Die Verhehlung VI - Was gesagt werden musste
Kapitel 5
Am Ende einer langen Verhehlung steht selten ein Ungeheuer, sondern eine Gräueltat, die jeder hätte begehen können. Sie auszusprechen schmerzt, und die Kosten tragen selten jene, welche die Verantwortung trugen.
Der Morgen kam ohne Fanfaren. Kaldaz’ erstes Licht kroch über die östlichen Berge und fand Waldheim bereits wach. In den Häusern lagen die Leute mit offenen Augen und warteten darauf, dass ein anderer zuerst aufstünde.
Nora trat als Erste vor die Tür des Gasthauses zum Siebenrück. Die Luft war kalt und klar und trug jenen erdigen Dunst, den der Vorfrühling aus dem Boden zieht, wenn die Fröste nachlassen. Über den Dächern hing noch der blasse Schein der Monde.
Auf dem Platz beim Brunnen standen bereits Menschen, nicht viele, jeder für sich, als hätten sie einander noch nicht zu erkennen gewagt: Johen, die Hände in den Taschen seines Lederschurzes vergraben; Gerwin, der mit einem Besen aus der Tür getreten und dann stehen geblieben war, als habe er vergessen, wozu er ihn hielt; zwei, drei Frauen, die Tücher fest um die Schultern gezogen.
Duolmma kam hinter ihr heraus, die Trommel am Gürtel, das Gesicht verschlossen. Er sagte nichts. Sein Blick ging zum Hügel, und der Riss in dessen Flanke war im fahlen Lichte kaum zu erkennen, nur ein dunklerer Strich in der braunen Erde.
Weland kam zuletzt. Er blieb auf der Schwelle stehen, und die wenigen auf dem Platze wandten ihm die Gesichter zu. Im Morgenlichte war die verschlungene Maserung auf seiner Haut deutlicher als je zuvor.
Dann kamen die anderen. Haldor erschien mit Marit und Finn, der zwischen seinen Eltern ging, eine Hand in der des Vaters, die andere in der der Mutter. Marta kam vom Dorfrande, ihr weißes Haar im Winde, den Kräuterbeutel über der Schulter. Neben ihr ging Eadgard und trug die schlafende Mila auf dem Arm. Sein Gesicht war grau vor Müdigkeit, doch sein Gang war fest, und als sein Blick den der drei Fremden traf, senkte er ihn nicht.
Es kamen noch mehr. Wilfried, auf seinen Stock gestützt. Kegan der Bäcker. Bertha mit ihrer Enkelin Yrsa an der Hand. Einzelne, Paare, kleine Gruppen.
Und doch blieben einige aus. Der Köhler und seine Frau saßen bei Winda in Martas Hütte, was niemand ihnen verdachte. Hinter einem der Fenster am Platze wurde ein Laden zugezogen, langsam, damit es nicht nach Absicht aussähe. Beorn der Bauer ging mit der Sense über der Schulter den entgegengesetzten Weg hinaus, obgleich auf seinem Felde um diese Jahreszeit nichts zu schneiden war.
Niemand sprach das Wort „Aufbruch“. Niemand hob die Stimme. Die Versammlung formte sich von selbst, weil keiner allein dorthin gehen wollte.
Der Weg war kurz. Wenige hundert Schritte vom Dorfplatz, vorbei an den letzten Häusern, über eine Wiese aus braunem Vorjahreslaub, durch das sich erstes zaghaftes Grün schob.
Aus der Nähe war der Riss deutlicher, ein Spalt von der Breite eines Mannes, der sich von halber Höhe des Hügels bis zum Fuße zog. Die Ränder waren aufgewölbt, als habe die Erde von innen heraus nachgegeben.
Johen ging in die Hocke, fasste in den aufgeworfenen Rand, zerrieb einige Krumen zwischen den Fingern und sah zum Hange hinauf. „Frost“, sagte er. „Das Wasser geht ins Erdreich, es friert, es hebt. Und irgendwann ist unten nichts mehr, worauf es sich stützt.“ Er stand auf und klopfte sich die Hände ab.
Niemand antwortete ihm.
Weland kniete nieder und legte die Hand auf die Erde am Rande des Spaltes. Er schloss die Augen, und für einen langen Augenblick war nur sein Atem zu hören.
„Es ist tiefer, als ich dachte“, sagte er. Und dann, leiser: „Und stiller.“
Nora sah sich um. Die Dorfbewohner standen in weitem Halbkreise, manche nahe, manche ferner. Nicht alle würden hinabsteigen; sie las es in den Gesichtern und bedurfte keiner Worte dafür.
„Wer mitkommt, ist willkommen“, sagte sie. „Wer hier wartet, wacht für uns. Beides hat seinen Wert.“
Duolmma löste die Trommel vom Gürtel und schlug einmal, leise und tief, einen einzelnen Ton, der in die Erde hinabzusinken schien.
Dann stiegen sie hinab.
Der Abstieg war eng. Der Riss führte nicht geradlinig hinab, sondern wand sich, als habe er sich seinen Weg durch den Leib der Erde nicht gebahnt, sondern ertastet, einem Wurzelgange gleich, der dem Wasser folgt. Die Wände waren nicht Fels und nicht Erde, sondern etwas dazwischen: verdichteter Boden, durchzogen von toten Wurzeln, die sich verflochten und verfilzt in alle Richtungen erstreckten, als hätten die Bäume, die einst hier oben standen, im Sterben noch versucht, einander festzuhalten.
Weland ging voran, hinter ihm Finn, der die Hand an die Wand legte und die Finger über die toten Wurzeln gleiten ließ, als lese er darin. Dann Nora und Duolmma, Schulter an Schulter, weil der Gang es erzwang. Dahinter Eadgard, der Mila an Marta übergeben hatte und nun mit leeren Händen ging. Johen. Haldor. Marit, die umkehren wollte und es nicht tat. Noch ein Dutzend andere, deren Schritte leiser wurden, je tiefer sie stiegen.
