaum atmen.

Die beiden näherten sich ihm vorsichtig. Ihre Augen weiteten sich, als sie ihn genauer betrachteten.

"Seine Energie... sie ist vertraut und doch fremd," sagte die Frau leise. "Als käme er von hier, aber... nicht von hier."

Der Mann legte seine Hand auf Tareks Stirn. Ein warmes Kribbeln durchfloss seinen Geist.

"Er kommt aus einer anderen Möglichkeit," sagte der Mann erstaunt. "Einer Welt, in der wir..." Er hielt inne, sein Gesicht plötzlich blass. "Bei allen Weltwebern! Einer Welt, in der der große Bruch stattgefunden hat."

Die Frau trat zurück, ihre Augen vor Entsetzen geweitet. "Das ist unmöglich. Niemand würde je..."

Ein lautes Krachen unterbrach sie. Die Wände des Raumes begannen zu flimmern, als würde die Realität selbst wie dünnes Papier reißen.

"Das Gewebe!" rief der Mann. "Die Anomalie destabilisiert die Struktur!"

Tarek spürte, wie die Lähmung nachließ. Um ihn herum begann sich ein wirbelnder Strudel aus Licht zu bilden.

"Warte!" rief die Frau und griff nach seinem Arm. "Woher kommst du? Wie—"

Ihre Stimme wurde vom Heulen des Energiewirbels verschluckt. Tarek fühlte, wie er zurückgezogen wurde, durch den Schleier zwischen den Realitäten. Das letzte, was er sah, war das erschütterte Gesicht des Mannes, der eine komplexe Geste in seine Richtung wob.

Dann war da nur noch Dunkelheit.


"Tarek! Bei allen fünf Jakintza, was ist passiert?"

Er öffnete die Augen und sah in das besorgte Gesicht seiner Kollegin Mirea. Er lag auf dem Boden der Grabungsstätte, genau dort, wo der seltsame Kreis gewesen war. Jetzt war nur noch solider Fels zu sehen.

"Wie lange war ich..." begann er.

"Ich habe dich gerade erst gefunden. Die Schattenruhe hat begonnen, wir haben dich gesucht." Sie half ihm auf die Beine. "Du bist ohnmächtig geworden. Kein Wunder bei dieser stickigen Luft hier unten."

Tarek starrte auf die Stelle, wo das Portal gestanden hatte. Nichts deutete mehr darauf hin. War es nur eine Halluzination gewesen? Ein Traum?

Er tastete in seine Tasche und erstarrte. Zwischen seinen Fingern lag ein kleiner, kristalliner Gegenstand, der ein sanftes, pulsierendes Licht ausstrahlte – nichts, was er je mitgebracht hatte.

"Tarek? Alles in Ordnung?" fragte Mirea besorgt.

Er schloss die Hand um den Kristall und spürte sein warmes Pulsieren. "Ja," sagte er langsam. "Aber ich glaube, wir müssen unsere Annahmen über die Natur der Realität überdenken."

Als sie die Grabungsstätte verließen, warf Tarek einen letzten Blick zurück. Für einen kurzen Moment schien es ihm, als würde der Stein flimmern und dahinter die Silhouette einer prächtigen Stadt aufscheinen. Dann war es nur noch eine dunkle Höhle.

Aber er wusste, was er gesehen hatte. Eine andere Möglichkeit. Eine Welt, in der der Lauf der Geschichte einen anderen Weg genommen hatte. Und während sie ins Lager zurückkehrten, formte sich in seinem Kopf bereits der erste Entwurf eines Forschungsberichts, den niemand glauben würde.

Der Kristall in seiner Tasche pulsierte im Rhythmus seines Herzschlags.