Die Verhehlung VI - Was gesagt werden musste
Kapitel 5
Wer lang genug schweigt, erschafft, wovor er schweigt. Und werWer es auflösen will, findet dafür kein Schwert dafür,Schwert, sondern nur die eigene Stimme. Doch bezahlt wird auch das Auflösen hat seinen Preis,Auflösen, und ihn zahlt selten der,von dem, welcher ihnes verlangt.
Der Morgen kam ohne Fanfaren. Kaldaz’ erstes Licht kroch über die östlichen Berge und fand Waldheim bereits wach, doch es klang nicht nach Morgenwerk. In den Häusern lagen die Leute mit offenen Augen und standen nicht auf.
Nora trat als Erste vor die Tür des Siebenrück. Die Luft war kalt und klar und trug jenen erdigen Dunst, den der Vorfrühling aus dem Boden zieht, wenn die Fröste nachlassen. Über den Dächern hing noch der blasse Schein der Monde.
Auf dem Platz beim Brunnen standen bereits Menschen, nicht viele und nicht in Gruppen. Sie standen einzeln, als hätten sie einander noch nicht zu erkennen gewagt: Johen, die Hände in den Taschen seines Lederschurzes vergraben; Gerwin, der mit einem Besen in der Hand aus der Tür getreten und dann stehen geblieben war, als habe er vergessen, wozu er ihn hielt; zwei, drei Frauen, die Tücher fest um die Schultern gezogen.
Duolmma kam hinter ihr heraus, die Trommel am Gürtel, das Gesicht verschlossen. Er sagte nichts. Sein Blick ging zum Hügel, und der Riss in dessen Flanke war im fahlen Lichte kaum zu erkennen, nur ein dunklerer Strich in der braunen Erde.
Weland kam zuletzt. Er blieb auf der Schwelle stehen, und die wenigen auf dem Platze wandten ihm die Gesichter zu, nicht erschrocken und nicht ehrfürchtig. Sie sahen ihn an und sahen nicht weg. Im Morgenlichte war die verschlungene Maserung auf seiner Haut deutlicher als je zuvor.
Dann kamen die anderen. Haldor erschien mit Marit und Finn, der zwischen seinen Eltern ging, eine Hand in der des Vaters, die andere in der der Mutter. Marta kam vom Dorfrande, ihr weißes Haar im Winde, den Kräuterbeutel über der Schulter. Neben ihr ging Eadgard und trug Mila auf dem Arm, die schlief. Sein Gesicht war grau vor Müdigkeit, doch sein Gang war fest, und als sein Blick den der drei Fremden traf, senkte er ihn nicht.
Es kamen noch mehr. Wilfried, auf seinen Stock gestützt. Kegan der Bäcker. Bertha mit ihrer Enkelin Yrsa an der Hand. Einzelne, Paare, kleine Gruppen. Nicht das ganze Dorf, aber genug.
Niemand sprach das Wort „Aufbruch“. Niemand hob die Stimme. Die Versammlung formte sich von selbst, weil keiner allein dorthin gehen wollte.
Der Weg war kurz. Wenige hundert Schritte vom Dorfplatz, vorbei an den letzten Häusern, über eine Wiese aus braunem Vorjahreslaub, durch das sich erstes zaghaftes Grün schob. Die Knospen an den Zweigen standen geschwollen und noch verschlossen.
Aus der Nähe war der Riss deutlicher, ein Spalt von der Breite eines Mannes, der sich von halber Höhe des Hügels bis zum Fuße zog. Die Ränder waren aufgewölbt, als habe die Erde von innen heraus nachgegeben.
Johen ging in die Hocke, fasste in den aufgeworfenen Rand, zerrieb die Krume zwischen den Fingern und sah zum Hange hinauf. „Frost“, sagte er. „Das Wasser geht ins Erdreich, es friert, es hebt. Und irgendwann ist unten nichts mehr, worauf es sich stützt.“ Er stand auf und klopfte sich die Hände ab. Niemand antwortete ihm, und er hatte es auch nicht erwartet.
Weland kniete nieder und legte die Hand auf die Erde am Rande des Spaltes. Er schloss die Augen, und für einen langen Augenblick war nur sein Atem zu hören.
„Es ist tiefer, als ich dachte“, sagte er. Und dann, leiser: „Und stiller.“
Nora sah sich um. Die Dorfbewohner standen in weitem Halbkreise, manche nahe, manche ferner. Nicht alle würden hinabsteigen; sie las es in den Gesichtern und bedurfte keiner Worte dafür.
„Wer mitkommt, ist willkommen“, sagte sie. „Wer hier wartet, wacht für uns. Beides hat seinen Wert.“
Duolmma löste die Trommel vom Gürtel und schlug einmal, leise und tief, einen einzelnen Ton, der in die Erde hinabzusinken schien.
Dann stiegen sie hinab.
Der Abstieg war eng. Der Riss führte nicht geradlinig hinab, sondern wand sich, als habe er sich seinen Weg durch den Leib der Erde nicht gebahnt, sondern ertastet, einem Wurzelgange gleich, der dem Wasser folgt. Die Wände waren nicht Fels und nicht Erde, sondern etwas dazwischen: verdichteter Boden, durchzogen von toten Wurzeln, die sich verflochten und verfilzt in alle Richtungen erstreckten, als hätten die Bäume, die einst hier oben standen, im Sterben noch versucht, einander festzuhalten.