Im ersten Abschnitte sah Nora es noch, das schwache Flackern am Rande des Blickfeldes, das verschwand, wenn man den Kopf wandte. Ein Flüstern, das sich nicht in Worte fassen ließ und doch an Stimmen gemahnte.
Doch mit jedem Schritte wurde es weniger, so wie ein Geräusch verhallt, wenn man sich von seinem Ursprung entfernt.
Duolmma blieb stehen. Seine Hand lag auf der Trommel, doch er schlug nicht. Er lauschte, den Kopf geneigt.
„Es ist weniger“, sagte er leise. „Nicht mehr. Weniger.“ Er suchte nach Worten, die Hände öffneten und schlossen sich. „Oben, am Hügel, waren sie stark. Deutlich. Hier unten …“ Er schüttelte den Kopf. „Hier ist fast nichts.“
Dann, nach einer Weile: „Also liegt es tiefer.“ Es klang nicht wie eine Vermutung.
„Sie schlafen“, sagte Finn von vorn, ohne sich umzuwenden.
Von weiter hinten im Gange kam eine Stimme, die Nora nicht zuzuordnen vermochte. „Oder sie halten den Mund, weil wir da sind.“
Keiner der drei Sätze fand Widerspruch.
Sie tat, was sie tat, wenn sie nicht weiterwusste: Sie fing an zu zählen. Wie viele Schritte, seit sie das Flackern zuletzt gesehen hatte. Wie viele, seit Duolmma stehen geblieben war. An welcher Stelle es stark gewesen war und an welcher nicht, und wie die Stellen zueinander lagen. Sie schrieb nichts auf; sie hatte keine Hand frei. Sie merkte es sich, wie sie sich seit Jahren Dinge merkte, von denen sie noch nicht wusste, wozu sie sie brauchen würde.
Weiter vorn war Weland stehen geblieben, eine Hand an der Wand, die Augen geschlossen.
„Die Erde erinnert sich“, sagte er. „Aber nicht so, wie ich dachte. Es ist kein Gefängnis hier. Es ist eher wie eine Narbe. Das Gewebe hat sich geschlossen, aber die Form des Schnittes ist geblieben.“
Dann stiegen sie weiter hinab.
Der Gang mündete in eine Weitung. Ein Raum, den die Erde sich selbst geschaffen hatte, gleich einem Hohlraume, der sich bildet, wo etwas fault und zusammensackt. Die Decke war niedrig und von Wurzeln durchzogen, die wie erstarrte Adern das Erdreich zusammenhielten. Das Licht der Fackeln, die Haldor und Johen trugen, warf schwankende Schatten.
Es roch nach Erde und nach etwas anderem, das Nora nicht zu benennen vermochte, süßlich, schwer und uralt.
In der Mitte des Raumes lagen die Bäume.
Fünf Stämme, in die Erde gepresst, verrottet, zerfallen, kaum noch von den Wurzeln zu unterscheiden, die sie umgaben. Was einst mächtige Eichen gewesen sein mochten, war nun kaum mehr als dunkles, feuchtes Holz, das unter der Berührung zerbröckelte. Totes Holz in toter Erde.
Und darunter ahnte Nora mehr, als sie sah. Gebeine, so alt, dass sie Teil des Bodens geworden waren. Die Überreste von fünf Menschen, denen kein Grabstein gesetzt worden war und deren Namen verloren gegangen waren.
Sie kniete nieder, und ihre Finger, die tausend Schriftrollen entziffert hatten, schoben das weiche Erdreich beiseite. Ein Messer. Gewöhnlicher Stahl, so verrostet, dass die Klinge kaum noch als solche zu erkennen war, der Griff aus Holz oder Knochen, zerfallen bis auf wenige Splitter im feuchten Boden.
Sie hielt es ins Fackellicht, und für einen Augenblick war der Raum so still, dass man das Atmen der Erde selbst zu hören vermeinte.
Johen nahm es ihr aus der Hand und wog es. Er drehte es ins Licht, kratzte mit dem Daumennagel an der Kruste und gab es zurück.
„Eisen hält sich nicht im Boden“, sagte er. „Nicht, wo die Luft rankommt und das Wasser kommt und geht. Da ist in fünfzig Jahren nichts mehr. Aber hier, wo keine Luft und kein Wasser war …“ Er wischte sich die Finger an der Schürze ab. „Deswegen liegt es noch da. Weil hier seit fünfhundert Jahren nichts passiert ist.“
„Das ist es?“, fragte jemand hinter ihr, und die Stimme klang, als habe sie die Frage nicht laut stellen wollen.
Nora betrachtete das rostige Metall in ihren Händen. In Aldrichs Tagebuch hatte es geheißen: ein Dolch aus einem Material, das im Lichte glänzte wie gefrorenes Mondlicht. Sie hatte diese Worte gelesen, übersetzt und geglaubt. Und nun hielt sie das Werkzeug in der Hand, das jene Worte beschrieben, ein stumpfes, verrostetes Messer, nicht anders als jenes, mit dem Johen sich sein Abendbrot schnitt.
„Er hat es sich zurechtgelegt“, sagte sie leise. „Aldrich. Er hat aus einem Morde ein Ritual gemacht. Aus einem Messer einen Dolch, der Licht verschlang. Aus seiner Tat eine Notwendigkeit.“ Sie legte das Messer behutsam zurück. „Wir haben einem Wahnsinnigen geglaubt.“
Die Worte fielen in den Raum, und niemand widersprach.
„Und er?“, fragte Marit von der Wand her. „Der es getan hat. Liegt der auch hier?“
Nora schüttelte den Kopf. „Er hat das Buch nach dieser Nacht weitergeschrieben“, sagte sie. „Wochenlang. Das heißt, er ist wieder heraufgestiegen und nach Hause gegangen und hat zu Abend gegessen und sich hingelegt und ist am nächsten Morgen aufgestanden.“ Sie sah niemanden an. „Es hat ihn niemand gestraft. Es hat ihn nicht einmal jemand gefragt.“
Es war Duolmma, der die Trommel absetzte und statt ihrer den Stein aus dem Beutel nahm.
