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Die Verhehlung I - Geflüster im Zwielicht

Prolog

Es gibt Wahrheiten, die unter dem Erdreich schlummern gleich Samenkörnern im Winterschlaf. Was lange im Verborgenen ruht, sehnt sich nach dem Licht – auch wenn sein erstes Hervorbrechen jede Schicht schmerzlich zerreißt, die es bislang umhüllte.


Nora vom Hause der Erinnerungen, Oroimen-Etxea in der geheiligten Zunge der Argitari, wandelte seit vier Tagen durch eine Landschaft, die ihr eigen dünkte, als wäre sie den vergilbten Gebetbüchern ihrer Kindheit entstiegen. Die sanften Kuppen des Berglandes harrten noch des ersten Grüns des so sehnlichst erwarteten Frühlingserwachens. Das Licht indes – Kaldaz noch dominant in seinem frostigen Blau, während Dagaz bereits begann, sein warmes Gelb aus der Verborgenheit hinter der blauen Wintersonne zu senden – ließ das kahle Holz der Buchen in einer Röte erstrahlen, zart wie die ersten Morgenträume des Frühlings.

Hier offenbarte sich keine Spur der gewaltigen Wandlungen, die das Antlitz ihrer Heimat Tag um Tag bewegten. Keine Türme des Spiegelordens strebten zum Firmamente empor, keine Handelskarawanen zogen lärmende Furchen durch das schweigende Land. Einzig der Westwind verweilte, der über die Hügel strich und in seinem Atem die Verheißung kommenden Erwachens trug.

„Wie weit bin ich von der Welt entrückt?“, sann sie und wandelte den steinigen Pfad hinan, der sich zwischen Wacholder und wilder Rose schlängelte. Ihre Schritte hallten nicht wider; die Erde verschlang jeden Ton, als hielte sie das Schweigen für heiliger denn alle Glocken des gesegneten Zeruko Hiris.

Zuweilen, wenn sie innehielt, vermeinte sie etwas zu vernehmen: ein Raunen, das nicht dem Winde entsprang, ein Singen, das keine sterbliche Kehle besaß. Doch wenn sie mit ganzer Seele lauschte, vernahm sie nur das Rauschen der Äste und das ferne Klagen eines einsamen Uhus.

Am Hange zur Rechten harrte eine Wegkapelle, so alt und bemoost, dass sie mehr einem gewachsenen Steine denn einem Menschenwerke glich. Nora trat näher und gewahrte Reliefs, die keine der himmlischen Heerscharen zeigten, sondern Ranken und Früchte, durchwoben von Gesichtern, halb Mensch, halb Wurzel – Bildnisse, die den Lehren der Heerscharen fremd waren. Unwillkürlich rief ihr Geist die Erinnerung an ihren Bruder Sendoa vom Orden des Flügels hervor, der seit etlichen Jahren die Weiten Auwharins durchwandelte, um die heilige Lehre vom Höchsten Sein und seinen Heerscharen in jene entlegenen Winkel zu tragen, die das göttliche Licht noch nicht berührt hatte. Welch seltsame Fügung, dachte sie, dass selbst nach über acht Jahrhunderten noch immer Täler zwischen den Gebirgen schlummerten, in denen die alte Zeit fortwährte, als hielte sie den Atem an.

„Die Alten Pfade“, dachte sie mit einer Ehrfurcht, die sie in ihrer Tiefe selbst überraschte. „Hier sind sie niemals vergangen.“

Sie kniete nieder, ihre Finger glitten über die abgewetzten Steine, als lauschte sie einer verhallenden Stimme aus längst verklungenen Zeiten. Dann formten ihre Lippen ein Gebet, das beiden Traditionen zu dienen vermochte: den Himmlischen Heerscharen und der nährenden Erde, dem erleuchtenden Lichte und den ergründenden Wassern, ein Gebet, das Sendoa gewiss mit Missbilligung bedacht hätte. Sie hatte nie gelernt, es so zu sprechen, und wusste doch, wie es ging, wie man zuweilen ein Lied kann, dessen Herkunft man nicht anzugeben vermag. Hier, an diesem Orte zwischen den Welten, erschien es ihr wahrhaftiger als alle Worte der heiligen Schriften.