Weland ging voran, hinter ihm Finn, der die Hand an die Wand legte und die Finger über die toten Wurzeln gleiten ließ, als lese er darin. Dann Nora und Duolmma, Schulter an Schulter, weil der Gang es erzwang. Dahinter Eadgard, der Mila an Marta übergeben hatte und nun mit leeren Händen ging. Johen. Haldor. Marit, die umkehren wollte und es nicht tat. Noch ein Dutzend andere, deren Schritte leiser wurden, je tiefer sie stiegen.
Im ersten Abschnitte sah Nora es noch, das schwache Flackern am Rande des Blickfeldes, das verschwand, wenn man den Kopf wandte. Ein Flüstern, das sich nicht in Worte fassen ließ und doch an Stimmen gemahnte.
Doch mit jedem Schritte wurde es weniger. Nicht abrupt, nicht als Bruch, sondern so, wie ein Geräusch verstummt, wenn man sich von seiner Quelle entfernt. Nur dass sie sich der Quelle näherten.
Duolmma blieb stehen. Seine Hand lag auf der Trommel, doch er schlug nicht. Er lauschte, den Kopf geneigt.
„Es ist weniger“, sagte er leise. „Nicht mehr. Weniger.“ Er suchte nach Worten, die Hände öffneten und schlossen sich. „Oben, am Hügel, waren sie stark. Deutlich. Hier unten …“ Er schüttelte den Kopf. „Hier ist fast nichts.“
Nora verstand ihn, ehe sie es in Worte zu fassen vermochte. Am Hügel, im Dorfe, in den Fieberträumen der Kinder waren die Erscheinungen am stärksten gewesen. Doch hier, am Orte des Geschehens selbst, wo die fünf Weisen gestorben waren und ihre Gebeine lagen, war beinahe nichts. Wie ein Gerücht, dachte sie, das mit der Entfernung wächst.
Sie sprach es aus, ehe sie es zu Ende gedacht hatte.
„Je länger wir hier sind“, sagte sie, „desto mehr habe ich den Eindruck, dass etwas nicht stimmt. Nicht nur mit diesem Orte. Auch mit dem, was wir zu spüren meinten.“
Weland ging weiter, ohne sich umzuwenden. Duolmma blieb stehen.
„Ich habe mein Leben lang etwas gesucht, von dem ich nicht wusste, was es ist“, sagte Nora. „Und dann komme ich in ein Dorf, in dem etwas gesucht werden will. Das passt zu gut zusammen.“ Sie sah den Gang hinauf, dorthin, wo das Licht war. „Vielleicht war es nie ein Ruf. Man ruft irgendwo hinein, weil man eine Frage hat. Und von hier kommt es zurück, und weil es die eigene Stimme ist, erkennt man sie nicht.“
Duolmma nickte ihr zu. Er kannte das, und er kannte es viel zu gut, und er sagte nichts dazu.
Dann stiegen sie weiter hinab.
Weland hatte sich nicht umgewandt. Er stand weiter vorn im Gange, eine Hand an der Wand, die Augen geschlossen.
„Die Erde erinnert sich“, sagte er. „Aber nicht so, wie ich dachte. Es ist kein Gefängnis hier. Es ist eher wie eine Narbe. Das Gewebe hat sich geschlossen, aber die Form des Schnittes ist geblieben.“
Der Gang mündete in eine Weitung. Kein Saal, keine Kammer, eher ein Raum, den die Erde sich selbst geschaffen hatte, gleich einem Hohlraume, der sich bildet, wo etwas fault und zusammensackt. Die Decke war niedrig und von Wurzeln durchzogen, die wie erstarrte Adern das Erdreich zusammenhielten. Das Licht der Fackeln, die Haldor und Johen trugen, warf schwankende Schatten.
Es roch nach Erde und nach etwas anderem, das Nora nicht zu benennen vermochte, süßlich und schwer und uralt.
In der Mitte des Raumes lagen die Bäume.
Fünf Stämme, in die Erde gepresst, verrottet, zerfallen, kaum noch von den Wurzeln zu unterscheiden, die sie umgaben. Was einst mächtige Eichen gewesen sein mochten, war nun kaum mehr als dunkles, feuchtes Holz, das unter der Berührung zerbröckelte. Totes Holz in toter Erde.
Und darunter ahnte Nora mehr, als sie sah. Gebeine, so alt, dass sie Teil des Bodens geworden waren. Die Überreste von fünf Menschen, denen kein Grabstein gesetzt worden war und deren Namen verloren gegangen waren.
Sie kniete nieder, und ihre Finger, die tausend Schriftrollen entziffert hatten, schoben das weiche Erdreich beiseite. Was sie fand, war kein schwarzer Dolch, der Licht verschlang.
Es war ein Messer. Gewöhnlicher Stahl, so verrostet, dass die Klinge kaum noch als solche zu erkennen war, der Griff aus Holz oder Knochen, zerfallen bis auf wenige Splitter im feuchten Boden.
Sie hielt es ins Fackellicht, und für einen Augenblick war der Raum so still, dass man das Atmen der Erde selbst zu hören vermeinte.
Johen nahm es ihr aus der Hand und wog es. Er drehte es ins Licht, kratzte mit dem Daumennagel an der Kruste und gab es zurück.
„Eisen hält sich nicht im Boden“, sagte er. „Nicht, wo die Luft rankommt und das Wasser kommt und geht. Da ist in fünfzig Jahren nichts mehr. Aber hier unten zieht nichts, und die Nässe steht.“ Er wischte sich die Finger an der Schürze ab. „Deswegen liegt es noch da. Weil hier seit fünfhundert Jahren nichts passiert ist.“
„Das ist es?“, fragte jemand hinter ihr, und die Stimme klang, als habe sie die Frage nicht laut stellen wollen.