Er trug ihn seit jenem Abend im Keller bei sich. Nun kniete er neben Nora nieder, dort, wo unter dem zerfallenen Holze der Boden dunkler war als anderswo, und legte den Stein darauf. Er sah sie an, und sie verstand, was er wollte, ohne dass er ein Wort dafür gefunden hätte.
„Wir haben es einmal getan“, sagte sie. „Zu zweit.“
„Zu zweit“, bestätigte er und legte die Hand auf den Stein.
Nora legte ihre Hand neben die seine.
Der Stein lag kühl unter ihren Fingern. Er wurde nicht wärmer, er brach das Fackellicht wie zuvor in kleine schillernde Funken. Nora spürte Duolmmas Hand neben der ihren, den rauen Rücken seiner Finger, den Schmutz unter den Nägeln, den Pulsschlag darin. Sie spürte ihn so deutlich, wie sie im Keller die Tundra gespürt hatte und die Kälte und den Bruder im Schnee.
Und dahinter war nichts. So wie eine Hand, die ins Leere greift.
Sie knieten lange so. Nora wollte, dass es länger dauerte. Sie ertappte sich dabei, wie sie sich anstrengte, wie man sich anstrengt, ein Wort zu hören, das der Wind zerreißt.
Duolmma nahm die Hand zuerst fort.
„Er ist nicht kaputt“, sagte er. Seine Stimme war ruhig. „Ich habe ihn gespürt. Er tut, was er tun soll.“ Er sah auf das dunkle Holz hinab. „Sie sind nicht hier.“
Nora setzte an. Duolmma hob die Hand, nicht abwehrend, nur so weit, dass sie es sah.
„Nicht hier heißt nicht hier“, sagte er. „Mehr habe ich nicht gesagt.“
Finn stand zwischen den toten Stämmen. Der Knabe hatte sich von seinen Eltern gelöst und war vorausgegangen, leise, wie es seine Art war. Nun stand er reglos, die Hand auf einem der zerfallenden Stämme, und sein Gesicht war das eines Kindes, das etwas versteht, das es nicht verstehen sollte.
„Sie sind tot“, sagte Finn. Seine Stimme war klar und dünn in der schweren Luft. „Die Weisen. Wie mein Vogel im letzten Winter. Der war danach auch nicht mehr da.“ Zum ersten Male schwankte seine Stimme. „Nur dass wir so viel über sie geredet haben und so viel über sie geschwiegen, dass ich dachte, sie wären es.“
In diesem Augenblicke spürte Weland zum ersten Male etwas, das er so noch nicht kannte. Eine Leere in dem Boden unter seinen Sohlen, der ihm seit Tagen zugesprochen hatte. Ein Schweigen, das er so noch nie vernommen hatte.
Sie blieben noch eine Weile, doch es gab nichts zu tun. Irgendwann nahm Johen die Fackel wieder auf, und sie stiegen hinauf.
Es war still, als sie den Gang hinaufgingen. Der Rückweg kam ihnen kürzer vor als der Hinweg. Das Wurzelwerk an den Wänden war noch da, doch es entbehrte jeglicher Fremdheit, die ihm zuvor eigen schien.
Als sie den Riss erreichten und das Tageslicht auf sie fiel, Dagaz’ noch zaghaftes Gold, das sich in den kühlen Schein von Kaldaz mischte, der seit dem Morgen über den Bergen stand, erhoben sich die Wartenden. In ihren Gesichtern lag die Frage, die keiner zu stellen wagte.
Nora blieb am Rande des Spaltes stehen und sah in die Runde.
„Dort unten liegen fünf Ermordete“, sagte sie, und ihre Stimme trug weit über den Hang. „Sie sind seit fünfhundert Jahren tot. Man hat sie an ihre eigenen Bäume gebunden und mit einem Messer getötet, wie es in jedem Haushalte liegt, und dann hat man die Bäume gefällt und alles zugeschüttet. Das ist es, was in eurem Hügel liegt. Kein Fluch. Ein verschwiegenes Verbrechen.“
Sie ließ es einen Atemzug lang stehen.
„Und die Männer, die es getan haben, sind wieder heraufgekommen, in ihre Häuser gegangen und haben zu Abend gegessen.“
Dann schwieg sie. Und Waldheim schwieg mit ihr.
„Ihr habt an der falschen Stelle nachgesehen.“ Kegan der Bäcker sagte es, nicht laut und nicht feindselig, sondern wie einer, der auf einen Rechenfehler hinweist. „Der Hügel ist groß.“
„Der Hohlraum liegt unter der Kuppe“, sagte Nora. „Darin liegen fünf Stämme im Kreis, und zwischen ihnen lag das Messer. Wenn das die falsche Stelle ist, dann gibt es keine richtige.“
Bertha zog Yrsa näher an sich. „Sie schweigen, weil ihr unten wart“, sagte sie. „Man geht nicht in das Haus von jemandem und erwartet, dass er einem etwas vorsingt.“
„Dann hätten sie geredet, als wir oben waren“, sagte Nora.
„Das haben sie“, sagte Bertha.
„Ja“, sagte Nora. „Das haben sie. Und darüber will ich jetzt sprechen.“
Sie griff nach den Papieren in ihrer Tasche, ließ sie dann aber stecken. Sie brauchte sie nicht.
„Wir waren zweimal bei ihnen“, sagte sie. „Einmal wir drei allein, oben am Hange. Und einmal hier, mit euch allen. Ich habe beide Male aufgeschrieben, was gesagt wurde, weil das meine Arbeit ist. Ich sage es euch her. Und ich möchte, dass ihr auf eines achtet: nicht darauf, was gesagt wurde, sondern darauf, wer es zuerst gesagt hat.“
Sie hob die Hand und zählte ab, wie Marta an jenem Abend in ihrer Hütte abgezählt hatte.