Der Weg senkte sich ins Tal hinab. Im Talgrunde, noch ein gutes Stück des Weges entfernt, lag ein Flecken bewohnten Landes, eingeschlossen zwischen den sieben Hügeln, die Waldheim am Siebenrück seinen Beinamen in den alten Aufzeichnungen gaben. Rauch stieg aus wenigen Kaminen in die klare Luft. Ein unvollendeter Kirchturm ragte zwischen den Gehöften hervor – nicht in der erhabenen Bauart der Argitari wie alle Kirchen der Heerscharen, sondern schlicht gemauert, doch niemals vollendet. Ein steinerner Finger, der fragend ins Leere wies. Waldheim. Dies war der Ort, welcher in den seltsamen uralten Unterlagen, die in einer kleinen Kammer der Bibliothek so lange vergessen schienen, beschrieben war. Dies und die seltsame Geschichte über eigenartige Träume hatten die Neugier der jungen Gelehrten geweckt.

Es geschah am Fuße des Hügels, wo ein schmaler Bach durch Steine mäanderte, dass Nora einen Moment innehielt.


Duolmma Fávru-álggi vom Meahcci-sidd – oder einfach Duolmma, wie er sich seit Beginn seiner Reise hieß – hatte niemals solche Bäume erschaut. In seiner Heimat wuchsen Birke und Tanne, karg und gerade wie die Speere der Ahnen. Hier aber standen Eichen, deren mächtige Stämme drei Männer nicht zu umfassen vermochten, und Buchen, die ihre Äste gleich ausgestreckten Armen zum Himmelszelte emporreckten.

Acht Wochen war er nun gewandelt, nur ruhend von dem langen Marsch, wenn sein Körper nach Erholung verlangte, vom fernen Rande der Welt bis hierher, wo die Luft wärmer wurde und fremde Düfte trug. In Wolfsthal hatten ihn die Menschen angesehen, als käme er von anderen Sternen herab. In den Dörfern der weiten Ebenen und Wälder waren sie herzlich, aber unbeholfen ihm gegenüber. Der fremde Mann mit der Trommel und den… ungewöhnlichen Liedern.

Doch hier, in diesen stillen Hügeln, fand er etwas, das ihn an die tiefen, schweigenden Wälder seiner Heimat gemahnte: das Gefühl, dass die Bäume lauschten mit alten Ohren.

Er machte Rast an einem Bachbette, das fast trocken lag im Vorfrühling. Die Steine waren rundgeschliffen vom Wasser und warm trotz der Spätwinterkühle, die noch in der Luft weilte. Als er die Hände ins flache Wasser tauchte, erblickte er sein Antlitz, verändert von der langen Reise. Dunkler war es geworden, durchfurcht von neuen Linien wie alte Rinde.

Ein Habicht kreiste hoch über seinem Haupte. Duolmma vernahm seinen durchdringenden Ruf und antwortete in der Sprache der Lithi, dem Klange seiner Heimat. Das Echo kam zurück, seltsam verzerrt, als spräche der Vogel in der Sprache der Aus’Harringer, der acht Stämme, die Auwharin seit Anbeginn bewohnen.

„Was du hast… äh… erspäht dort oben, mein gefiederter Freund?“, probte er die fremden Worte und lachte leise über die eigene Unbeholfenheit. Die fremde Sprache wollte nicht fließen wie klares Wasser, eher wie zäher Honig – süß im Klange, doch träge im Flusse.

Als der Abend sich über das Land senkte, fand er eine einfache Hirtenunterkunft, leer bis auf einen alten Mann mit wettergegerbtem Antlitz, der Schafe hütete auf den Hügeln. Der Hirte schien ihn verstehen zu können, obwohl Duolmma in der fremden Zunge nur stockend sprach.