Nora betrachtete das rostige Metall in ihren Händen. In Aldrichs Tagebuch hatte es geheißen: ein Dolch aus einem Material, das im Lichte glänzte wie gefrorenes Mondlicht. Mit diesem durchschnitt er etwas, das ich nicht sehen konnte. Sie hatte diese Worte gelesen, übersetzt und geglaubt. Und nun hielt sie das Werkzeug in der Hand, das jene Worte beschrieben, ein stumpfes, verrostetes Messer, nicht anders als jenes, mit dem Johen sein Eisen bearbeitete.
„Er hat es sich zurechtgelegt“, sagte sie leise, und es klang nicht nach einer Entdeckung. „Aldrich. Er hat aus einem Morde ein Ritual gemacht. Aus einem Messer einen Dolch, der Licht verschlang. Aus seiner Tat eine Notwendigkeit.“ Sie legte das Messer behutsam zurück. „Wir haben einem Wahnsinnigen geglaubt.“
Die Worte fielen in den Raum, und niemand widersprach.
„Und er?“, fragte Marit von der Wand her. „Der es getan hat. Liegt der auch hier?“
Nora schüttelte den Kopf. „Er hat das Buch nach dieser Nacht weitergeschrieben“, sagte sie. „Wochenlang. Das heißt, er ist wieder heraufgestiegen und nach Hause gegangen und hat zu Abend gegessen und sich hingelegt und ist am nächsten Morgen aufgestanden.“ Sie sah niemanden an. „Es hat ihn niemand gestraft. Es hat ihn nicht einmal jemand gefragt.“
Es war Duolmma, der die Trommel absetzte und statt ihrer den Stein aus dem Beutel nahm.
Er hatte ihn seit der Kellerkammer nicht mehr aus der Hand gegeben. Nun kniete er neben Nora nieder, dort, wo unter dem zerfallenen Holze der Boden dunkler war als anderswo, und legte den Stein darauf. Er sah sie an, und sie verstand, was er wollte, ohne dass er ein Wort dafür gefunden hätte.
„Wir haben es einmal getan“, sagte sie. „Zu zweit.“
„Zu zweit“, bestätigte er. „Und der andere war da.“ Er legte die Hand auf den Stein. „Jetzt sehen wir, ob hier jemand ist.“
Nora legte ihre Hand neben die seine.
Was folgte, war das Schwerste an diesem Tage, und es geschah gar nichts.
Der Stein lag kühl unter ihren Fingern. Er wurde nicht wärmer, er pulsierte nicht, er brach das Fackellicht wie zuvor in kleine schillernde Funken. Nora spürte Duolmmas Hand neben der ihren, den rauen Rücken seiner Finger, den Schmutz unter den Nägeln, den Pulsschlag darin. Sie spürte ihn so deutlich, wie sie im Keller die Tundra gespürt hatte und die Kälte und den Bruder im Schnee.
Und dahinter war nichts. Nicht Dunkelheit, nicht Widerstand, nicht Abwehr. Nichts, so wie eine Hand ins Leere greift, wo sie eine andere erwartet hat, und der Arm weitergeht, weil da nichts ist, was ihn aufhielte.
Sie knieten lange so. Nora wollte, dass es länger dauerte. Sie ertappte sich dabei, wie sie sich anstrengte, wie man sich anstrengt, ein Wort zu hören, das der Wind zerreißt, und sie wusste im selben Augenblicke, dass die Anstrengung selbst die Antwort war.
Duolmma nahm die Hand zuerst fort.
„Er ist nicht kaputt“, sagte er. Seine Stimme war ruhig, und gerade das war das Schlimmste daran. „Ich habe ihn gespürt. Er tut, was er tun soll.“ Er sah auf das dunkle Holz hinab. „Da ist niemand.“
Nora hatte im Knien angefangen zu rechnen, weil ihr nichts anderes einfiel, und was sie fand, war schlimmer als der Stein.
„Sie haben nie etwas gesagt“, sagte sie. „In vier Begegnungen nicht ein einziges Mal etwas, das nicht kurz vorher schon jemand gesagt hatte. Ich sage, es war kein Gottesurteil, und es kommt zurück: kein Gottesurteil. Weland sagt, was vergraben wird, wächst, und es kommt zurück, dass es wächst. Ich sage, es braucht Hüter, und dann heißt es, zweierlei Seelen.“ Sie sah auf. „Keinen Namen. Keine Zahl. Nichts, was von dort gekommen wäre.“
Duolmma verstand es zuerst. „Und als du gefragt hast, was wir sind.“
„Ja“, sagte Nora. „Da habe ich gehört, was ich hören wollte.“
„Und das andere?“, sagte Haldor. „Das, wovon die Kleine geredet hat.“
Niemand antwortete ihm. Die Fackeln standen im Raum, und der Raum war ein Raum mit totem Holz darin.
Weland hatte die Augen geschlossen. Er öffnete sie wieder und sah sich um, als suche er etwas, das eben noch dagewesen war.
„Es ist leichter geworden“, sagte er. „Nicht heller. Leichter.“
„Ist es fort?“, fragte Johen.
„Ich weiß nicht, ob etwas fort ist“, sagte Weland, „oder ob ich bloß aufgehört habe, damit zu rechnen. Ich kann das nicht auseinanderhalten.“ Er sah auf seine Hände. „Ich habe es nie gekonnt. Es ist mir nur nie aufgefallen.“
Es war Johen, der aussprach, was der Satz bedeutete. Der Schmied stand am Rande der Weitung, das Fackellicht auf seinem grauen Gesichte, und seine Stimme war so rau, als schabe sie an den Wänden seiner Kehle.