„Ich habe gesagt: Wir sind gekommen, die Wahrheit zu suchen. Und es kam zurück: … danken euch … dass ihr gekommen …“
„Ich habe gefragt: Die Wahrheit über das, was euch angetan wurde? Und es kam zurück: … ein Teil … ist ausgesprochen … nicht alles …“
„Weland hat gesagt: Etwas vergiftet den Boden und hält sie fest. Und es kam zurück: … es flüstert … giftige Worte … hält uns …“
„Ich habe vor euch allen gesagt: Was hier geschah, war kein Gottesurteil. Und es kam zurück: … kein Gottesurteil …“
„Weland hat gesagt: Was vergraben wird, wächst. Und es kam zurück: … was vergraben wurde … wächst …“
„Und ich habe gesagt: Es braucht Hüter. Ich habe es gesagt, ohne darüber nachzudenken, weil es mir in dem Augenblicke einfiel. Und es kam zurück: … zweierlei Wege … zweierlei Seelen … eine dem Boden zugetan … eine den Worten verhaftet …“
Sie ließ die Hand sinken.
„Zweimal, und beide Male dasselbe. Nicht ein einziger Name. Nicht ein Wort in einer Sprache, die keiner von uns spricht. Nicht ein Satz über eine Sache, die nicht kurz vorher einer von uns laut gesagt hatte.“
Sie sah dabei niemanden an, denn was nun kam, gehörte ihr allein.
„Und einmal habe ich gefragt, was wir sind. Ich, die ich mein Leben lang etwas gesucht habe, von dem ich nicht wusste, was es ist. Und es hat mir geantwortet, dass wir die Schlüssel sind.“ Sie hielt inne. „Da habe ich gehört, was ich hören wollte. Ich habe es noch am selben Abend aufgeschrieben und dabei die Hand zittern gefühlt und war stolz darauf.“
Auf dem Hange rührte sich niemand.
„Meine Yrsa hat drei Nächte lang geschrien“, sagte Bertha in die Stille. „Seit der letzten Nacht schläft sie durch.“
„Mila auch“, sagte jemand.
„Ich weiß“, sagte Nora, und sie sagte nichts weiter dazu. „Das ist das Einzige, wozu ich euch nichts sagen kann. Marta weiß darüber mehr als ich, und sie soll es sagen, nicht ich.“
Dann wandte sie sich dem Liede zu.
„Eure Kinder singen vier Strophen. Drei, die jedes von ihnen kann, und eine, die nur die Älteren noch mitsingen. Ich habe sie mir aufschreiben lassen, gleich am ersten Tage. Jede einzelne davon gibt etwas zu. Der Hügel hält Harm. Was unter ihm liegt, das liegt ohne Namen. Und keiner in Waldheim weiß, was wir tun. Und keiner hat’s je gesagt, Jahr um Jahr. Das sind keine Rätsel. Das sind Eingeständnisse, und eines davon ist ein Auftrag: Und fragt dich ein Kind, dann sollst du nicht schweigen.“
Sie sah zum Hügel hinauf.
„Und dann gibt es eine, die im letzten Abendwerk hier oben gesungen wurde. Die geht anders.“
Sie sprach sie ohne Betonung, wie man einen Beleg vorliest.
Zwei werden kommen, wenn zwei sich erheben,
einer dem Erdreich, einer dem Wort.
Sie lösen die Fesseln, sie heilen die Wunde,
und alles wird heil, wie es vormals gewesen.
„Diese Strophe gibt nichts zu“, sagte sie. „Sie bittet um etwas. Und sie ist die einzige, die gut ausgeht. Das ist nicht dieselbe Hand. Irgendwann in diesen fünfhundert Jahren hat jemand sie dazugedichtet, der es nicht mehr ausgehalten hat, und eure Kinder haben ausgerechnet die behalten.“
„Dann steht in dem Liede nichts über meinen Sohn.“ Haldor fragte nicht. Er sagte es und wartete darauf, dass ihm jemand widersprach.
„Nein“, sagte Nora. „Über euren Sohn steht darin nichts. Über Weland auch nicht.“
Marit machte einen Laut, den sie nicht hatte machen wollen. Es war Erleichterung, und sie kam ihr über die Lippen, ehe sie an den Jungen dachte, der neben ihr stand und zusah, wie ihm etwas abgenommen wurde. Danach strich sie ihm über den Kopf und sah niemanden an.
Weland stand am Rande des Hanges und rührte sich nicht.
Und dann trat Duolmma vor.
Er hatte seit dem Aufstieg kein Wort gesagt. Nun stellte er sich neben Nora, so dass die Leute sie beide sahen, und sprach zu ihr und ließ es alle hören.
„Du hast recht“, sagte er. „Mit dem Liede hast du recht, und mit dem, was sie geantwortet haben, auch. Ich habe getrommelt und ihnen einen Grund gelegt, auf dem sie stehen konnten, und sie haben darauf gestanden. Das habe ich getan.“ Er suchte, wie er immer suchte, und fand diesmal schneller als sonst. „Und du hast trotzdem etwas gesagt, das du nicht beweisen kannst.“
Nora sah ihn an und wartete.
„Wir sind uns am Bache begegnet“, sagte Duolmma und wies talwärts, dorthin, wo das Wasser zwischen den Steinen ging. „Wir drei. Da hatte in Waldheim noch kein Mensch mit uns geredet. Ich wusste nicht, wie das Dorf heißt. Ich wusste nichts von fünf Weisen und nichts von einem Liede. Und wir haben dasselbe gesehen. Fünf Bäume. Fünf Menschen. Wie sie vergehen.“ Er sah in die Runde, und seine Stimme wurde nicht lauter. „Wer hat das gesagt, bevor wir es sahen? Nenn mir den Mund.“
Nora sagte lange nichts.