„Waldheim?“, wiederholte der Alte und wies mit knorrigem Finger talabwärts. „Ein seltsamer Ort, ja. Die Leute dort… sie haben merkwürdige Träume, die nicht… vergehen wollen.“

Als Duolmma die Augen hob zum Himmelszelte, sah er zwischen den dunkelnden Bäumen einen Hügel, rund und kahl, auf dem nichts gewachsen war. Etwas an ihm ließ seine Nackenhaare sich sträuben wie im kalten Winde. „Die Geister sind… sehr unruhig heute“, dachte er und griff nach seiner heiligen Trommel mit suchenden Fingern.

Am nächsten Morgen wachte er früh auf, der alte Mann noch schlafend, so segnete er schweigend die Unterkunft nach Weise seiner Ahnen und ging weiter, wie er seit Jahren weitergegangen war. Er hatte einmal in den Schnee hinausgerufen und eine Antwort bekommen, und seither ging er dorthin, wo etwas antworten mochte. Bislang hatte nichts mehr geantwortet.

Es geschah am Fuße des Hügels, wo ein schmaler Bach durch Steine mäanderte, dass er eine junge Frau erblickte, die so ganz fremd in dieser Landschaft schien. Ihr sorgsam zusammengebundenes Haar, eine Tasche mit Pergamenten und die feine Kleidung, ihr Blick zu jenem Hügel gewendet. Duolmma sah ihn an und erkannte ihn, ohne ihn je gesehen zu haben. Er hatte in den letzten Wochen unruhig geschlafen und von sterbenden Bäumen geträumt, doch die Träume hatten keinen Ort getragen. Nun trugen sie einen.


Weland, vom Band der Eibenhüter, Ývarðrband in der Sprache der Aus’Harringer, vom Stamme Bergheim, kannte diese Wege im Wesensgrunde, ohne sie jemals beschritten zu haben. Die Bäume sprachen allhier eine Zunge, die älter weilte denn alle Grenzen der Menschenkinder. Die Eiche an diesem Orte redete wie die Eiche daheim im heimlichen Waldesdunkel. Die Heidelbeersträucher, deren Zweige sich im Windhauch wiegten, flüsterten dieselben uralten Geschichten vom Winterschlaf und dessen sanftem Vergehen.

Doch je weiter er nach Sonnenaufgang kam, desto verstörter klangen die Stimmen der Bäume im Windhauche.

„Was dort geschehen ist, währt noch immer fort im Erdengrunde“, murmelte er zu den Rotbuchen, die den Waldrand säumten gleich stillen Wächtern. Sie neigten ihre Äste tief, als stimmten sie zu in uraltem Wissen.

Sechs Tage war er nun unterwegs durchs wilde Land, seit er den großen Wald verlassen hatte mit schwerem Herzen. Die spärlich gesäten Orte, welche er auf seiner Wanderung durchschritten hatte, hatten seinem Waldherzen nicht gefallen – zu viel toter Stein, zu wenig lebende Erde. Die Menschen dort hatten eigenartig gerochen für seine feinen Sinne: nach verhaltener Angst und ungewagten Träumen.

Hier aber roch es anders im frischen Winde. Nach alten Blättern am Waldboden und stehenden Wassern in verborgenen Tümpeln. Nach Geheimnissen, die zu lange im Erdenschoße verschwiegen worden waren.

Ein Rudel Waldhirsche wechselte vor ihm über den Pfad, nicht fliehend seiner Witterung, sondern verweilend für einen stillen Augenblick. Sie sahen ihn an, wie Wild einen ansieht, das noch nie bejagt worden ist. „Ihr habt es also auch gespürt“, sprach er sanft. Das alte Leittier senkte den Kopf und riss weiter Gras.

Der Westwind kam über den Hügel, den er in der Ferne vor sich sah jenseits der Bäume, und was er mitbrachte, war kein Geruch und kein Laut, sondern ein Fehlen. Der Hügel lag kahl und rund darin wie eine Narbe, die nicht verblasst.

Waldheim lag still in seinem Schattenmantel. Kein Menschenlaut drang herauf zu den Lauschenden, doch die Luft vibrierte im Abendrot, als läuteten längst vergrabene Glocken unter der Erde. Weland strich mit fühlender Hand über die runzlige Rinde einer alten Linde am Wegesrande. „Kann man Verwundetes wieder heil machen im Kreislaufe der Welt?“, fragte er mit leiser Stimme. Der Baum antwortete nicht in Menschenworten, doch sein Schweigen war Antwort genug.