„Es ist, als hätten wir ihnen durch unser Schweigen erst ein Wesen verliehen, das sie nie besaßen.“
Niemand antwortete ihm. Es sah auch niemand mehr auf das Holz.
Finn stand zwischen den toten Stämmen. Der Knabe hatte sich von seinen Eltern gelöst und war vorausgegangen, leise, wie es seine Art war. Nun stand er reglos, die Hand auf einem der zerfallenden Stämme, und sein Gesicht war das eines Kindes, das etwas versteht, das es nicht verstehen sollte.
„Sie sind nicht hier“, sagte Finn. Seine Stimme war klar und dünn in der schweren Luft. „Die Weisen. Sie sind tot. Wie mein Vogel im letzten Winter. Der war danach auch nicht mehr da.“ Er stockte, und zum ersten Male schwankte seine Stimme. „Nur dass wir so viel über sie geredet haben und so viel über sie geschwiegen, dass ich dachte, sie wären es.“
Marit stieß einen erstickten Laut aus, doch Haldors Hand auf ihrem Arme hielt sie zurück.
Und in diesem Augenblicke spürte Weland zum ersten Male, dass etwas an ihm zog.
Es war kein Griff und keine Drohung, sondern ein Aufmerken, so wie man merkt, dass jemand hinter einem den Raum betreten hat. Der Boden unter seinen Sohlen, der ihm seit Tagen zugesprochen hatte, hielt einen Augenblick lang inne, als habe er den Kopf gewandt.
Weland öffnete die Augen. Es war nichts geschehen. Die Fackeln brannten, die Menschen standen, das Holz zerfiel.
„Nicht hier“, sagte er. Die anderen sahen ihn an. „Was auch immer noch übrig ist, es liegt nicht hier unten. Wir sind am falschen Orte.“
„Wo dann?“, fragte Eadgard.
Weland hob den Kopf und sah den Gang hinauf, dorthin, wo weit oben ein grauer Streifen Tageslicht stand.
„Oben“, sagte er. „Bei euch.“
Sie stiegen auf in Schweigen. Der Rückweg war kürzer als der Hinweg, oder er kam ihnen so vor. Das Wurzelwerk an den Wänden war noch da, doch es wirkte anders, toter und gewöhnlicher, als sei ihm etwas genommen worden, das nie darin gewesen war.
Als sie den Riss erreichten und das Tageslicht auf sie fiel, Dagaz’ noch zaghaftes Gold, das sich in den kühlen Schein von Kaldaz mischte, der seit dem Morgen über den Bergen stand, erhoben sich die Wartenden. In ihren Gesichtern lag die Frage, die keiner zu stellen wagte.
Nora blieb am Rande des Spaltes stehen und sah in die Runde, und was sie tat, tat sie mit voller Absicht und ohne jede Milde. Sie war Archivarin. Sie stellte fest.
„Es liegt niemand dort unten, der auf euch wartet“, sagte sie, und ihre Stimme trug weit über den Hang. „Es gibt keine Gefangenen. Es gibt keinen Bann, den man lösen könnte, und kein Wesen, das man vertreiben müsste. Wir haben nachgesehen, so gründlich, wie man nachsehen kann.“
Sie ließ es einen Atemzug lang stehen.
„Dort unten liegen fünf Ermordete. Sie sind seit fünfhundert Jahren tot. Man hat sie an ihre eigenen Bäume gebunden und mit einem Messer getötet, wie es in jedem Haushalte liegt, und dann hat man die Bäume gefällt und alles zugeschüttet. Das ist es, was in eurem Hügel liegt. Kein Fluch. Ein Verbrechen.“
Sie sah niemanden dabei an.
„Und die Männer, die es getan haben, sind wieder heruntergekommen und in ihre Häuser gegangen und haben zu Abend gegessen.“
Dann schwieg sie.
Und Waldheim schwieg mit.
Es war nicht die Stille des Erschreckens. Es war die andere, die ältere, die Nora vom ersten Abend im Siebenrück kannte, als Gerwin den Krug abgestellt und gesagt hatte, man solle von solchen Dingen nicht sprechen. Die Stille, die in diesem Dorfe saß wie ein Einlieger, den keiner aufkündigt. Sie legte sich über den Hang, und sie legte sich rasch.
Nora spürte, wie ihr das Blut in den Ohren schlug. Sie hatte in Zeruko Hiri vor Versammlungen gesprochen und stets gewusst, was danach kommt. Hier wusste sie es nicht.
Ein Mann weiter hinten wandte sich ab und ging drei Schritte den Hang hinunter. Dann blieb er wieder stehen, doch er drehte sich nicht um.
Jemand hustete. Jemand nahm ein Kind auf den Arm, das nicht getragen werden wollte.
Es dauerte lange. Es dauerte so lange, dass Nora begriff, dass es misslingen konnte, dass es vielleicht schon misslungen war, dass fünfhundert Jahre eine Übung sind, in der ein Dorf sehr gut wird. Sie sah zu Weland hinüber und fand keinen Trost in seinem Gesichte. Sie sah zu Duolmma und fand dort nur den Blick eines Mannes, der wartete, weil er nichts anderes zu tun vermochte.
Und es dauerte weiter.
Dann traten zwei zugleich vor.
Gerwin und Eadgard, aus verschiedenen Richtungen, ohne einander gesehen zu haben. Sie bemerkten es beide im selben Augenblicke und blieben beide stehen.
Eadgard hatte den Mund schon offen. Er schloss ihn wieder.