„Ich kann es nicht auflösen“, sagte sie dann. „Ich sage auch nicht, dass ich es später auflösen werde. Ich weiß nur eines dazu. Wir sind zu dritt an einen Ort gekommen, und jeder von uns hatte etwas mitgebracht. Ich ein Bündel Papiere über ein Dorf, in dem die Leute merkwürdig träumen. Du die Geschichte eines Hirten, der dir am Abend zuvor dasselbe erzählt hat. Weland den Geruch der krankenden Erde, dem er nachgegangen ist wie einer Fährte.“ Sie hob die Schultern und ließ sie wieder fallen. „Ich kann nicht sagen, wo das aufhört und das andere anfängt.“
„Vorhin konntest du es“, sagte Duolmma und wies mit dem Kinn den Hang hinunter, dorthin, wo der Spalt lag. „Hier, vor allen. Du hast gesagt: Es liegt niemand dort unten. Du hast nicht gesagt: Wir haben nachgesehen und nichts gefunden. Das ist nicht dasselbe, und du weißt es besser als jeder, der hier steht.“
Es wurde sehr still auf dem Hange. Johen sah zu Boden. Eadgard sah Nora an.
„Du hast recht“, sagte Nora endlich, und sie sagte es laut genug, dass es alle hörten, weil sie das andere auch laut gesagt hatte. „Ich nehme es zurück. Ich habe nicht genannt, was wir gesehen haben, sondern den Schluss, den ich daraus gezogen habe, und ich habe ihn ausgegeben wie eine Sache, die feststeht.“
Sie wandte sich wieder den Umstehenden zu.
„Wir sind hinabgestiegen und haben nachgesehen, so gründlich, wie man nachsehen kann, und wir haben nichts gefunden. Das ist, was ich weiß. Ob dort unten etwas ist, weiß ich nicht. Ich sage euch nur das eine: Alles, was ihr es habt sagen hören, hat vorher einer von uns gesagt.“
„Das ist genug“, sagte Duolmma. „Das hättest du zuerst sagen sollen.“
Dann ging er den Hang hinunter. Er ging nicht schnell, sah sich nicht um, und niemand hielt ihn auf.
Marta gab Mila an Eadgard zurück und trat vor.
„Das mit den Kindern lasst mich sagen“, sagte sie. „Das ist mein Handwerk und nicht ihres.“
Sie zog den Beutel auf ihrer Schulter zurecht, wie sie es immer tat, wenn sie etwas Langes vorhatte.
„Ich habe jedes Kind in diesem Dorfe auf die Welt geholt, und ich habe mehr davon wieder eingegraben, als anderswo üblich ist. Ich habe es lange auf das Wasser geschoben und dann auf die Luft und dann darauf, dass wir zu eng sitzen. Ich glaube das alles nicht mehr“, sagte sie, den Blick zu den Erwachsenen gewandt.
„Sie wachsen hier in Häusern auf, in denen etwas nicht gesagt wird. Sie merken es. Sie können es nicht benennen, und was man nicht benennen kann, das trägt man im Leibe, weil es sonst nirgends hin kann. Die Kleinen halten das schlechter aus als wir, weil sie noch nicht gelernt haben, es nicht zu merken.“
Sie ließ die Hände sinken.
„Das ist keine Erklärung. Das ist das, was ich gesehen habe, und ich habe nie etwas Besseres gewusst. Aber ich sage euch, was ich täte. Ich würde reden. Und wenn es nichts nützt, habe ich wenigstens geredet.“
Nora spürte, wie ihr das Blut in den Ohren schlug. Sie hatte in Zeruko Hiri vor Versammlungen gesprochen und stets gewusst, was danach kommt. Hier wusste sie es nicht.
Ein Mann weiter hinten wandte sich ab und ging drei Schritte den Hang hinunter. Dann blieb er wieder stehen, doch drehte er sich nicht um.
Jemand hustete. Jemand nahm ein Kind auf den Arm, das nicht getragen werden wollte.
Es dauerte lange. Es dauerte so lange, dass Nora begriff, dass die ersehnte Veränderung vielleicht nicht kommen würde, dass es vielleicht schon misslungen war, dass fünfhundert Jahre Schweigen nichts sind, was man an einem Morgen einfach so ablegt.
Doch dann traten zwei zugleich vor.
Gerwin und Eadgard, aus verschiedenen Richtungen, ohne einander gesehen zu haben. Sie bemerkten es beide im selben Augenblicke und blieben beide stehen.
Eadgard hatte den Mund schon offen. Er schloss ihn wieder. Er trat nicht zurück, und er setzte sich nicht. Er blieb, wo er stand, die Hände an den Seiten, und ließ Gerwin den Vortritt, indem er noch einen Augenblick länger schwieg, als er vorgehabt hatte.
Gerwin stand mit hängenden Armen vor sechzig Leuten und wusste sichtlich nicht, wohin damit.
„Ich habe nichts zu erzählen“, sagte er. Seine Stimme brach gleich beim ersten Satze, und er fing sie wieder ein. „Kein Vorfahr, keine Geschichte, kein Buch auf dem Dachboden. Bei mir ist nichts.“ Er sah auf seine Hände. „Ich habe nur immer gewusst, dass da was ist. Wie ihr alle. Und ich habe jedes Mal weggesehen, wenn einer anfing, davon zu reden. Ich habe ihm seinen Krug wieder voll gemacht, damit er etwas anderes zu tun hatte, als weiterzureden.“
Er sah kurz hinunter zum Dorf, wo das Dach des Gasthauses zwischen den anderen lag.
„Sein ganzes Leben hat mein Vater hinter dem Tresen gestanden und nachgeschenkt, und ich stehe jetzt dort. Das ist mein ganzer Anteil. Dass ich nachgeschenkt und nicht zugehört habe.“
Noch einen Moment hielt er inne, dann trat er zurück.
Bertha sagte, ihre Mutter habe im Sterben nach einer Frau gerufen, die es im Dorfe nie gegeben hatte. Kegan sagte, in seinem Keller sei eine Wand, die nicht zum Hause gehöre, und er habe sie nie aufgebrochen und werde es auch jetzt nicht tun, aber sie sei da.
Dann trat Osric vor, und was er sagte, war kein Geständnis.