Im späten Morgenwerk des nächsten Tages erreichte er die Grenze des Waldes, wo ein schmaler Bach durch Steine mäanderte, und er zwei Gestalten erblickte, die sich gerade begrüßten, ihren Blick beide zu jenem Hügel gewandt, den er bereits seit Anbeginn seiner Reise zu suchen schien.


Der Fremde wandte sich mit gebotener Höflichkeit der Dame zu: „Gesegnete… Ruhe“, brachte Duolmma hervor, seine Stimme zögernd zwischen den fremden Worten, als er sich Nora näherte.

„Und Euch“, erwiderte Nora mit dem höflichen Lächeln einer Gelehrten, die es gewohnt ist, Menschen aus fernen Landen zu begegnen. „Ihr seid einen weiten Weg gewandert, wie ich sehe.“

Ehe Duolmma antworten konnte, trat eine dritte Gestalt aus dem Schatten der Bäume. Weland bewegte sich mit der Anmut eines Mannes, der mehr Zeit mit Rehen und Wölfen verbracht hat als mit seinesgleichen. Seine Kleidung war grün und braun wie der Wald selbst, und sein ungebändigtes Haar fiel ihm über die Schultern wie Ranken einer wilden Rebe.

Der Moment hätte einer flüchtigen Begegnung zwischen Fremden gleichen können, wie sie auf den Wegen der Welt alltäglich geschehen. Doch da verdunkelte sich der Himmel, als schiebe sich eine gewaltige Hand zwischen die Sonnen und die Erde. Die Schattenruhe kam über das Land.

Ein gedämpftes Licht legte sich über das Tal, nichtwie jeden Tag undzu nichtdieser Nacht,Zeit, sonderndoch etwasanders, dazwischen.als es die Drei gewohnt waren.

„Das Licht“Licht der Schattenruhe“, sagte Duolmma und sah nach oben. „Bei mir zu Hause ist es nicht so. Nicht so …so… dick.“ Er fand das Wort nicht besser und ließ es stehen.

Und während die drei Wanderer noch still darinbeieinander standen, geschah etwas Unerwartetes.

Ein Flüstern erhob sich,sich ein Flüstern, nicht vom Winde getragen, sondern aus dem Hügel selbst, als atmete die Erde einen lange verhaltenen Seufzer. Das Flüstern wurde zu Stimmen, vielstimmig und doch eins, wie ein Chor, der ein uraltes Lied ohne Worte sang.

Wie von unsichtbaren Fäden gezogen traten die drei näher zusammen, ihre Blicke auf den Hügel gerichtet. Und für einen Herzschlag, einen Atemzug, schien sich die Wirklichkeit zu verschieben, wie ein Vorhang, den der Wind beiseite weht.

Da sahenUnd sie sie –schauten fünf Bäume, mächtige Eichen, die in einem vollkommenen Kreis auf dem Hügel standen. Doch während sie zusahen, begannen die Bäume zu verdorren, ihre Blätter fielen wie Tränen, ihre Rinde riss auf wie Wunden. Und mit ihnen schienen fünf Gestalten zu vergehen, Menschen und doch mit den Bäumen verbunden, als wären sie eins – ihre Schreie lautlos und doch erschütternd in der Stille.

So schnell wie siedie Vision gekommen war, verschwandverklang diesie Visionwieder wieder.in Derder Stille der Schattenruhe und der Hügel lag wie zuvor kahl und stillschweigend im silbrigen Licht von Barkuz, als wäre nichts geschehen. Die drei Wanderer standen schweigend, noch immer vom Echo des Gesehenen erfüllt.

„Habt Ihr das…?“, Nora wagte nicht, den Satz zu vollenden.

„Ja“, antwortete Weland einfach. „Die Bäume sterben. Und mit ihnen…“

„Die Stimmen“, ergänzte Duolmma, dessen Hände unwillkürlich den Rhythmus auf seiner Trommel fanden, den er in diesen Bildern verspürt hatte. „Sie rufen nach… Hilfe. Nach Erlösung.“