Er trat nicht zurück, und er setzte sich nicht. Er blieb, wo er stand, die Weberhände an den Seiten, und ließ dem anderen den Vortritt, indem er noch einen Augenblick länger schwieg, als er vorgehabt hatte.
Nora sah es. Sie war die Einzige, die es sah, und sie hatte in ihrem Leben genug Handschriften gelesen, um zu wissen, was eine Hand verrät, die auf halbem Wege innehält.
Gerwin stand mit hängenden Armen vor sechzig Leuten und wusste sichtlich nicht, wohin damit.
„Ich habe nichts zu erzählen“, sagte er. Seine Stimme brach gleich beim ersten Satze, und er fing sie wieder ein. „Kein Vorfahr, keine Geschichte, kein Buch auf dem Dachboden. Bei mir ist nichts.“ Er sah auf seine Hände. „Ich habe nur immer gewusst, dass da was ist. Wie ihr alle. Und ich habe jedes Mal weggesehen. Wenn einer anfing davon zu reden, habe ich ihm nachgeschenkt.“
Er sagte es nicht als Anklage gegen sich selbst. Er sagte es, wie man eine Rechnung vorliest.
„Achtzehn Jahre hat mein Vater hinter dem Tresen gestanden und nachgeschenkt, und ich stehe jetzt dort. Das ist mein ganzer Anteil. Dass ich nachgeschenkt habe.“
Er wollte noch etwas sagen, fand es nicht und trat zurück.
Und dann ging es los.
Nicht als Welle. Es steckte niemanden an. Zwischen jedem, der sprach, wurde es wieder still, und jedes Mal war offen, ob noch einer käme.
Bertha sagte, ihre Mutter habe im Sterben nach einer Frau gerufen, die es im Dorfe nie gegeben hatte. Kegan sagte, in seinem Keller sei eine Wand, die nicht zum Hause gehöre, und er habe sie nie aufgebrochen und werde es auch jetzt nicht tun, aber sie sei da. Wilfried sagte gar nichts über sich, sondern nannte nur einen Namen, den keiner kannte, und setzte sich dann ins Gras.
Manche traten nicht vor. Sie standen und hörten zu und traten nicht vor, und niemand sprach sie an, und niemand nannte sie.
Dann kam Eadgard.
Er ging nicht in die Mitte. Er blieb, wo er stand, und die Leute wandten sich ihm zu, weil sie es alle erwartet hatten.
„Zwölf Männer sind an jenem Abend auf den Hügel gestiegen“, sagte er. „So steht es in dem Buche, das die Fremden gelesen haben. Zwölf hinauf und zwölf herunter.“
Er ließ die Zahl liegen, bis sie zu arbeiten begann.
„Einer davon war meiner. Ich weiß es nicht aus dem Buche. Ich weiß es, weil mein Großvater es mir gesagt hat, drei Tage bevor er starb, und ich habe es nie jemandem weitergesagt, auch meinem Sohne nicht.“
Ein Raunen ging über den Hang und erstarb wieder.
„Zwölf Männer hatten Familien“, sagte Eadgard. „Rechnet es euch aus. Ich bin nicht der Einzige hier oben, der von einem abstammt. Ich bin nur der Einzige, der es weiß.“
Er sah nicht auf. Er sah auf die kahle Kuppe, als spräche er zu ihr.
„Ich habe das Schweigen geerbt wie einen Hof. Mein Vater hat es gehalten, sein Vater hat es gehalten, und ich habe es gehalten, und ich war stolz darauf, dass ich es besser hielt als sie. Wenn einer fragte, habe ich ihn zum Schweigen gebracht. Wenn ein Kind sang, habe ich es heimgeschickt.“
Er hielt inne.
„Ich hatte drei Kinder vor Milas Mutter“, sagte er. „Die sind alle im Fieber gestorben, in drei Jahren nacheinander. Man hat mir gesagt, das komme vor, und es kommt auch vor, in jedem Dorfe.“
Seine Stimme war ganz ruhig geworden.
„Und ich habe an ihren Betten gesessen und geschwiegen, weil ich es so gelernt hatte. Und diese Woche hat Mila geredet, und Mila lebt.“
Er hob den Kopf und sah die Leute an, einen nach dem anderen, und Nora begriff, dass er nicht um Trost bat, sondern um etwas, das ihm keiner geben konnte.
„Ich weiß es nicht“, sagte er. „Ich werde es nie wissen. Ob es das war oder ob es bloß das Fieber war. Das ist es, was ich davon habe.“
Niemand sagte etwas.
Dann richtete Eadgard sich auf und tat das Letzte, weswegen er hergekommen war.
„Es gibt noch eine Strophe“, sagte er. „Die Kinder singen sie nicht. Ich habe sie von meinem Großvater und er von seinem, und sie ist nie in einem Hofe gesungen worden, solange es Waldheim gibt.“
Er sang nicht. Er sprach es, im trockenen Tone eines Mannes, der einen Vertrag verliest.
Wir gruben sie unter, die Bäume, die Fünf,
wir legten den Hügel auf das, was wir taten.
Und fragt euch ein Kind, wer es war, der es tat:
so sagt ihm, die Väter. So sagt ihm, wir selbst.
Er ließ die Arme sinken.
„Das haben sie uns aufgetragen“, sagte er. „In dem Liede steht, was wir sagen sollen, wenn ein Kind fragt. Fünfhundert Jahre lang hat es keiner getan.“
Weland stand am Rande und hörte es, und während Eadgard sprach, begann das Land aufzuwachen.