„Bei uns ist nichts“, sagte er. „Wir sind zugezogen, drei Geschlechter nach der Sache. Das lässt sich belegen.“ Er sah sich um, als erwarte er, dass ihm jemand recht gäbe. Dann wandte er den Kopf zu Kegan. „Aber ihr habt es ja eben gehört. Eine Wand im Keller, die nicht zum Hause gehört. Da fangt an. Ich sage seit Jahren, dass mit denen etwas ist, und keiner wollte es hören.“
Kegan sah ihn an mit dem Gesicht eines Mannes, der eben etwas hergegeben hat und erst jetzt begreift, wohin es gegangen ist.
Für eine kurze Zeit breitete sich eine unangenehme Stille zwischen den Anwesenden.
„Halt den Mund, Osric“, sagte Johen, ohne aufzusehen.
Dann erhob sich Sigrun, die den Ziegenstall am Hange hatte. „Ich habe zugehört“, sagte sie. „Ich habe alles gehört. Und jetzt gehe ich melken.“ Sie sagte es nicht böse und widersprach niemandem. Zwei erhoben sich mit ihr, und auch das war eine Antwort.
Wilfried sagte gar nichts über sich, sondern nannte nur einen Namen, den keiner kannte, und setzte sich dann ins Gras.
Manche traten nicht vor. Sie standen nur da und hörten zu.
Dann kam Eadgard.
„Zwölf Männer sind an jenem Abend auf den Hügel gestiegen“, sagte er. „So steht es in dem Buche, das die Fremden gelesen haben. Zwölf hinauf und zwölf herunter.“
Er ließ die Zahl liegen, bis sie zu arbeiten begann.
„Einer davon war mein Ahn. Ich weiß es nicht aus dem Buche. Ich weiß es, weil mein Großvater es mir gesagt hat, drei Tage bevor er starb, und ich habe es nie jemandem weitergesagt, auch meinem Sohne nicht.“
Ein Raunen ging über den Hang und erstarb wieder.
„Zwölf Männer hatten Familien“, sagte Eadgard. „Rechnet es euch aus. Ich bin nicht der Einzige hier oben, der von einem abstammt. Ich bin nur der Einzige, der es weiß.“ Er sah kurz zu Osric hinüber und dann wieder fort.
Er hob den Blick nicht zu den Leuten. Er sah auf die kahle Kuppe, als spräche er zu ihr.
„Ich habe das Schweigen geerbt wie einen Hof. Mein Vater hat es gehalten, sein Vater hat es gehalten, und ich habe es gehalten, und ich war stolz darauf, dass ich es besser hielt als sie. Wenn einer fragte, habe ich ihn zum Schweigen gebracht. Wenn ein Kind sang, habe ich es heimgeschickt.“
Er hielt inne.
„Ich hatte drei Kinder vor Milas Mutter“, sagte er. „Die sind alle im Fieber gestorben, in drei Jahren nacheinander. Man hat mir gesagt, das komme vor, und es kommt auch vor, in jedem Dorfe.“
Seine Stimme war ganz ruhig geworden.
„Und ich habe an ihren Betten gesessen und geschwiegen, weil ich es so gelernt hatte. Und in dieser Woche habe ich nicht geschwiegen, und Mila lebt.“
Er hob den Kopf und sah die Leute an, einen nach dem anderen.
„Ich weiß nicht, ob das eine mit dem anderen zu tun hat. Ich werde es nie wissen. Das ist es, was ich davon habe.“
Niemand sagte etwas.
Dann richtete Eadgard sich auf.
„Es gibt noch eine Strophe“, sagte er. „Die Kinder singen sie nicht. Ich habe sie von meinem Großvater und er von seinem. Sie ist noch nie gesungen worden, solange es Waldheim gibt.“
Er sang nicht. Er konnte nicht singen und wusste es.
Wir gruben sie unter, die Bäume, die Fünf,
wir legten den Hügel auf das, was wir taten.
Und fragt euch ein Kind, wer es war, der es tat:
so sagt ihm, die Väter. So sagt ihm, wir selbst.
Er ließ die Arme sinken.
„Das haben sie uns aufgetragen“, sagte er. „In dem Liede steht, was wir sagen sollen, wenn ein Kind fragt. Fünfhundert Jahre lang hat es keiner getan.“
Nora zählte mit, ohne es zu wollen. Vier Strophen sangen die Kinder. Dies war die fünfte, und sie war die einzige, die keiner mehr gesungen hatte. Fünf Tote, fünf Strophen. Sie hatte am Morgen gesagt, die Hand sei eine andere, und hatte es nicht besser zu belegen vermocht als über den Ton. Nun hatte Eadgard ihr den Rest gegeben, ohne es zu wissen. Sie merkte es sich für später und sagte nichts, denn dies war nicht ihr Augenblick.
Über dem Tale begann das Licht sich zu ändern, wie es das um diese Zeit an jedem Tage tat. In wenigen Stunden würde die Schattenruhe kommen und alles beenden, was noch nicht gesagt war, und es war noch immer viel nicht gesagt, und zum ersten Mal seit fünfhundert Jahren lag das nicht daran, dass es keiner sagen wollte, sondern daran, dass der Tag zu kurz war.
Die Leute gingen den Hang hinunter, einzeln und in Gruppen, und redeten leise miteinander. Zwei Frauen weinten. Ein Mann lachte einmal kurz auf, wie Leute lachen, die sich hilflos fühlen.
Die Schattenruhe kam über das Tal, und Waldheim tat, was es an jedem Tage tat: Es schloss die Läden und legte sich hin. Es war der Tag, an dem alles gesagt worden war, und er gehorchte demselben Rhythmus wie jeder andere.
Weland lag in seiner Kammer und schlief nicht.
Draußen ging der Vorfrühling weiter, wie er es seit Tagen tat. Das Wasser arbeitete sich durch die kalte Erde nach oben. Die Wurzeln streckten sich. In tausend Stämmen begann der Saft zu steigen, und der Hügel, der fünfhundert Jahre lang nichts hatte wachsen lassen, lag unter dem gedämpften Lichte wie jeder andere Hang ringsum.
Weland spürte es. Er hatte es sein Leben lang gespürt, in Bergheim und in jedem Walde danach.
Was er nicht mehr spürte, war, dass es ihn meinte.