Es war kein Beben und kein Klang. Es war das, was jedes Jahr im Vorfrühling geschieht, nur alles auf einmal und viel zu groß: Wasser, das sich durch kalte Erde nach oben arbeitet. Wurzeln, die sich strecken. Der Saft, der in tausend Stämmen zugleich zu steigen beginnt. Weland hatte den Frühling sein Leben lang kommen gespürt, in Bergheim und in jedem Walde danach, und er hatte ihn immer für das Größte gehalten, das ihm zugänglich war.
Dies hier war größer.
Es tat nicht weh. Das war es, was er zuerst begriff und woran er noch lange danach zu tragen hatte: Es tat überhaupt nicht weh. Es war herrlich. Der Hügel, der fünfhundert Jahre lang nichts hatte wachsen lassen, kam frei, und was in ihn zurückströmte, war Leben, und Weland spürte es, wie er nie zuvor etwas gespürt hatte.
Und er fand sich nicht mehr darin.
Nicht mit einem Rucke. Er suchte die eigene Stelle in dem, was da geschah, so wie man in einer Menge nach dem eigenen Namen horcht, und die Stelle war nicht kleiner geworden, sondern unwichtig. Er stand mitten in einem Rauschen, das ihn nicht meinte.
Er wusste sogleich, was er da sah. Er hatte es hundertmal gesehen, an jedem Hange, unter jeder Krone, die sich schließt: Wenn oben etwas groß wird, geht unten etwas ein. Nicht aus Bosheit. Es nimmt sich nichts, es wächst nur, und was darunter steht, bekommt kein Licht mehr. Man kann einem Walde daraus keinen Vorwurf machen. Man kann auch nichts dagegen tun. Wer einmal beschattet worden ist, kommt nicht wieder hoch, auch wenn später das Licht zurückkehrt. Er ist verbraucht.
Weland sah auf seine Hände. Die Linien darauf waren noch da und schimmerten nicht mehr.
Er dachte in diesem Augenblicke sehr klar. Er dachte: Ich könnte es abbrechen. Ich müsste nur hinübergehen und Eadgard am Arme nehmen, und es hörte auf, und morgen wäre alles wie gestern, der Hügel kahl und ich, wie ich war.
Er dachte an die fünf, die unter dem Hügel lagen. Er dachte nicht an das Dorf; das Dorf hatte sich dies selbst eingebrockt, und er schuldete ihm nichts. Er dachte an den Boden, der es fünfhundert Jahre getragen hatte, ohne gefragt worden zu sein, und der es nun hinlegen durfte.
Dann sagte er nichts und ließ es geschehen.
Neben ihm sprach eine Frau davon, dass ihre Großmutter nie den Weg über den Hügel genommen habe, auch im Regen nicht, auch wenn er der kürzere war. Duolmma wandte den Kopf und sah Weland an, einen Herzschlag zu lang, und öffnete den Mund. Weland schüttelte den Kopf, kaum merklich.
Duolmma schloss den Mund wieder. Er begriff es zu spät und nicht ganz, und das war es, was er sich später vorwarf.
Weland spürte, während sie sprachen, wie noch etwas anderes weniger wurde, etwas, das nicht das Land war und nicht er selbst. Es wehrte sich nicht. Es hörte einfach auf, gefüttert zu werden.
Am Ende sprach niemand mehr, und es war nicht klar, wann es aufgehört hatte.
Der Hügel sah aus wie zuvor. Es gab kein Zeichen, kein Licht, keinen Wind, der sich drehte. Nur die Kinder waren still geworden, alle auf einmal, und standen da wie Leute, denen man mitten im Satze das Wort abgeschnitten hat.
Mila hob den Kopf von Martas Schulter. „Die Stimmen sind fort“, sagte sie.
Eadgard ging zu ihr und nahm sie auf den Arm.
„Ja“, sagte er. Mehr brachte er nicht hervor.
„Alle fort.“ Und dann, leiser: „Es ist so still.“
Eadgard war noch nicht fertig. Er wartete, bis genug Leute wieder zu ihm hersahen.
„Ich weiß nicht, ob da unten je was war“, sagte er. „Ich weiß nicht mal, ob ich es glaube. Aber ich weiß, wie es geht, wenn wir wieder still werden. Erst redet keiner davon. Dann redet keiner mehr drüber, dass keiner davon redet. Und in zwei Wintern liegt wieder ein Kind im Fieber, und einer sagt, das kommt vor.“ Er sah in die Runde. „Und dann ist es wieder da, ob es je da war oder nicht.“
Nora hob den Finger. Sie hätte sagen können, dass sich das nicht belegen lässt, dass man aus zwei Wintern nichts schließt und aus fünfhundert Jahren auch nicht. Sie senkte ihn wieder und sagte nichts.
Jemand fragte, was nun mit der Kapelle sei, ob man den Turm nun endlich fertig baue, und Gerwin sagte, dann eben morgen, und meinte nichts damit.
Nora sah auf. Sie sagte nichts, und niemand bemerkte etwas.
Die Leute gingen den Hang hinunter, einzeln und in Gruppen, und redeten leise miteinander, und es war nicht die Art von Reden, die nach einem guten Ende klingt. Zwei Frauen weinten. Ein Mann lachte einmal kurz auf, wie Leute lachen, denen etwas zu groß ist.
Die Gebeine blieben liegen, wo sie lagen. Jemand fragte, ob man sie heraufholen und begraben solle, und Marta sagte, das müsse das Dorf entscheiden und nicht heute, und damit war es für diesen Tag erledigt und wurde auch später nicht wieder aufgenommen.
Der Tag danach war ein gewöhnlicher Tag, und das war das Schlimmste daran.