Seit er nach Waldheim gekommen war, hatte der Boden mit ihm geredet. Nicht in Worten, sondern in einem Drängen, das ihn zum Hügel hinaufgeschickt hatte und in den Spalt hinab und vor ein Kind, das im Schlafe wandelte. Es hatte ihn gebraucht. Und irgendwann in diesen Stunden, er hätte den Augenblick nicht zu benennen vermocht, hatte es aufgehört, ihn zu brauchen.
Er hob die Hände in den grauen Schein, der durch die Läden fiel. Die Zeichnung darauf war noch da. Sie war blasser als am Morgen, aber sie war da.
Ob ihm etwas genommen worden war oder ob er nur aufgehört hatte, so hinzusehen wie in dieser einen Woche — er hätte es nicht sagen können. Beides fühlte sich gleich an. Das war das Schlimmste daran.
Im Abendwerk fand Nora ihn am Brunnen, wo er saß und nichts tat, was ihr an ihm noch nie aufgefallen war.
Sie setzte sich neben ihn und sagte lange nichts.
„Also war da nichts, was mich gemeint hat“, sagte Weland schließlich.
„Nein.“
„Kein Muss. Keine Bestimmung. Niemand, der es so eingerichtet hat, dass ich es bin.“
„Nein“, sagte Nora. „Du hast es getan. Das ist alles.“
Weland nickte langsam. Sie vermochte nicht zu erkennen, ob sie ihm etwas genommen oder etwas gegeben hatte, und sie war nicht sicher, ob er selbst es hätte sagen können.
Er hob die Hände und sah sie an.
„Ich weiß nicht, ob das gekommen ist oder ob ich vorher nie hingesehen habe.“
Dann ließ er sie sinken. „Gut“, sagte er schließlich. Mehr nicht.
Finn saß im Grase am Waldrande, die Arme um die angezogenen Knie geschlungen, und sah zum Hügel. Marit hatte ihm den Mantel über die Schultern gelegt und strich ihm über das Haar, immer und immer wieder.
Nora kniete sich neben ihn. Und in seinen Augen bemerkte sie eine Leere, wo noch am Morgen etwas gewohnt hatte, das er für eine Bestimmung gehalten hatte.
„Es tut weh“, sagte Finn, ohne den Blick vom Hügel zu nehmen. „Ich will, dass es aufhört.“
„Ich weiß“, sagte Nora.
Der Knabe sah sie an.
„Sagen es die Erwachsenen sonst nicht anders?“
Nora zögerte, und sie wusste sehr genau, warum sie zögerte, denn sie hatte diesen Satz am Morgen vor sechzig Leuten gesagt und war dafür zurechtgewiesen worden, mit Recht.
„Doch“, sagte sie dennoch. „Sonst sagen sie, es sei nichts gewesen. Aber ich kann das nicht beweisen, und ich sage nichts, was ich nicht beweisen kann.“
„Und das andere?“, fragte Finn. „Das, was du nicht beweisen kannst?“
Er hatte nicht gefragt, um sie zu fangen. Er fragte, wie er alles fragte.
„Das behalte ich“, sagte Nora. „Und ich sage nicht, dass es nicht da ist.“
Finn dachte darüber nach, so ernsthaft, wie er alles bedachte, lehnte sich dann an seine Mutter und schloss die Augen. Marit hielt ihn fest, und Haldor legte die Hand auf den Kopf seines Sohnes.
Nora stand auf und ging.
Danach saß sie lange in der Schankstube, wo Gerwin ihr eine Kerze hingestellt hatte, ohne dass sie darum gebeten hätte, und schrieb.
Sie schrieb, was sie gesehen hatte, in der Reihenfolge, in der sie es gesehen hatte, und ohne ein Wort darüber, was es bedeuten mochte. Das Gasthaus. Den Hügel. Die Chronik, das Tagebuch, die Kellerkammer, die Weitung unter der Erde, das Messer. Sie schrieb auch auf, was sie nicht wusste, und es war mehr, als sie erwartet hatte.
Die Namen der Fünf hatte sie nicht. An den Rand schrieb sie, wo sie danach suchen wollte: in Zeruko Hiri, in den Büchern des Ordens der Waage, in den Listen jener Jahre, in denen ein Mann namens Aldrich ausgesandt worden war. Irgendwo stand aufgeschrieben, wen er gesucht hatte. Man schrieb so etwas auf. Man schrieb alles auf.
Sie schrieb den Bach auf und was sie dort zu dritt gesehen hatten, und dass sie es nicht auflösen konnte, und was jeder von ihnen an jenem Tage bereits mitgebracht hatte. Dann schrieb sie darunter, dass ihr das nicht genügte.
Und weil es in dieselbe Spalte gehörte, schrieb sie zuletzt sich selbst hinein. Das Lied im Kopfe, dessen Herkunft sie nie hatte angeben können. Die Kammer, in der ihre Mutter gesessen und in Büchern gelesen hatte, die niemand sonst im Hause verstand. Die Sehnsucht, für die es im Hause der Erinnerungen kein Fach gab.
Sie legte an alles denselben Maßstab, den sie an den Hügel gelegt hatte, und der Maßstab gab nichts her. Er widerlegte es nicht, und er bestätigte es nicht. Er sagte ihr nur, dass sie es sich ebenso gut zurechtgelegt haben konnte, wie Aldrich sich sein Messer zurechtgelegt hatte, und dass sie es nie würde entscheiden können.
Sie ließ es stehen. Es war das Einzige, was sie zu tun vermochte, und es war lächerlich wenig, und sie tat es dennoch, weil es ihre Arbeit war.
Duolmma kam herein, als die Kerze schon halb heruntergebrannt war, und setzte sich ihr gegenüber. An seinen Stiefeln war Waldboden; im Dorfe war er den ganzen Tag nicht gewesen.
Nora legte die Feder hin.
„Ich nehme nichts zurück“, sagte er.
„Das habe ich auch nicht erwartet.“
Er drehte den Becher zwischen den Händen, ohne zu trinken.
„Beides ist wahr“, sagte er. „Was du gesagt hast und was ich gesagt habe. Und ich weiß nicht, wohin damit.“ Er suchte, und diesmal gab er nicht auf. „Bei meinem Volk gibt es dafür kein Wort. Bei euch?“
„Nein“, sagte Nora. „Bei uns auch nicht.“
Er nickte, als sei damit etwas geklärt, und vielleicht war es das auch.
„Ich bleibe nicht hier“, sagte er nach einer Weile.
„Wohin gehst du?“
Duolmma hob die Schultern. Dann stand er auf und ging hinauf.
In der Nacht schlug die Glocke der halbfertigen Kapelle einen einzelnen Schlag, und Waldheim erwachte zur Besinnung.
In den Häusern regte sich Licht. Man legte ein Scheit nach, man saß eine Weile mit sich und dem Dunkel, man sprach leise über das, was der Tag gebracht hatte, und in dieser Nacht hatte er viel gebracht, und es wurde in Waldheim mehr geredet als sonst.
Weland stand auf, zog den Mantel über und ging hinaus.
Er ging nicht weit, nur bis an den Rand des Dorfes, wo die letzten Zäune aufhören und der Boden anfängt, dem Walde zu gehören. Dort blieb er stehen und tat, was er sein Leben lang getan hatte.
Über ihm standen die drei Monde, und das Silberlicht lag auf den kahlen Kronen und machte jeden Zweig einzeln sichtbar. Die Knospen waren aufgegangen. Nicht alle, aber viele, in dieser einen Nacht, wie es der Vorfrühling zuweilen tut, wenn er sich lange genug Zeit gelassen hat. Weland sah es genau. Er sah, welche Buche zuerst daran gewesen war und welche noch wartete, und er sah eine Birke, deren erste Blätter so klein waren, dass man sie für Knospen hätte halten können.
Er sah es.
Er hörte nichts.
Er blieb stehen und wartete, ob es doch noch käme, und ließ sich Zeit, weil er die ganze Stunde hatte. Der Wind ging durch den Wald und ging wieder, und es war ein Wind, und er brachte nichts mit.
Er nahm es nicht hin und ging auch nicht fort. Er stand einfach weiter da und sah in einen Wald hinein, der ihm nichts sagte, und er hörte nicht auf hinzusehen.
Hinter ihm knirschte der Kies. Er drehte sich nicht um.
Eine Hand legte sich auf seine Schulter, und dann eine zweite, von der anderen Seite.
Sie sagten nichts. Es war nicht so, dass der Wald danach gesprochen hätte. Es war nur so, dass er nicht mehr allein dastand und in etwas hineinsah, das nicht antwortete.
So standen sie, bis die Stunde vorüber war, und gingen dann hinein, und Waldheim legte sich zum zweiten Schlaf.
Am nächsten Tage standen die Kinder auf dem Platz vor dem Gasthaus im Kreise, Hand in Hand, und sangen. Sie taten es im Abendwerk, bei vollem Lichte, wo jeder sie hören konnte; sonst sangen sie es nur in der Schattenruhe.
Sie sangen die vier Strophen, die sie kannten, und dann kam eine Pause, in der man merkte, dass etwas geübt worden war und noch nicht saß.
Eadgard stand am Rande des Kreises, die Hände auf dem Rücken, und sprach ihnen die fünfte vor. Er sang nicht mit. Er konnte nicht singen, und die Kinder lachten ihn deswegen aus, ein wenig, und er ließ es sich gefallen und sprach sie noch einmal vor.
Beim dritten Male saß sie. Mila sang mit und Yrsa auch, und Finn stand daneben und sang zunächst nicht, sondern hörte zu, und irgendwann bewegten sich seine Lippen doch.
Die sechste Strophe sang keiner. Ob es ihnen jemand gesagt hatte, wusste Nora nicht.
Sie brachen auf, während die Kinder noch sangen, und weil keiner von ihnen ein Wort dafür hatte, gingen sie einfach.
Am Fuße des Hügels, wo ein schmaler Bach durch Steine mäanderte, blieben sie stehen. Gerwin hatte Nora Brot mitgegeben, und Marta ein Bündel Kräuter, von denen sie sagte, sie seien gegen nichts Bestimmtes gut.
„Ich schreibe, wenn ich die Namen habe“, sagte Nora. „Es kann dauern.“
„Es kann auch sein, dass du sie nicht findest“, sagte Duolmma.
„Ja“, sagte Nora.
Weland stand dabei und sagte nichts, wie er die meiste Zeit nichts sagte. Dann hob er den Kopf.
„Ich weiß nicht, wohin“, sagte er.
„Ich auch nicht“, sagte Duolmma.
Weland sah auf den Bach, dann den Hang hinauf, dann auf seine Hände.
„Kann ich —“
Er beendete den Satz nicht. Es war ihm anzusehen, dass er ihn nicht beenden konnte und dass er es auch nicht noch einmal versuchen würde.
„Ja“, sagte Duolmma und nahm sein Bündel auf.
Mehr wurde nicht dazu gesagt.
Nora sah ihnen nach, bis der Weg sie hinter den ersten Buchen nahm. Duolmma ging voran, weil er den Schritt hatte, und Weland hinter ihm, und keiner von beiden wusste, wohin, und sie gingen dennoch gleichmäßig.
Dann wandte sie sich und nahm den Weg, den sie gekommen war, an der bemoosten Wegkapelle vorbei, deren Reliefs sie an ihrem ersten Tage für ein Zeichen gehalten hatte.
Hinter ihr, aus dem Tale herauf, kam der Gesang der Kinder, dünn und ungenau. Sie blieb nicht stehen und drehte sich nicht um. Welche Strophe sie sangen, konnte sie von hier oben nicht mehr unterscheiden. Es waren vier gewesen, als sie gekommen war.
Nun waren es fünf.
Nicht das Vergrabene wächst, sondern das Vergraben. Wer ein Korn in die Erde legt und darüber schweigt, erntet fünfhundert Jahre später nicht das Korn.