Die Leute gingen an ihre Arbeit. Der Hammer in der Schmiede schlug wie immer. Gerwin kehrte den Platz vor dem Siebenrück, und als Nora an ihm vorüberging, nickte er ihr zu und sagte nichts, und sie sah, dass er nicht erleichtert war. Er sah aus wie ein Mann, dem nichts abgenommen worden ist, sondern der es nur endlich richtig trägt.
Finn saß im Grase am Waldrande, die Arme um die angezogenen Knie geschlungen, und sah zum Hügel. Marit hatte ihm den Mantel über die Schultern gelegt und strich ihm über das Haar, immer und immer wieder.
Nora kniete sich neben ihn. Sie sah es an seinen Augen: eine Leere, wo etwas gewohnt hatte, das er für Freunde gehalten hatte, für Stimmen, die ihn kannten und die er kannte.
„Es tut weh“, sagte Finn. Nicht zu ihr, sondern in die Luft hinein. „Und ich will, dass es aufhört.“
„Ich weiß“, sagte Nora.
„Waren sie es denn nie?“
Nora hatte auf dem ganzen Wege hierher nach einer Antwort gesucht und keine gefunden, die nicht entweder eine Lüge war oder eine Grausamkeit. Nun saß sie neben dem Kinde und merkte, dass es eine dritte Möglichkeit gab, die sie nicht in Betracht gezogen hatte, weil sie so wenig hermachte.
„Ich weiß es nicht“, sagte sie. „Ich weiß, dass sie nicht dort unten waren. Alles andere weiß ich nicht. Ich kann dir nicht sagen, was du gehört hast, Finn. Ich war nicht in deinem Kopfe.“
Der Knabe sah sie an.
„Sagen es die Erwachsenen sonst nicht anders?“
„Doch“, sagte Nora. „Sonst sagen sie, es sei nichts gewesen. Aber ich kann das nicht beweisen, und ich sage nichts, was ich nicht beweisen kann.“
Finn dachte darüber nach, so ernsthaft, wie er alles bedachte, lehnte sich dann an seine Mutter und schloss die Augen. Marit hielt ihn fest, und Haldor legte die Hand auf den Kopf seines Sohnes.
Nora stand auf und ging.
Marta saß auf der Bank vor ihrer Hütte und sah ihr entgegen, als habe sie gewusst, dass sie kommen würde, was sie vermutlich hatte.
„Die Kinder“, sagte Nora. „Ich möchte wissen, was Ihr wirklich denkt. Nicht das, was Ihr am Hügel gesagt habt.“
Marta ließ sich Zeit. „Ich habe in fünfzehn Jahren jedes Kind in diesem Dorf auf die Welt geholt“, sagte sie dann. „Und ich habe mehr davon wieder eingegraben, als anderswo üblich ist. Ich habe es lange auf das Wasser geschoben und dann auf die Luft und dann darauf, dass wir zu eng sitzen.“ Sie strich sich über die Knie. „Ich glaube das alles nicht mehr. Kinder wachsen hier in Häusern auf, in denen etwas nicht gesagt wird. Sie merken es, sie können es nicht benennen, und was man nicht benennen kann, das trägt man im Leib, weil es sonst nirgends hin kann. Die Kleinen halten das schlechter aus als wir, weil sie noch nicht gelernt haben, es nicht zu merken.“
Sie sah Nora an. „Das ist keine Erklärung. Das ist nur das, was ich in fünfzehn Jahren gesehen habe, und ich habe nie etwas Besseres gewusst.“
Danach saß Nora lange in der Schankstube, wo Gerwin ihr eine Kerze hingestellt hatte, ohne dass sie darum gebeten hätte, und schrieb.
Sie schrieb, was sie gesehen hatte, in der Reihenfolge, in der sie es gesehen hatte, und ohne ein Wort darüber, was es bedeuten mochte. Das Gasthaus. Den Hügel. Die Chronik, das Tagebuch, die Kellerkammer, die Weitung unter der Erde, das Messer. Sie schrieb auch auf, was sie nicht wusste, und es war mehr, als sie erwartet hatte.
Die Namen der Fünf hatte sie nicht. An den Rand schrieb sie, wo sie danach suchen wollte: in Zeruko Hiri, in den Büchern des Ordens der Waage, in den Listen jener Jahre, in denen ein Mann namens Aldrich ausgesandt worden war. Irgendwo stand aufgeschrieben, wen er gesucht hatte. Man schrieb so etwas auf. Man schrieb alles auf.
Es war das Einzige, was sie zu tun vermochte, und es war lächerlich wenig, und sie tat es dennoch, weil es ihre Arbeit war.
Duolmma setzte sich ihr gegenüber und sah eine Weile zu, wie die Feder ging.
„Ich habe einmal meinen Bruder gerufen“, sagte er. „Áilu. Drei Winter alt. Ich bin hinaus in den Schnee und habe seinen Namen gerufen, bis ich nicht mehr konnte.“
Nora legte die Feder hin.
„Und er hat geantwortet“, sagte Duolmma. „Ich habe ihn gehört. Danach bin ich Noaidi geworden.“
Er drehte den Becher zwischen den Händen, ohne zu trinken.
„Heute unten“, sagte er, „habe ich den Stein gehalten und nichts gefunden. Und jetzt weiß ich nicht mehr, ob ich damals etwas gefunden habe oder ob ich es gebraucht habe.“
Nora wartete, ob noch etwas käme.
„Frag mich nicht, was ich glaube“, sagte er. „Heute weiß ich es nicht. Morgen vielleicht wieder.“
Er stand auf und ging hinauf.
Nora sah auf das Blatt vor sich und schrieb den Satz nicht auf. Es gab Dinge, die einem gesagt wurden, damit man sie hörte, und nicht, damit man sie verwahrte.
Sie fand Weland am Brunnen, wo er saß und nichts tat, was ihr an ihm noch nie aufgefallen war.
Sie setzte sich neben ihn und sagte lange nichts. Dann sagte sie es doch, weil sie es sonst hätte behalten müssen und weil sie in dieser Woche gelernt hatte, was Behalten anrichtet.
„Die Strophe von den zwei Hütern gehört nicht dazu.“
Weland wandte den Kopf.
„Ich habe es gemerkt, als ich sie zum ersten Male ganz gehört habe“, sagte Nora. „Am Hügel, an jenem Abend. Ich habe es für mich behalten, weil die Leute weinten und weil ich es nicht beweisen konnte. Jetzt kann ich es.“
„Woran?“
„Es sind fünf Tote und fünf Strophen. Die sechste ist eine zu viel.“ Sie sah auf ihre Hände. „Das ist das Schwächste davon. Das Stärkere ist: Jede echte Strophe gibt etwas zu. Die sechste bittet um etwas. Das ist nicht dieselbe Hand. Irgendwann in diesen fünfhundert Jahren hat jemand sie dazugedichtet, der es nicht mehr ausgehalten hat. Und die Kinder haben ausgerechnet die behalten, weil sie die einzige ist, die gut ausgeht.“
Weland sah eine Weile über den Platz.
„Also war da nichts, was mich gemeint hat“, sagte er.
„Nein.“
„Kein Muss. Keine Bestimmung. Niemand, der es so eingerichtet hat, dass ich es bin.“
„Nein“, sagte Nora. „Du hast es getan. Das ist alles.“
Weland nickte langsam. Sie vermochte nicht zu erkennen, ob sie ihm etwas genommen oder etwas gegeben hatte, und sie war nicht sicher, ob er selbst es hätte sagen können.
Er hob die Hände und sah sie an. Die Zeichnung darauf war blasser als am Morgen, aber sie war noch da.
„Ich weiß nicht, ob das gekommen ist oder ob ich vorher nie hingesehen habe.“
Dann ließ er sie sinken. „Gut“, sagte er schließlich. Mehr nicht.
Im Abendwerk kam Haldor über den Platz. Er blieb nicht stehen und redete auch nicht zu ihnen, sondern zu Marit, die neben ihm ging, und er sagte es in dem Tone, in dem er wohl über einen Dachstuhl geredet hätte.
„Er isst nichts“, sagte Haldor. „Seit gestern nicht. Er sitzt bloß da.“
Marit sagte etwas, das Nora nicht verstand.
„Ich weiß, was er versprochen hat“, sagte Haldor. „Ich stand daneben. Er hat gesagt, er tut alles, um ihn zu schützen.“
Er merkte im selben Augenblicke, dass sie es gehört hatten. Er sah kurz herüber. Dann ging er weiter, und er nahm es nicht zurück.
Weland saß da und sagte nichts.
Er hätte etwas sagen können. Er wusste, was er dafür bezahlt hatte, und Haldor wusste es nicht und würde es nie erfahren, weil Weland es nicht sagen würde, nicht heute und nicht später, und weil Duolmma zu spät begriffen hatte, um Zeuge sein zu können.
Nora sah ihn von der Seite an und begriff in diesem Augenblicke zum ersten Male, dass sie etwas nicht wusste.
In der Nacht schlug die Glocke der halbfertigen Kapelle einen einzelnen Schlag, und Waldheim erwachte zur Besinnung.
In den Häusern regte sich Licht. Man legte ein Scheit nach, man saß eine Weile mit sich und dem Dunkel, man sprach leise über das, was der Tag gebracht hatte, und in dieser Nacht hatte er viel gebracht, und es wurde in Waldheim mehr geredet als sonst.
Weland stand auf, zog den Mantel über und ging hinaus.
Er ging nicht weit, nur bis an den Rand des Dorfes, wo die letzten Zäune aufhören und der Boden anfängt, dem Walde zu gehören. Dort blieb er stehen und tat, was er sein Leben lang getan hatte.
Über ihm standen die drei Monde, und das Silberlicht lag auf den kahlen Kronen und machte jeden Zweig einzeln sichtbar. Die Knospen waren aufgegangen. Nicht alle, aber viele, in dieser einen Nacht, wie es der Vorfrühling zuweilen tut, wenn er sich lange genug Zeit gelassen hat. Weland sah es genau. Er sah, welche Buche zuerst daran gewesen war und welche noch wartete, und er sah eine Birke, deren erste Blätter so klein waren, dass man sie für Knospen hätte halten können.
Er sah es.
Er hörte nichts.
Er blieb stehen und wartete, ob es doch noch käme, und ließ sich Zeit, weil er die ganze Stunde hatte. Der Wind ging durch den Wald und ging wieder, und es war ein Wind, und er brachte nichts mit.
Er nahm es nicht hin und ging auch nicht fort. Er stand einfach weiter da und sah in einen Wald hinein, der ihm nichts sagte, und er hörte nicht auf hinzusehen.
Hinter ihm knirschte der Kies. Er drehte sich nicht um.
Eine Hand legte sich auf seine Schulter, und dann eine zweite, von der anderen Seite.
Sie sagten nichts. Es war nicht so, dass der Wald danach gesprochen hätte. Es war nur so, dass er nicht mehr allein dastand und in etwas hineinsah, das nicht antwortete.
So standen sie, bis die Stunde vorüber war, und gingen dann hinein, und Waldheim legte sich zum zweiten Schlaf.